Frankreich Sightseeing in Paris

Um halb acht Uhr morgens hat es niemand besonders eilig an der Seine. Sollte man zumindest annehmen. "Quickly, quickly!", ruft Jean-Charles Sarfati, während er schnellen Schrittes auf die Pont des Arts läuft. Der durchtrainierte Jogger ist in der Morgendämmerung gut zu erkennen, sein froschgrünes T-Shirt leuchtet im Halbdunkel.
Auf der Mitte der Fußgängerbrücke stoppt Sarfati und zählt im Stakkato-Rhythmus die Sehenswürdigkeiten auf. "Geradeaus die Île de la Cité. Sehen Sie die Türme von Notre Dame? Dahinter die kleinere Île Saint-Louis." Nur kurze Atempausen trennen eine Seine-Insel von der Nächsten. "Dort, die Conciergerie, ein Palast aus dem 14. Jahrhundert. Später ein Gefängnis, auch für Marie Antoinette. Die Pont Neuf, die älteste Brücke von Paris. Das Kunstmuseum Musée d'Orsay, natürlich der Louvre am rechten Seine-Ufer. Ein Foto?"

Man würde gerne etwas verweilen auf dieser schönen alten Eisenbrücke aus dem frühen 18. Jahrhundert, die auch die "Brücke der Liebenden" genannt wird. An ihrem Gitter hängen Schlösser, verziert mit Initialen, Namen oder bunten Herzchen, angebracht von Pärchen, die sich auf ewig binden wollen. Doch Sarfati hat keine Zeit für die Liebe. Schließlich hat der 51-Jährige, der normalerweise als IT-Berater arbeitet, nur knapp eine Stunde, um mit seiner Klientin Julie Blamires die wichtigsten Sehenswürdigkeiten rund um die Seine "abzulaufen".

"Sightjogging" nennt sich das Angebot für Touristen und wird mittlerweile zum Renner in immer mehr Metropolen. 85 Euro pro Stunde zahlt man für das gemeinsame Laufen durch Paris, in einer größeren Gruppe sinkt der Preis. Sarfati, passionierter Langstrecken-Läufer, passt sein Tempo der jeweiligen Kundschaft an. Mit seiner Auftraggeberin Blamires schraubt er die Laufgeschwindigkeit ordentlich nach oben. Die Mutter zweier Kinder läuft in ihrer Heimat regelmäßig Halbmarathons.

"Ich finde, das ist eine schöne Möglichkeit, mit einem ortskundigen Begleiter sicher durch eine fremde Stadt zu laufen", sagt Blamires. Dass der ortskundige Begleiter das ein oder andere Mal auch rote Ampeln überrennt, scheint die 39-jährige aus Auckland nicht zu stören. Ihr ist es wichtiger, das optimale Schritttempo beizubehalten, als Straßenregeln zu beachten, um die sich in Paris ohnehin niemand schert.

Keine Zeit zum Flanieren

Auf Höhe der Pont de l'Alma fängt es plötzlich an zu nieseln. Der Himmel über Paris ist milchig trübe, doch Regenwolken sind nicht zu sehen. Bei einem Blick nach oben entdeckt man schnell den Grund für diese unerwartete Abkühlung: Zwei Männer in grünen Arbeitsuniformen stehen auf einer Wagenleiter und spritzen die französischen Flaggen entlang des Boulevards ab. Paris macht sich schön für den Tag.

Nur etwa 600 Meter weiter an der Seine entlang, nimmt Sarfati Kurs auf das Wahrzeichen von Paris, den über 300 Meter hohen Eiffelturm. Noch ist es hier ruhig. Unter einem hellgrauen Morgenhimmel picken ein paar Krähen unschlüssig in grüne Mülltüten, vier Soldaten schlendern gemächlich über den Champ de Mars in Richtung École Militaire. Erst in eineinhalb Stunden werden die Touristen wieder in Massen unter dem monumentalen Stahlwerkturm Schlange stehen.

Der Berufsverkehr setzt ein. Smog klebt in der Luft. Polizeisirenen jaulen. Vor dem Triumphbogen blinken die roten Rücklichter der Autos, die auf der sechsspurigen Champs-Élysées im Stau stehen. Langsam wird es zu gefährlich, einfach so über die Straßen zu rennen. "Eigentlich müssen sie anhalten, wenn man einen Fuß auf den Zebrastreifen setzt", sagt Sarfati. "Doch das tun sie in der Regel nicht". Seine Klientin Blamires nickt: "Die Neuseeländer verstehen beim Autofahren auch keinen Spaß".

Im Straßengewimmel rund um den Louvre wird der Jogging-Ausflug zum Hindernis-Parcour. Paris erwacht aus seinem Tiefschlaf. Auf den asphaltgrauen Bürgersteigen hasten Menschen entlang, es riecht nach Pappbecher-Kaffee und Parfüm. Ein Gemüsehändler stellt Plastikkübel mit roten Rosen und Tulpen vor sein Geschäft, es ist mittlerweile fast halb neun. Sarfati rennt im Slalom um telefonierende Geschäftsmänner in Anzug und Krawatte. An der Ecke zur Rue des Bonts Enfants mäht er fast eine Mutter mit Kinderwagen über den Haufen. Das Geschäftsviertel im zweiten Arrondissement ist jetzt endgültig kein sicheres Pflaster mehr für Jogger.

Doch inmitten des hektischen Verkehrs gibt es auch ganz ungeahnte Oasen der Stille. "Hier darf man leider nicht laufen", sagt Sarfati und deutet auf den schmalen Eingang zur Einkaufspassage Colbert, die ein wenig versteckt zwischen der Rue des Petits-Champs und der Rue Vivienne liegt. Zu Balzacs Zeiten flanierte hier die bessere Gesellschaft zwischen den Läden, Cafés und Restaurants, jetzt zeigt Sarfati seiner Kundin im strammen Schritttempo die Geschäfte. Blamires würde gerne noch ein bisschen länger an den Schaufenstern entlang spazieren. Doch dafür ist keine Zeit.

Sarfati ist schon wieder auf dem Sprung. "Sie können später wieder kommen. Die Passage ist gleich um die Ecke Ihres Hotels", sagt er und trabt in Richtung Rue des Bons Enfants, dem Ausgangspunkt der Tour. Insgesamt elf Kilometern ist er mit seiner Kundin an der Seine entlang gejoggt. Was übrig bleibt, ist nicht nur ein gerötetes Gesicht.Tatsächlich kann man am frühen Morgen in Paris viele schöne Impressionen einfangen, die anderen vorenthalten bleiben. Doch vielleicht sollte man sich dafür doch lieber etwas mehr Zeit lassen. Und einfach einmal innehalten.

Autor:
Bettina Hensel