Quito Mit der Polizei in der Altstadt

Sie sagen, es sei die Sonne. Weil sie hier, so nahe am Äquator, so hoch in den Anden, ein Licht wirft, das durch die dünne Luft sticht wie ein Stilett, schmerzhaft scharf, und alle Farben verändert: Der Himmel über Quito ist nicht sanft wie andere Himmel, er brennt in einem Graublau, das die Menschen ihre Augen mit Händen beschirmen lässt, wenn sie nach oben blicken. Das Braun der Erde ist nicht satt wie anderswo, es ist ein stumpfes Braun, dem Sonne die Kraft ausgetrieben hat, das Grün der Bäume ist nicht saftig, und das Weiß - das Weiß von Quito ist wie von einer anderen Welt.

Wer auf Quito herabblickt, vom Vulkan Pichincha aus, der sieht einen 50 Kilometer langen, vier Kilometer breiten Moloch. Die Stadt zeigt ihre Schönheit nicht aus dieser Entfernung, sie trägt den Smog, der sich auf 2800 Metern über dem Meer nur selten auflöst, wie einen grauen Schleier. Man muss sich der Stadt nähern, um das Geheimnis ihres Lichtes zu lüften.

Wer direkt über der Altstadt steht, zu Füßen der Geflügelten Jungfrau auf dem Monte Panecillo, der sieht, was die Einheimischen meinen, wenn sie sagen, dass die Sonne dieser Stadt ihr Gesicht gibt: Die Häuserzeilen des historischen Zentrums liegen so waschmittelpropagandaweiß da, als wollten sie die Existenz übriger Farben widerlegen. Nur wer sich konzentriert, nimmt das Granitgrau des Straßenpflasters wahr und das Rotbraun der Ziegeldächer, auf dem, wie Blüten auf einem Beet, mosaikverzierte Kuppeln und Glockentürme sitzen.

Unten, in den Straßen und Gassen, dröhnen die Autobusse, sie ziehen schwarze Abgasfahnen hinter sich her, dazwischen Taxis, Motorräder und die mit klingender Glocke durch die Gassen fahrenden Kastenwagen, von denen herab Gaskartuschen verkauft werden. Auf den Bürgersteigen eilen die Menschen dahin, Schüler in strengen Uniformen, Indio-Frauen in bunten Röcken und mit runden, schwarzen Hüten auf den Köpfen und Männer mit krawattenstarren Hälsen. Vor den billigen Restaurants rufen Kellner ihre Gerichte aus, vor den teuren tun es in den Weg gerückte Werbeständer, aus den Eingängen dringt der Geruch von Gebratenem und in Fett gebackenen Kringeln. Dazwischen schieben Händler ihre Handkarren, der eine verkauft Tischtücher, der andere Tassen und Teller dazu, in allen Läden Produkte im Sonderangebot oder Schlussverkauf, auf allen Straßen Lärm und Bewegung.

Diese Straßen sind der Arbeitsplatz von María Novillo, 29 Jahre, Polizistin im Sondereinsatz. Sie steht im Schatten eines Torbogens, eine zierliche Frau mit schwarzem, zum strengen Dutt gekämmten Haar, und blickt ihre Lieblingsgasse, "La Ronda", hinab: Satte, koloniale Pracht, alles frisch saniert. Von schmalen, gusseisernen Balkonen grüßen Geranienkästen, Fahnen in Gelb, Blau und Rot, den Farben Ecuadors, ragen auf die Straße. Zu Zeiten der Spanier war diese Gasse eine bedeutende Einfallstraße längs der Stadtmauer von Quito. Heute ist sie ein Lieblingsfotomotiv der Touristen. María Novillo deutet auf einen Hauseingang, über dem Türstock prangt ein großes, in Stein gehauenes Kreuz. "So war es früher Tradition", sagt sie, "so konnte jeder sehen, dass in diesem Haus gute Christenmenschen wohnen." Man verbündet sich gern mit dem Himmel in Quito.

