Paris Parfum von Guerlain

Der Geruch der Straße hängt über den Champs-Élysées, ein Gemisch aus U-Bahn-Luft und Abgasen. Touristen hasten über die Prachtavenue, Leuchtreklamen überall, immer größer, immer greller. Man muss schon sehr genau hinschauen, um den Laden mit der Hausnummer 68 nicht zu übersehen. Denn die Fassade hat dem Werbewahn der modernen Stadtarchitektur widerstanden - sie sieht noch immer so aus wie 1914: helle Mauersteine mit üppigen Verzierungen, eine geschwungene Balkonbrüstung, große Fenster. Dahinter stehen die teuersten und berühmtesten Parfüms der Welt: "Shalimar", "Jicky", "Samsara". Eine feine Goldschrift über der Eingangstür verrät, welche urfranzösische Firma hier dem Lauf der Zeit trotzt: "Guerlain".

Um ins Zentrum des Parfüm-Universums vorzudringen, muss man denkleinen Eingangsraum im Erdgeschoss durchqueren. Rechts und links stehen Hunderte Flakons auf den Anrichten. Sie lassen erahnen, dass Duft hier die Welt bedeutet. Er allein regiert die Maison Guerlain. Denn anders als Dior, Chanel oder Yves Saint Laurent hat sich die Familie Guerlain immer ganz auf Parfüms konzentriert - und sie nicht als Nebenprodukt von Mode und Schmuck entworfen. Die einzigen Extravaganzen, die sich Guerlain abseits der Düfte leistet, sind Cremes und Make-up.

Alle kommen hierher: Frauen und Männer, Pärchen und Singles, Alte und Junge. Die Besucher steuern auf die breite, geschwungene Holztreppe zu, die sie mitten hineinführt in die Pracht: "Le Ruban d'or", "das goldeneBand", ein wellenförmiger Raum im ersten Stock, dessen Wände, Decke und Boden mit 350.000 vergoldeten Mosaiksteinchen ausgelegt sind. An der Parfümorgel reihen sich rund um einen imposanten Lüster alle Düfte des Hauses im Kreis auf: "L'HeureBleue", "Insolence", "Eau de Cologne Impériale", "Idylle", "Aqua Allegoria", mehr als hundert sind es insgesamt.


Hier bekommt die Pracht auch einen Preis: 67 Euro kostet das günstigste Eau de Toilette, die Parfüms im 7,5- Milliliter-Flakon gibt es ab 100 Euro aufwärts. "Für die meisten unserer Kunden spielt der Preis keine Rolle", sagt eine Verkäuferin und lächelt freundlich. "Die wollen sich einfach ein bisschen Luxus gönnen." Nach oben sind dem keine Grenzen gesetzt: Ein als Biene gestalteter Kristallflakon mit 245 Milliliter "L'Abeille de Guerlain" kostet 12.500 Euro. Und wer sich von Guerlain gar seinen persönlichen Duft kreieren lässt, zahlt dafür mindestens 35.000 Euro.

Probieren ist hier ausdrücklich erlaubt. Und so sprüht und spritzt man sich die Düfte auf den Arm, die Hand, den Hals. Und wenn am Körper kein Platz mehr ist, nimmt man einen dieser weißen, nagelfeilenförmigen Papierstreifen und arbeitet sich weiter durch das Sortiment - bis eine Asiatin in Turnschuhen einem ungefragt ihre Hand hinhält. "Riechen Sie mal bitte", sagt sie auf Englisch. "Passt dieses Parfüm zu mir?" Man stutzt und antwortet, aber Françoise hätte das sicher besser gekonnt. Denn Françoise, 53, arbeitet seit 21 Jahren für Guerlain, sie betreut hauptsächlich Sammler und Suchende. Wer noch nicht weiß, welcher Geruch zu ihm passt, dem legt Françoise Bilder vor: Früchte, Wohnungen, Musikinstrumente. Dann stellt sie Fragen: "Welche Düfte magst du?", "Fährst du lieber ans Meer oder in die Berge?" Meistens findet sie dann ein passendes Parfüm für den Kunden.

