Tschechien Prager Kleinseite

"Das Haus ist von wunderlicher Bauart, wie es deren auf dem steilsten Abhange der Spornergasse noch mehrere gibt. Das Haus hat eine verhältnismäßig bedeutende Tiefe; mit seiner einfachen Front geht es in die Spornergasse, während sich das Hintergebäude in das tiefe und tote Johannesgäßchen erstreckt."

"Die Steilheit bringt es mit sich, daß das Hintergebäude trotz seiner zwei Stockwerke doch niedriger erscheint als das einstöckige Vordergebäude."

"Diese beiden Teile sind mit keinen Baulichkeiten verbunden, fensterlose Mauern der Nachbargebäude steigen zwischen ihnen empor."

Häuser in solch wunderlicher Bauart, wie sie der Schriftsteller Jan Neruda (1834-1891) beschrieben hat, stehen auf der Prager Kleinseite noch immer. Zwar heißt die Spornergasse nun selber Nerudova ulice, dafür kann man "Johannesgässchen" noch, in großen, verschnörkelten Lettern auf eine bröckelnde Hauswand gepinselt, deutlich lesen. Die Katze hinter staubblinder Scheibe hat das Geschehen auf der steinernen Stiege, die beide Gassen miteinander verbindet, angestrengt im Blick; über ihr aus dem Fenster lehnt ein alter Mann im Unterhemd und blinzelt in die Prager Sonne, die sich zwischen zwei eng aneinander geschmiegten windschiefen Giebeln durchzwängt. Im Hinterhof hält sich hartnäckig der dumpfe Geruch nach einem Mittagessen mit viel Kohl, auf wackligen hölzernen Balkonen trocknet Wäsche vor sich hin, eine Frau in Kittelschürze schnauft die gefährlich ausgetretene Treppe hinauf. Jemand ruft hinter einer flatternden Gardine und das Echo hüpft in der Enge des Hofes von einer Wand zur anderen, schlüpft in offene Korridore und versickert in klaffenden Mauerritzen. Das Haus steht schief, ein noch viel schieferes daneben hält es gerade noch. Aber es steht - und es lebt seit ein paar Jahrhunderten.

Wer sich mit Nerudas alten "Kleinseitner Geschichten" auf die verschlungenen und verwinkelten Wege durch die Gassen und über kleine Plätze des Viertels unterhalb der mächtigen Prager Burg begibt, muss mit solchen "Wundern" rechnen. Ist etwa die Zeit stehen geblieben? Natürlich nicht, und Geduld tut zunächst auch Not, wenn man sich im Touristenstrom auf dem "Königsweg" von der Karlsbrücke in Richtung Niklaskirche und weiter den Berg hinauf schieben lässt.

Das ist alles sehr heutig und erinnert keineswegs an Nerudas Viertel, jenes "Paradies" der Bescheidenheit, von dem der Dichter schrieb und in dem er in "poetischen Winkeln" und "verschwiegenen Gassen" die einfachen Menschen mit ihren sehr bodenständigen Sorgen und Schrulligkeiten ein nur wenig überirdisches Leben führen ließ. Heute verbirgt sich dieser ganz normale Alltag auf der Kleinseite hinter zum Teil gelungener Fassadenkosmetik, verschanzt sich in höhlenartigen Höfen, vor die jetzt teure Lokale, Wechselstuben, Andenkenläden geschaltet sind, ist unsichtbar auf Stiegen, die hinter für fremde Besucher versperrten Hauseingängen beginnen, wird gemieden unter Arkaden, wo es muffig und feucht nach abgestandener Zeit riecht.

Die unzähligen Besucher mit ihren Blitzlichtblicken hasten wohl mehr unwissend als desinteressiert durch die Nerudova, die trotzig stolz den Namen des Schriftstellers trägt, der hier im Haus "Zu den zwei Sonnen" lange wohnte; sie keuchen hinauf zum Hradschin, ohne ihre Neugierde an einen der unscheinbaren kleinen und stillen Gärten hinter schiefen Mauern gleich um die belebte nächste Ecke zu verschwenden; sie bestaunen Gold und Schnörkel an den prunkvollen Stadtpalais und übersehen die verwitterten Hauszeichen, die kaum noch erkennbaren "Drei Lilien", den verblassten "Goldenen Kelch", den müden "Kater"; sie stieren ergriffen vom Burgberg auf die "Goldene Stadt" und streifen das wellige Dächermeer nur flüchtig mit ihren beschäftigten Augen. Sie lassen sich die Wunder entgehen. Dabei wären sie zum Greifen nahe.

Die Kleinseite ist das sicherlich widersprüchlichste Quartier der an Ungereimtheiten so reichen Stadt Prag. Zwischen den geduckten, unscheinbaren Häusern erheben sich protzige Paläste, die sich gleichfalls emporstrebende Adelige - die Liechtensteins und Lobkowitzens, Fürstenbergs und Waldsteins - im 17 und 18. Jahrhundert hier bauen ließen in ihrem Drang, im Dunstkreis der Herrscher auf der Burg residieren zu müssen. Auch heute noch springen einem die vornehmen, barock verzierten Fassaden ins Auge, daran vor allem die Flaggen aus aller Herren Länder, die von den dort nobel untergebrachten Botschaften gehisst werden; dem kleinstädtischen, ja dörflichen Charakter konnten sie gleichwohl nichts anhaben. So eng liegen hier gekaufte Macht und erlittene Ohnmacht nebeneinander, dass man angesichts des über allem wie unerreichbar thronenden Hradschins freilich zunächst an Kafkas "Schloß" denken muss, das auch wie ein fremder massiger Körper über dem ungeschützten Dorf drohend wacht.

