Frankreich "Rock en Seine" rockt Paris

Erst einmal kommen in Frankreichs Hauptstadt Malerei und Mode, Film und Architektur. Dann Literatur, haute cuisine, Parfüms. Und dann erst die Musik. Sogar beim alljährlich im August stattfindenden "Rock en Seine" scheint das Ambiente auf den ersten Blick wichtiger als das Line-up des Festivals. Zehn Kilometer westlich vor den Toren von Paris, fünf Fußminuten von der Métro-Station Boulogne - Pont de Saint Cloud entfernt wird "Rock en Seine" an einem Ort veranstaltet, der an sich schon ein einziger Augenschmaus ist: der Park vor dem Château de Saint-Cloud.

Damit liefert "Rock en Seine" genau die richtige Kulisse für Dramen wie dieses: 2009 prügelten sich backstage die Brüder Galllagher von der Headliner-Gruppe Oasis und wollten nicht mehr gemeinsam die Bühne betreten; wer an diesem Abend auf der Festival-Wiese stand, konnte anschließend erzählen, er habe die offizielle Oasis-Auflösung miterlebt. 2008 stand Amy Winehouse ganz oben auf dem Festival-Poster, die Jungs von ihrer Band erschienen auch pünktlich zum Auftritt, aber ihre Chefin hatte kurzfristig umdisponiert.

Die berühmteste Geige der Jazz-Geschichte spielte Stéphane Grapelli, geboren und gestorben in Paris. Er debütierte in den 1920er Jahren als Straßenmusiker auf dem Montmartre, in den 1930ern schuf er als Duett-Partner von Django Reinhardt mit dem Gypsy Swing eine wesentliche Grundlage für den europäischen Jazz. Mit Ausbruch des Weltkriegs verließ Grapelli seine Heimatstadt und damit auch das Quintette du Hot Club de France. Der Sinti-Gitarrist Reinhardt überlebte in Paris, weil hochrangige Nazis heimliche Django-Fans waren.

Aus der Blütezeit des Hot Club-Quintetts (Geige, drei Gitarren, Bass) werden immer wieder Aufnahmen veröffentlicht, die einem CD-Hörer kaum noch zumutbar sind. Erst 1979, ein Vierteljahrhundert nach Reinhardts Tod, produzierte Stéphane Grapelli zusammen mit den Gitarristen Larry Coryell und Philip Catherine dieses aufnahmetechnisch wie künstlerisch überzeugende Lehrmaterial für heutige Swing-Gypsies: "Young Django" (MPS 15510 / Universal).

Nach dieser Rückbesinnung auf sein eigenes Gitarre-Idol half Philip Catherine 1991 dem Akkordeon-Spieler Richard Galliano dabei, einen neuen Jazz à la Paris zu kultivieren: "New Musette" (Label Bleu 0221 / Fenn). Astor Piazzolla, der Vater des Tango Nuevo, hatte seinen Kollegen Galliano dazu angeregt, eine Musette Neuve zu entwickeln. Wie der Tango ist die Valse Musette eine Spelunken-Musik. Während sich der Tango versteht als eine Träne, die man tanzen kann, ist der Musette-Walzer ein Lächeln. Erschienen ist Richard Gallianos Wegbereiter der Musette Neuve auf dem Label Bleu, einem Trendsetter für die volksliedhaft vertraut klingenden Improvisationen der Folklore Imaginaire.

Aber Vorsicht! Imaginäre Folklore klingt nicht immer nur verträumt und einschmeichelnd. Wenn das Orchestre National de Barbès drauflos improvisiert, dann schwappt viel unterdrücktes Temperament unkontrolliert an die Oberfläche. Barbès ist ein Viertel in Paris, das bewohnt wird von Zuwanderern aus dem Maghreb, dem westlichen Nordafrika. Und das selbsternannte "Nationalorchester von Barbès" interpretiert auf "Alik" (Wagram 313 04 92 / NRW Vertrieb) den Stones-Klassiker "Sympathy For The Devil" als Nationalhymne dieses Stadtteils. Ihre Würzkraft bezieht die CD aus einer Mischung von Disco-Grooves, Elementen der algerischen Rai-Musik sowie weiteren maghrebinischen Zutaten.

Angereichert mit brasilianischen Rhythmen und Balkan-Harmonien, mit Reggae-Beats und relaxtem Café-Feeling würzten Vertreter des Nouvelle Chanson einige Klassiker ihres Genres für "Putumayo Presents Paris" (Exil 6887-2 / Indigo). Wenn diese Erben von Edith Piaf und Jacques Brel sämtliche weltmusikalischen Register ziehen, unterscheiden sie sich kaum noch von ihren angelsächsischen Singer-Songwriter-Kollegen. Ein Track auf diesem Sampler wurde gesungen von Carla Bruni, die ihren Erfolg als Chansonette weniger den Stimmbändern verdankt, sondern ihrem undiplomatischen Körper; aber das war zu jener Zeit, bevor sie als Madame Sarkozy in den Élysée Einzug hielt.

Das Chanson ist also keineswegs nur große Liedkunst zwischen Kleinkunst und Kunstlied. Die quietsch vergnügt vorgetragenen Gassenhauer und Revuesongs auf "Paris 1919-1950" (Frémeaux et Associés FA 5016 / Fenn) lassen erahnen, dass beim Chanson durchaus deftige Untertöne die erste Geige spielen. Das Jazz-Pendant dazu heißt "Swing de Paris 1922-1951" (Frémeaux et Associés FA 5100 / Fenn) - eine Doppel-CD, die jene tiefgründige Unbeschwertheit dokumentiert, die den US-Autor F. Scott Fitzgerald in den Roaring Twenties nach Paris lockte, wo er als Bohémien lebte und "Der große Gatsby" schrieb.

Für Fitzgerald waren die Amerikaner in Paris - neben Hemingway und anderen Literaten blühten auch viele Jazz-Größen hier auf - die besten Amerikaner. Dieser Tradition huldigen immer noch viele US-Musiker, wenn sie ihre Europa-Tour starten oder abschließen auf der Bühne des New Morning, nahe der Métro-Station Château d' Eau im 10. Arrondissement. Neben zahlreichen anderen Audio- und Video-Mitschnitten, die hier produziert wurden, dokumentiert eine DVD besonders eindrucksvoll diesen New-Morning-typischen Austausch der Gefühle zwischen Musikern und Zuhörern: "The Paris Concert" (inakustik 0166457) des Blues-Barden John Hammond animiert sogar den Zuschauer am heimischen Bildschirm zur hellwachen Aufmerksamkeit wie auch zum stillen Genießen.

Autor:
Winfried Dulisch