Madeira Wandern entlang der Levadas

"Wonderful! - terrific! - awesome!" Jane und Charles sind Briten von Geburt und aus Überzeugung. Understatement ist ihnen in die Wiege gelegt. Beim Anblick dieses prächtigen Exemplars der Gattung Erica arborea gerät das Rentnerpaar aus Oxford jedoch in Raserei. Baumheide haben sie zu Hause in Great Britain zwar auch im heimischen Garten, dort kämpft sich das Pflänzlein jedoch gerade mal auf eine Höhe von ein paar Zentimetern und treibt höchst selten blasse Blüten. Auf exakt 890 Höhenmetern sind sie nun konfrontiert mit der XXL-Version: Baumheide, ach was: ein "Heidebaum" mit Gardemaß von rund sechs Metern und weißen Blüten in verschwenderischer Fülle. Der Enthusiasmus der beiden entlädt sich in einer Kanonade von Schnappschüssen, die sie mit ihren Digitalkameras aus allen erdenklichen Perspektiven abfeuern. Die beiden gehören zu einer Wandergruppe, Leonardo, der madeirensische Guide, führt sie und die anderen entlang der Levada do Caldeirão Verde.

Wanderungen an dem rund 2000 Kilometer langen Netz von Wassergräben gehören zu den größten Touristenattraktionen Madeiras. Der Begriff "Levada" kommt vom portugiesischen Verb "levar", was so viel wie "führen" oder "bringen" bedeutet. Die Levadas sind die Adern Madeiras, ein raffiniertes Bewässerungssystem, das die trockenen Gebiete an den Küsten und vor allem an den steilen, unzugängigen Hängen des gebirgigen Eilandes seit bald 600 Jahren mit dem jeweils gewünschten Quantum Wasser versorgt.

"Die ersten Levadas wurden von den Portugiesen bereits kurz nach ihrer Ankunft im 15. Jahrhundert gebaut", erklärt Leonardo den wissbegierigen Engländern, von denen einige seine Ausführungen sogar mitnotieren. "Nun ja, die Portugiesen haben die Pläne gemacht, um genau zu sein, waren es die afrikanischen Sklaven, die damals die meiste und härteste Arbeit leisten mussten", ergänzt er. Nicken bei den Briten, ja ja, so war das seinerzeit - ein verflossenes Kolonialreich versteht das andere eben.

Und was für eine Arbeit das gewesen sein muss! Die Gräben wurden an steilen Abhängen in schwindelerregenden Höhen in den Fels gestemmt. An Seilen ließ man Körbe hinunter, in denen die Sklaven die steilen Felswände behauen mussten. Über ihnen die Herren, die buchstäblich die Fäden in den Händen hielten, unter ihnen der oft mehrere hundert Meter tiefe Abgrund, vor ihnen die nie enden wollende Fron in dem engen Korb, mit Hacke und Hammer den Stein bezwingen - was für eine Qual und keine Wahl. Ein Leben für das Wasser. Und oft auch ein Sterben.

Wie viele Sklaven bei dieser Schinderei ums Leben kamen, ist in keiner Statistik verzeichnet. Kreuze und Namen, entlang des Weges in den Stein geritzt, sind jüngeren Datums - "João Mascareñas, 25. April 1928, Ruhe in Frieden" - noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurden neue Levadas gebaut, auch dann noch verlor manch ein Arbeiter den Kampf gegen den Fels, den Kampf um das Wasser.

Und die Portugiesen brauchten Wasser, viel Wasser. Um Kartoffeln anzubauen, Zuckerrohr, Gemüse, Wein. Als sie die Insel im 15. Jahrhundert in Besitz nahmen, war da nur Wald, nichts als Holz, madeira eben. Dabei war der Boden der Vulkaninsel doch so fruchtbar, und oben in den Bergen gab es Wasser en masse! Spritzte aus tausenden von kleinen Quellen direkt aus dem Fels, schüttete in Kaskaden und Wasserfällen hinab, regnete aus den pummeligen, dunklen Wolken, die an den fast 2000 Meter hohen Bergspitzen hängen blieben. Und all das kostbare Nass versickerte nutzlos im Waldboden - was für eine Verschwendung!

Planung und Bau der meist einen knappen Meter breiten und einen halben Meter tiefen Gräben waren eine technische Meisterleistung der frühen portugiesischen Ingenieure. Woher diese die Kenntnisse hatten, ein solch gigantisches Projekt zu entwerfen und umzusetzen, ist strittig, manche Quellen verweisen auf ähnliche, noch viel ältere Anlagen in China, die die Portugiesen womöglich gekannt haben könnten.

"Very interesting", finden Jane und Charles, sie streben jetzt bergwärts auf dem schmalen Saumpfad, gleich neben dem gemächlich dahinfließenden Levada-Wasser. Gemächlich ist das Stichwort, das die meisten Levada-Wanderungen treffend beschreibt. Die können zwar schon mal einige Stunden dauern, richtig steil wird es jedoch selten. Geschuldet ist dies dem Umstand, dass die Levadas das Wasser kontrolliert nach unten führen sollen, ein zu starkes Gefälle wäre da nur hinderlich. Die vielen älteren Wanderer auf Madeira profitieren heute davon und entdecken täglich in kleinen Trupps das grüne Herz der Insel.

