Madeira Quinta statt Hotel

Die Sonne schickt ihre Strahlenfinger durch das Sprossenfenster und kitzelt mich wach, ich öffne die Balkontür, rieche Rosen, höre Vögel und blicke in den Garten, der hundert Hektar groß ist. Links führt ein Rabattenweg zur Familienkapelle, seit Generationen heiratet man dort. Ich drücke einen Knopf der Hightech-Mini-Espressomaschine, die auf einem zierlichen Sekretärchen steht, und lasse mich mit dem duftenden Kaffee auf dem Rosenfauteuil nieder. Gehe dann ins Badezimmer, ein Mädchentraum, wohnzimmergroß, mit lindgrünen Wänden und edlen englischen Gels, Tübchen und Tiegeln. Schwebe duftend die Treppe herab, wo mir vom Personal aufs Diskreteste ein guter Morgen gewünscht wird. Wo ich das Frühstück nehmen will? Im Frühstücksraum mit den sonnengelben Wänden? Oder doch auf der Terrasse, mit Blick auf englischen Rasen, der wie vom Hof-Coiffeur frisiert scheint? Das Gras ist frisch geschnitten, es verströmt süßweichen Sommerduft. Papageienblumen, Callas und Agaven schaukeln im Wind, der mich wie Seide umschmeichelt. Platz nehmen im Korbstuhl, buttergoldene Croissants mit Erdbeermarmelade verzehren, dann Ananas, danach Lachs, dazu Ei, serviert auf Streublümchen-Geschirr, beschattet von einem Sonnenschirm aus Leinen, der sich elegant über mir ausbreitet.

Dann elementare Fragen abklären: Wohin heute? Auf die Yacht? An den Pool? Lustwandelnd im Garten nach den Kamelien sehen, vorbei an den blitzblauen Blütenkugeln des Agapanthus, an Hortensien und mäandernden Buchsbaumhecken? Oder schwimmen gehen, im wohltemperierten Bassin? Jede Sekunde in diesem Haus möchte ich konservieren und in einem Marmeladenglas mit nach Hause nehmen, so wunderbar ist es hier. Wieso, herrje!, kann das Leben nicht immer so sein und ich selbst eine Königin?

Sehr königlich sitzt mir jetzt gegenüber: Christina Blandy, Gattin von Adam Blandy, dem Abkömmling der mächtigen Madeirawein-Dynastie, die seit fast 200 Jahren so einiges in Madeira kontrolliert und besitzt. Man möchte sagen: fast alles. So auch die "Casa Velha do Palheiro", wie dieses Fünf-Sterne-Hotel heißt, die erste Station meiner Rundreise zu den schönsten Quintas Madeiras.

Nachdem sie fünf Kinder großgezogen und eine Annonce gelesen hatte, dass die EU das Renovieren alter Quintas, der madeirensischen Herrenhäuser, großzügig fördere, fiel Christina Blandy ein, was für eine Trouvaille da ja noch im subtropischen Garten der Familie Blandy die Jahrzehnte verschlafen hatte: die "Casa Velha", das alte Jagdhaus des Grafen von Carvalhal. Der Graf hatte hier im 19. Jahrhundert seine Landpartien unternommen, lud zur Jagd und beherbergte Gäste königlichen Geblütes. Sein Reichtum war Legende und sein Lebensstil ruinös. Er züchtete Rennpferde in Frankreich, war für hochskandalöse Festivitäten bekannt und ein Weltbürger und Womanizer vor dem Herrn.

Einmal lud er alle seine Freunde auf eine Party - und mietete dazu kurzerhand die Pariser Oper. So kam alles, wie es kommen musste, nämlich unter den Hammer. Und John Burden Blandy, gewiefter Geschäftsmann, reich durch den Madeirawein und Ururgroßvater von Adam Blandy, schlug bei der Versteigerung des Besitzes zu, ließ die "Casa Velha", das Jagdhaus, aber links liegen und errichtete für die Familie ein paar hundert Meter entfernt einen weiteren Herrensitz.

"Ich habe die Casa Velha immer geliebt. Auch wenn sie komplett verfallen war", sagt Christina Blandy, eine Dame mit Bluse und Seidentuch, die nicht ätherisch wirkt, sondern zupackend und gewitzt. "Ich hatte immer so eine Vision, wenn ich das verwilderte Haus betrat. Ich sah etwas Leichtes, Lichtes - mit einem weißen Vorhang, der im Wind weht." Seit 1997 ist die Vision Wirklichkeit - und die Casa Velha do Palheiro, übersetzt "altes Strohdachhaus", eine Luxus-Quinta.

