Madeira Schwarzer Degenfisch

João und Cecilia. Sie ist oben gewesen, im Haus auf dem Hügel über dem Meer, und er war draußen, Meilen vor der Küste, dort, wo die See ein Abgrund ist, wo die Rücken der Wale und Delfine zu sehen sind und sonst nur Wasser, Himmel und die Weite. Er hat die Leinen mit den Haken und den Kalmaren dran ausgeworfen, eine Leine an Backbord, eine an Steuerbord, und hat auf den Fisch gewartet, der aus der Tiefe kommt, sobald es dunkel ist, und dann hat João ihn rausgezogen, einen nach dem anderen, Hunderte davon manchmal, schwarz, großäugig, schuppenlos. Mitternacht war, das Boot schwankte, die Leinen endeten nicht, und im Haus auf dem Hügel hat Cecilia die Stickerei zur Seite gelegt, weißes wollenes Tuch, und hat gebetet für ihn, João, vor Mariens Schrein, schnelles Murmeln, gebeugtes Knie, Hände im Schoß, und die Kinder haben geschlafen.

Und war er wieder an Land, und der Fisch war verkauft, war er in der Bar, trinken, Karten auf Tische werfen, rau reden und Arme vor der Brust verschränken, und wenn es Nacht war, ist sie gekommen, zwei der Jüngsten dabei. Komm, hat Cecilia zu João gesagt. Komm, es reicht, und er ist mitgegangen, jedes Mal, und die anderen Fischer lachten, sie gingen nicht mit, wenn die Frauen mit den Kindern kamen. So war es bei ihnen, schwere Zeiten, João Gomes Henriques und Cecilia da Silva Azevedo, Mann und Frau seit 50 Jahren, acht Söhne und Töchter, sieben Enkel, Câmara de Lobos ihr Dorf, das Dorf der besonderen Fischer, Espada, Degenfisch, der Fisch, der aus der Tiefe kommt, sobald es dunkel ist.

João ist nicht mehr draußen, er ist Rentner, und Cecilia ist Rentnerin, kleine Rente, 650 Euro für beide zusammen, und das Haus, in dem Cecilia jetzt stickt, liegt am Fuße des Hügels, hohe, helle Räume, Bad, Toilette, Telefon, nicht jedes Haus im Dorf hat das, alles für die Kinder. Seit der Revolution haben João und Cecilia das Haus, seit über 30 Jahren, wie auch das Geschäft an der Straße, das sie an einen Schuhverkäufer vermietet haben. Sie sind klug gewesen, und João sagt, dass seine Hände kaputt sind von damals, vom Einholen der Leine Meilen vor der Küste, er dreht die Hände, er zeigt sie her. Kleiner Körper, schmaler Kopf, und die Hände groß und schwer und steif, und João sagt, dass er sehr krank gewesen ist, dem Ende nahe, das Herz haben sie ihm rausgeholt, sagt er, erst den Brustkorb aufgemacht und aufgeklappt, reingegriffen, das Herz in der Hand gehabt, dann wieder reingetan, zugemacht.

Er macht es vor, so wie er denkt, dass die Ärzte es bei ihm gemacht haben, öffnet sich das Hemd, hält es wie aufgeklappt, magere, flache Brust, rote fleischige Narbe das Brustbein runter, und eine Faust ist das Herz, er ist stark, er hat es überlebt. Er sucht nach dem Wort für das, was er überlebt hat, er schüttelt den Kopf, er findet das Wort nicht, er sagt ein anderes, und nun versteht keiner mehr, er selbst versteht nicht, vielleicht weil ihm die Ärzte nicht gesagt haben, was es war, vielleicht hatten sie es nur Cecilia gesagt, die lesen und schreiben kann.

Seine Cecilia. Sie lässt den Fotografen fotografieren, João und Cecilia vor dem Schrein, vor der Vitrine mit den Glassachen im Wohnzimmer, ernst und würdevoll. Respekt trägt ihr Verhältnis zueinander, sagt ein Sohn, Lino, und dass das wohl ihre Liebe ist. Mutter hat die Familie zusammengehalten, sagt er, sie hält sie zusammen, und inzwischen hat der Vater gelernt, seine Unterschrift zu malen, die Behörden hatten gemahnt, Mutters Unterschrift allein langt nicht mehr für Urkunden, Ausweispapiere, Bankbelege, und das Haus ist noch nicht abbezahlt. Cecilia, Joãos Frau.

