Paris Trauen Sie keinem Kellner!

Der Franzose vermeidet Fremdsprachen. Der Pariser sowieso. Diese Vorurteile halten sich hartnäckig und unsere europäischen Nachbarn sind nicht ganz unschuldig daran. Schließlich gibt es noch immer jene Kellner in den Straßencafés, die sich schlichtweg weigern, meine in radebrechendem, aber dennoch verständlichem Schulfranzösisch vorgetragenen Bestellungen aufzunehmen. Es ist eine Schande: Ich bin seit Jahrzehnten diesen ignoranten garcons auf Gedeih, Verderb und Milchkaffee ausgeliefert.

Englisch? Deutsch? Spanisch? Fehlanzeige. Sämtliche Kommunikationsversuche wurden auch bei meinem letzten Paris-Besuch mit einem Augenrollen beziehungsweise Schulterzucken abgeblockt. Italienisch soll den Franzosen angeblich liegen, aber das habe ich nun leider nicht zu bieten. Die Servicekraft war auf jeden Fall irgendwie beleidigt und rauschte wild gestikulierend Richtung Espressomaschine ab.

Fünf Minuten später kriegte ich einen Kaffee samt Keks auf den Bistrotisch geknallt und durfte mich glücklich schätzen, für dieses Gedeck einen völlig überteuerten Preis zu bezahlen. Ich hatte übrigens eine Cola bestellt. Ohne Keks. "Un coca-cola, s'il vous plaît." Selbst wenn man diesen kurzen Satz mit einer Tennissocke im Mund ausspricht, müsste dieser doch für einen unterdurchschnittlich aufmerksamen Oberkellner verständlich sein.

Noch vor einigen Jahren waren meine Aufenthalte in der Seine-Metropole durchgehend geprägt von gescheiterten Kommunikationsversuchen mit der Bevölkerung. Selbst der Erwerb eines Metro-Tickets erwies sich aufgrund der Sprachbarriere als kleines Abenteuer. Für Außenstehende muss das immer ausgesehen haben, als ob sich zwei Gorillas gegenseitig durch eine Glasscheibe hindurch eine Schuhbürste verkaufen. Unvergessen auch als ich mich einmal auf einem Wochenmarkt im 7. Bezirk als Deutscher zu erkennen gab und von rüstigen Rentnern mit einem freundlich-aggressiven "Heil Hitler" von der Straße getrieben wurde. Keine schöne Art, die eigene Muttersprache zu hören, aber wer möchte es den älteren Herrschaften verdenken.

Als Tourist versuchte ich deshalb immer, möglichst wenig anzuecken. Baguette unter dem Arm, Rotwein zum Mittag und mit ein paar unfreundlich dahin geraunzten "Oui" und "Non" wuselte ich mich erfolgreich unauffällig durch den Pariser Alltag. Höhepunkt meiner Undercover-Missionen war ein Abend in einem dieser Kellerlokale, in dem die Stammgäste auf das Eintreten von Fremden mit sofortiger Totenstille und bösen Blicken reagieren. Es gab Wurst, Käse und viel Rotwein. Ich sagte "Oui" und "Non" und am Ende sangen knapp 80 Franzosen lauthals Charles Trenets "Douce France". Ich bewegte nur die Lippen, trotzdem war ich in diesem Moment einer der ihren. So schön konnte also Paris sein.

Einfach den Spieß umdrehen!

Doch warum sprechen die Pariser eigentlich so ungern fremde Sprachen? Wahrscheinlich, weil sie immer diesen furchtbaren Akzent haben und sich deshalb sehr schämen. Zu Recht. Selbst so weltgewandte Herrschaften wie Modeschöpfer Jean-Paul Gaultier oder Staatspräsident Nicolas Sarkozy klingen unfreiwillig komisch und meist auch unverständlich, wenn sie sich am Englischen versuchen. Und das ist noch charmant ausgedrückt. Also, warum sollte sich irgendein Franzose solch eine Schmach antun, wenn er den Spieß umdrehen kann? Dann doch lieber die Touristen auflaufen lassen und von den eigenen Unzulänglichkeiten geschickt ablenken.

Es sei der Grande Nation verziehen. Eine gefühlte Ewigkeit mussten die Franzosen überhaupt kein Englisch sprechen. Warum auch? Aus den USA oder Großbritannien brauchten sie nichts, ein Kulturimport war nie nötig. Die Franzosen drehten geniale Filme, schrieben tolle Bücher, zeichneten die besseren Comics und waren mit ihren Chansons glücklich. Und als die Rapmusik aufkam, lieferten sogar die eigenen Vorstadt-Ghettos genug Lebensrealität sowie Beats für die Jugend. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Über die einzigartige Stellung als Modehauptstadt des gesamten Universum wollen wir gar nicht erst reden. Da kann man schon mal stolz auf die eigene Sprache sein und völlig vergessen, dass der Rest der Welt sie nicht spricht.

Doch aller unverschämten Arroganz zum Trotze: Die Pariser sind im Laufe der vergangenen Jahre über ihren Schatten gesprungen und versuchen sich in Weltoffenheit. Das gelingt ihnen für ihre Verhältnisse recht gut. Die nette Empfangsdame im Jacquemart-André-Museum parliert zum Beispiel nett auf Englisch mit mir, jedoch kann sie es sich nicht verkneifen, anzumerken wie "stupid" ich doch sei, das Französische nicht zu beherrschen. Touché! Sie hat ja Recht.

Sogar in den meisten Pariser Bars geht es inzwischen viel entspannter zu. Früher wurde man als dummer Tourist nur geduldet, jetzt ist man tatsächlich willkommen. Man unterhält sich. Auf Englisch und manchmal sogar auf Deutsch. Herrlich. Und der Typ hinter dem Tresen lächelt selbst dann noch freundlich wenn ich ein belgisches Bier bestelle.

Die Mär vom fremdsprachenlosen Pariser gehört zum Glück der Vergangenheit an. Nicht nur bei McDonald's an der Champs-Élysées versteht man die Touristen, auch der Rest der wunderschönen Stadt lauscht zumindest ihren englischen Worten. Mercí dafür. Nur die Kellner in den einschlägigen Straßencafés sind weiterhin mit Vorsicht zu genießen.

Autor:
Denis Krah