Eine Quinta heißt Quinta, weil die Pächter des zugehörigen landwirtschaftlichen Betriebs früher den fünften Teil - quinta parte - ihrer Ernte an den Grundbesitzer zu entrichten hatten. Auf dem Land, inmitten ihrer Felder und Hügel, auf denen der Reichtum gedieh - Zuckerrohr wuchs hier, Bananen und Wein -, baute sich die reiche Oberschicht ihre Quintas, von prächtigen Gärten umgeben. Und mit einer hohen Mauer, denn man liebte es sehr diskret. Und sehr englisch: Schließlich stammte ein großer Teil der guten Gesellschaft aus Großbritannien.

Die Engländer kamen bereits seit dem 18. Jahrhundert zuhauf auf die Insel - es gab ja hier alles, was man zum Leben brauchte: Madeirawein, so viel man nur trinken konnte, ein Wetter wie gemacht für die schrulligen und exotischen Pflanzen, die in den gehätschelten Gärten wuchsen. Und ein gerüttelt Maß "splendid isolation", das kannte man von der Insel daheim. Die Zeiten änderten sich, die Quintas verfielen - und werden erst seit wenigen Jahren wieder aufs Erlesenste renoviert und meist zu Hotels umgewandelt.

Damit sich ein Hotel Quinta nennen darf, muss die Bausubstanz historisch sein. Das heißt aber nicht, dass mit dem Gemäuer nicht fröhlich gespielt werden darf. So geschah es bei der Umgestaltung der Quinta da Rochinha. Die war eigentlich ein kleineres Landhaus, wie ein Adlerhorst thront sie spektakulär auf den Klippen über dem Atlantik bei Ponta do Sol. Sie hat jetzt Gesellschaft bekommen: Luftige, leichte Bauklötzchen scheinen sich um sie zu ranken, auf mehreren Stufen stapelt sich kluge, symmetrische Architektur, ein Turm mit einem Lift und eine Rampe verbinden die Ebenen miteinander. Von der Felsspitze wurden einst Wale ausgespäht. Heute baden Touristen im randlosen Pool, der mit dem Blau des Atlantiks zu verschwimmen scheint. Schwerelos, transparent wirkt das Hotel. Man fühlt sich wie auf dem Bug eines Schiffes, allein im Meer.

Und dann das Zimmer! Ich öffne die Tür und pralle zurück. Da ist schon wer, der Raum ist bewohnt! Der Atlantik residiert hier, macht sich breit, tobt, tost und wirft sich in Pose. Ein paar sich zurücknehmende Möbelchen in Weiß duldet er. Doch niemand stiehlt ihm die Schau, das macht der Ozean hier klar. Die ganze Wand des Zimmers ist Fensterfront, vor ihr ein Balkon aus Glas. Eine Wasserfront, ein überdimensioniertes Bild, das schönste der Welt. Tintenblau. Milchblau. Grünblau. Lichtblau. Auch schäumend weiß bricht sich der Atlantik in gurgelnden Strudeln an der Schroffheit der Felsen, am Kap. Graue Steine, mit Moos und Kakteen bewachsen, struppiges Blattwerk, borstige Dolden trotzen dem Meer. Möwen torkeln im Wind und stürzen sich in die Fluten. Ich stehe wie hypnotisiert, kann mich nicht losreißen von dieser Wasserunendlichkeit. Nachts badet der Vollmond das spiegelnde Wasser in Silber, ich will die Augen nicht schließen, will weiter schauen und sehnen - und muss doch irgendwann abreisen.

Einmal Königin sein

Der Schmerz währt nicht lange, denn auch die von Palmen umsäumte Quinta Jardins do Lago in Funchal, meine nächste Residenz, macht dem Gast das Leben auf wunderbarste Weise leicht. Ganz traditionell gibt man sich hier, luxuriös, sehr gediegen, innen englisch und "cosy". Im großen Garten blühen Proteen, Kaplilien und üppige Liebesblumen um die Wette, Blauregen umrankt das prächtige Haus. Uralte Bäume wachsen im Garten, deren Samen und Schösslinge einst aus Asien, Afrika und Amerika mitgebracht worden sind. Ein weiteres Mitbringsel aus einem anderen Erdteil ist Colombo, die Riesenschildkröte. Sie wurde vor langer Zeit noch im Ei von den Galápagos-Inseln geschmuggelt und der Vorbesitzerin der Quinta - übrigens auch eine Blandy - geschenkt. Colombo ist so groß wie ein Küchentisch und wandelt getragen mit dem Gestus eines Elder Statesman durchs Gelände. Bundeskanzler a.D. Helmut Schmidt, der drei Wochen lang in der Quinta Jardins do Lago weilte, soll oft mit Colombo gesehen worden sein.

