Polen Knigge

Anreise mit dem PKW
Wenn Sie mit dem Auto anreisen, müssen Sie damit rechnen, einen Teil der Strecke auf den berüchtigten polnischen Landstraßen zurückzulegen. Zwar liegt die Geschwindigkeitsbegrenzung auf einspurigen Landstraßen bei 90 km/h. Eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 140 km/h ist jedoch weitaus üblicher. Falls die Holzkreuze, in Gedenken an verunglückte Autofahrer, an den Alleen Sie dazu anregen, entgegen der Landessitte den Fuß vom Gas zu nehmen, verhalten Sie sich den Rasern gegenüber respektvoll. Ein Ausweichen auf den Randstreifen erleichtert Ihrem Hintermann das Überholmanöver und wird Ihnen mit dem Einsatz der Warnblinkanlage gedankt. 

Unterwegs
Im Straßenverkehr gilt das Recht des Stärkeren. Zwar sind Zebrastreifen in Polen weit verbreitet – als Fußgänger sollten Sie diese aber mit Vorsicht genießen. Suchen Sie unbedingt Blickkontakt zum Fahrer, und warten Sie auf ein ermunterndes Zeichen, bevor Sie die Straße überqueren. Ein Unglück kündigt sich an, wenn eine Katze von rechts Ihren Weg kreuzt oder ein Rabe auf dem Kirchturm sitzt. Bei Katzen von links heißt es Aufatmen: Die bringen Glück. Humaner geht es in öffentlichen Verkehrsmitteln zu: Sobald ein Fahrgast zusteigt, der älter oder  schwächer ist als Sie, gehört es sich, ihm seinen Sitzplatz anzubieten. Respekt vor dem Alter ist in Polen eine der höchsten Tugenden. Wer diese nicht besitzt, gilt als Barbar.

Das öffentliche Parkett
Wenn Sie ausgehen und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen möchten, gibt es ein paar Punkte zu beachten. Der Besuch eines Restaurants oder Theaters gilt in Polen als festlicher Akt. Dementsprechend sollten Sie sich kleiden: Männer kommen im Anzug, Frauen im Kleid oder Kostüm. Achtung: Vermeiden Sie es, im Theater zu pfeifen. Dem Aberglauben nach wird das Stück dann ausgepfiffen. Falls Sie sich frisch machen wollen, nehmen Sie die richtige Tür: Der Kreis steht für die Damen-, das Dreieck für die Herrentoilette. Sie bekommen Gesellschaft? Die Begrüßung erfolgt nach einem geschlechtsspezifischen Muster: Männer geben sich möglichst kraftvoll die Hand, bei Frauen wird ein Handkuss angedeutet. Das häufigste Modell der Anrede setzt sich aus "pan" (dt. Herr) bzw. "pani" (dt. Frau) und dem Vornamen zusammen. Als besonders unhöflich gilt es, jemanden nur beim Nachnamen zu rufen.

Männer und Frauen
Polnische Männer sind Gentlemen - daran konnte auch 40 Jahre sozialistische Geschlechterpolitik nichts ändern. Im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht kann es hilfreich sein, sich Szenen aus historischen Filmen vor Augen zu führen. Wenn Sie als Mann ein Date mit einer Frau haben, holen Sie Ihre Herzensdame mit einem Blumenstrauß von zu Hause ab. Aber Vorsicht: Die Anzahl der Blumen sollte unbedingt ungerade sein - eine gerade Anzahl an Blumen ist Beerdigungen vorbehalten. Falls Sie die Dame zu sich nach Hause eingeladen haben, rechnen Sie damit, dass sie sich verspätet. Denn der polnische Aberglaube besagt: Wer liebt, der wartet. Ein Kompliment zeigt der Frau Ihre gute Absicht. Halten Sie der Dame die Tür auf, helfen Sie ihr aus dem Mantel, rücken sie ihren Stuhl zurecht. Falls Sie zufällig ihre Handtasche in die Finger bekommen, stellen Sie diese niemals auf dem Boden ab - das Geld könnte schließlich davonlaufen, meint der Volksmund. Und vor allem: Übernehmen Sie die Rechnung. Wenn Sie eine Frau sind: Genießen Sie’s, solange Sie können.

Pralinen
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Obligatorisches Gastgeschenk: Pralinen
Zu Besuch
Sie wurden zu jemandem nach Hause eingeladen? Herzlichen Glückwunsch! Bevor Sie sich auf den Weg machen, sollten Sie eines bedenken: "Fünf Minuten vor der Zeit eintreffen" mag in Deutschland eine Tugend sein - in Polen gilt zu frühes Eintreffen als Ärgernis. Zur rechten Zeit kommt, wer sich eine Viertelstunde verspätet. Um Ihren Ruf nicht zu gefährden, bringen Sie ein Gastgeschenk mit: für die Hausherrin eine Schachtel Pralinen, für den Hausherrn Hochprozentiges. Beim Betreten des Hauses ist Vorsicht geboten: Vermeiden Sie es, Ihrem Gastgeber über die Türschwelle hinweg die Hand zu reichen. Auch das bringt Unglück. In Polen ist es üblich, zu Hause die Schuhe auszuziehen. Damit Sie sich nicht verkühlen, wird man Ihnen Pantoffeln reichen.

Zu Tisch
Polnische Gastfreundschaft ist ohne ein üppiges Mahl undenkbar. Sobald Sie Ihre Pantoffeln tragen, wird man Sie direkt zum Tisch führen. Was serviert wird, hängt davon ab, wie globalisiert Ihre Gastgeber sind. Treffen Sie auf einen traditionellen Haushalt, können Sie mit einer großen Fleischplatte rechnen. In Butter gebratenes Schnitzel, geschmorte Hähnchenschenkel mit Majoran und Kotelett De Voile, also mit Petersilie und Knoblauch gefüllte Hähnchenbrustrouladen. Dazu gibt es Kartoffeln mit Dill, Sauerkrauteintopf mit Wurst und diverse mayonnaisehaltige Salate. Versäumen Sie es nicht, die Kochkünste der Hausfrau (denn wahrscheinlich wird sie das Essen zubereitet haben) wiederholt und überschwänglich zu loben. Zum Essen wird angestoßen, wohlmöglich mit Ihrem Gastgeschenk. Rausreden können Sie sich höchstens mit gesundheitlichen Problemen. Der erste Trinkspruch steht dem Gastgeber zu. Danach sind Sie gefragt. Also dann: auf die polnische Gastfreundschaft!

Über die Autorin:
MERIAN.de-Mitarbeiterin Eva Karnowski weiß wovon sie spricht. In Czarnków geboren, in Norderstedt aufgewachsen, tingelt sie regelmäßig zwischen zwei Kulturen. Sie genießt die Schnäpse und Fleischberge bei ihrem polnischen Opa in Kuligowo und freut sich auf beim Radfahren in Hamburg über die disziplinierten deutschen Autofahrer, die am Zebrastreifen tatsächlich halten.

Autor:
Eva Karnowski