Sie ist da und redet nicht. Sie will nicht reden, nicht so wie João redet, er redet ihr zu viel. Sie ist misstrauisch, was die Fremden alles wissen wollen, und dann sind sie fort mit dem Wissen, und was sie nachher berichten und erzählen werden über sie und das Dorf, wo einer den anderen kennt, einer den anderen beobachtet, das Gerede, und nie ist es was Gutes. Einmal reibt sie Daumen und Zeigefinger aneinander, schnipst, Geld meint sie, nichts davon ist da, nichts außer Luft. An ihnen bleibt es hängen, die Sorgen, die Not, an ihnen, den Frauen, meint sie, und João nickt, seine Cecilia, seine Nummer eins.

Die Frau ist immer die Nummer eins, sagt er, die Frau und die Kinder. Immer ist er nach dem Fischen erst nach Hause zu den Kindern und zu Cecilia, den Lohn hinbringen, nicht wie die anderen, die sofort in die Bar gehen, das Geld vertrinken, ewig gleiches Spiel. Cecilia würde ihm genug geben, das wusste João, genug für die Poncha, die alle trinken, genug fürs Kartenspiel, und wenn die Escudos alle waren, hat er aufgehört, er hat nie anschreiben lassen so wie viele von den anderen. Das hat ihn geschützt, sagt er, die Familie, Cecilia, die Kinder. Von den zehn, die sie ihm geboren hat, sind zwei nicht mehr. Das eine gestorben im Alter von neun Monaten, das andere bei einem Unfall, ein Auto an der Straße, die zur Kirche raufführt. Als es um die Kinder geht, die nicht mehr sind, ist es das einzige Mal, dass Cecilia redet, die Mutter, sie hat sie nicht vergessen, sie wird sie nie vergessen, sie schlägt ein Kreuz, küsst Daumen und Zeigefinger, sie hat die beiden Kleinen nicht schützen können, Vergebung.

Respekt, sagt auch João, Respekt vor dem Meer und der Mutter. Sie haben ihn alle, die Söhne, die Töchter und er, der Vater. Alles hängt von der Mutter ab, sie weiß, was richtig ist. Lino hat eine eigene Wohnung, doch er ist immer zum Essen da, Tradition, und es schmeckt besser als irgendwo sonst. Und Helder, 31, jünger als Lino, er will nicht heiraten, ausziehen, wozu? Bei Mama ist es schön, alles da. Auch Helder passt auf, dass der Vater nicht zu viel redet, die Familie, ihr Ruf geht über alles. Nie ist es gut gewesen, wenn Fremde in Câmara de Lobos waren.

Vor 15 Jahren waren Leute vom Festland rübergekommen, Reporter, sie haben über Câmara de Lobos geschrieben, und, sagt Lino, sie haben übertrieben. Haben geschrieben, dass die kleinen Söhne der Armen nicht nur um Geld betteln. Dass sie zu haben sind für eine Jeans, für ein T-Shirt, für andere schöne Dinge. Das war bekannt, sagt Lino, vielen Touristen, das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass die Reporter aus Lissabon geschrieben haben, Câmara de Lobos sei ein Zentrum der Pädophilie. Das war übertrieben. Ein Mann, sagt Lino, Belgier, er hat Szenen mit einigen Jungen gedreht, ein einziges Mal, und er wurde angeklagt dafür. Deshalb ist Cecilia misstrauisch, und Helder passt auf, da es Leute wie die Reporter aus Lissabon gibt.

Respekt vor der Mutter und dem Meer

Aber über die Frau mit den 24 Kindern reden sie in Câmara de Lobos gern. Obwohl das lange her ist und niemand weiß, wer die Frau war und wo sie gewohnt hat und ob die Kinder alle vom Ehemann waren, wahrscheinlich ist es nicht.Wahrscheinlich ist, so reden sie im Dorf, dass mehrere Männer beteiligt waren, wie es früher öfter geschah, engster Raum und der Ehemann nie da. Heiße Sonne, stürmische See, hartes Leben, die Männer wollten Spaß, wenn sie von draußen kamen. Viele Kinder, zehn bis fünfzehn, bekamen die Frauen im Dorf damals. Für die Männer der einzige Spaß neben Poncha und Kartenspiel, normal, vorbei. Vorbei die Kindermassen, vier bis fünf Kinder pro Familie sind es heute höchstens, und eng ist es in Câmara de Lobos längst nicht mehr, auch die Männer müssen nicht mehr alle raus, es gibt andere Berufe.

