Paris Rendezvous im Rotlichtviertel

Drei Nächte Paris, um unsere Beziehung zu retten. Hilke und ich hatten im "Hôtel de Buci" gebucht, im 6. Arrondissement, wo man Paris als Dorf genießen kann, obwohl die Boulevards gleich um die Ecke liegen. Wir freuten uns auf die Schlaraffiawelt in der schmalen Gasse, die Geschäfte öffnen sich ins Freie, Köstlichkeiten drinnen und draußen.

Zuerst glaubten wir an eine Demonstration, die durch die Rue de Buci zog, wir erlebten die widernatürlichste Menschenansammlung, doch keiner war wegen Obst und Gemüse gekommen, alle, um die malerische Szenerie zu fotografieren. Ich hatte vergessen, dass Paris fest in den Fängen seiner Touristen ist und gleichsam von ihnen erstickt wird. Wir flüchteten in unser Zimmer, vor dem Abendessen wollten wir schlafen. Beim Erwachen lag ein Zettel auf Hilkes Bettseite: "Es hat keinen Sinn mehr." Ihren Koffer hatte sie mitgenommen. Alleingelassen saß ich unter Tausenden Menschen, fürchtete mich, auf die Straße zu gehen und Hilke zu suchen.

Ihre Freundin aus Au-pair-Tagen fiel mir ein, Laure wohnte im Norden, ich brach nach Montmartre auf und hatte den Ehrgeiz, vom 6. bis ins 18. Arrondissement zu Fuß zu gehen. Ich hätte es auch geschafft, läge die Île de la Cité nicht dazwischen, Notre-Dame und der Louvre. In drei Schlangen stellten sich die Menschen rund um die Kirche an, um für Minuten hineinzugelangen. Ich schaffte ein kleines Stück den Quai entlang, meisterte die Tuilerien, an der Place de la Concorde gab ich auf und flüchtete vor den Massen in die Unterwelt. Dort waren auch viele Menschen, aber Pariser, keine Touristen.

Pigalle vor der Dämmerung ist hässlich, weil unbeleuchtete Leuchtreklamen hässlich sind. Die junge Frau sprach mich in der Rue des Martyrs an, sie sah reizend aus, ich war sicher, sie war so eine. Du willst deine Beziehung retten, dachte ich und lehnte dankend ab. Nach Stunden des Umherirrens zwischen Bistros, wo glänzend gelaunte Leute zum Feierabend einen tranken, gab ich die Suche nach Laures Wohnung auf und beendete das Spiel, Hilke auf die Mailbox zu sprechen. Unterwegs zur Metro begegnete ich der jungen Frau zum zweiten Mal.

"Du siehst krank aus", sagte sie. Mein Spiegelbild in der Auslage gab ihr recht. Sie hieß Jasmine; obwohl sie aus Marokko stammte, wirkte ihr Blond echt. Ob ich sie zur Arbeit begleiten wolle? "Ist Ihre Arbeit denn nicht hier?" "Falscher Stadtteil", antwortete sie und nahm mich mit.

Sie trug die Andeutung einer englischen Uniform mit Bärenfellmütze

Als wir am Arc de Triomphe ausstiegen, hatte Paris seine nächtliche Festbeleuchtung angeknipst, der plumpe Steinbogen war in grelles Licht getaucht, davor schlug eine Pennerin ihr Nachtlager auf. Von allen Seiten flimmerten die Blitzlichter, nicht momentweise, unablässig, in der Dunkelheit fand ich die Touristen erträglicher. Jasmine führte mich zweimal um die Ecke, wir standen vor dem "Crazy Horse". Mir war nicht nach Männerunterhaltung, auch nicht nach dem Phantasiepreis, der mir am Eingang abgeknöpft werden sollte. Sie fragte, ob ich sie nicht tanzen sehen wolle. "Mein Leben fällt gerade auseinander", antwortete ich und ging mit.

Obwohl auf den Tischen Champagner stand, war die Stimmung freudlos. Der Saal in Altrosa, kleiner als erwartet, die Bühne winzig, erstaunlich wenige Leute besuchten die Vorstellung. Jeder hofft in Paris, die Erfüllung von Träumen zu finden, das Herausgehobensein aus dem Gewöhnlichen - in diesem überdimensionalen Museum, Vergnügungslokal, carrousel d'amour soll das Besondere geschehen. Schließlich sitzt man bloß auf rosa Plüsch und bestaunt Mädchen, die es schaffen, auf wenigen Quadratmetern Bühne einen Tanz hinzulegen. Jasmine trug die Andeutung einer englischen Uniform mit Bärenfellmütze und machte bei ihrem Auftritt allerlei militärischen Unsinn. Danach kam sie an meinen Tisch, ließ mich für sie etwas bestellen, trank aber nicht, sondern drängte zum Aufbruch. Diesmal nahmen wir ein Taxi.

Ich war umwölkt, traurig und abgestürzt, ich konnte mir allmählich vorstellen, mit Jasmine nach Hause zu gehen.

"Ich bin bald fertig", vertröstete sie mich zum zweiten Mal und sprang, während ich zahlte, ins nächste Etablissement. Beim Aussteigen erkannte ich staunend das "Moulin Rouge".

Jetzt wollte ich mit Jasmine zur Sache kommen.

"Noch mal mache ich so was nicht mit!"

