Prag Eine Hauptstadt voller Geschichte

Der erste Abend in Prag verläuft etwas anders als geplant: Ich schaue über grüne Kuppeldächer, goldene Kirchenspitzen, ein Meer aus roten Schindeldächern. Und dann höre ich ein Klacken. Der Kugelschreiber springt von Blau auf Rot. "We did a good job", sagt der Herr am Nebentisch und hakt ab. Klack. Sein Freund, Vollbart, Baseballmütze, Trekkingschuhe, nickt und lässt seine Augen wieder über die Stadt tanzen. Ich folge seinem Blick: von Licht zu Licht, ein tausendfaches Leuchten, gelb und warm. Nirgends Stahl und Glas. Nur Mauern mit Geschichte. Tausend Jahre. Stein auf Stein.

"Bellavista" heißt das Restaurant auf dem Laurenziberg über der Stadt. Für den schönsten Blick auf Prag hat der Amerikaner mit dem zweifarbigen Kugelschreiber aber keine Zeit. Er lässt ihn von Kringel zu Kringel hüpfen, vor Tagen blau gerahmt, fünf Reiseführerseiten lang. Prager Burg, Karlsbrücke, Altstädter Ring, Rathaus, Pulverturm, Nationaltheater, Klementinum … "Oh shit", ruft der Mittfünfziger. "We did not do St.Martinin-the-Wall!"

Die vier Koreaner einen Tisch weiter halten inne, die Amerikaner haben die Sankt-Martin-Kirche vergessen, Nudelsoße tropft von ihren Gabeln, ein mitfühlendes Nicken folgt. Jeder kennt das Dilemma, jeder steht vor der gleichen Herausforderung des Reiseführers: Kirchen in Unzahl, Türme über Türme, eine der größten Burgen der Welt und eine Altstadt, die Weltkulturerbe ist, mit Tausenden historischen Gebäuden. Darin gleichen sich die Prag-Besucher: Wer sich nicht einer Reisegruppe anschließt, schreibt Listen. Auch ich wollte systematisch vorgehen und verschaffte mir erst einmal einen Überblick. Deshalb war ich zum Strahov-Kloster gegangen, einer wundervollen, weiß leuchtenden Anlage über der Stadt (ein Muss auf jeder Liste). Deshalb saß ich im dazugehörigen Restaurant "Bellavista". Deshalb trank ich Klášterní Pivovar Strahov, das selbst gebraute, dunkle Klosterbier. Das Bier oder der Blick? Oder der Duft nach Flieder und Apfelblüten im Klostergarten? Ich wurde sentimental, packte meine Liste in die Tasche und beschloss, mich durch die Geschichte Prags treiben zu lassen.

Am nächsten Morgen lande ich trotzdem mitten im Hauptstrom. Denn auch hier ähneln sich alle Prag-Touristen - ob bewusst oder unbewusst, jeder findet sich irgendwann auf der Královská cesta, dem Krönungsweg. Jenem Weg, den seit dem Mittelalter die Könige Böhmens während ihrer Krönungszeremonie abschritten. Er führt quer durch die Stadt, vom Pulverturm an der einstigen Altstadtgrenze, wo man dem neuen König den goldenen Stadtschlüssel überreichte, über die Karlsbrücke hinauf zur Prager Burg. Er ist das Bett eines nie abreißenden Flusses, den Stadtführer mit bunten Schirmen, künstlichen Sonnenblumen und roten Glitzerbändchen durch die Epochen leiten. Vorbei an Romanik, Gotik, Renaissance, Barock, Rokoko, Klassizismus, Kubismus.

Vorbei an Sandsteinfassaden, Spitzbögen, floralem Stuck und geometrischen Balkongittern. Wo in vielen europäischen Städten zwei Weltkriege Löcher in die Zeit bombten, gibt es in Prag keine Lücken. Kaum eine andere Stadt besitzt solch ein intaktes steinernes Gedächtnis.

