Peking Die Architektur der Hofhäuser

Der Feng-Shui-Meister jagte Laura Benni einen Schreck ein, als er ihren Umzug in das neue Viertel rügte: "Das Krankenhaus dort hat zu viel negative Energie, Yang. Die Polizeistation zu viel positive Energie, Yin", erklärte er. Der Feng-Shui-Unterricht geriet für Laura Benni an diesem Tag zur Tortur. Sie kehrte besorgt in ihr Hofhaus zurück, das aufwendig im Alt-Pekinger Stil renoviert worden war und Familie Benni mehrere tausend Euro Miete monatlich kostet. Die Miete ist kein Problem. Aber der Energiefluss?

Welche Erleichterung, als Laura Benni noch mal die genaue Lage ihres Hauses überprüfte: "Es steht exakt zwischen Krankenhaus und Polizeistation, dadurch balancieren sich die positiven und negativen Kräfte doch aus, oder?" Ihr Feng-Shui-Meister gab ihr recht, lobte ihre Beobachtungsgabe. Auch der Granatapfelbaum im Hof, nach alter Lehre sehr förderlich für die Fruchtbarkeit, steht weit genug vom Schlafzimmer entfernt. Laura und Enrico haben schon drei Kinder, das reicht vorerst.

"Kleine Verbotene Stadt" nennen Freunde, die zu Besuch kommen, das neue Heim der Bennis. Denn wie der Sitz der Kaiser im Herzen Pekings sind auch die Gebäude ihres Domizils streng symmetrisch in Nord-Süd-Richtung um einen quadratischen Hof herum angeordnet. Nach allen vier Seiten wehren 3,40 Meter hohe Außenmauern neugierige Blicke von Passanten ab. Siheyuan nennt sich diese Struktur, wobei si (vier) für die vier Himmelsrichtungen steht und he (vereinigen) für die verbundenen Mauern, die um den zentralen yuan (Hof) herum gebaut wurden.

Die einstöckigen Hofhäuser prägten einst Peking, verliehen der Kapitale den Charme eines großen Dorfes mit all den Gassen und Mauern, dem Leben zwischen und den Geheimnissen hinter ihnen. Dem neuen China aber stehen die siheyuan im Weg. Gut zwei Drittel mussten bis heute modernen Wohnblocks, Straßen und Einkaufshäusern weichen. Zu viele, denkt eine immer größer werdende Schar von Liebhabern. Der Architekt des Hofhauses der Bennis hat bereits rund 50 siheyuan renoviert, so viele wie kein Zweiter in Peking. Die meisten seiner Kunden sind Ausländer, denen ein Stück alten Pekings die Schwindel erregenden Mieten zwischen 2000 und 8000 Euro im Monat wert sind.

"Hier haben wir das Gefühl, in China zu leben", sagt Laura Benni und schreitet die Steinplatten im Innenhof ab. Ihre drei Kinder spielen auf 970 Quadratmeter Fangen, ein seltener Luxus im zugebauten Peking. Die Kulisse ihres Spielplatzes: konkave Dächer aus zwei Lagen schwarzer Lehmziegel, rote Holzsäulen mit pastellfarbenen Mustern und Blumenmotiven wie an einem buddhistischen Tempel.

Die Architektur der Hofhäuser gleicht einem Mikrokosmos, dessen Räume der Sozial- und Familienstruktur des Konfuzianismus entsprechend angeordnet sind. Das größte Gebäude steht an der Nordseite, weist nach Süden und bekommt am meisten Sonne ab, wichtig vor allem während der harschen Pekinger Winter. Deshalb genoss das Familienoberhaupt das Privileg dieser Lage. Die Bennis aber haben die Nordseite sehr unorthodox in ein Wohnzimmer umgewandelt. Das Ehepaar nächtigt nun im westlichen, etwas niedrigeren Gebäude, in dem traditionell der Erstgeborene und seine Ehefrau untergebracht waren. Im südlichen Flügel, das meist als Studierzimmer diente, sind nun die Kinderzimmer - ganzjährig beheizt.

Passanten sehen nichts von der Raffinesse des Hofhauses der Bennis, nur eine graue Mauer mit Tor wie vor all den anderen Häusern, die in ihrer Reihung eine Gasse ergeben, hutong genannt - ein Wort, das umgangssprachlich für ein ganzes Viertel steht. Die Bennis wohnen am Eingang der Baochan-Hutong. 500 Meter ist das Gässchen lang und schützt die Bewohner vor Lärm und Gewusel der zweispurigen Geschäftsstraße, in die es mündet.

Gegenüber den Bennis hat ein Schneider seine winzige Stube eingerichtet und näht bis tief in die Nacht Blusen, Mäntel, Röcke. Nebenan, wie gesagt, die Polizeistation, Baochan-Hutong Nummer 25, samt öffentlichem Pissoir. Das nutzen auch die Bewohner der Baochan-Hutong Nummer 27, denn sie haben keine eigene Toilette.

