Ecuador Museum in Quito

Zottelige Lamas blicken in die Kamera, schneebedeckte Vulkane leuchten im Hintergrund, riesige Echsen watscheln über die Galápagos-Inseln und Indios verkaufen bunte Ponchos - ist das nun typisch Ecuador? Ja, aber solche Postkarten-Klischees sagen genauso viel über das Land aus wie der zünftige Bayer vorm Maßkrug über Deutschland.

Um wirklich etwas über die Geschichte und Kultur zu erfahren, führt kein Weg an den Museen Quitos vorbei. Einige der bedeutendsten wurden nach sorgfältiger Renovierung gerade wieder neueröffnet. Und wer dabei an quietschenden Linoleumboden mit staubigen Vitrinen voller Tonscherben denkt, kann entspannen: Ecuador hat nicht nur eine stolze Geschichte, die Zeugnisse davon sind auch meist in wunderschönen Villen aus der Kolonialzeit unterbracht.

Valdivia, Chorrera, La Tolita - diesen Namen alter Hochkulturen begegnet der Besucher immer wieder. Vor mehr als 5000 Jahren bevölkerten sie das Gebiet des heutigen Ecuadors. Funde wie beispielsweise die ihre Weiblichkeit alles andere als versteckenden Venus-Figuren der Valdivia zeugen von der Kunstfertigkeit und dem Weltbild der antiken Völker. Die einzelnen Stämme lebten jahrtausendelang nebeneinander her.

Erst im 15. Jahrhundert setzte nach schweren Kämpfen gegen die Quitu-Cara der erste Inka-Krieger seinen Fuß auf ecuadorianischen Boden. Ein längerer Aufenthalt war ihm allerdings nicht vergönnt. Bereits 100 Jahre später tauchte Sebastián de Belalcázar auf, ein Hauptmann Francisco Pizarros. Er nahm das Land für Spanien in Besitz und da blieb es bis Anfang des 19. Jahrhunderts.

Nachvollziehen lässt sich diese frühe Geschichte zum Beispiel im seit April 2010 geöffneten Museum "Casa del Alabado". Das komplett restaurierte und renovierte Haus gehört zu den ältesten des Landes - über dem Türbogen des Eingangs befindet sich eine Gebetsinschrift (ein "alabado") aus dem Jahr 1671. Zwei herrliche Innenhöfe führen zu diversen Ausstellungen. Im Mittelpunkt steht das präkolumbianische Universum. Beginnend mit der Unterwelt führt der Weg von den Schamanen über materiellen Reichtum bis hin zu einem Kosmos voller Energie und Licht.

Auch das Museum für koloniale Kunst befindet sich in einer Villa aus dem späten 16. Jahrhundert. Nach einer fünfjährigen Renovierungspause ist dort nun die Ausstellung "Kunst und Leben im alten Quito" zu sehen. Mehr als 1500 Werke aus dem 16. bis 19. Jahrhundert, Möbel, Textilien, Münzen und wichtige Dokumente geben einen breiten Überblick über die wechselvolle Geschichte des Landes. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem religiösen Leben der Stadt. Dieses hatte ihre Basis lange im Convento Agustín.

Im Jahr 1580 war mit dem Bau begonnen worden, der 70 lange Jahre dauern würde. Der Kapitelsaal diente zunächst der frisch gegründeten Universität von San Fulgencio als Aula, später fanden dort die Versammlungen der Augustinermönche statt. Das Chorgestühl aus schwarzem Zedernholz ist bis heute erhalten. Die aus vergoldeten Ananas-Früchten bestehende Dachverzierung des Konvents hat hingegen ein wenig gelitten. Als das Kloster während der Unabhängigkeitskriege in eine Kaserne umgewandelt wurde, dienten sie den Soldaten als Zielscheiben. Am 16. August 1809 wurden im Kapitelsaal schließlich auch die Urkunden zur Unabhängigkeit des Landes unterzeichnet.

"Das Malen ist eine Form des Betens"

Regiert wird unverändert vom alten Palacio de Carondelet aus, dessen Eingangstor von zwei Soldaten in himmelblauen Uniformen eingerahmt wird. Die Bewachung hat jedoch mehr symbolischen Charakter, denn große Teile des Palastes sind für die Öffentlichkeit frei zugänglich - der Ausweis sollte sich jedoch für alle Fälle in greifbarer Nähe befinden. Im Inneren stößt man auf prachtvolle Säle mit etwas zusammengestückelt wirkendem Inventar aus dem 15. Jahrhundert, darunter auch der mit französischer Seide ausgekleidete Gelbe Salon.

