Regensburg Die heimlichen Hüter des Doms

Holz schlägt auf Metall, schlägt auf Stein, wenn Werner Ballmann, seit 35 Jahren im Dienst der Dombauhütte, mit Schlegel und Eisen einen Kalksteinbrocken bearbeitet. Ruhe und Gelassenheit strahlt Ballmann aus, wie er, die Pfeife im Mund, am Stein herumklopft, der ihn noch wochenlang beschäftigen wird.

Das Besondere an Ballmanns Arbeit ist, dass sie sich nicht im Geringsten von der unterscheidet, die seine Kollegen vor mehr als 500 Jahren gemacht haben - dasselbe Material, dieselbe Arbeitsweise, dieselben Werkzeuge: Mit Kreide hat Ballmann auf dem Kalksteinblock jene Formen aufgezeichnet, die er aus dem Stein herausarbeiten wird; die wiederum hat er zuvor mit einem hölzernen Zirkel vom Original abgenommen und auf Transparentpapier übertragen - all das in Handarbeit und ohne eine Maschine. Man würde es dem Stein ansehen, wenn er gebohrt oder gesägt werden würde. Und weil es die alten Werkzeuge heute nicht mehr zu kaufen gibt, müssen die Mitarbeiter der Dombauhütte sie selber schmieden.

Wie sehr der Dom im Mittelalter die Stadt dominierte, vermag man sich heute kaum vorzustellen. Allein der mehrere Meter hohe Sockel, auf dem das Gotteshaus steht, war schon halb so hoch wie ein durchschnittliches Haus: Es war, als würde der riesige Bau über der Stadt schweben. Dieser Dom ist schon der zweite in der langen Geschichte der Stadt. Bereits seit 739 ist Regensburg Bischofssitz, seit etwa 700 stand hier eine Kirche; spätestens im 9. Jahrhundert wurde der erste Dom errichtet. Er brannte teilweise ab, zuletzt 1250 - ein guter Anlass für einen Neubau. Damals zählte Regensburg bereits zu den wichtigsten deutschen Städten, und so entstand bis circa 1520, als erstmals das Geld ausging, eine imposante gotische Kathedrale. Die Turmhelme und der obere Teil des Querhauses folgen später; 1870/72 ist der Bau endlich fertig: St. Peter zu Regensburg, Hauptwerk der Gotik in Süddeutschland.

Dombauhüttenmeister Helmut Stuhlfelder, gebürtiger Regensburger, graumelierter Vollbart und untersetzte Gestalt, scheucht mich als erstes den "Eselsturm" hinauf, der sich an die Nordseite des Doms lehnt. Vor 38 Jahren hat Stuhlfelder hier als Lehrling angefangen, seit 22 Jahren ist er Leiter der Hütte. Der Eselsturm wiederum ist älter als der Dom selbst - ist ein Überbleibsel des romanischen Vorgängerbaus. Noch heute bietet er den bequemsten Zugang nach oben. Er besteht in seinem Innern aus einer stufenlosen Rampe, die sich in einer Spirale den Turm hinauf windet, außen geschützt von tausend Jahre altem Kalkmörtel.

Wir sind auf 35 Meter Höhe. Wind bläst uns um die Ohren, als wir auf eine der schmalen Galerien heraustreten, die sich um das Gebäude ziehen und die man von unten nur bei genauem Hinsehen erkennt. Wir sind jetzt am Nordgiebel des Querhauses. Der Giebel ist eingerüstet; in den nächsten Jahren soll er komplett abgetragen und erneuert werden. Hier irgendwo wird der Stein hinkommen, an dem Werner Ballmann unten in der Werkstatt klopft. Diese Ecke des Doms ist einer der letzten Bauabschnitte, keine 140 Jahre alt, und doch ist der Stein marode. Stuhlfelder greift in die Wand, nimmt mit der Hand ein Stück heraus und zerreibt es zwischen den Fingern.

Die Dom-Flickerei - eine Sisyphus-Arbeit

Der Dom ist tatsächlich aus zwei verschiedenen Gesteinsarten errichtet - aus Kalk- und Grünsandstein. Die wurden seinerzeit gemischt, denn beide schienen gleich geeignet. Noch im 19. Jahrhundert setzte man auf Sandstein - was sich kurz darauf als fatal herausstellte: Der relativ weiche Sandstein hatte den Luftschadstoffen, die die fortschreitende Industrialisierung mit sich brachte, wenig entgegenzusetzen. An manchen Stellen wird dies besonders deutlich: Dort tritt der Sandstein gegenüber dem Kalkstein um mehrere Zentimeter zurück. Er ist flächig verwittert.