Heute ist alles anders, zumindest vieles. Früher lief das Leben auf der Straße, zu Hause waren die Männer nur zum Schlafen. Heute liegen sie viel auf dem Sofa, es gibt Fernsehen, Radio, es gibt Satellitenprogramme. Früher haben die Eltern abgewartet, ob das Neugeborene das erste Jahr übersteht, dann erst haben sie die Geburt gemeldet. Heute gibt es Gesundheitswesen, Ärzte, Krankenhäuser. Früher waren die Frauen ständig schwanger, heute gibt es die Pille, trotz des Widerstands der Kirche, und es gibt sie kostenlos. Heimlich haben die Frauen die Pille anfangs genommen, 20 Jahre ist das her, heimliche, stille Opposition, und die Männer wunderten sich, weshalb die Frauen plötzlich nicht mehr schwanger waren.

Früher haben die Familien in Ilhéu zusammengelebt, dem Hügel über dem Meer, eine abgeschlossene Welt und immer Wind, und unten, in der Bucht, lagen die Boote, den Bug zum Meereshorizont hin ausgerichtet. Dorf und Bucht hat Winston Churchill vom Berg gegenüber aus gemalt, 1950, Zigarre und Hut, gestärkter Kragen und vor sich die Staffelei, weiße Häuser, rote Dächer, blaues Wasser, eine Idylle war es ihm. João weiß, wie es tatsächlich war.

Mit sieben Jahren war er zum ersten Mal an Bord, 40 Jahre lang ist er rausgefahren, 68 ist er jetzt, Rentner seit 13 Jahren. Schön war es, sagt er, schön zu sehen, wie der Degenfisch am Haken hing, spitze Zähne, schiefes großes Maul, nicht Aal, nicht Barracuda, was dazwischen, gruselig und schön. Über Wasser hat noch keiner den Degenfisch lebendig gesehen, sagt João, auch die Färbung nicht, goldenes Braun. Die Schwimmblase geplatzt, der Mageninhalt erbrochen, die Haut aufgesprungen, alles vom Druckverlust, aus dem Abgrund hoch auf Null. Auch das Schwarz kommt vom Sterben, aber schön, wie der Fisch am Haken war, ein schöner Fang jedes Mal. Manchmal haben sie den Köder unversehrt aus dem Fischrachen gezogen und haben ihn am Haken zurück ins Meer gegeben. Manchmal kam der Fisch hoch und war sofort wieder weg, weg der Fisch, weg vom Haken, Pech, manchmal nichts als Köpfe an den Haken, Haie hatten die Leiber abgebissen, Hunderte von Köpfen, sagt João, 300 einmal, du ziehst und ziehst und nur Köpfe, Katastrophe. Manchmal Delfine, verendet, sie hatten sich in den Leinen verfangen, arme Tiere.

Fünf Meilen vor der Küste haben die Männer damals angefangen, um sechs abends sind sie raus, und dann sind sie noch einmal 15 Meilen gefahren. Haben angefangen, die beiden Leinen runterzulassen, Hanf, mit Kaktussaft und Fett eingerieben, fünf Mann und das Boot, ein sieben Meter langes Holzboot, Ruder und zwei Segel, keine Kajüte, kein Wetterschutz. Die beiden Leinen, Steine unten daran, eine links, eine rechts vom Boot, glitten 1200 Meter in die Tiefe, ab 800 die Nebenleinen stufenweise übereinander, elf kurze Nebenleinen, jede elf Haken, elf mal elf, Erfahrung, keine Arithmetik, auch kein Aberglaube.

João hat dem Tod ins Auge gesehen. Draußen ist der Tod immer da, sagt er. Wenn das Wetter umschlägt, zum Beispiel, Sturm und Wellen, die das Boot kippen. Welcher der Männer kann schon schwimmen? Was nützt es zu schwimmen, wenn das Boot umkippt, 20 Meilen vor der Küste? Wir sind an Bord, sagt João, und wir können beten, die See ist eine Göttin, Leben, Überleben ist Gottvertrauen, und die Nacht ist schön, und sie ist sicher, wenn die Göttin sanft ruht. Sie konnten essen, sie konnten dösen, konnten schlafen, singen, Leinen auswerfen, Leinen einholen, sie hatten keine Handschuhe, Hände kaputt.

Morgens um sieben, um acht waren sie wieder an Land. Den Hai aus der Tiefsee, den sie mit dem Degenfisch raufgeholt haben, trockneten sie auf Lavafelsen, lange, dünne Streifen auf Holzrahmen gespannt, wie Stockfisch der Geschmack, sagt João, aber andere Konsistenz, und die Leber für die Gesundheit und dann das Öl, das sie in Fässer getan haben. Lino sagt, er wollte nie raus, nie fischen, kein Interesse. Seit Vaters Zeit vorüber ist, müssen die Fischer für bis zu 15 Tage raus, immer weiter auf den Ozean, zum Degenfisch, immer mehr Nächte, der Degenfisch stirbt uns aus, sagen die Fischer. Und was wird dann aus uns?

