Frankreich Paris ist ein schlechter Liebhaber

Ja, Paris ist ein schlechter Liebhaber. Wer derzeit in Europas meistbesuchte Hauptstadt kommt und sich auf Ausgehen, Clubben und Partys freut, der wird enttäuscht sein. Passé die Zeiten, in denen Paris als eine der Kapitalen elektronischer Musik mit Aushängeschildern wie Air, Laurent Garnier, Justice, Motorbass, David Guetta, Alex Gopher, Daft Punk, Étienne de Crécy oder Phoenix galt. Die Großen der Elektro-Szene legen ihre Musik überwiegend andernorts auf: in New York, London, Barcelona oder und vor allem in Berlin. Viele Vinyl-Avangardisten gehen nicht einfach nur fremdfeiern, sie sind gleich ganz weggezogen.

Einer jener DJs und Produzenten, die der Heimat den Rücken zugewandt haben, ist L'Oeuf Raide ("Das bekiffte Ei"). Der gebürtige Lyoner lebt heute in Berlin, legt in angesagten Hauptstadt-Clubs wie Bar 25, Maria am Ostbahnhof und dem Berghain Platten auf. "Ich bin vor zwei Jahren aus Paris nach Berlin gezogen, weil ich musikalisch hier mehr Möglichkeiten habe. In Paris würde es mir schlechter gehen in Sachen Lebensqualität, und Ausgehen ist schlichtweg viel zu teuer", sagt der 30-Jährige. "Natürlich ist Paris eine Club-Stadt mit einer großen Kunst- und Musikszene. Aber zuletzt wurden Ravepartys verboten, und vom Rauchverbot haben sich viele kleine Bars nicht erholt."

Gute Labels für elektronische Musik gibt es in Paris gleichwohl weiterhin, etwa . Auf ihren hauseigenen Compilations vereinen die Macher Gildas Loaec und Masaya Kuroki unter anderem Bands wie Digitalism, Friendly Fires oder autoKratz. Neben Vinyl vertreiben Kitsuné Maison in ihrem angesagten Laden, in der Rue Richelieu Nummer 52 - im 2. Arrondissement, zwischen Oper und Tuillerien - mittlerweile auch sehr tragbare Clubwear.

Aber: Wo sind die hippen Clubs, in denen man sein Kitsuné-Outfit zur Schau tragen kann oder im Rhythmus von Drum'n'Bass, Minimal oder Dubstep Cocktails schlürft? Inzwischen treffen sich die Noctambules in Ermangelung passender, legaler Lokalitäten sogar schon unter der Erde. Die Katakomben-Partys im Dunkeln sind von der Polizei allerdings gar nicht gern gesehen.

Über Tage ist das Betreiben eines Clubs ein finanzielles Risiko und die Mietpreise zwangen selbst traditionsreiche Orte wie das La Loca oder in die Knie. Häufig wechselnde Besitzer und ein Mangel an Stammpublikum sind die unerwünschte Nebenwirkung, wenn man Nachtleben vorrangig als Business begreift und weniger als Teil einer lebendigen, urbanen Kultur. "Wenn Kultur sich finanziell rechnen muss, dann ist das das Ende", glaubt der nach Berlin ausgewanderte DJ l'Oeuf Raide.

Besonders junge Pariser befürchten, ihre Stadt werde in Kürze zu einer Partywüste verkommen. Aber: Ganz Paris? Einige unerschütterliche Optimisten leisten munter Widerstand. Rund um den DJ Éric Labbé und sein Label haben sich Künstler verschworen, Paris einen großen Rettungsanker zuzuwerfen, unterstützt von zig Facebook-Nutzern und 15.000 Unterzeichnern ihrer Online-Petition ("Wenn die Stadt in Stille stirbt").

"Damit", formulieren Labbé und seine Getreuen auf ihrer Website, "wollen wir darauf aufmerksam machen, wie groß die wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung des Nachtlebens ist. Wir fordern von der Politik den Abbau administrativer Hindernisse und die Bereitstellung von Räumlichkeiten für kulturelle Ereignisse!" Ein erster kleiner Teilerfolg lässt sich schon verzeichnen: Die Stadtverwaltung hat die Website initiiert. Betreut wird der virtuelle Stadtplan mit Adressen und Veranstaltungstipps durch die Vereinigung der Bar- und Clubbesitzer. Und auch wenn Stadt und Gastronomen sich in Anbetracht von strengen Lärmschutzauflagen, Rauchverbot und eingeschränkten Öffnungszeiten zuletzt geradezu feindlich gegenüberstanden - man geht jetzt aufeinander zu.

Während die Stadt also einerseits hofft, dass sie damit die illegalen Untergrund-Partys gestoppt bekommt, und die Bar- und Clubbesitzer andererseits auf den Fortbestand ihrer Betriebe hoffen, sehen manche die Lösung des Clubproblems außerhalb des innerstädtischen Raums, in den Banlieues, jenen Vorstädten von Paris, in denen die Armut und der Anteil ausländischer Bewohner hoch ist. Von dort hat sich vor ein paar Jahren die Musik-Tanz-Bewegung ihren Weg über die Innenstadt hinaus in die Feuilletons internationaler Medien gebahnt. Banlieue ist Avantgarde - so der Tenor.

Der Rettungsring "Vorstadt" ist wichtig, sagt Eric Labbé, aber: "Die Öffnung zu den Vorstädten, wo es noch Freiflächen, Lagerhallen und günstige Mietobjekte gibt, ist ein langwieriger Prozess." Werden er und seine Mitstreiter die nötige Ausdauer beweisen? Es wäre Paris zu wünschen, und der DJ selbst sieht die Renaissance in nicht allzu weiter Ferne: "Wenn wir nicht von einem Erfolg ausgingen, wären wir doch auch nach Berlin abgehauen ... wie alle anderen."

Autor:
Romy Straßenburg