Wassers Nase darf durch nichts abgelenkt werden

"Nur einmal, da hatte ich eine 13-Jährige vor mir sitzen, der konnte ich nicht helfen. Sie hatte keine Erinnerungen, keine Passionen, keine Gefühle. Nichts von dem, was ein Parfüm transportieren kann", sagt Françoise und seufzt. Dann entschuldigt sie sich, ihre Stammkunden warten. Das ältere Ehepaar ist extra aus der Bourgogne nach Paris gekommen, um die Neuerscheinungen der Saison zu beschnuppern. Denn Guerlain gehört seit 1996 zwar zu einem Großkonzern, bewahrt sich aber seine Exklusivität: Im Ausland und im Internet bekommt man nur einen Bruchteil des Sortiments. Schon außerhalb der Hauptstadt sind manche Flakons mit extravaganten Rezepturen nicht erhältlich. Wer das volle Programm für die Nase will, muss in das Geschäft nach Paris kommen. Und wer verstehen will, wie ein Duft bei Guerlain entsteht, muss nach Orphin reisen.

In diesem unscheinbaren Ort im Südwesten von Paris steht die Fabrik, ein flacher Zweckbau aus Glas und Beton. 100 Mitarbeiter sorgen hier dafür, dass der Nachschub an guten Gerüchen nie abreißt: 10.000 Liter Parfüm und Eau de Toilette werden täglich produziert und in Edelstahl-Bottiche abgefüllt. Der Raum, in dem sie lagern, erinnert an einen Weinkeller. Nur reifen hier nicht Traubensäfte, sondern Essenzen von Jasmin, Patschuli, Rosen, Limetten. Wenn die Parfüms etwa 30 Tage durchgezogen sind, werden sie in Fläschchen und Flakons abgefüllt. Rund 20 Millionen dieser kleinen Kostbarkeiten verlassen jedes Jahr Orphin. Man muss sich die Parfümherstellung etwa so vorstellen wie die Zubereitung eines edlen Essens: Es gibt ein Rezept, frische Zutaten und ein paar Gewürze. Die Parfümgewürze kann man im Labor herstellen, die frischen Zutaten aber sind die pflanzlichen Essenzen. Sie reifen jedes Jahr neu heran - und trotzdem muss das Parfüm immer gleich riechen. Ein "Jicky", das man 2010 kauft, darf sich nicht von dem "Jicky" von 1889 unterscheiden.

"Das ist ein Teil der großen Kunst", sagt Thierry Wasser. Wasser, 49, ist der Chefparfümeur von Guerlain. Er sitzt ein paar Gänge von den Fließbändern entfernt in einem schmucklosen, neonbeleuchteten Raum und schnuppert sich durch eine frische Lieferung. Die Wände sind mit Fläschchen gepflastert, allesamt fest verschlossen, damit Wassers Nase durch nichts abgelenkt wird. "In dieser Maiglöckchen-Essenz ist ein Hauch Aldehyd drin", sagt er. Schnuppert wieder, legt die Stirn in Falten, schnuppert. "Eindeutig Aldehyd", sagt er zu seiner Assistentin. "Das akzeptieren wir nicht. Schicken Sie diese Lieferung zurück."

Kaiserin Sisi orderte regelmäßig Kosmetik aus Paris

Die Ansprüche bei Guerlain sind hoch: Jeder Rohstoff, der in Orphin ankommt, wird zuerst vom Computerchromatografen untersucht und dann von Wassers Nase. Im Zweifel entscheidet das Urteil des Parfümeurs. Wasser trägt einen dunklen Anzug, darüber einen weißen Arbeitskittel und Schürze. Seine Augen funkeln unternehmungslustig. Seit zwei Jahren kreiert der Schweizer die Düfte für Guerlain. Wasser sagt, ein neuer Duft entstehe immer zuerst in seinem Kopf. Er dachte an einen großen, bunten Sommerblumenstrauß, als er "Idylle" kreierte, seinen ersten großen Wurf für das Parfümhaus. "Und wenn sich am Ende die Idee und der Duft entsprechen, dann ist es perfekt", sagt er.

