Südafrika Das Fußballstadion von Pretoria

Wenn Robert Owen Loftus Versveld noch am Leben wäre, dann würde bei der WM im kommenden Jahr kein Ball in Südafrikas Hauptstadt rollen. Zumindest nicht in jenem Stadion Pretorias, das nach dem Mann benannt ist und in dem 2010 insgesamt sechs Spiele des Fußballspektakels stattfinden werden. Das Loftus-Versveld-Stadion, im Volksmund liebevoll "Loftus" genannt, ist das Erbe, das der Anwalt Versfeld der Nachwelt hinterlassen hat.

1888 war der damals 26-jährige Jurist aus der britisch besetzten Kap-Region in die Burenhauptstadt Pretoria umgezogen und hatte dort vergeblich nach einer geeigneten Spielstätte für sein größtes Hobby gesucht: Rugby.

Versfeld war mit Rugby aufgewachsen. Seine Familie gehörte zu den Gründungsmitgliedern des traditionsreichsten Clubs in der südlichen Hemisphäre, des Hamilton Rugby Football Club am Kap. Zwei seiner Brüder schafften es in die Nationalmannschaft Südafrikas. Und Versfeld selbst, obwohl zierlich von Statur, war ein mindestens wendiger Außendreiviertel. Entsprechend lag ihm auch in Pretoria die Zukunft seines Sports am Herzen.

Jahrzehntelang hatten sich in der aufstrebenden Stadt im Nordwesten Südafrikas lokale Rugby- und Kricketfans aus Mangel an Sportstätten für ihre Spiele den Kirchplatz mit den Kirchgängern teilen müssen. Das taten sie noch, als Versfeld in die Stadt kam. Mit der Entdeckung von Gold zwei Jahre zuvor waren zudem tausende alleinstehender Männer in die Stadt gekommen. Die suchten neben dem großen Glück auch nach körperlichem Ausgleich zur Schürfarbeit. Und so kam es vermehrt zu Territorialkämpfen zwischen Sporttreibenden und Gottesfürchtigen.

Die Spielstätte, die die Stadtverwaltung in einem halbherzigen Versuch von Konfliktmanagement den Rugbyfreunden schließlich zuwies, war wenig geeignet für einen Sport dieser Härte: Das Spielfeld hatte gerade mal die Größe eines Tennisplatzes zudem die Beschaffenheit eines Ackers: "Knie und Ellbogen waren regelmäßig vom Kontakt mit der Erde gezeichnet", beschrieb Versfeld die Lage.

Mit der Stationierung britischer Soldaten nach verlorenem Burenkrieg wuchs die Konkurrenz um Spielstätten in Pretoria weiter. Denn mit den europäischen Besatzern hielt der Fußball Einzug und die Balltreterei gewann zusehends an Popularität.

Versfeld, dessen Pretoria Club zunehmend um Platz und Spieler rang, setzte seine ganze juristische Überzeugungskraft daran, dem Stadtrat ein Stück Land abzutrotzen. Ein Rugby-Stadion, so sein Argument, würde Pretoria enormes Prestige einbringen und den Anspruch bestärken, Hauptstadt der von den Briten nach Beendigung des Burenkriegs 1902 geplanten südafrikanischen Föderation zu werden.

Als die britische Hoheitsregierung 1909 "im Namen Seiner Majestät Edward des Siebten" der Stadt ein 37 Morgen großes Stück Land übertrug, kam Versfeld die Rolle des Notars zu. Doch dauerte es weitere fünf Jahre, bis die Stadtväter endgültig einlenkten: Die von Versfeld mitbegründete Rugby-Liga Pretorias bekam einen Pachtvertrag über das etwa dreizehn Fußballfelder große Areal. Rugby hatte endlich eine Heimat gefunden in Pretoria. Und Versfeld hatte seinen Traum verwirklicht.

Mit der Einweihung der Eastern Sports Grounds am 18. April 1914 war auch der Grundstein für das Stadion gelegt, im dem später Rugby- und 2010 sogar eine Fußball-Weltmeisterschaft stattfinden. Zu Zeiten der Inbetriebnahme des Runds allerdings waren Fußballer dort keineswegs willkommen. Eisern verteidigte Versfeld den Stadionboden gegen die Platzansprüche der Kicker. Und tatsächlich: Bis zum Tod des Anwalts 1932 hatte kein Fußballspieler je seinen Fuß auf den eigens aus Kenia eingeführten, hitzeresistenten Kikuyu-Rasen der Eastern Sports Grounds gesetzt. Das Stadion war der Stolz der Rugbygemeinde; es war, wie es ein bekannter britischer Sportreporter einmal formulierte, "das Feinste, was ich je diesseits des Paradieses gesehen habe".

Über die Jahrzehnte wurde die nach Versfelds Tod ihm zu Ehren benannte Sportstätte mehrfach um- und ausgebaut; Anzeigentafeln wurden modernisiert, Tribünen, Lautsprecher- und Flutlichtanlagen installiert. Auch Konzerte haben im "Loftus" stattgefunden. Die Sitzplatzkapazität ist von ehemals 2000 auf 52.000 angewachsen, bei der Weltmeisterschaft im kommenden Jahr werden aufgrund der Sicherheitsbestimmungen allerdings maximal 45.000 Fans Einlass ins "Loftus" finden.

Der Konkurrenzkampf zwischen Fußball- und Rugbyspielern ist indes schon länger einer friedlichen Kohabitation gewichen: Seit Jahren teilt sich der traditionsreiche Rugbyverein Blue Bulls das Stadion mit einem Fußballerstligisten. Und doch. Bei all den einschneidenden Veränderungen der letzten Jahrzehnte ist eins gleich geblieben: ein Grundbucheintrag, der "Durchreisenden" das Recht einräumt, ihre "Rinder" auf dem Areal "zu weiden".

Schlagworte:
Autor:
Birgit Schwarz