Lino musste nicht raus, nie, João und Cecilia wollten, dass er studiert. Bei den Sozialdemokraten macht er nun mit, Jugendarbeit, und Helder hat eine Stelle in der Bibliothek. Nur der Älteste fährt mit Vaters Boot raus, Kutter mit Motor, Kojen und Kajüte, schweres Boot. Ricardo ist wie für das Meer geboren, sagt João, mit 20 schon Kapitän, gerade ist er raus, in zwei Wochen wieder da, Degenfisch im Wert von 9000 Euro bringt er mit, hoffentlich.

Keine Lust mehr auf Schule, hatte Ricardo eines Tages gesagt. War zuerst auf dem Bau, fing dann an rauszufahren, er und der zweitälteste, der auch zuerst an Land gearbeitet hat. Aber keiner der Jungen will heute noch draußen sein, schon gar nicht die vielen Tage. Einige von denen, die es dennoch tun, sehen es als Abenteuer. Einige aber müssen, es gibt nichts anderes für sie. Zu früh von der Schule ab, keine Bildung, kein Beruf. Opfer, sagt Lino.

Marihuana. Câmara de Lobos hat ein Problem, Drogen, Marihuana vor allem. Arbeiten sollen die Jungen, arbeiten für ein Ziel, weg von Langeweile und Müßiggang, wir von den Sozialdemokraten sind darum für Arbeitsprogramme, sagt Lino. Reden hilft. Mit Reden fängt es an. Über Umweltschutz reden sie mit den Jungen, übers Internet, über Aids. Reden übers Segeln, Kajakfahren, über Mountainbikes. Und sie haben eine Fußballmannschaft, die Fünf- bis 14-Jährigen spielen. Spielen wie Ronaldo, klar. Keiner darf aufgegeben werden, sagt Lino, nicht von vornherein.

Der Fisch stirbt aus. Was wird aus uns?

In den 15 Jahren, die vergangen sind, ist Câmara de Lobos vom Dorf zur Stadt geworden, 17.000 Menschen, und oben an den Hängen rings um Ilhéu beginnen weitere Gemeinden. Oben ernten die Bauern Bananen, Kartoffeln, Gemüse - schlau. Unten auf Ilhéu leben die Fischer, Poncha schon am Morgen, weißer Rum, Zitrone, Honig, mit einem phallisch geformten Holz gestampft, gerührt, getrunken, und sonst nur Fische jagen - dumm. So denken die oben über die unten. Hier schlau, dort dumm.

Auf Ilhéu ist nun Platz. Viele Häuser sind weg, und wo Joãos und Cecilias erstes Haus stand, oben auf dem Plateau, ist jetzt ein Park mit Bänken und mit Bäumen, viel Aussicht, und die Männer, die rausfahren, tun es von Funchal aus. Alles schön, früher nicht so, ist die Antwort auf die Frage, was heute anders ist als früher. Heute sind die Straßen ruhig bis auf wenige Ecken am Osthang, da ist das Marihuana. Câmara de Lobos ist nichts für Touristen, ist die Antwort auf die Frage, was gleichgeblieben ist. Sie kommen, doch keiner will sie, keiner, nur die Gastwirte und Hotelbesitzer. Früher nicht, heute nicht, wirklich nicht.

Früher, sagt Lino, "Früher" endete vor 35 Jahren mit der Revolution, Nelkenrevolution in Lissabon, Ende der Diktatur, Anfang vom Ende der Armut, und "Heute" ist die Zeit seit Portugals Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft 1986. Die Revolution hat vielen Vorteile gebracht. Haus und Geschäft haben Vater und Mutter während der Revolution von einem Arzt gekauft, Bankkredit. Einige Besitzende haben während der Revolution verkauft, Häuser, Grundstücke, hastig aus Angst, enteignet zu werden.

João sagt, in den Jahren seit der Revolution hat sich auch Wichtiges in der Fischerei getan. Als erstes der Motor für die Boote, dann das neue Getriebe. Und die Handkurbel zum Aufwickeln der Leinen, eine Erfindung aus dem Himmel, sie brauchten die Leinen zum Raufziehen nicht mehr anzufassen. Zu spät für ihn, João, Hände schon kaputt. Dann der Mast am Heck, kleines Segel, Dreieck, es beruhigte das Schwanken des Bootes in der Dünung. João weiß auch noch, wie es früher in der Schule war. In den anderthalb Jahren, die er dort war, hat er nichts gelernt, nicht Lesen, nicht Schreiben. Keiner hat was gelernt, und bald ist er nicht mehr hingegangen, sondern mit dem Vater rausgefahren, den Degenfisch jagen, ein Leben lang.