Gras wächst aus dem Eingangstor von Nummer 27. Dahinter verzweigen sich winzige Gassen. Ruß und Staub hat sich auf Fensterrahmen und Mauern abgelagert, Fahrräder, Wasserkübel und Kohlehaufen stapeln sich in den Ecken, aufgehängte Wäsche besetzt jeden Luftraum. Ein Labyrinth aus Sackgassen: Egal, in welche Richtung der Besucher geht, er landet immer in einer Sackgasse. Es braucht eine Weile, bis man versteht: Die Bewohner haben den Hof eines traditionellen siheyuan zugebaut, haben an die vier Außengebäude weitere Räume angemauert, um Wohnraum für immer mehr Menschen zu schaffen. Der Großteil von Pekings Hofhäusern wird auf diese Weise übernutzt und hat sie für die Menschen zu einem Sinnbild des armen, rückständigen China werden lassen, das es zu überwinden gelte.

Früher wohnte in einem Hofhaus nur eine Großfamilie - heute leben darin bis zu 30 Familien auf engstem Raum. "Lässt man sie so, wie sie sind, sind es Slums. Saniert man sie, werden es Reichensiedlungen - Hutongs befinden sich im Zentrum, rund um die Verbotene Stadt. Beste Innenstadtlage also", sagt Matthew Hu von den "Friends of old Beijing". "Aber die Hutong-Bewohner bezahlen nur niedrige Mieten, aus diesem Viertel bekommt die Regierung also kaum Geld. Ganz anders, wenn sie das Viertel abreißen lässt, das Nutzungsrecht an Immobilienfirmen verkauft und Wohnhochhäuser hochzieht."

Die Bewohner der Baochan-Hutong Nummer 27 rätseln täglich, ob ihre Bleibe vor dem Abriss sicher ist oder von einem jener mehrstöckigen Klinkerbauten verdrängt werden wird wie genau gegenüber. Dem Neubau schließen sich hastig gemauerte Suppenküchen an, am Ende der Baochan-Hutong schließlich klafft eine Baugrube für die neue U-Bahnstation Ping'anli. Einige gut erhaltene Abschnitte der Baochan- Hutong dagegen hat die Distriktverwaltung bereits als "Kulturerbe" deklariert.

Aus dem Eingang zu Hausnummer 21 dringen Hammerschläge und das Gekreisch der Sägen, Bauarbeiter karren Schutt weg. Nachbarn drängen sich in die Gänge und beäugen den Baufortschritt. Fünf Familien haben zuvor in dieser Anlage gewohnt, sind jetzt in moderne Vorort- Apartments gezogen, mit mehr Platz und eigener Toilette. Doch nun riecht es in der Baochan-Hutong Nummer 21 wieder nach frischer Farbe - das dunkle Rot soll Glück und Wohlstand zurückbringen. Die Distriktverwaltung bezuschusst die Renovierung ausgerechnet dieses siheyuan, weil es einmal ein Tempel war. Das Original wurde komplett abgerissen, die neuen Ziegel und Backsteine, Holzsäulen und Tor kommen frisch aus der Fabrik. "Unser Sohn will hier ein Gästehaus für ausländische Touristen eröffnen, Touren durch das Hutong-Viertel anbieten", sagt Frau Wang Shihua. Er studiert noch BWL in Singapur. Sie gibt sich größte Mühe, ihm die Liebe zu den altertümlichen Neubauten zu vermitteln.

Fast ihr ganzes Leben hat Frau Wang hier verbracht, erinnert sich gern an die heißen Pekinger Sommerabende, an denen das ganze Viertel zur Abkühlung bis spät nachts in der Gasse spazieren ging, Nachbarn tratschten, die Männer steckten stundenlang ihre Köpfe über Tische zusammen, auf denen Kampfgrillen aufeinander losgingen oder die Steine des chinesischen Schachspiels Xiangqi in einem Rhythmus verschoben wurden, der aus einer anderen Zeit stammte als das Gehupe und Gehetze heute auf den Straßen vor der Hutong. Zugegeben, die Dächer wurden undicht, für Privatsphäre war nie Platz. Als ihr Mann dann mit seiner Elektronikfabrik Geld machte, zogen sie in einen Apartmentblock weit draußen. "Aber vielleicht ziehen wir ja zurück", sagt Frau Wang, und Hoffnung spiegelt sich in ihrem Gesicht. Ihr Mann schweigt.

Überall in Peking bekommen Hofhäuser neue Dächer und Sanitäranlagen, besonders in der Nähe von U-Bahnstationen, über die ausländische Sporttouristen olympische Spielstätten und ihre Hotels erreichen werden. Auch direkt um die Verbotene Stadt wurden viele Straßenzüge renoviert. Rund 600 der noch verbliebenen knapp tausend Hutongs stehen mittlerweile unter Denkmalschutz. Wie viele davon tatsächlich bleiben werden, können auch Experten nicht sagen. Denn selbst wenn sie unter Denkmalschutz gestellt werden wie die Baochan-Hutong, kann die Stadt jederzeit eine Abriss- und Baugenehmigung erteilen. "Das ist China", sagt Enrico Benni. "Bei uns in Rom ist fast jeder alte Stein unantastbar. Und fast alle sind alt." Ihre chinesischen Freunde folgern deshalb schlüssig: "Hier ist nicht China." Sie belächeln den Ausländer, der sich nach dem alten Peking sehnt. Hochhausapartments sind in China Zeichen von Aufschwung und Wirtschaftswunder wie von Individualität. Doch Enrico Benni sitzt sichtlich glücklich zusammen mit seinen Gästen an einem langen Holztisch, man isst Pizza. "Was genau ist schon China?" sagt er. "Vielleicht fällt die Antwort in zehn Jahren anders aus als heute."

Autor:
Tilman Wörtz