Europop Vancouver an der Ostsee

Der Blick vom "Cafe 22" fällt über das Stadtschloss der Herzöge von Pommern hinab zur Oder. Altstadt, Hafenanlagen und Naturflächen bilden einen bunten Flickenteppich. Auf einem Lagerhaus gegenüber der Hakenterrasse mit ihren Monumentalbauten wird stolz die Zukunft von Szczecin verkündet: "Floating Garden Project 2050" steht dort in riesigen grün-blauen Lettern. "Wir wollen eine Stadt schaffen, die die Welt ins Staunen versetzt", heißt es in einer Infobroschüre. "Eine vom Grün umgebene Ökostadt auf dem Wasser. Ein Konglomerat von Inseln, Kanälen, Stränden und Buchten". Das ehemalige Stettin will offensichtlich zum Vancouver an der Ostsee werden.

Hier oben in der Mehrzweckbar des klotzigen Hochhauskomplexes "Pazim" wirkt diese Vision ein wenig vermessen. Die bonbonfarbene Kulisse mit ihren Kitsch-Cocktails und Late-Night-Attraktionen ist ebenso weit von der postulierten "Baltic Neopolis" entfernt wie das urbane Gefüge ringsumher. Im Alltag muss sich die siebtgrößte Stadt Polens, die auch um die Ausrichtung der ins Rennen geht, mit kleineren Schritten zufrieden geben. Schnöde Gebrauchsarchitektur dominiert den Einkaufsmagistrale Niepodleglosci, auf einem Eckgrundstück entsteht gerade ein monumentale Shopping Mall. Eine Aufholjagd gegen Krakau, Breslau oder Danzig.

Ich nutze das neue 10-Euro-Tagesticket der Bahn, das die traditionell enge Verbindung nach Berlin auch touristisch wieder beleben soll. Bereits im Regionalexpress durch die romantisch-leere Uckermark bin ich von Sehnsuchtsfahrern umgeben, die familiären Wurzeln nachspüren wollen: Mal kieken, was draus geworden ist. Einige Schnäppchenjäger sind natürlich auch dabei. Direkt am Hauptbahnhof locken Zigaretten und günstiger Wodka. Ich begebe mich auf die "Rote Route", die direkt vor dem Eingangsportal auf den Bürgersteig gepinselt ist. Sie führt auf einem sieben Kilometer langen Ring durch Vergangenheit und Gegenwart Szczecins. Möwen schießen über die grauen Kaianlagen.

Die Marschroute ist ein abenteuerlich-authentischer Mix, der die sorgfältig restaurierten Schlosshöfe mit den Überresten der Backstein-Historie verknüpft. Dazwischen tauchen immer wieder marode Relikte des Ostblocks auf. Ein ständiges Wechselbad. Die gründerzeitliche Hakenterrasse (heute: Waly Chrobrego) vermittelt maritime Gediegenheit. Reisegesellschaften bevölkern die gründerzeitlichen Pavillions und gestikulieren hinüber auf die Inselzonen der Oder. Zumindest in Gedanken wachsen hier die "Floating Gardens" heran, mit denen auch die gegenüberliegenden Industrieviertel ins Stadtbild integriert werden sollen.

Kurz darauf steht man staunend unter dem Viadukt einer donnernden Stadtautobahn und liest auf der Schautafel am Betonpfeiler, das hier einst ein berühmtes Kloster stand. Drastischer lässt sich Stadtumbau kaum darstellen. Die Heimatadresse des Schriftstellers Alfred Döblin ("Berlin Alexanderplatz") blickt auf eine klaffende Brache in der Altstadt; während alte Schwarz-Weiß-Ansichten im Treppenhaus des Stadtmuseums stoisch die ehemals enge Bebauung dokumentieren. Die abgeräumten Flächen blieben jahrzehntelang leer. Erst mit der Fertigstellung des Schlosses, das heute als Kulturzentrum genutzt wird, entstehen die früheren Dimensionen Haus für Haus wieder neu. Das kleine Kneipenviertel um die Wielka Odranska versprüht mittlerweile lebensfrohe Heimeligkeit. Szczecin als herbe Schönheit.

Weitaus optimistischer und weitläufiger wirkt das ehemalige Pariser Viertel, das sich als sternförmige Straßenanlage rund um den Plac Grunwaldzki erstreckt. Eine ebenfalls auf das Straßenpflaster gemalte "Goldene Route" führt geradewegs in das imposante Quartier, dessen Fassaden kurz vor der Generalsanierung stehen. Hier unter dem Matrosen-Denkmal spielt sich jenes großstädtische Leben ab, das den örtlichen Zukunftsstrategen wohl vorschwebt. Studenten mit Mountainbikes und tätowierte Skater mischen sich mit geschniegelten Anzugträgern, die in den Cafés auf dem Mittelstreifen des Boulevard Jana Pawla die große Business-Welt inszenieren.

Ich wechsele von der "Goldenen" zurück auf die "Rote Route" und bestelle im rustikalen Schlossrestaurant eine Leber mit Äpfeln und Zwiebeln. Die Sehnsuchtstouristen aus dem Zug sind ebenfalls hier eingekehrt. Am Tisch gegenüber machen polnische Studenten Späße über den deutschen Nachkriegsspruch "Pommernland ist abgebrannt". Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis Szczecin die Gespenster der Vergangenheit abgeschüttelt hat.

Autor:
Ralf Niemczyk