Philippinen Die bunten Jeepneys

"Die Erfolgsgeschichte der Jeepneys ist auch eine traurige Geschichte", sagt Fremdenführer Carlos Celdran. "Früher hatte Manila ein gut ausgebautes Straßenbahnnetz." Doch das ist lange her. Seit Manila im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört wurde, existiert die Straßenbahn nicht mehr.

Doch man fand schnell Ersatz für die Tram. Nach dem Zweiten Weltkrieg eroberten die Jeepneys die Stadt. M38-Geländewagen der amerikanischen Streitkräfte, umgebaut, neu lackiert und so gar nicht militärisch. Heute sind es "Pop Icons", sagt Ed Sarao. Er ist Chef eines der führenden Jeepney-Hersteller auf den Philippinen. Sarao Motors hat die Jeepneys groß gemacht. Eds Vater war es, der die Firma Anfang der 1950er-Jahre gründete - und ein Wahrzeichen schuf. Was in Thailand die Tuk-tuks, in New York oder London die Taxen und auf Kuba die amerikanischen Straßenkreuzer, sind auf den Philippinen die Jeepneys.

Dass es die Jeepneys zu so weiter Verbreitung gebracht haben, hat einen ganz einfachen Grund. Nachdem Manila und der Rest der Philippinen von der japanischen Besatzung befreit waren, und die Amerikaner langsam ihre Truppen reduzierten, blieben viele der Militärjeeps auf den Inseln zurück. Für nur einen Dollar wurden die Fahrzeuge an Filipinos verkauft. Ein Schnäppchen.

Kaum jemand wollte aber in olivgrünen Militärautos unterwegs sein. Die Erinnerung an den Krieg sollte nicht mehr täglich präsent sein. Die Jeeps wurden bunt umlackiert und philippinischem Erfindergeist folgend wurde das Innere so umgestaltet, dass mit dem Fahrzeug nicht nur Beifahrer und Fahrer einigermaßen gemütlich transportiert werden konnten. Aus hochklappbaren Metallsitzen wurden echte Rücksitze.

Das war Anfang der 1950er-Jahre und der junge Leonardo Sarao hatte gerade seinen Job in einer Autowerkstatt in Manila aufgegeben, um Jeepneys zu bauen. Der ehemalige Kutscher wusste wie wichtig Personennahverkehr war und entwickelte ein neues Jeepney-Design. Aus den ausrangierten Geländewagen von der Stange baute die junge Firma bunte und einmalige "Busse". Das Original-Fahrgestell wurde einfach verlängert, und die Karosserie komplett umgebaut. Die Front erinnert allerdings auch heute noch unverkennbar an den militärischen Vorfahren des "Spaßmobils".

Die ersten Fahrzeuge hatten zunächst kaum mehr Platz als für sechs Personen. Doch in den vergangenen 60 Jahren haben sich die Jeepneys ähnlich entwickelt wie die Bevölkerung der Philippinen. Aus rund 50 Millionen Einwohnern sind bis heute 100 Millionen geworden. Aus Sechssitzern sind Jeepneys mit zwölf und mehr Sitzen geworden. Extra lange Versionen bringen es auf rund 20 Sitzplätze. So genau lässt sich das oft nicht sagen. Herstellerangaben und wirkliche Transportkapazität stimmen auf philippinischen Strassen nicht immer überein. "Das war der beste Weg, um die Philippinen zu mobilisieren", sagt heute Ed Sarao, Chef des Familienbetriebs. Eigentlich ist Ed Sarao Architekt, statt Gebäude entwirft er allerdings Jeepneys.

Das klassische Jeepney vom Aussterben bedroht

Wer in Manila unterwegs ist, kann den Eindruck bekommen, Jeepneys fahren einfach da hin, wo der Fahrer gerade hin möchte. Wer mit will, springt auf. Doch ganz so chaotisch ist die Realität nicht. Jedes Jeepney hat eine festgelegte Route. Selbst die Zwischenstopps sind weitgehend festgelegt. Zwischen den vielen bunten Verzierungen auf der Karosserie steht schwarz auf gelb von wo nach wo es geht und welche Strecke dafür genommen wird.

Die traditionellen Jeepneys waren nie so gefährdet wie heute. Und das, obwohl seit den 1960er-Jahren nicht einmal mehr original Jeep-Teile verbaut werden. Erst wurden die Motoren knapp und durch japanische Lastwagenmotoren ersetzt. "Auch Unimog Motoren von Mercedes haben wir probiert", grinst Ed Sarao. Aber die waren einfach zu teuer. Letztlich blieben nur die japanischen Motoren. "Ein Jeepney ist ziemlich schwer, da braucht es einen starken Motor." Kurz nach den Motoren wurden auch die Karosserieteile für die Frontpartie zur Mangelware. Diese seitdem von philippinischen Karosseriebauern in Handarbeit hergestellt.

Ed Sarao erinnert sich noch gut an die 1980er-Jahre, als es den Jeepney-Bauern noch gut ging. Heute wird es immer schwieriger. Vielleicht ist die Zeit der Jeepneys einfach vorbei, überlegt er laut. "Damals hat die Regierung mit Jeepenys für die Philippinen geworben", sagt er. "In den 1970er-Jahren haben sie sogar ein Jeepney auf Weltreise geschickt." Dann kramt er alte Fotos heraus: "Da ist unser Sarao Jeepney in London und hier ist es in Paris, vor dem Eifelturm."

Jeepneys, eine echt philippinische Erfindung, haben es nie wirklich aus dem Land heraus geschafft. Gerne hätten die Saraos die Fahrzeuge auch exportiert. Aber mit philippinischen Exportzöllen wollte die niemand mehr, erinnert sich der Firmenchef. Auch heute macht ihm die Regierung zu schaffen. Elektro-Jeepneys sollen demnächst die Abgasmonster mit den LKW-Motoren ersetzen. Makati, Manilas Bankenviertel, hat in einem Großversuch schon 14 E-Jeepneys in Betrieb. Im Juli 2011 ist die dritte E-Jeepney Route eingeweiht worden. An den Flair der M38-Jeepneys aber kommen die Elektrofahrzeuge nicht heran.

Umweltstandards erfüllen die Sarao-Jeepneys nicht. Lizenzen für den Betrieb von Jeepney-Routen werden deshalb oft nicht verlängert. In den vergangenen Jahren gingen die Produktionszahlen immer weiter zurück. Waren es 2009 noch rund 70 Jeepneys, die das Werk im Süden Manilas verlassen haben, wurde 2010 bereits ein Drittel weniger produziert. So wie es bisher aussieht, setzt sich der Trend 2011 fort. Dieses Jahr hat Sarao Motors gerade einmal 20 Jeepneys ausgeliefert.

Wenn es ganz schlecht läuft, wird die Jeepneys ein ähnliches Schicksal ereilen, wie Manilas Straßenbahn. Dann wird die Traditions-Schmiede Sarao bald die Pforten schließen müssen. Es fehlt am Geld. Nicht an Ideen. Entwürfe für neue Jeepneys mit aktueller Technik hat Ed Sarao in der Schublade. Er grinst: "Am liebsten würde ich einen philippinischen VW-Käfer bauen." Nach den Jeepneys, einen philippinischen Volkswagen, ein Auto für Jedermann.

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Autor:
Malte E. Kollenberg