Regensburg Bestseller-Autorin Schenkel

Früher wurde in Weichs, einem Stadtteil meiner Heimatstadt Regensburg, überall "Radi" angebaut - so nennt man bei uns den Rettich. Dort, im feinsandigen Schwemmlandboden, gedieh der beste. Seit meinen Kindertagen gehört Radi für mich zu Regensburg wie die Donau, die meine Heimatstadt durchschneidet. Ohne die Donau und die alljährlich wiederkehrenden Hochwasser wäre die weiße Rübe nur halb so gut. Denn meist im Frühjahr tritt der Fluss über die Ufer, und die schlammfarbenen Wasser quetschen sich durch die Pfeiler der Steinernen Brücke - all die Lieder, in denen die "schöne blaue Donau" besungen wird, lügen.

Ich kann mich nicht erinnern, dass das Wasser der Donau jemals blau war, sie ist immer schmutzigbraun, manchmal im Sommer mit einem Stich ins Grüne, bei Hochwasser milchkaffeefarben. Der "Weichser Radi" aber brauchte das sandige Schwemmland, das der Fluss nach seinem Rückzug ins Flussbett auf den Ufern zurückließ.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Rettich der Exportartikel des damals noch nicht eingemeindeten kleinen Dorfes Weichs. Bis nach Hamburg und Berlin wurde er ausgeliefert, in Biergärten verkauft. "Weichser Radi" ist nicht zu "raß", also nicht zu scharf, eher mild, wenn er infolge des Salzens richtig "geweint" hat. Und er macht, zur Freude der Wirte, durstig. Daher auch der Name "Bierrettich".

In Regensburg gehörten früher die Radifrauen zum sommerlichen Stadtbild wie die Biergärten an der Donau, in denen sie ihre Rettiche verkauften. Meine Großmutter hatte ihren Standort in Stadtamhof, gleich im steinernen Torbogen zum Schildbräu und nur ein paar Schritte vom Protzenweiher entfernt. Dort fand damals zweimal im Jahr die "Regensburger Dult" statt.

Heutzutage wird das Volksfest gut einen Kilometer weiter westlich auf dem asphaltierten Dultplatz abgehalten, doch die alten Regensburger trauern immer noch dem alten Standort nach, hatte der Besuch dort doch einen sehr eigenen Charme - notdürftig mit Kies aufgeschüttet, verwandelte sich der Platz bei Regen immer wieder in eine Schlammwüste, und einem jeden Besucher war die Herkunft des seltsamen Namens plötzlich klar: Protzen sind dicke, fette Kröten, und der Protzenweiher war ein sumpfig matschiger Krötenteich. Aber das ist eigentlich nicht die Geschichte, die ich erzählen möchte, ich wollte von meiner Großmutter erzählen und darüber, wie sie es schaffte, nur mit dem Verkauf von Rettich ihre acht Kinder ganz allein großzuziehen.

Mein Großvater starb nach längerer Krankheit im November 1932. Bauchfellentzündung, vermutlich Krebs, nur nannte man das noch nicht so. Zurück blieben meine Großmutter, damals eine junge Frau von 38 Jahren, und ihre acht Kinder im Alter von 3 bis 17 Jahren. Durch die Krankheit war alles Ersparte aufgebraucht, meine Großmutter völlig mittellos. Denn mein Großvater hatte sich erst kurz vor Ausbruch seiner Krankheit selbständig gemacht und, um Geld zu sparen, nicht in die Sozialversicherung eingezahlt.

Kurz nach der Beerdigung klingelten zwei Beamte der Wohlfahrt an der Tür, und noch Jahrzehnte später schilderte meine Mutter uns Kindern in allen Einzelheiten, was anschließend geschah: In alle Schränke und Schubladen sollen die beiden Herren geschaut haben, nichts soll ihrem strengen Beamtenblick verborgen geblieben sein. Meine Großmutter stand daneben mit vor der Brust verschränkten Armen. Je länger das Suchen anhielt, desto mühseliger wurde es für sie, geduldig danebenzustehen. Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis ihr der Kragen platzte.

