Philippinen Fahrradtouren und Entwicklungshilfe

Eigentlich die perfekten Bedingungen für ausgiebige Fahrradtrecking-Touren, dachte sich Jens Funk als er 2002 vom Deutschen Entwicklungsdienst (DED) auf die Philippinen geschickt wurde; nach Cebu City, der zweitgrößten Stadt des Landes. Der studierte Informatiker sollte den Kindern der Stadt den Umgang mit Computern beibringen. Das hat er vier Jahre lang auch gemacht. Und ganz nebenbei das geschaffen, was ihn heute in Südostasien hält: ein kleines Outdoor-Imperium.

Während er davon erzählt, montiert er das Vorderrad seines Trekkingfahrrads ab. Das Gefährt soll später in einen Pappkarton passen. Da muss es rein, damit er es im Flugzeug mitnehmen kann. In zwei Tagen fliegt er für eine Radtour nach Indien.

"Als ich hier hingekommen bin, war ich der einzige auf dem Mountainbike," sagt der 44-jährige. An den Wänden in seinem Wohnzimmer hängen die Erinnerungen an unzählige Fahrradtouren der letzten Dekade. Nach China, Pakistan und selbstredend von Touren auf den Philippinen. Hier war Jens Funk schon in jedem Winkel. Kaum einer kennt das Land so gut wie der Mittvierziger.

Vier Jahre ausgiebiges Touren auf den Philippinen verarbeitete er zusammen mit dem Holländer Martin Langevoord im ersten Fahrradführer, der zu dem südostasiatischen Land erhältlich ist. Auf 350 Seiten stellen die beiden Profibiker 240 Touren auf den Visayas, dem mittleren Teil der Philippinen vor. Das Land wird unterteilt in Luzon im Norden, die Visayas in der Mitte und Mindanao im Süden. Die Manuskripte für Luzon und Mindanao liegen schon auf Jens Funks Festplatte. Zeit, sich um die Nachfolgereiseführer zu kümmern, hat der Radabenteurer nicht. Die Welt will weiter entdeckt werden. Einmal im Jahr ist er mit Freunden unterwegs, irgendwo in Asien, um ein Land oder eine Region strampelnd zu erkunden. 2011 ist Indien an der Reihe. Drei philippinische Kollegen nimmt er mit.

Im Wohnzimmer bereitet sich die Gruppe auf die Abreise vor. Die Räder müssen in Schuss gebracht werden. Das ist das Wichtigste. Alle vier Mann fahren mit nahezu identischer Ausrüstung: Reifen, Felgen, Schalt und Bremssysteme, alles baugleich. Das hat ganz praktische Gründe. Wenn etwas kaputt geht, reicht es ein Ersatzteil dabei zu haben. Wenn sie in Indien ankommen, ist ein komplettes Fahrrad, vom Rahmen abgesehen, auf die Biker verteilt. In Seitentaschen und Rucksäcken, verstaut neben Fertignahrung, Gaskocher, Zelten, Schlafsäcken und warmen Klamotten.

"Als ich ihnen gesagt habe, dass es richtig kalt werden kann, da ist denen ganz anders geworden", grinst Jens Funk. Auf den Philippinen fällt das Thermometer nur sehr selten unter 20 Grad. Die Temperaturen sind wahrscheinlich das einzige, an das sich die drei Philippiner werden gewöhnen müssen. Denn Touren mit Jens sind sie gewohnt.

Deutsche Fahrräder für Cebu City

Zusammen mit seinen einheimischen Helfern organisiert der Deutsche Fahrradurlaube. Zehn Tage, zwei Wochen oder auch mehr - mit dem Fahrrad über die Philippinen - können bei ihm gebucht werden. Meistens sind die Fahrradtouristen Anfang 40 bis Mitte 60, wenn sie sich mit Jens auf den Weg machen, in Gruppen bis maximal zwölf Personen, begleitet von drei Reiseleitern. "Einer fährt vorne, mit den Schnellen. Einer in der Mitte und einer hinten, damit niemand zurück bleibt", erklärt Funk. Dann stopft er Wasseraufbereitungstabletten und Fertignahrung in eine Fahrradtasche. Für Indien müssen die Radler alles am Fahrrad mitführen. Ein Begleitfahrzeug wie bei den Gruppenreisen auf den Philippinen ist nicht dabei.

Wer nicht in Begleitung die Philippinen ertouren möchte, kann sich auch nur Räder bei ihm leihen. "Viele kommen her, kaufen das Buch und machen das auf eigene Faust. Das sind Tourbiker wie ich", sagt Jens. Oft bleiben sie eine Nacht in einem der beiden Gästezimmer, die er und seine Freundin Melanie anbieten. "Sie lassen sich ein paar Tipps geben und machen sich dann auf den Weg", sagt er.

Auf einmal springt er auf und setzt sich an den Computer auf dem vollgepackten Schreibtisch. Links liegt noch ungeöffnete Post der letzten Wochen. Jens war in Deutschland. Seit zwei Tagen ist er erst wieder im Land. Zwei drei Mausklicks, dann zeigt er auf den Bildschirm: "Das sind Bilder von meiner Fahrradstiftung."

Als er 2006 den Fahrradführer vorgestellt hat, hat er eine Gruppe Jugendlicher gefragt, warum sie nicht Fahrrad fahren würden. Die Antwort war simpel. "Wir können uns keine Fahrräder leisten, haben die gesagt", erinnert er sich. Beim nächsten Besuch in Deutschland sammelte Jens Funk mit Unterstützung von Freunden alte Räder zusammen. Gut hundert Stück hatten sie nach drei Wochen. Auch das Problem die Räder auf die Philippinen zu transportieren war schnell gelöst: Seine jährliche Biketour, auch die 2011 nach Indien, wird kilometerweise im Internet verkauft. Damit sind die Transportkosten abgedeckt. Fast 250 Fahrräder hat er so bereits Cebu City geschafft.

"Hier vor Ort werden die Räder in Schulen an die Kinder abgegeben. Wer eines haben möchte, muss einen Antrag stellen", erläutert er. Die Kinder sollen so von der Straße runter und sich Fahrradclubs anschließen. Und davon gibt es mittlerweile unzählige.

Vielleicht zieht sich Jens Funk so auch den Nachwuchs für eine seiner anderen Unternehmungen heran. Er hat eine weitere Marktlücke entdeckt: Mit drei Philippinern betreibt er den ersten Fahrradkurierservice in Cebu. Anfangs war es schwer an Aufträge zu kommen, weil niemand sich etwas unter einem Fahrradkurier vorstellen konnte, aber nach zwei Jahren hat sich der Dienst etabliert. Die Rad-Aktivitäten des Deutschen sprechen sich herum.

Auch die Tourismusbehörde von Cebu hat das Potenzial des Radfahrens erkannt. Ausschnitte aus Jens Funks Buch sollen bald als Faltblätter auf Messen und Tourismusbörsen verteilt werden. "Leute, die weltweit nach Fahrradländern suchen, werden die Philippinen nicht finden, weil viel zu wenig darüber geschrieben wird", klagt Jens Funk und fügt hinzu: "Aber früher oder später wird das Fahrradfahren auf den Philippinen einen Namen haben."

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Autor:
Malte E. Kollenberg