Philippinen Kopi Luwak - Erst mal verdauen

Mara Buan ist zufrieden. Wenn der 92-Jährige auf sein Dorf am Fuße des Berges Matutum schaut, freut er sich. So wohlhabend wie zu heutigen Zeiten hat er es noch nie gesehen. Der alte Mann gehört zu den B'laan, einem indigenen Volk, heimisch in Mindanao, im Süden der Philippinen.

Eigentlich sind die Philippinen ein Touristenparadies. Unzählige Strände und sonniges Wetter verheißen entspannte Wochen unter Palmen. Doch dort wo Mara Buan lebt, kommen nicht viele Touristen vorbei. Im Regenwald in den Bergen sind die Philippinen nicht mehr Strand und warmes Wetter. Auf 1000 Meter Höhe wird es kühl, neblig und feucht. Nachts kann die Temperatur auch während der heißen Monate zwischen Juli und August immerhin auf zehn Grad Celsius fallen.

Strom und fließend Wasser sind noch nicht bis an den Fuß des Berges vorgedrungen. Die B'laan leben in sehr ursprünglichen Verhältnissen. Wenn es dunkel wird am Fuße des Matutum, beginnt das, was den B'laan ihren bescheidenen Wohlstand beschert. Dann kommen die Musangs aus ihren Verstecken. Musangs sind nachtaktive Schleichkatzen, heimisch in den Regenwäldern Asiens und Afrikas. Mit einer mitteleuropäischen Katze hat das Tier eigentlich gar nichts gemein. Einen Musang muss man sich eher wie einen großen Marder vorstellen.

Für Mara Buans Sohn Marcelo beginnt der Tag morgens um kurz nach fünf. Dann macht er sich zusammen mit seinem Sohn Ruel und dem Schwiegersohn Gerwin auf zur "Ernte". Ein schmaler Trampelpfad führt die drei Männer in den philippinischen Regenwald. Links und rechts türmen sich schon nach wenigen Schritten Urwaldriesen auf. Die Bäume sind so hoch, dass Details in den Baumkronen kaum erkennbar sind. "Dort oben leben die Musangs", erklärt Marcelo Buan.

Rund eine Stunde müssen sie laufen, bis sie eine Kaffeeplantage erreichen. An den Kaffeesträuchern hängen volle rote Kaffeekirschen. "Da hinter dem Busch beginnt Ruels Plantage", sagt Marcelo. Die Männer sind stolz auf ihren Kaffee. Prüfend pflücken sie ein paar der Kaffeekirschen. Doch deswegen sind sie eigentlich nicht gekommen. Ihr Blick wandert zu Boden. Schon auf dem Hinweg haben sie nach links und rechts geschaut und den Pfad unter ihren Füßen nicht aus den Augen gelassen. Nun verteilen sie sich im Urwald. Mit sicheren Schritten klettern sie über umgestürzte Bäume und ducken sich unter Sträuchern hindurch. Dabei behalten ihre Augen ununterbrochen den Waldboden im Blick. Die Männer suchen nach den Spuren des Musangs.

Plötzlich entdeckt Gerwin etwas. "Hier drüben", ruft er. Der 22-Jährige schiebt ein paar Blätter zur Seite und beginnt die Kaffeebohnen vom Urwaldboden aufzusammeln. "Das hat ein Musang heute Nacht ausgeschieden", sagt er. Dann erklärt er, was bei Nacht im Urwald vor sich geht: Der Musang, eine Schleichkatze, verbreitet in den tropischen Regenwäldern Asiens und Afrikas, frisst bei Nacht Kaffeekirschen. Mit seiner feinen Nase spürt er die allerbesten auf. Weil nur die Schale und das Fruchtfleisch verdaut werden, scheidet die Katze den Kern, also die Kaffeebohne, wieder aus, und auf dem Waldboden bleibt ein kleiner Haufen beige-grüner Kaffeebohnen zurück. Der wird am nächsten Tag von den Kaffeesammlern der B'laan aufgelesen. Sorgfältig verstaut Gerwin die Handvoll Kaffeebohnen in seiner Hemdtasche. Der Katzenkot ist bares Geld wert.

Weil das Tier nur die feinsten Kaffeekirschen frisst, kommen "hinten" auch nur die allerbesten Bohnen heraus. Die Darmflora der Katze soll angeblich auch entkoffeinierende Wirkung haben. Charakteristisch für Kaffee Alamid, Kaffee Balos, Civet Kaffee oder wie die indonesische Variante heißt, Kopi Luwak, ist der fehlende bittere Nachgeschmack. Dem Kaffee wird gar ein leicht nussig-erdbeeriges Aroma nachgesagt. Der besonders milde Geschmack des "Katzen-Kaffees" und seine Seltenheit führen in New York, London oder Tokio zu Preisen jenseits der 50 Euro für eine Tasse.