Dieser Ausbruch geschah genau in jenem Augenblick, als ihr die beiden Beamten den Vorschlag machten, die vier jüngsten Kinder in ein Waisenheim zu geben. "Sehen Sie, gute Frau, es ist doch unmöglich für Sie, alle acht Kinder großzuziehen." Meine Mutter spielte uns Kindern die Szene immer und immer wieder vor, die Arme halb erhoben, die Hände mit den Handflächen nach außen und oben gestreckt - so soll meine Großmutter dagestanden sein und laut gerufen haben: "Mit meinen Händen werde ich sie großziehen, mit diesen meinen Händen."

Ich sehe sie vor mir, die beiden Beamten, wie sie die drei Stufen zur Haustür ins Freie hinunterstürzten. Und meine Großmutter? Sie soll dagestanden sein in der geöffneten Haustür, aufrecht, stolz, hoch gewachsen, schwarz gekleidet und die damals noch blonden Haare zu einem festen Knoten gebunden. Als Kind habe ich mir die Szene immer und immer wieder so vorgestellt. Sie hat ihre acht Kinder großgezogen, mit den Händen und dem Rettich.

Jeden Tag um 4 Uhr in der Früh stand sie auf und lief hinüber nach Weichs. Half dort in aller Frühe beim Radiwaschen, bündelte die Rettiche im Dreier-, Fünfer- und Siebener-Bund. Machte ganze Steigen fertig für den Transport und Verkauf. Fuhr dann anschließend mit ihrem Leiterwagen voller Radi hinüber nach Stadtamhof, zu ihrem Standort unter dem steinernen Torbogen zum Schildbräu. Am späten Nachmittag kam sie müde und erschöpft nach Hause. Aß kurz und ging dann wieder aus dem Haus, zu ihren Putz- und Waschplätzen. Wochenends arbeitete sie im eigenen Garten. Und sie hat es geschafft: Hätte ihr der Krieg nicht einen der Söhne genommen, sie wären alle durch die "schlechte Zeit" gekommen.

Als kleines Kind bin ich oft an der Hand meiner Mutter über die Steinerne Brücke nach Stadtamhof gegangen, die Oma besuchen. Jedes Mal beim Überqueren der Brücke hob mich meine Mutter hoch und ließ mich hinunterschauen auf den Strudel, auf das Wasser, das sich durch die Pfeiler zwängte, das zugleich vorwärts wie rückwärts lief und schäumte. "Kind, da musst vorsichtig sein, wennst da reinfällst, kommst nimmer raus! Der Strudel gibt dich nimmer her", höre ich noch immer die Stimme meiner Großmutter. Und noch immer sehe ich sie in der Toreinfahrt sitzen, sehe die schwarze Witwenkleidung, darüber eine dunkle, klein gemusterte Kleiderschürze, der Schopf grau geworden, ab und zu hatte sie sich ein Kopftuch umgebunden. Sehe den Radi im Leiterwagen, abgedeckt mit feuchten, blauweiß karierten Tüchern.

Oft war sie eingeschlafen auf ihrem Schemel, die Hände über der Brust gefaltet. Arbeitshände, alt und zerschunden. Bei jedem meiner Besuche drückte sie mir zum Abschied ein silbern glänzendes Fünfzigpfennigstück in die Hand. Für mich ein kleines Vermögen. Wenn meine Mutter sie fragte, warum sie denn nicht zu Hause bleibe, jetzt, wo sie doch in Rente sei und die Kinder längst aus dem Haus wären, kam immer die gleiche Antwort. "Wenn ich nimmer daher gehen kann, dann bin ich tot." Nach ihrer letzten Radisaison im September 1968 ging es ihr dann nicht mehr so gut. Sie lag im Bett, fühlte sich matt und schlecht. Sie starb im November. Radifrauen gibt es in Regensburg nicht mehr.

Autor:
Andrea Maria Schenkel