Oft kann eine einzige Straße die ganze Geschichte erzählen. Und so lausche ich der Celetná, der Zeltnergasse, mit der der Krönungsweg beginnt. Stolz zeigt sie mir, was ihr Prag zu bieten hat. Frisch restaurierte Fassaden in Gelb und Rosé, Häuser mit romanischen Untergeschossen und Jugendstilfenstern, um die sich Ginkgoblätter ranken, Portale mit weißen Pfauen, goldene Lämmer als Wappen und Putten. Putten, Putten, Putten. Prag hat von allem etwas, aber am auffälligsten prägt der Habsburger Barock die Stadt. Eines der Hauswappen in der Zeltnergasse zeigt eine schwarze Sonne. Ein dunkler Fleck mit goldenen Strahlen, ein passendes Symbol für die zwei Jahrhunderte, die die Tschechen "Doba temna", das dunkle Zeitalter, nennen. Es begann 1648 mit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges. Die katholischen Habsburger hatten über die böhmischen Protestanten gesiegt und rekatholisierten nun von Wien aus das Land. Sie behandelten die Böhmen als Menschen zweiter Klasse, ihre Sprache wurde unterdrückt. Während die Prager litten, verwandelte sich Prag in die "Goldene Stadt". Die Habsburger machten den Barock zur Herzenssache und ließen Baumeister wie Kilian Ignaz Dientzenhofer die Stadt in Gold tauchen.

Heute sind viele Kirchen so prächtig, dass sie aus Angst vor Dieben ihre Türen nur zu Predigten öffnen. Den romanischen und gotischen Fassaden sieht man die Fluten aus Blattgold, die sich im Inneren über das schwarze Holz ergießen, nicht an. Ein Heer aus Engelsgesichtern schaut von Altären, Säulen, Emporen, Deckenfresken und tanzt mir noch in den Augen, als ich wieder in eine der Altstadtgassen zurückgekehrt bin. Den Hauptstrom in der Zeltnergasse habe ich längst verlassen, offene Portale der St.-Jakobs-Basilika und der Kirche Maria Schnee locken mich an.

Ich lasse mich treiben, von Kirche zu Kirche, und entdecke dabei einen entzückenden kleinen Platz. In der Mitte eine alte, schmiedeeiserne Pumpe, Laternen mit bauchigen Lampen, eine Bank, auf der sich eine junge Frau ausruht, den Kopf im Schoße ihres Begleiters. Fast versteckt liegt am Rande eine Kapelle. Ich erwarte einen neuen Goldrausch, doch stattdessen betrete ich einen großen, fast leeren Raum. Ein paar Wandmalereien und eine einfache Holzkanzel - das war's. Kein zufälliger Kontrast. Die Bethlehemkapelle war der Gegenentwurf der Reformatoren, die schlichte Holzkanzel stand viele Jahre im Mittelpunkt der tschechischen Geschichte. Sie war die Tribüne von Jan Hus, dem Prediger, der hundert Jahre vor Martin Luther die Reform der Kirche forderte. Abkehr von Ablasshandel und weltlichem Besitz - mit solchen Forderungen riskierte man damals den Scheiterhaufen. Jan Hus wurde, unter Zusicherung freien Geleits, zum Kirchenkonzil nach Konstanz bestellt.