Dass sie so etwas Wertvolles direkt vor ihrer Haustür haben, war den B'laan bis vor zehn Jahren völlig unbekannt. Bis Fred Fredeluces, Mitarbeiter einer Nichtregierungsorganisation, in ihrer kleinen Siedlung aufgetaucht ist. "Ich habe die Armut gesehen und den Menschen erklärt sie seien reich", sagt Fredeluces heute. Für ihn ist es eine Win-Win-Situation. Er hat sich selbstständig gemacht, mit einem Kaffeeunternehmen. Den Kaffee, den er vertreibt, bezieht er von den B'laan. Als Bohne oder gemahlen exportiert er den Grundstoff für den edlen Tropfen nach Japan; auch mit Korea stehe er in Verhandlungen, sagt er.

Profit mit sozialem Gewissen

Fredeluces ist außerdem die Kontaktperson in Mindanao für den größten Katzen-Kaffee-Produzenten der Philippinen. Denn ins Rollen gebracht haben den philippinischen Kaffeetrend Vie und Basil Reyes im viele hundert Kilometer entfernten Manila. In Alabang im Süden der Hauptstadtregion produzieren die beiden Kaffee Alamid. Alamid ist ein eingetragenes Markenzeichen und steht für beste Qualität und fairen Handel, sagen sie. Jede Dose Kaffee, die von ihnen verkauft werde, sei zertifiziert. "Alle haben eine eindeutige Seriennummer", zeigt Vie Reyes.

Klar ginge es auch darum profitabel zu sein, doch das sei langfristig nur möglich, wenn man sich auch um die Erzeuger und deren Wohlergehen sorge: Unternehmertum mit sozialer Komponente. Vies und Basils Pläne gehen über den reinen Kaffeeverkauf hinaus. Sie wollen rund um den Trendkaffee einen ganz eigenen Tourismuszweig aufbauen. Öko-Abenteuerurlaub mit frischem Katzen-Morgenkaffee stellen sich die beiden vor.

In Mindanao beim B'laan-Volk geht das eigentlich jetzt schon. Besucher können eine oder zwei Nächte in einer der Bambushütten verbringen und morgens mit zum Kotsammeln in den Wald gehen. Fred Fredeluces möchte den Tourismus aber vorsichtig voran bringen. Er sieht die B'laan auf einem guten Weg aus der Armut. "Wenn aber zu viele Einflüsse von außen kommen, dann könnte sich die Kultur nachhaltig verändern", glaubt er. Schon der relative Wohlstand hat große Veränderungen gebracht.

Knapp zehn Jahre nachdem die B'laan den Kaffee aus der Katze entdeckt haben, sprechen alle Kinder Englisch. Jeder unter 24 hat eine weiterführende Schule besucht. Manche gar die Universität. "Ich habe die ersten Einnahmen aus dem Kaffeeverkauf für die Ausbildung meiner Kinder gespart", erklärt Marcelo Buan stolz. Die Grundschule des kleinen Ortes ist mit Mitteln der Europäischen Union finanziert worden, vor zehn Jahren gab es sie noch gar nicht. Die nächste weiterführende Schule ist drei Stunden Fußmarsch entfernt. Davon, die eigenen Kinder auf eine Universität zu schicken, konnten die B'laan lange nur träumen. Schon ein wenig mehr als absolut notwendige Grundbildung war bis vor kurzem unerschwinglich.

Mara Buan kann sich gut daran erinnern, wie es war bis der Musang-Kaffee ihr Leben verändert hat. Bis dahin teilten sie das Schicksal vieler indigener Stämme weltweit. Abgeschnitten von dem, was als Zivilisation bezeichnet wird, fristeten sie ein Dasein fernab von Bildung und der Chance, etwas aus sich zu machen. Alkoholprobleme seien weit verbreitet gewesen, erzählen die B'laan heute. Doch mit dem Kaffee habe sich das alles geändert. "Früher haben wir die Tiere gejagt und gegessen", weiß Mara Buan noch von damals. Keiner im Ort würde das je wieder machen.

Fred Fredeluces bringt es auf den Punkt: "Geht es den Musangs gut, geht es auch den B'laan gut", grinst er. Jedes Jahr wird der Ertrag etwas mehr. 2006 haben sie zum ersten Mal geerntet. 500 Kilo Civet Kaffee waren es damals. Im vergangenen Jahr hatte sich die Ernte vervierfacht. Dabei macht der Civet Kaffee nur rund zehn Prozent der gesamten Kaffee-Ernte aus. Der Rest ist herkömmliche Ware.

Wieder im Dorf angekommen, legen die drei B'laan Männer die gesammelten Bohnen zum Trocknen in der Sonne aus. Gewaschen werden sie erst kurz vor dem nächsten Verarbeitungsschritt. Fred Fredeluces erklärt warum: "Wenn sie die Bohnen waschen, bevor ich sie hole, ist es viel komplizierter normale Bohnen und die Bohnen aus der Schleichkatze zu unterscheiden."

Dann gönnen sich Marcelo und seine Begleiter erst einmal einen Kaffee. Dass Großvater Maran Buan 92 Jahre alt sei und sicher noch etliche Jahre vor sich habe, wird auf die heiße, schwarze Brühe zurückgeführt. Auch darum erzählt man sich bei den B'Laan, der Civet Kaffee habe magische Kräfte. Selbst wenn seine Entstehungsgeschichte nicht ganz so zauberhaft sein mag.

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Autor:
Malte E. Kollenberg