Tschechien Astronomische Uhr in Prag

Astronomische Uhr am Altstädter Markt in Prag

Die Vorstellung dauert zwar nur 45 Sekunden. Doch die reichen aus, um zu jeder vollen Stunde eine riesige Menschenmenge vor die Astronomische Uhr am Altstädter Rathaus zu locken. Das kleine Schauspiel über die Vergänglichkeit des Lebens eröffnet der Knochenmann, die Figur des Todes. Mit der einen Hand läutet er das Sterbeglöckchen, mit der anderen hebt er die Sanduhr hoch. Zwei Fenster öffnen sich, und die zwölf Apostel ziehen nacheinander vorbei, jeder von ihnen nachdenklich hinabblickend. Während dieses Defilees rotieren Allegoriefiguren am Sims: Der Geizhals lässt den Geldbeutel rasseln, die Eitelkeit schaut in den Spiegel, der ungläubige Türke schüttelt den Kopf, und der Sensenmann schlägt die Todesglocke. Zum Schluss kräht der Hahn.

Mikuláš aus Kaaden baute die Uhr im Jahr 1410, doch erst 80 Jahre später wurde sie von Magister Hanuš aus Rosen repariert und umgebaut. Ein verhängnisvoller Auftrag: Nachdem er ihn erfüllt hatte, so erzählt es die Legende, soll Hanuš von den Ratsherren mit einem glühenden Schwert geblendet worden sein, damit er niemals mehr einen zweiten, ähnlichen Chronographen für eine andere Stadt herstellen konnte. Hanuš rächte sich. Erblindet ließ er sich nochmals zur Uhr führen, steckte die Hand zwischen die Zahnräder und hielt die Mechanik an. Erst viele Jahrzehnte später gelang es, die Uhr wieder in Gang zu setzen.

Das Portal der Uhr besteht aus zwei Teilen. Auf dem oberen Rund werden der Umlauf der Sonne und des Mondes sowie die Zeit angezeigt. Der Sonnenkreis wird jeden Tag per Hand zurückgedreht. Nur wenn er mit der jeweiligen Sonnenposition übereinstimmt, zeigt die Uhr die korrekte Zeit. Die Zifferblätter sind in 24 Felder unterteilt: zweimal in zwölf römische Ziffern (die obere XII bedeutet Mittag, die untere Mitternacht) und zudem in 24 arabische Ziffern, die die böhmische Zeit angeben – von Sonnenaufgang (1. Stunde) bis Sonnenuntergang (12. Stunde). Das untere Rund, in 365 Stufen eingeteilt, dient als Kalendarium, das täglich ein Feld vorrückt. In seiner Mitte prangt das Prager Wappen, umgeben von den Sternzeichen und Szenen aus dem Landleben.

Die Originalteile der Uhr werden im Stadtmuseum aufbewahrt. Auch die Apostel sind nur noch Kopien. Die historischen Figuren wurden beim Rathausbrand 1945 zerstört. Das Uhrwerk nahm keinen Schaden. Es scheint für die Ewigkeit gebaut.

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Autor:
Thomas Veszelits