"Du kannst nebenan auf mich warten." Jasmine akzeptierte meine Übersättigung und verschwand.

Der Eingang der berühmten Vergnügungsgrotte führte in die Tiefe, Schaukästen lockten mit Sensationen aus früheren Shows. Hier strömten die Leute gut gelaunt hinein, mancher Italiener und Holländer hatte seine Gattin dabei. Ich ging in ein Chickenburger-Lokal und bestellte Menü Nummer 6. Du bist wahrscheinlich der Einzige, der es schafft, in Paris schlecht zu essen, dachte ich, ließ die Hälfte stehen und erwartete Jasmine im Freien. Auf die fettigen Fritten brauchte ich etwas Hartes, kaufte beim Araber ein Fläschchen Cognac und trank auf einer Bank auf dem Mittelstreifen des Boulevard de Clichy. Ich löste mich allmählich auf, wurde tierisch, jetzt wollte ich mit Jasmine zur Sache kommen. Ich schlenderte weiter, fand mich vor dem Schaufenster eines Immobilienmaklers wieder und konnte kaum glauben, dass man für ein Studio von neun Quadratmetern 80 000 Euro hinblättern sollte. Der schlechte Champagner und der schlechte Cognac vertrugen sich nicht, als Jasmine auftauchte, war mir übel.

"Du Armer. Ich kann dir was geben." Ich nahm an, dass wir endlich zu ihr gehen würden. "Ein letzter Job", sagte sie, diesmal war der Weg nicht weit.

"Peep Show", "Girls Girls Girls", versprach die Leuchtschrift. Ich wurde von einem mickrigen Typen gemustert, der vor der Tür den Schlepper machte.

"Mädchen, Monsieur?" Als ich neben Jasmine eintreten wollte, hielt er mich fest. "Zehn Euro."

"Aber ich habe noch gar nichts ..."

"Begrüßungsgetränk inklusive."

Ich zahlte, es ging die Treppe hinauf, oben war alles leer. Ein abgrundtiefhässlicher Saal, kaum Licht, ein Typ stand hinter der Bar.

"Gin Tonic, Monsieur." Er stellte das Begrüßungsgetränk vor mich hin.

"Was machst du hier?", fragte ich Jasmine.

"Die haben keine für die Stange. Setz dich."

Ich nahm den randvollen Drink, stolperte über einen Riss im Teppichboden und setzte mich mutterseelenallein in die Lasterhöhle. Aus dem Nichts tauchte ein dunkles Mädchen auf, sagte, sie sei aus Guadeloupe und heiße Didon, ob ich ihr was zu trinken bestellen würde. Ein Scheinwerfer ging an, Jasmine tanzte an der Stange, bis sie nichts mehr anhatte. Sie setzte sich zu uns, das Mädchen aus Guadeloupe und sie sprachen in einem unverständlichen Dialekt.

Jahre später suchte ich Jasmine

"Wieso tanzt du, wenn niemand hier ist?", fragte ich.

"Sie zahlen dafür. Du bist ja hier."

"Alles leer auf Pigalle? Ich verstehe das nicht."

"Donnerstags ist wenig los."

"Heute ist Freitag."

"Nach eins wird es voll."

Ich bestellte für sie und Didon, Jasmine erzählte, dass sie auch in Frankfurt gearbeitet hätte, sie sei Künstlerin und habe sogar ein kleines Atelier. Wir plauderten, während immer neue Getränke für die beiden kamen. Schließlich wurde es zwei, kein weiterer Gast war aufgetaucht.

"Gehen wir." Jasmine stand auf, Didon schloss sich an.

Das Ziel war tatsächlich Jasmines Zimmer, eine Matratze, ein Waschbecken, keine Spur von Malerei. Die beiden gingen ins Bett, ich dachte, dass ich deswegen schließlich gekommen war, fühlte mich aber zu müde, zu traurig, dachte, dass Jasmine mich vor Stunden auf ihr Zimmer hätte abschleppen müssen, ich entschuldigte mich, es sei nichts mehr mit mir los. "Ruh dich aus", sagte sie und rückte zur Seite. Ich schlief ein, kaum dass mein Kopf das Kissen berührte.

Als ich erwachte, lagen die beiden umarmt, ich küsste Jasmines Schulter und zog mich an. Um fünf Uhr morgens erreichte ich die Rue de Buci, Hilke erwartete mich im Hotel. Sie sagte, sie habe sich unmöglich benommen, es tue ihr leid, dass ich auf der Suche nach ihr die ganze Nacht umhergeirrt sei. Ich nahm ihre Entschuldigung huldvoll an; bevor sie mich umarmen konnte, stieg ich unter die Dusche. Ich schnupperte an mir, da war säuerlicher Champagner, ein wenig Altrosa, abgetretener Teppichboden, da war Jasmine. Während das heiße Wasser erst nach und nach in den vierten Stock fand, kam ich zu der Überzeugung, dass ich eine ganze Menge von Paris abgekriegt hatte. In ein Handtuch gehüllt, kehrte ich zu Hilke zurück und machte ihr Versöhnungsritual mit. Wir genossen zwei Tage Paris, zwei Monate später trennten wir uns.

Jahre später suchte ich Jasmine auf den vertrauten verrufenen Plätzen, glücklos natürlich, doch die blonde Marokkanerin mit den vielen Jobs und der Ambition zu malen ist seitdem mein Sinnbild für Paris.

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