Komisch sehen die Holzkutter heute aus, sagt João, bauchig, träge. Wie Urgroßvaters Badewanne, keine schöne elegante Linie wie die Boote seinerzeit. Motor von Caterpillar, wuchtiger Diesel, Steuerhaus, Kapitänskoje, Kombüse und Toilette, gut aber ist der Schlafplatz für neun Mann, zwei Meter hoch der Verschlag im Vorschiff, vier im Quadrat, zweimal vier Kojen und ein Schlafsack in die Spitze gepresst. Den meisten Platz haben die Fische, Tausende passen unten in den Bauch, kühl haben sie es, kühl durch Aggregate und Eis, Tonnen von Eis sind an Bord. 450.000 Euro kostet so ein Kutter, ein Jahr Bauzeit, einen Teil des Preises übernimmt die Europäische Union.

Alt ist der Degenfischfang auf Madeira, jahrhundertealt, Fang, wie João ihn noch kennt. Heute fischen sie anders, mit GPS und mit Leinen aus Nylonfaser. Mit den neuen Leinen kam auch die neue Methode, die mehr Haken ins Wasser bringt, wissenschaftlich erforscht von Ipimar, dem portugiesischen Meeres- und Fischereiforschungsinstitut.

Bojen setzen sie heute, 34 Bojen nacheinander, schwarz beflaggt. Von jeder Boje eine Leine runter, unten ein Gewicht. Waagerecht dazwischen in 1200 bis 1300 Meter die Leinen mit den Haken, 225 Haken von Boje zu Boje, dreieinhalb Meter von einem Haken zum nächsten, eine Kette aus 7600 Haken, 14 Meilen lang. 500 Degenfische auf einmal holen die Fischer auf diese Art raus, manchmal doppelt so viele. Früher haben sie oft Teile vom Degenfisch als Köder an die Haken gehängt, nie den Hals, nie das beste Stück, heute nehmen sie Tintenfisch von den Chinesen, günstig, Tiefkühlware in Papiersäcken zu 25 Kilo. Fliegender Tintenfisch, anderthalb Tonnen für 10.000 Degenfische.

Und die Fischer klagen. Der Fang geht runter, obwohl sie nun schon so viele Tage so weit draußen sind und nur drei, vier Stunden schlafen am Tag. Japaner, klagen sie, Russen, Spanier fischen ihnen mit ihren Schleppnetzen das Meer leer, fischen alles, auch die jungen Degenfische, die für gewöhnlich von Madeira aus in Richtung Norden wandern und von dort irgendwann als Erwachsene zurückkommen, bis zu fünf Kilo schwer, bis zu einsfünfzig in der Länge, schlank und schnell, pfeilschnell. Auf Madeira ist der Degenfisch mehr als eine ökonomische Größe, sagt Lino. Degenfisch und Fischer sind Teil der Kultur, Symbole, und, wie soll er es ausdrücken, ohne Degenfisch und Fischer wäre die Insel für viele Leute nicht vorstellbar.

Filet mit Maracuja oder gerösteter Banane, schöne Dinge kannst du aus dem Degenfisch machen, sagt João. Fisch-Lasagne mit Eiern und Knoblauch, Suppe, Kroketten, alles vom Degenfisch, alle lieben ihn, sie feiern ihn bei jedem Essen, und wenn du gar nichts anderes hast, kannst du dir immer noch die Köpfe braten. Kaviar, August, September ist Kaviarzeit, jeder freut sich drauf. Vielleicht einen Nikita dazu, weißer Wein, Bier, Vanilleeis, ein Stück Ananas und schön mischen, das tanzt auf der Zunge, Prost.

Sie sind gereist, Vater und Mutter, Italien, Kanada, haben was gesehen von der Welt, sagt Lino, und Mutter hatte bestimmt, dass wir Kinder ebenfalls reisen, jedes von uns acht eine Reise, nach der Schule oder vor der Hochzeit, je nachdem. Mutter hatte es so bestimmt, und so ist es dann gewesen, Portugal, Spanien, Azoren, Kanaren. Cecilia, sagt João, wenn wir sie nicht hätten.

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Thomas Feix