Warschau Die größte Baustelle Europas

Als im vergangenen Oktober der Grundstein für das Stadion Narodowy gelegt wurde, Warschaus neue Prachtarena für die Fußball-Europameisterschaft 2012, wanderten zusätzlich zu den geschätzten Baukosten von 300 Millionen Euro einige Münzen und Scheine unter die Erde. Sie befanden sich in einer so genannten "Zeitkapsel", die neben ein paar Alltagsgegenständen die Flaggen Warschaus, Polens und der EU enthielt. Warschau 2010 in einer Nussschale. Eine nette Idee. Vor allem aber eine, die weit an der Wirklichkeit vorbeigeht.

Denn das heutige Warschau ist nicht in eine Nussschale zu pressen. Wer Polens Hauptstadt dieser Tage fassen will, muss gewaltig in die Höhe gehen, in die Tiefe und in die Breite - so gewaltig, dass sich die polnische Hauptstadt stolz das Attribut "größte Baustelle Europas" anhängt.

"Trotz der Finanzkrise verzeichnen wir viele Bauaktivitäten in der Stadt, sowohl im geschäftlichen, als auch im privaten Sektor", erklärt Tomasz Zemla. Als Stadtplaner in Diensten Warschaus registriert der 54-Jährige die stetig wachsende Anziehungskraft der 1,7-Millionen-Einwohner-Metropole mit Wohlwollen: "Firmen aus dem In- und Ausland finden es zunehmend attraktiv, ihre Zentralen hierher zu verlegen. Die Rendite auf investiertes Kapital ist hier überdurchschnittlich hoch, gleichzeitig führen die Investitionen zu einer florierenden Wirtschaft und somit zu einer Steigerung der Lebensqualität."

In der Tat beträgt die Arbeitslosenquote in Warschau gerade einmal drei Prozent, und die Investitionen, besonders die ausländischer Firmen, sorgen seit Jahren für ein gesundes Wachstum und gut gefüllte Stadtkassen. Auf mehr als fünf Milliarden US-Dollar beläuft sich das Gesamtvolumen, das in den vergangenen fünf Jahren in Entwicklungsprojekte in Warschau geflossen ist. Neben Bürotürmen mit High-Class-Büroflächen wurden fast 20.000 neue Wohnungen und luxuriöse Apartments schlüsselfertig übergeben, edle Einkaufszentren und Mainstream-Malls sprießen aus dem Boden, neue Grünflächen und Parks werden geschaffen, am Stadtrand entsteht ein hochmodernes Müllrecyclingwerk.

Selbst unter Tage wird im großen Stil gebaut: Warschau bekommt eine zweite U-Bahn-Linie. Pünktlich zum Start der Fußball-EM soll sie fertig sein. Aktuell allerdings ist man von der Inbetriebnahme noch recht weit entfernt, wie auch bei einigen anderen Bauvorhaben, die die EM als deadline haben. Internationale Beobachter stellten bereits Spekulationen über eine Verlegung des kontinentalen Fußballfest in Polen und der Ukraine an. "Ja", sagt Stadtplaner Zemla, "der Zeitplan ist eng, aber er bringt uns nach vorne."

Warschau gönnt sich sechs neue Museen für 500 Millionen Euro

Nicht alle sehen die Modernisierungs- und Investitionsfreude Warschaus indes so positiv wie Tomasz Zemla. Dort, wo jetzt auf der rechten Weichselseite das neue Stadion gebaut wird, florierte rund um dessen abgerissenen Vorgänger Dziesieciolecia jahrelang der Jarmark: Auf Europas mit 32 Hektar größtem öffentlichen Basar ließ sich von illegal gebrannten CDs bis hin zu gefälschter Designerkleidung so ziemlich alles erwerben. Der Schließung durch die Behörden folgten wütende Proteste, besonders von Seiten der Vietnamesen, Warschaus größter ethnischer Minderheit.

Ebenfalls heftigen Widerstand bis hin zu Straßenschlachten mit der Polizei provozierte vor einiger Zeit ein im Herzen der Innenstadt geplanter Neubau: In vier Jahren soll auf dem Warschauer Defilad-Platz ein Museum für Moderne Kunst eröffnet werden, der erste Neubau eines Kunstmuseums in der Stadt seit den 1930er Jahren. Dass dafür gegenüber dem ohnehin ungeliebten Stalinschen Kulturpalast eine alte Markthalle abgerissen werden soll, weckte die Wut zahlreicher Bürger.

"Nicht alle Warschauer sind begeistert von den rapiden Veränderungen im Stadtbild", weiß auch Tomasz Zemla. "Aber am Ende des Tages ist es doch so: Neue Gebäude werden gebaut, weil sie Fortschritt bedeuten. Und der ist längst nicht mehr aufzuhalten." Zudem sei es, so Zemla, Aufgabe der Politik, die Modernisierungswut zu steuern: "Warschau hat eine starke Vergangenheit. Das Mittelalter, die kommunistische Ära, die moderne Übergangszeit - alle diese Phasen haben ihre Spuren hinterlassen und machen doch gerade in der Kombination mit den modernen Hochhäusern den besonderen Reiz Warschaus aus."

Gewollte Kombinationen von Tradition und Moderne stehen im Zentrum jenes 500-Millionen-Euro Mammut-Museumsprojektes, das die Stadt mit großzügiger Unterstützung der Europäischen Union derzeit realisiert. Sechs neue, anspruchsvolle Museen erhält Polens Hauptstadt in den kommenden Jahren, teilweise sind sie bereits eröffnet. Wie etwa das Fryderyk Chopin Museum: In dem historischen Ostrogski Palast an der Okólnik- Straße ist eine hochmoderne Ausstellung über das Leben und Wirken des polnischen Klavierkomponisten inszeniert worden, der in diesem Jahr seinen 200. Geburtstag gefeiert hätte.

Dass die Ausstellung seit ihrer Eröffnung am 1. März permanent ausgebucht ist, wertet Tomasz Zemla als eindeutiges Zeichen des Erfolges: "Hier wird auf gekonnte Weise unser kulturelles Erbe gewahrt und gleichzeitig der Standort Warschau als moderne Metropole gestärkt." Die weiteren fünf Ausstellungshäuser haben Themen wie die Geschichte Polens und - in einem anderen Museum - die der polnischen Juden. Es gibt ein Kopernikus-Wissenschafts-Zentrum, ein rundum erneuertes Armeemuseum sowie jener im Vorfeld von Bürgeraufständen begleitete Bau des Museums für Moderne Kunst am Defilad-Platz.

All der Ärger, da ist sich Tomasz Zemla sicher, wird längst verraucht sein, wenn das von dem Schweizer Architekten Christian Kerez entworfene Gebäude 2014 eröffnet wird. "Aktuell sind die Proteste ein wichtiger Bestandteil der pluralistischen Meinungsbildung in unserer jungen Demokratie. Im Rückblick werden sie nicht mehr als eine Fußnote der Geschichte sein."

Autor:
Nico Cramer