Dabei hatte Jan Neruda schon Jahre vor Kafka in seinen Geschichten von Abhängigkeiten, Armut und Demut erzählt, wie sie im Kleinseitner Alltag des 19. Jahrhunderts an der unumstößlichen Tagesordnung waren. Etwa wenn er über die Leutchen schrieb, die er in die Niklaskirche begleitete: Hier fielen sie auf die Knie, sündig und eingeschüchtert vor einem unsichtbaren Herrn, der sie mit einer Überfülle an glänzendem Gold auf Figuren und Altären blendete und überwältigte. Es ist dies in unseren Tagen noch eine unbeschreibliche Verschwendung, die einen betört und beinahe aus der Kirche ins Freie treibt. Draußen auf den Stufen, auf die die Pestsäule einen langen Schatten wirft, wo die "schwefelige, abgestandene Luft der letzten Tage" noch steht, dann aber gleich eine ganz andere Wirklichkeit, die auch die Zeiten überdauert hat: der Bettler, der seinen ganzen Körper reumütig auf das alte Pflaster wirft - ist er nicht der nämliche, der vor Neruda schon seine Hand ausstreckte? Freilich, sein Becherchen für spärliche Münzen ist längst aus dünnem Plastik ...

Pittoreske Einfachheit und morbider Charme

Man kann hier schnell ins falsche Schwärmen kommen über die pittoreske Einfachheit und den morbiden Charme des Verfalls, der sich überall zeigt, wenn man sich in die Seitengassen verdrückt, genervt von Besichtigungstrubel und aufgemotztem Postkartenidyll. Der Name Neruda wird dafür gern missbraucht und verspricht in Bierlokalen, auf T-Shirts und Wandtellern eine alte Zeit, die niemals wirklich gut war.

Und so kann man auch wehleidig über die Sünden des Fortschritts jammern, der die Fluchtpunkte von schicksalergebenen, doch immer überlebenswilligen Helden bedenkenlos verschwinden ließ. Aus dem berühmten Gasthaus "Zum Steinitz" am Badegassen- Eck, wo sich die beiden Herren Rysánek und Schlegl ein Leben lang verbissen anschwiegen, ist ein Bioladen geworden; oben beim Strahov-Kloster das Gasthaus "Zu den drei Lilien", wo das Bier die Sorgen wegschwemmte: aufgegeben. Auf seinen Stufen lassen sich trotzdem zwei müde Touristinnen nieder. Es gibt auch keine dieser einst unentbehrlichen Greißlerläden mehr, wo neben alltäglichem Kram vor allem Klatsch und Tratsch zu haben waren. Die abgeschiedene Gemütlichkeit der Insel Kampa unter der Karlsbrücke muss man sich teuer erkaufen in chic dekorierten Weinstuben, in denen sich keine besorgte Frau Lakmus, kein seltsamer Herr Kupka, kein alternder Doktor Loukot (oder wie die Originale in Nerudas Erzählungen alle heißen) noch ein Viertel leisten könnten. Unbemerkt kann man sich heute auch nachts nicht mehr durch Gassen stehlen: An jedem Gebäude, das Diplomaten beherbergt, blinken Überwachungskameras.

Und trotzdem ist - in den sehr frühen Morgenstunden ganz sicher! - ein Spaziergang auf der Kleinseite immer noch auch eine Zeitreise in die Vergangenheit: Wenn sich die ersten kleinscheibigen Fenster auf die Gasse öffnen, herrscht für einige Augenblicke in der Nerudova, der Úvoz, der Jánská oder der Sporkova das gleiche kleine Leben wie vor über hundert Jahren und wie es Neruda sah: "Allmählich wurde es doch lebendiger. Die weißen Vorhänge verschwanden von den Fenstern, eines derselben wurde geöffnet, und darin zeigte sich eine Gestalt, schaute zum Himmel und Gipfel des Laurenziberges empor und sprach dann etwas von einem schönen Morgen in das Innere zu den übrigen Mitbewohnern. Auf den Stiegen und Gängen begegneten einander die Leute … Im Eckfenster des ersten Stocks des Vordergebäudes zeigte sich ein hochgewachsener Mann mit einem rotbraunen, pickeligen Gesichte und zerzausten grauen Haaren. (...) Er blickte auf das benachbarte, bis jetzt noch verhängte Fenster … Da krachte das Nachbarfenster und öffnete sich ..."

Verstört steht man da und hört und schaut: Die anschwellenden Geräusche und lauter werdenden Stimmen hallen müde zwischen den engen Mauern und durch die steilen Hinterhöfe huschen Frühaufsteher. Schnell werden erste Arbeiten und wichtige Geschäfte erledigt: Das muss alles flink gehen, denn gleich setzt der Strom der Fremden wieder ein. Dann ziehen sich die Bewohner zurück, Gardinen werden zugezogen, die wahre Kleinseite existiert im Verborgenen weiter.

Dann geht man am besten auch und kehrt den plötzlich stummen Häusern den Rücken. Die Stiege zum Johannesgässchen hinab und ein wenig hinaus aus der kleinen Stadt, auf der so ganz anderen Seite von Prag. Unten im Tal läuten die Glocken der Borromäuskirche, rechts oben das Kloster liegt noch im Morgenschatten, die Moldau da hinten glitzert schon silbern - und ein alter Mann mit traurig-glänzenden Augen und langem, dichtem Bart fasst einen am Arm und weist mit dem Finger: Dort drüben, "der Laurenziberg ist mit weißen Blüten umhüllt, als wenn aus ihm überall Milch herausschäumen würde, und die ganze Kleinseite ist mit Fliederduft erfüllt".

Autor:
Bernd Noack