Eine Menschenmenge auf der Suche nach dem alten Europa

Am 6. Juli 1415 legte ihm ein Scharfrichter eine rostige Kette um den Hals, band ihn an einen Pfahl und schichtete Holz und Stroh von den Füßen bis zum Kinn. Als die Nachricht von der Hinrichtung des tapferen Mannes bis nach Prag drang, wurde die Reform zur Revolte und zur Revolution. Die hussitischen Adligen formierten sich und warfen an einem Julitag vier Jahre später zwei katholische Ratsherren aus dem Fenster des Neustädter Rathauses - die Premiere der berühmten Prager Fensterstürze. Das war der Start für ein 16 Jahre dauerndes, blutiges Gemetzel, die Hussitenkriege, die mit dem Sieg des päpstlichen Kreuzfahrerheeres endeten. Danach wechselten sich Luxemburger, Habsburger und polnische Jagiellonen in der Herrschaft ab, bis 1618 zwei kaiserliche Statthalter samt Sekretär aus dem Fenster befördert wurden. Diesmal fielen sie 16 Meter tief von der böhmischen Hofkanzlei der Prager Burg. Sie hatten Glück, ein Müllhaufen lag unter dem Fenster. Er stank, aber rettete ihnen das Leben. Der nun folgende Krieg dauerte 30 Jahre, die anschließende Herrschaft der Habsburger 270.

Auf dem Bethlehemplatz vor der Kapelle ist es still. Ungewöhnlich still. Es scheint, als hätte auf diesem Platz ganz Böhmen Luft für den großen Befreiungsschlag geholt. Für einen Aufstand gegen die fremden Herrscher, für den Traum vom eigenen tschechischen Staat.

Für nationale Träume aber brauchte das Volk Platz, und den fand es nicht in den engen Altstadtgassen, sondern in Novo Mesto, der Neustadt. Dort sind die Häuser höher, die Fassaden prächtiger, die Straßen breiter. Eine von ihnen ist besonders breit und eigentlich auch keine Straße mehr, sondern ein Platz. Karl IV. (zu ihm später mehr) hatte die Prager Neustadt planen lassen und bestimmte 1348 auch die Maße des Rossmarktes. Christliche Handwerker und Händler sollten sich hier ansiedeln und den Wohlstand Böhmens vermehren, so der Erlass des Königs. So kam es auch. Die Herrschenden sprachen Deutsch und saßen auf der Prager Burg und im Altstädter Rathaus; auf dem Rossplatz, aus dem vor 150 Jahren der Wenzelsplatz erwuchs, forderte das Volk auf Tschechisch seine Rechte ein. Gekämpft wurde mit Fäusten und Parolen, quer durch die Jahrhunderte: 1848 beim Aufstand junger böhmischer Patrioten, 1968 beim Protest gegen die Kommunisten und im November 1989, als Hunderttausende so lange "Wer, wenn nicht wir" riefen, bis die KP-Führer begriffen, dass sie nicht mehr gemeint waren. Die Samtene Revolution könnte der letzte größere Umsturz auf dem Wenzelsplatz gewesen sein.

Vielleicht. Aber das wäre ein Blick in die Zukunft, ich jedoch bin plötzlich ins 18. Jahrhundert geraten. Ich wandle auf den Spuren Mozarts und der Jesuiten, wechsele vom Ständetheater, wo "Don Giovanni" 1787 Uraufführung feierte, zum Klementinum. Allein dort ließen sich Tage verbringen, in barocken Bibliotheken, wo mehr als fünf Millionen Bücher und jahrhundertealte, mit Gold geschmückte Globen lagern. Ich gehe treppauf, treppab und bemerke irgendwann dieses Ziehen. Es ist kein starker Schmerz, aber eine deutliche Ermattung. Zufall oder Wunder? Jedenfalls stehe ich plötzlich vor einer jungen Frau im weißen Kittel. Sie lächelt und sagt: "Wir machen müde Beine munter." Dann verbeugt sie sich, holt weiße Tücher, verbeugt sich wieder und fährt den weißen Ledersessel zurück. Es riecht nach Menthol. Man hört samtene Klänge, sanftes Klatschen auf der Haut, Seufzen, Stöhnen, immer wieder die Türglocke und eine freundliche Stimme, die erklärt: "Leider, leider. Wir sind voll." In Prag einen thailändischen Fußmassagesalon zu eröffnen, scheint eine gute Idee zu sein. Eine viel bessere Idee, als auf der Karlsbrücke Bilder von der Burg zu verkaufen.