Zum Papst in die Kathedrale

Die früheste Erinnerung der jungen Polizistin an die Altstadt ist spezieller Natur: "Ich war sieben, meine Eltern haben mich mitgenommen, um Johannes Paul II. in der Kathedrale beten zu sehen." Die kleine María sah Massen von Gläubigen, die sich durch ehrwürdige, scheinbar endlose Straßen schoben. Auf den Schultern ihres Vaters sitzend, sah sie die kunstvoll verzierten Fassaden der Häuser, Girlanden aus Stuck, aus dem Stein gestemmte Engel und Fabelfiguren. Es war eine Offenbarung für das Mädchen, "es war sehr ergreifend, es war magisch".

Vielleicht hat es mit dieser Erfahrung zu tun, dass sie heute in der Altstadt arbeitet. María Novillo ist Mitglied einer einmaligen Sondereinheit der Policía Metropolitana de Quito: 16 Beamtinnen, alle eigens ausgebildet und abgestellt für eine Aufgabe - den Besuchern Quitos die am besten erhaltene koloniale Altstadt Südamerikas zu zeigen. María Novillo ist Fremdenführerin in Uniform.

Die Gründung der Tourismus-Truppe war die Idee eines ehemaligen Polizeidirektors und Teil des Entwicklungsplans für das historische Zentrum, das 1978 ins Unesco-Welterbe der Kultur aufgenommen wurde. Damals war die Altstadt Verfall und Verbrechen preisgegeben, ein umfangreicher Sanierungsplan wurde erstellt, der inzwischen zum Großteil abgearbeitet worden ist. Aber es ging auch darum, zu beweisen, dass Touristen in Quito sicher sind - und so schickte man sie in Begleitung uniformierter Polizisten auf Stadtrundgang. Der aus der Not geborene Plan erwies sich als so charmant, dass bis heute an der Tourismuspolizei festgehalten wird, obwohl Quitos Altstadt längst wieder einer der sichersten Orte Südamerikas ist.

Einer der frömmsten ist er seit der Conquista: Auf 320 Hektar Altstadt finden sich 40 Kirchen und 16 Klöster; prunkvolle, verschwenderische Gottespaläste, voller Gold und Zierrat, in einer einzigartigen Mischung aus einheimischen und europäischen Einflüssen. Denn die Mönche und Missionare, die mit den Spaniern kamen, vermittelten den Eingeborenen nicht nur die Grundzüge des christlichen Glaubens, sondern sie brachten den Nachfahren der Inka in der so genannten "Schule von Quito" auch die religiöse Kunstfertigkeit bei.

Ein ganzes Heer indianischer Steinmetze, Maler und Schmiede bildeten sie aus, ließen Kirche um Kirche bauen und die Handwerker vermischten den neuen Glauben mit ihren alten Göttern, die biblischen Gleichnisse der Padres mit indianischen Legenden: Die kunstvoll verzierten Kuppeln, Kolonnaden und Kanzeln der Kirchen und Klöster zeigen pausbäckige Engel und mandeläugige Madonnen mit hohen Wangen, sie erzählen in inbrünstiger Pracht von Höllenfeuer und Paradies, und immer wiederkehrendes Symbol ist die Sonne, Gott der Inka, die Sonne, die der Stadt Quito ihr Gesicht gibt.

Würdig in den Tempeln Gottes

Wie wichtig die Quiteños ihre Kirchen auch in der Moderne nehmen, sieht man am besten in der Calle García Moreno, deren alter, wahrer Name "Calle de las Siete Cruces" lautet. Sieben Kreuze stehen längs des Weges, vor jeder der Kirchen eines, jedes eine Schau, jedes ein Scheidepunkt: Nur wenige Menschen passieren sie achtlos, die meisten bekreuzigen sich, schnell und flüchtig die Jungen, sorgsam und bedächtig die Alten.