Wer glaubt, alles gesehen zu haben, den überrascht die Natur

Noch vor hundert Jahren hätte es sich niemand auf Madeira vorstellen können, dass es Menschen gibt, die aus reiner Freude an der Natur und der Bewegung das bergige Hinterland erkunden - und dafür auch noch Geld bezahlen. Schmunzelnd erzählt Guide Leonardo, dass viele Madeirenser und auch Festland-Portugiesen die Wanderbegeisterung der Briten, Deutschen und Franzosen nicht teilen. "Wenn die Portugiesen einen Ausflug in die Berge unternehmen, fahren sie so weit es irgend geht mit dem Auto, um dann - in unmittelbarer Nähe des Parkplatzes - ein Picknick zu veranstalten." Sie verpassen so die wunderbarsten Seiten ihrer Atlantikinsel. Denn Madeiras Schönheit erschließt sich erst dem Wanderer. So auch auf dem Weg zum "Grünen Kessel", dem "Caldeirão Verde". Links die hohe, feuchte Felswand, daran die Levada, daneben der schmale Pfad, rechts der Abgrund, mit überwältigenden Ausblicken auf eine Vegetation, die wirkt, als habe es nie einen Sündenfall im Paradies gegeben.

Es ist die Ruhe, die auffällt. Nur das Plätschern des träge dahinfließenden Wassers, selten hört man einen Vogel schreien. Nach ein paar Schritten verstummen die Gespräche innerhalb der Wandergruppe. Der Urwald schluckt seine Besucher. Es riecht nach feuchtem Moos, Eukalyptus, wildem Oregano und Zedernnadeln. Baumriesen reichen ihre knorrigen Äste über den Weg - "Vorsicht, Kopf einziehen", mahnt Leonardo. Ab und an versperrt ein umgestürzter Baum, bepelzt mit einer dicken Schicht aus Flechten, den schmalen Weg. So geht es Schritt für Schritt, ein paar Kilometer, sanft steigt der Pfad an - um plötzlich vor einer unüberwindbaren Wand zu enden. "Taschenlampen raus", bestimmt Leonardo, Jane und Charles kramen ebenso wie die anderen in ihren Rucksäcken. Was nun? Erst beim zweiten Hinschauen wird ein Loch in der Wand sichtbar, gerade mal 1,60 Meter hoch - die Levada verschwindet im Berg und so auch die Wandergruppe. Geduckt und im Gänsemarsch geht es unter Tage. Anfangs noch Kichern wie auf einem Klassenausflug, doch nach einigen Metern werden Enge und Dunkelheit bedrückend, Jane klammert sich an ihre kleine Elektrofunzel - dieser Teil der Tour ist nichts für Menschen mit Platzangst. Leonardo beruhigt: "Ich sehe schon das Licht am Ende des Tunnels." Aufatmen, als die Sonne und ein unverschämt großer Heidelbeerstrauch die Gruppe wieder auf der anderen Seite begrüßen.

Drei Tunnel sind auf der gut vier Stunden dauernden Tour zu durchqueren, keine Seltenheit auf Levada-Wanderungen. Die von allen Veranstaltern empfohlene Taschenlampe ist dabei ebenso wichtig wie gute, am besten wasserfeste Wanderstiefel.

Vorbei an tiefen Schluchten und phantastischen Wasserfällen führt der Weg weiter.Aus dem Urwaldgrün lugen bunte Blüten hervor: blaue Hortensien, Orchideen in allen Farben des Regenbogens. Leonardo stoppt immer mal wieder und erklärt, was hier so alles wächst und gedeiht. Die Notizblöcke der Briten füllen sich mit botanischen Bezeichnungen wie Cryptomeria japonica (Sicheltanne), Ocotea foetens (Stinklorbeer), Clethra arborea (Maiblumenbaum) und Vaccinium madeirensis (Madeira-Heidelbeere). Reisen bildet.

Und wenn man irgendwann glaubt, alles zu wissen und alles Grün dieser Insel gesehen zu haben, dann wartet da am Ende des Weges der "Grüne Kessel". Ein paar Meter recht steilen Anstiegs steht den Wanderfreunden noch bevor. Und Charles mag nicht mehr, er braucht eine Pause, lässt sich auf einem Felsen nieder und die anderen weitergehen. Aber Jane hat dieses Rauschen im Ohr, unbedingt will sie sehen, woher es kommt. Mit einigen anderen strebt sie nach oben - und steht am Rand eines Kessels, rund wie mit dem Zirkel gezogen, vielleicht fünfzig Meter im Durchmesser, schön, als würde sich Gott hier ein Süppchen kochen: senkrechte Basaltwände von Farnen, Moosen und Flechten grün bekleidet, gut hundert Meter tief und im Inneren ein kleiner See, von einem so tiefen Blau, als hätte er es dem Himmel geklaut. Dazu das ewige Rauschen eines prächtigen Wasserfalls, der sich aus hundert Metern Höhe in den See ergießt.

Und da ist es wieder: "Wonderful!" "Terrific!" "Awesome!" Nur Charles hat es diesmal verpasst.

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Autor:
Thorsten Kolle