Regensburg Die Rehabilitation von Thurn und Taxis

St. Emmeram ist ein Koloss. Ein riesiges Schloss, das die Familie von Thurn und Taxis viel Geld kostet. Also hat das alte Prachtgemäuer nach Kräften zur Mehrung der Einnahmen beizutragen. Überhaupt gibt sich das Familienunternehmen T&T heute konsequent kostenbewusst - nach all den Jahren feudaler Prasserei mit spanischem Hofzeremoniell, livrierter Dienerschaft und rauschenden Partys. Ist alles Geschichte.

Nun steht die einst wie von einer Glasglocke beschützte Schlosswelt den Bürgerlichen offen, natürlich gegen Bezahlung: Sommers gibt ein Konzertveranstalter im Innenhof die Schlossfestspiele, im Dezember stehen hier die Buden eines Weihnachtsmarkts. Marstall, Park sowie einige Prunkräume werden für Hochzeitsmessen, Firmenfeiern, Produktpräsentationen und private Partys vermietet - zum Preis von 3500 bis 17.000 Euro pro Abend. Regelmäßige Einnahmen bringen eine Seniorenresidenz, das Museumscafé und die Büros, in denen Anwälte und Immobilienverwalter residieren.

Emmeramsplatz 5 - das ist in der ohnehin beeindruckenden Regensburger Altstadt eine äußerst elitäre Adresse und eine, die neugierig macht. Touristen bezahlen gern 11,50 Euro für eine Schlossführung, um den Eigentümern in die Zimmer zu schauen. Natürlich nicht in die privaten, aber immerhin in die kunsthistorisch wertvollsten und prunkvollsten Räumlichkeiten: Thronzimmer, Ballsaal, Gobelinsalon, Spiegelsalon, Gelber und Grüner Salon, Wintergarten und - gleich zu Beginn der Führung - das große Esszimmer. Hier bittet die Familie ihre Gäste bis heute bei besonderen Anlässen an einen Tisch aus kaukasischem Nussholz, erzählt die Schlossführerin. Ein beeindruckender venezianischer Lüster illuminiert die Tafelrunde, und an den Wänden hängen wuchtige Teppiche, auf denen immer wieder ein Dachs und ein Turm verewigt sind - die beiden Wappenzeichen der von Thurn und Taxis.

Die waren einst Italiener, sesshaft in Cornello bei Bergamo, hießen Tasso ("Dachs") und entstammten angeblich dem hochadligen Geschlecht der Torriani ("die vom Turm"). Reich, sehr reich wurde die Familie Taxis mit der Erfindung des modernen Postwesens. Unter der Kontrolle der Familie entstanden Postlinien, die alle wichtigen Orte des Kaiserreichs verbanden. 1695 wurde die Familie, die sich inzwischen Thurn und Taxis nannte, in den Fürstenstand erhoben - und verlegte 1748 ihren Wohnsitz von Frankfurt am Main nach Regensburg, um dort beim Immerwährenden Reichstag den Prinzipalkommissar, den Vertreter des Kaisers, zu stellen. Nach Auflösung des Regensburger Reichstages 1806 betrieben die Thurn und Taxis von Frankfurt am Main aus zunächst ihr eigenes Postunternehmen weiter.

Das Regensburger Schloss ist seit 1812 Stammsitz der Familie - schade nur, dass während des einstündigen Rundgangs niemand von der Eigentümerfamilie zu sehen ist. Andererseits muss sich der Besucher so aber auch keine Gedanken machen, wie er denn die aus Klatschpresse und Talkshows bekannte Mariae Gloria Ferdinanda Joachima Josefine Wilhelmine Huberta von Thurn und Taxis, geborene Gräfin und Herrin von Schönburg zu Glauchau und Waldenburg, korrekt ansprechen sollte: als Ihre Durchlaucht, weil sie sich Fürstin nennt? Oder so, wie es die Weimarer Verfassung von 1919 vorsieht, die den Fürsten-Herrschertitel abgeschafft hat und nur noch gemeinsame Familiennamen-Bestandteile wie Prinz und Prinzessin gelten lässt?

Zu Beginn der neunziger Jahre hat sich die Regensburger Gerichtsbarkeit korrekt für die Anrede "Prinzessin" entschieden, als etliche Klagen von gekündigten Thurn-und-Taxis-Mitarbeitern vor dem Arbeitsgericht verhandelt wurden. Diese Prozesse bildeten seinerzeit das für die Betroffenen keineswegs amüsante Nachspiel zu einem Wirtschaftskrimi, in dem Gloria Prinzessin von Thurn und Taxis angeblich die Täterin war - oder das Opfer. Da gehen bis heute die Meinungen der Beteiligten stark auseinander. Es entwickelte sich jedenfalls eine bizarre, von Machtkämpfen und Intrigen durchfurchte Geschichte, die ihren Ursprung in einer unternehmerischen Weichenstellung hatte, welche der Gemahl Glorias vornehmen wollte: Johannes von Thurn und Taxis - bekannt als Lebemann und Exzentriker, der 1980 im fortgeschrittenen Alter von 53 Jahren die 20-jährige und in München als Partynudel bekannte Gloria Gräfin von Schönburg zu Glauchau geheiratet hatte.