Die Calle de las Siete Cruces war und ist die Ader des gläubigen Quito. Hier bauten die Jesuiten ihre Kirche, "La Compañia de Jesús".Wuchtig erhebt sich die in 162 Jahren aus Vulkanstein geschaffene Kirche in die Höhe, verziert mit unzähligen, fein gewirkten Ornamenten. Im Inneren ist sie über und über mit Blattgold bedeckt, sieben Tonnen sollen es sein. Altäre, Säulen, Gewölbe, alles glänzt, und Fegefeuer und Paradies sehen sich Auge in Auge: Zu den Seiten des Hauptportals zeigen zwei wandfüllende Gemälde das Jüngste Gericht sowie die Hölle, in die die Maler jede Art von Sünder gesetzt haben, vom Trunkenbold, der nur mehr flüssige Lava zu trinken bekommt, bis zum Geschwätzigen, dem Teufel die Zunge ausreißen.

Doch übergroß kann die Angst der Künstler vor dem göttlichen Zorn nicht gewesen sein. Sonst hätten sie nicht auf der gegenüberliegenden Straßenseite "el niño malcriado" geschaffen, den verzogenen Jungen. Er sitzt über einem Fenster im 1. Stock, der nackte Stuckknabe, und scheint gegen das Hauptportal der Kirche zu pinkeln. Die Mini-Revolte eines unbekannten Stuckateurs gegen die übergroße Pracht der Kirche. Denn so gläubig sie sind, die Quiteños, so aufsässig sind sie auch. Sechs Präsidenten haben sie in den vergangenen zehn Jahren aus dem Amt gejagt, zuletzt 2005, nur ein Stückchen weiter, auf der Plaza de la Independencia, dem Unabhängigkeitsplatz. Tausende standen hier, schlugen mit Kochlöffeln auf Blechtöpfe und trommelten Lúcio Gutierrez aus dem Regierungspalast.

Prächtig liegt die weite Plaza in der sengenden Sonne, weiße Mauern, die zu leuchten scheinen, der Erzbischöfliche Palast, der Regierungspalast, die Kathedrale, Arkaden, Säulen, Balkone. Es ist Mittag, der Platz ist voller Menschen, alle, alle sind sie da: Um die Brunnen streifen Schuhputzerjungen, stets bereit, einem Kunden das kleine Holzkästchen unter die Füße zu schieben. Zeitungsverkäufer rufen die Schlagzeilen aus, Straßenhändler bieten Kaugummis, Bonbons oder Zigaretten einzeln an, Eisverkäufer preisen ihre Ware, die sie, bereits in der Waffel, auf unheilvoll dampfendes Trockeneis geworfen haben. Geschäftige Passanten gehen ihres Weges, vor dem Regierungspalast stehen Soldaten der Präsidentengarde in bunten, historischen Uniformen, bestaunt von Touristen in tarnfarbener Trekking-Kluft, daneben blinde Losverkäufer, die die horrende Summe aussingen, die es heute zu gewinnen gibt.

Die Plaza ist die Welt von Jorge Ruiz. In einem verschossenen Anzug sitzt er auf einer der steinernen Bänke, wie jeden Mittag, ein alter Mann mit grauem Haar, und streckt sein Bein in die Sonne. Bei einem Unfall wurde es zerschlagen, vor Jahren schon, und seit ein Arzt ihm empfahl, zur Besserung die Sonne zu suchen, kommt der 66-Jährige zur Plaza de la Independencia. "Die Wärme der Strahlen hier vertreibt den Schmerz besonders gut", sagt Jorge Ruiz. Er ist nicht der einzige, der an die Heilkraft der Sonne glaubt, die hier am Äquator rund ums Jahr scheint, viele Patienten der nahen Hospitäler kommen täglich auf ihren Krücken, sie treffen sich, ohne Eile, sprechen über die Welt und manchmal sogar Gott. Jorge Ruiz mag diese Ruhe auf der Plaza, inmitten der geschäftigen Betriebsamkeit. Er sitzt manchmal bis zum Abend hier, im wärmenden Licht der Sonne von Quito. "Was", sagt er, "wäre die Stadt ohne sie?"

Autor:
Roland Schulz