Im funkelnden Speisesaal wird auf schwerem Silber Tunfisch mit einer köstlichen Sauce serviert, dazu Rotwein. Dann Mousse-au-Chocolat-Miniaturen. Und dann, weil es irgendwann einfach dazu kommen muss: Madeirawein! Duarte Vieira da Silva, Hotelchef, Gentleman und Lebemann, lässt einen ganz besonderen Tropfen kredenzen: 50 Jahre alt ist die Flasche, Boal heißt die edle Rebsorte, deren dunklen Saft mir der Kellner jetzt feierlich in mein Glas gießt. Schwer, harzig, verwirrend liegt der Wein auf der Zunge, es ist, als habe man die Essenz von etwas Lebendigem im Mund, die sich nun plötzlich ausdehnt, aufbläht, größer und größer wird.

Das Glas ist leer, dennoch bleibt die Ahnung vom Inhalt lange wie ein Hauch über dem Tisch. Vieira da Silva kennt sich aus mit dem Wunderwein - er hat viele Jahre bei Blandys Madeira Wine Company gearbeitet. Und wurde erst später Hotelier, als die Blandys im Norden die Quinta do Furão an ihn verkauften. Die hat er jetzt zugunsten der Quinta Jardins do Lago veräußert, weil er aber immer noch so davon schwärmt, fahre ich am nächsten Tag hin.

Ich quere die Insel von Süden nach Norden, nehme verwunschene Straßen durch Lorbeerwälder und über Hügel, fahre Haarnadelkurven, an deren Rändern das Wasser in den Levadas entlang plätschert. Weiße, elegante Callas und Hortensien wachsen hier überall, wie zu Hause Sträucher und Büsche. Die Nordseite Madeiras ist wilder, rauer. Wütend ist der Atlantik heute, bäumt sich auf, gräbt seine Klauen gegen die Felswand, an deren Kante ich auf der alten Straße fahre. Es regnet ein wenig, es wird kühl. Und als die Quinta do Furão dann bei Santana auftaucht, passt sie ganz wunderbar in den Nieselregen: Ein Anwesen, das aussieht wie ein englisches Herrenhaus. In der Lobby knistert ein Feuerchen im Kamin, Tee wird serviert, draußen rauscht gleichmütig der Regen, drinnen aale ich mich in behaglichster Gemütlichkeit. Und bemerke erst am nächsten Morgen, wie beeindruckend die Quinta liegt: nahe am Kliff, mit Blick auf den jetzt blitzblauen Atlantik. Im Rücken die Berge, inmitten eines Weinberges. Dessen Trauben nach der Ernte übrigens - erraten! - an Blandys Madeira Wine Company gehen.

Zurück in Funchal. Dort liegt mitten in der Stadt eine Oase: die Quinta Bela Vista, seit 1844 im Besitz der Familie Monteiro. Roberto Ornelas Monteiro ist 74 Jahre alt, er war Chirurg und sammelt englische Antiquitäten, seit er 17 ist. Mit den Stücken hat er die 80 Zimmer der Quinta ausgestattet, fast jedes Möbel ist ein Unikat. Jagdszenen und Stiche hängen an den Wänden, auf einem Regal stehen englische Toby Jugs, die ironisierte Form der Gartenzwerge - Porzellanfiguren, die sich über Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in England mokierten. "Spitting images" des 18. Jahrhunderts. Formvollendet geht es zu in diesem Haus, in dem schon Königin Silvia von Schweden und Tochter Victoria residierten und Mick Jagger seine Eltern unterbrachte. Beim Dinner klingt Musik, so schmeichelnd, als würden dicke Katzen mit weichen Pfoten äußerst harmonisch auf Klavieren aus Samt musizieren.

Eine letzte Quinta! Wie bedauerlich! Hochelegant liegt die Quinta da Casa Branca am Hang in Funchal. Ein moderner Bau, gekonnt zurückhaltend inszeniert, mit Architekturpreisen ausgezeichnet. Großartige Zimmer zeugen von äußerstem Stilempfinden. Das Spa ist so schmeichelnd schön wie ein Liebeslied. Zu Abend gibt es portugiesische Tapas, dann Venusmuscheln. Durch die sternfunkelnde Nacht gehe ich ins Zimmer zurück. Am nächsten Tag noch ein letzter Sprung in den großen Pool. Noch ein letztes Mal den Atlantik mit den Augen einsaugen und ein wenig davon in die Seele einschließen. Auf taufeuchtem Gras, über das sich während der Nacht ein lila Teppich aus duftenden Jakarandablüten gelegt hat, zum Frühstücksraum gehen. Kaffee duftet, in der Bucht von Funchal legt ein Ozeanriese an. Mit dem silbernen Löffel in süße, karamellisierte Bananen fahren. Einmal Königin sein.

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Verena Lugert