Johannes war nicht mehr zufrieden mit den Erträgen seines bislang eher bedächtig geführten Familienunternehmens. Das bestand damals im Wesentlichen aus der Thurn-und-Taxis-Bank, zwei Brauereien, einem großen Industriebetrieb für elektrische Kontaktmaterialien, Immobilien, Landwirtschaft und Forsten. Der Schlossherr feuerte seinen alten Verwalter und heuerte hochqualifizierte Manager an, die eine international operierende Geldmaschine entwarfen. Heraus kam eine weit verzweigte Holding mit etwa 50 Firmen und Beteiligungen, die allerdings einige Nachteile hatte: Der wirtschaftliche Umbau verursachte erst einmal deutlich mehr Schulden als Gewinne, und er war für Nicht-Fachleute kaum mehr zu überblicken. Als dann die Manager auch noch Stiftungsmodelle für einen möglichst steuersparenden Übergang des Vermögens an den späteren Alleinerben Albert vorschlugen, befürchtete Gloria, die Familie (also auch sie) könne im eigenen Haus entmachtet werden.

Das Vermögen der Thurn und Taxis

Mit durchaus raffinierten Methoden trug sie wesentlich dazu bei, dass die T&T-Führungsriege geschasst wurde, begleitet von heftigem Mediengetöse und einer Vielzahl von Arbeitsgerichts- und Zivilprozessen, die - soweit das zu überblicken ist - alle zuungunsten des Adelshauses ausgingen. Am Ende aber hatte sich Gloria von Thurn und Taxis durchgesetzt: Nach dem Tod ihres Mannes, der 1990 nach zwei missglückten Herztransplantationen starb, wurde sie als gesetzliche Vertreterin ihres minderjährigen Sohnes eingesetzt, der mit seinem 18. Geburtstag im Jahr 2001 das Alleinerbe des Haus- und Stammvermögens antrat. Während Alberts ältere Schwestern Maria Theresia und Elisabeth im weitesten Sinne künstlerischen Studien nachgehen, studiert er im schottischen Edinburgh Wirtschaftswissenschaften und Theologie und macht sich in einer Zusatzausbildung in der Schweiz auf dem weiten Feld der Vermögensverwaltung fit für die Verantwortung, die sein Vermögen mit sich bringt.

Wie hoch das anzusetzen ist - traditionell schweigt man darüber im Hause T&T. Das amerikanische Wirtschaftsmagazin "Forbes" führt ihn auf seiner Liste der Superreichen: Danach soll Albert von Thurn und Taxis Werte in Höhe von 2,1 Milliarden Dollar besitzen (Stand 2009). Dies ist allein schon deswegen beachtlich, weil Alberts Mutter Gloria - die noch immer als Generalbevollmächtigte fungiert - seit 1990 das einstige Firmenimperium rigoros zusammengestutzt hat. Verkauft wurden: die T&T-Bank, die beiden Brauereien, ein Industrieunternehmen und zahlreiche Beteiligungen. Dramatisch reduziert wurde seit 1990 die Zahl der T&T-Beschäftigten von 4000 auf hundert.

Übrig geblieben sind im Wesentlichen ein umfangreicher Immobilienbesitz vor allem in Regensburg und Süddeutschland, Landwirtschaftsbetriebe mit 1100 Hektar Fläche, 21.000 Hektar Wald und eine unbekannte, schätzungsweise aber sehr stattliche Summe an Barschaften. Allein zwei von Sotheby's organisierte Versteigerungen von allerlei Pretiosen und Schlossinventar brachten einen zweistelligen Millionenbetrag in die T&T-Kasse. Eine weitere Auktion mit erheblichen Teilen des T&T-Hofschatzes war zwar geplant, sie erledigte sich aber durch ein ziemlich einmaliges Tauschgeschäft. Der Freistaat Bayern übernahm 1993 die wertvolle Sammlung im Wert von 44 Millionen Mark und erließ der Familie Thurn und Taxis im Gegenzug einen Teil der Erbschaftsteuer.

Seit 1998 ist in einem Seitenflügel des Schlosses eine Filiale des Bayerischen Nationalmuseums untergebracht, in der eben dieser nun staatliche Fürstenschatz ausgestellt ist. Wer der Familie T&T noch Gutes tun möchte, muss nur den Online-Shop des Regensburger Schlosses besuchen und einen Fanartikel erwerben - etwa einen Plüsch-Dachs für 5,90 Euro. Dem Haus sind selbst kleinere Beträge willkommen: "Jeder Euro zählt", sagt der T&T-Manager Stephan Stehl. Zerschlagen nämlich hat sich auch die Idee, große Teile des herrschaftlichen Anwesens für den Bau einer städtischen Kulturhalle zu nutzen - da machte der Denkmalschutz nicht mit.

Gegen den nächsten Plan, 110 Zimmer des Schlosses mit Hilfe eines Investors zu einem Fünf-Sterne-Hotel samt Spa-Bereich und Edel-Gastronomie umzurüsten, hatten die staatlichen Bautenbewahrer keine Einwände - jedoch "waren die wirtschaftlichen Risiken nicht abwägbar", sagt Stehl, "deswegen haben wir das zu unserem großen Bedauern absagen müssen". Nun überlegt der Manager, ob nicht etwa ein Postgraduiertenseminar gut zu dem historischen Bau passen könnte. Platz gibt's schließlich genug auf St. Emmeram.

Autor:
Rolf Thym