Es ist eine Sisyphus-Arbeit, die der Dombauhüttenmeister und seine Leute verrichten. Andererseits bietet die ständige Dom-Flickerei die einmalige Chance, den Bau gründlicher kennen zu lernen. So kann Stuhlfelder behaupten, mehr vom Dom gesehen zu haben als jeder zuvor. Sein Vorgänger etwa sei in 30 Jahren Dienstzeit "nicht einmal komplett rumgekommen" - um den Bau, auf dem Gerüst, denn nur von dort sieht man alle Details. So gibt es zum Beispiel in der Nähe des Vierungsturms einen Teufel, der eine Frau über der Schulter trägt - angeblich die Rache eines mittelalterlichen Steinmetzen an seiner untreuen Frau: Die soll doch der Satan holen ...

Dombauhüttenmeister Stuhlfelder empfindet immer aufs Neue Respekt vor der Arbeit seiner Vorgänger. "Das waren schon Könner", sagt er. Wir sind mittlerweile quer durch den riesigen Dachstuhl gewandert, haben uns auf einer schmalen Galerie, die zugleich als Wasserablauf dient, am Langhaus entlang gearbeitet und stehen nun am nordöstlichen Pfeiler des Nordturms.

Je länger wir auf dem Dom herumsteigen, desto mehr erkenne ich seine raffinierte Bauweise und seine Proportionen. Begreife seine einzigartige Qualität. Der Kölner Dom zum Beispiel ist wie ein S-Klasse-Mercedes aus den neunziger Jahren - protzig, wuchtig, schlecht proportioniert, mit überdimensioniertem Querhaus und ausladendem Strebewerk. Der Dom zu Regensburg hingegen gleicht einem Jaguar - schlank, elegant, mit perfekten Proportionen und doch von ungemein kraftvoller Ausstrahlung.

Ob man ihn von Norden her anschaut, wo er wie ein Kristall aus dem zerklüfteten Gestein der Altstadt herauswächst, oder von Westen betrachtet, wo er mit den Türmen und der reich verzierten Fassade prunkt, von Süden, wo die rhythmische Gliederung des Langhauses deutlich wird, oder von Osten, wo der elegante Chor und das steil aufragende Querhaus von den mächtigen und doch filigranen Türmen gekrönt werden: Immer strahlt der Regensburger Dom Eleganz aus, eine jubilierende Könnerschaft.

Helmut Stuhlfelder würde das mit der S-Klasse nie sagen. Dazu ist er zu nüchtern, zu sehr Handwerker und viel zu bescheiden. Aber dann lässt er sich doch auf eine kleine Diskussion über Kathedralen ein. Er kenne ja die meisten, erzählt er, schon deswegen, weil die europäischen Dombauhüttenmeister sich regelmäßig zum fachlichen Austausch treffen, Hausführung inklusive. Jeder Dom habe, meint Stuhlfelder, so seine eigenen Qualitäten. Aber dann sagt er es doch: "Ich finde meinen am schönsten."

Wir kommen zum Höhepunkt. Noch einmal im Nordturm hinauf über aberwitzig enge, gusseiserne Wendeltreppen. Immer höher, immer luftiger, vorbei an Gerüsten und Plattformen, Baustelle über Baustelle auch hier. Und dann treten wir wieder ins Freie. Über uns thronen jetzt die Turmhelme, feinste filigrane Neogotik. Stuhlfelder lehnt an der Balustrade und schaut ins Ungefähre. "Hier ist mein Lieblingsplatz", sagt er.

Was für ein Ort! Weit geht der Blick über das Dächergewirr der Altstadt, über die Donau, die westlichen und nördlichen Vororte und die Ausläufer des Oberpfälzer Waldes. Erst hier oben begreift man so richtig, dass diese Arbeit aus zwei Teilen besteht: aus der staubigen Werkstatt dort unten, wo der Meister und seine Gehilfen den Dom immer wieder neu erschaffen. Und dem Blick von hier oben, wo deutlich wird, wie das alles mal gemeint sein musste mit der Kraft und der Herrlichkeit. Unten aber auf dem Domplatz, winzig klein, wuseln die Touristen. Der Stein von Werner Ballmann wird irgendwann an seinem Platz sein. Von da unten wird ihn keiner sehen, und nur ganz wenige Menschen, die irgendwann hier oben stehen, werden seine Arbeit zu schätzen wissen.

Autor:
Martin Rasper