Dazwischen finden sich wieder Relikte der alten Chorrera- und Valdivia-Kulturen. Sie wurden am Flughafen von Quito sichergestellt, bevor Kunsträuber sie außer Landes schaffen konnten. Die meisten Besucher des Regierungspalastes strömen jedoch gleich zu dem riesigem Wandbild am Aufgang der präsidialen Räume. Das Mosaik erzählt in vielen einzelnen Episoden die Geschichte der Entdeckung des Amazonas durch die Spanier. Angefertigt wurde es 1957 von Ecuadors berühmtesten Künstler: Oswaldo Guayasamín.

1919 in Quito als Erstes von zehn Kindern geboren, widmete der Maler sich bis zu seinem Tod 1999 leidenschaftlich dem Kampf für den Erhalt des kulturellen Erbes der Indios. "Das Malen ist - genau so wie der Schrei - eine Form des Betens", erklärte er seinen Ansatz. Auslöser war eine Reise quer durch Südamerika, in dem ihm bewusst wurde, wie sehr die meisten "Indígenas" unverändert unterdrückt werden.

Aus dieser Erfahrung heraus entstand zwischen 1946 und 1952 Guayasamíns erster Zyklus "Huacayñán" (Quechua für "Der Weg der Tränen"). Es folgte bis 1992 "Das Zeitalter des Zorns", in dem häufig Frauen abgebildet sind, die ihre Hände schützend vors Gesicht halten, und schließlich - versöhnlicher - "Das Zeitalter der Zärtlichkeit". 1988 kam es zu einem Eklat: Als der Sitzungsraum des Kongresses mit einem 360 Quadratmeter großen Bild Guayasamíns eingeweiht wurde, protestierte der amerikanische Botschafter wütend, da er ein CIA-Symbol entdeckte hatte, das mit einem Hakenkreuz verbunden war.

Guayasamíns Bilder sind im etwas oberhalb Quitos gelegenen Museum Fondación Guayasamín ausgestellt. 2002 kam die nicht weit entfernte "Capilla del Hombre" (Kapelle des Menschen) dazu. Bei der Einweihung erinnerte unter anderen Fidel Castro an den drei Jahre zuvor verstorbenen Künstler und Freund: "Guayasamín war vielleicht der edelste, offenste und humanste Mensch, den ich je kennen lernen durfte. Seine Menschlichkeit kannte keine Grenzen."

Als im vergangenen Jahr in Quito der 200. Jahrestag der Revolution gefeiert wurde, war dies auch mit einer Museumsneueröffnung verbunden. Das Museo Nacional de Arte Contemporáneo befindet sich in einem alten Militärkrankenhaus, das 1899 für die Behandlung Tuberkulosekranker geplant wurde. Nach damals neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen achtete man beim Bau besonders auf den Einfall von natürlichem Licht und eine durchgängigen Belüftung - was dem nun geschaffenen Zentrum für zeitgenössische Kunst zugute kommt.

Zwei Millionen Dollar investierte der Staat in das Gebäude sowie die Ausstattung mit vielen digitalen Bildschirmen und audiovisuellen Hilfsmitteln. Neben dem Schwerpunkt "Kunst und Geschichte Quitos", in der die Revolution einen großen Raum einnimmt, erfährt man beispielsweise auch etwas über moderne ecuadorianische Fotografie.

Ebenfalls interaktiv ist das Museum der Wissenschaften (MIC). In einer ehemaligen Textilfabrik untergebracht, versteht es sich als "Ort der Fantasie", in dem die Begeisterung für die technischen Möglichkeiten der Zukunft geschürt wird. Auf rund 4000 Quadratmetern können Besucher - darunter viele Kinder - sich mit physikalischen Fragen auseinander setzen, spielerische Experimente machen und sich zum Beispiel mit der Erforschung des Gehirns beschäftigen. Wie fühlen und denken Menschen? Wie treffen sie Entscheidungen? Und wie wird die Wirklichkeit wahrgenommen? Nach einem Besuch von Quitos vielfältiger Museumslandschaft kann zumindest die letzte Frage sicher beantwortet werden: viel komplexer als auf einer eindimensionalen Postkarte.

Autor:
Andrea Fonk