Eine Stunde später, mit Fußsohlen wie Seide, stehe ich mitten auf der Karlsbrücke, getaucht in Spätnachmittagslicht. Nirgendwo ist Prag goldener. Nirgendwo romantischer. Pärchen treiben auf Tretbooten über glitzernde Moldauwellen, honigfarben schimmert das Pils in den Cafés am Ufer, und sanft blitzen die Spitzen des Veitsdoms auf der Prager Burg. Stolz und erhaben thront die Burganlage mit ihren Kirchen, Palästen, Plätzen und Gärten über der Stadt. Auf der Brücke reihen sich die Tische und Staffeleien Dutzender Künstler. Sie zeichnen Porträts, auf denen man später ein bisschen aussieht wie George Clooney oder Britney Spears, und sie malen die Burg. Immer wieder die Burg. Es gibt sie getupft, getuscht, radiert, bei Sonne oder Nebel, im Morgen- oder Abendlicht. Ein junger Maler aus Vietnam zeichnet sie mit beiden Händen gleichzeitig, und "Puppet-Painter" Pavel Charapov lässt den Hradschin malen. Von einer hölzernen Puppe, die er hinter einem roten Vorhang dirigiert.

Er zieht die meisten der Brückenflaneure an, noch mehr Aufmerksamkeit bekommt nur der heilige Johannes Nepomuk. Vor der ältesten und berühmtesten der 31 Brückenfiguren kommt der Strom der Flaneure immer wieder ins Stocken. Touristen aus aller Welt stehen Schlange vor dem Relief des Heiligen, das seinen Brückensturz zeigt. Als Beichtvater der Königin Sofia soll er eisern geschwiegen haben, als deren eifersüchtiger Gatte Wenzel ihm das vermeintliche Geheimnis entlocken wollte; zur Strafe, so lautet die Legende, habe Wenzel den Gottesmann ertränkt. In Wirklichkeit ließ der ständig betrunkene König mit Johann Nepomuk einen Widersacher im Investiturstreit beseitigen.

Die Legende sagt, am blank gewetzten Körper des Unglücklichen zu reiben, bringe Glück. Die ganze Welt glaubt daran, auch die Freunde von Rob in roten Shirts mit weißen Nummern, auf denen steht: "Rob's Stag". Rob feiert seinen Junggesellenabschied in Prag. Seit es Billigflüge gibt, sind solche Kurzreisen sehr gefragt in Großbritannien.

Glückssucher, Romantiker, Maler, Musiker, Puppenspieler - über der Moldau kreuzen sich die Wege aller, die den Geist des "Good old Europe" suchen und ihn hier verorten. Die Brücke als der Mittelpunkt Europas? Dieser Gedanke würde vermutlich Karl IV. gefallen. Etwas versteckt steht der mittelalterliche Herrscher am Beginn der Brücke, neben dem Altstädter Brückenturm. Karl IV. war der glanzvollste König Böhmens. 1344 ließ er den Grundstein des Veitsdoms legen und gründete vier Jahre später die erste Universität Mitteleuropas. Unter Karl IV. war Prag eine der bedeutendsten Städte des Kontinents, Mittelpunkt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, das von der Ostsee bis ans Mittelmeer reichte.

Sieht man ihm seine Macht an? Und deren Vergänglichkeit? Ich schaue genau hin: Der Herrscher trägt Umhang, Schwert und eine Schriftrolle mit Wappen. Mit einem milden Lächeln unter dem Vollbart blickt er auf den Strom zu seinen Füßen. Ein Strom aus Millionen von Stimmen. Japanisch, Norwegisch, Hebräisch, Deutsch - das Konzert der Sprachen scheint gut zu klingen. Karl IV. sieht sehr zufrieden aus.

Autor:
Antje Liebsch