600 verschiedene Gerüche stehen ihm dafür zur Verfügung: Veilchen, Orange, Moschus, Ambra, Salbei, Rose, Honig, Ylang-Ylang, Bergamotte… Der Kühlschrank, in dem sie lagern, sieht aus wie ein kleines Chemielabor. Licht und Wärme sind die größten Feinde der Essenzen. "Auch ein fertiges Parfüm bewahrt man am besten im Kühlschrank auf", sagt Wasser und kennt den Überraschungseffekt: "Ja, ich weiß: Es wäre schade, die schönen Flakons zu verstecken." Alle paar Monate packt Wasser seine Koffer und reist durch die Welt. 70 Prozent aller Inhaltsstoffe sind bei Guerlain- Parfüms natürlichen Ursprungs. Bei einigen überzeugt er sich selbst von der Qualität. Wasser fliegt zur Rosenernte nach Rumänien, zur Bergamottenernte nach Kalabrien, zur Vanilleernte auf die Komoren. So machen sie es bei Guerlain schon ewig

1828 eröffnete Pierre-François-Pascal Guerlain ein Essig- und Parfümgeschäft in der Rue de Rivoli. Zu seinen Kunden zählte bald die Pariser Schickeria. Zum endgültigen Durchbruch verhalf ihm 1853 Eugénie, die Verlobte von Napoléon III. Zu ihrer Hochzeit bat sie Guerlain um einen exklusiven Duft. Der Meister widmete ihr das "Eau de Cologne Impériale", eine Mischung aus Zitronen-, Bergamotte- und Bitterorangennoten. Das Ganze füllte er in einen Flakon, den er mit 69 Bienen bemalen ließ. Das Insekt war Symbol des französischen Empire. Das "Eau de Cologne Impériale" wurde ein Bestseller - nicht zuletzt, weil Kaiserin Eugénie Guerlain zum bevorzugten Parfümeur des Hofes ernannte. Bald schickte er seine Kreationen auch an den englischen und den spanischen Hof. Selbst die österreichische Kaiserin Sisi orderte regelmäßig Kosmetik aus Paris. Für ihren leuchtenden Teint mixte Guerlain eigens eine "Crème à la Fraise".

Von da an nimmt die Erfolgsgeschichte des Hauses ihren Lauf. 1864 übernimmt Pierre-François-Pascals Sohn Aimé als Chefparfümeur die Geschicke der Firma. Er macht sich mit "Jicky" unsterblich. Das Parfüm enthält zum ersten Mal die berühmte "Guerlinade", eine Mischung aus Rose, Bergamotte, Jasmin, Tonkabohne und Vanille, die zum Markenzeichen der Guerlain-Parfüms wird. Aber den allergrößten Coup landet Aimés Neffe Jacques Guerlain 1925 mit "Shalimar". Die Mixtur mit dem orientalischen Flair widmet er einer legendären indischen Prinzessin.

Dass Frauen Männer verführen wollen. Und umgekehrt.

Fast all diese Düfte kann man heute noch kaufen. Die Formeln dafür stehen in klarer Handschrift in einem kleinen Notizbuch mit vergilbten Seiten. Sorgsam im Tresor verwahrt, liegt es in Jean-Paul Guerlains Arbeitszimmer in Orphin. Er zeigt es wie einen Schatz: Auf langen Listen sind die Ingredienzien und Mischungsverhältnisse notiert. Die ersten Rezepturen stammen von 1828. Der 73-jährige Jean-Paul ist der vorerst letzte Parfümeur der Familie. Eigentlich sollte er gar nicht mehr hier sein. Vor zwei Jahren hat er sich zur Ruhe gesetzt, er wollte reiten und reisen. Aber jetzt kommt er doch jede Woche wieder in sein Büro nach Orphin und schnuppert an den Papierstreifen.

"Ich kann ohne Düfte nicht leben", sagt Guerlain. Er trägt feinen Zwirn und Fliege. Seine Stimme ist leiser geworden in den letzten Jahren, ein Stock stützt seine Schritte. Aber sein Blick ist unverändert stolz. Er legt das vergilbte Büchlein auf den Tisch und lässt sich in den altmodischen Bürostuhl fallen. Die Yorkshire-Hündin "Samsara" hoppelt ins Zimmer. Der Hund winselt, will zu seinem Herrchen. "Komm her, meine Schöne", sagt Guerlain zärtlich und drapiert den Terrier auf seinem Schoß.

Angeblich kann der Altmeister 3000 Gerüche auseinanderhalten. Im Herbst 2010 kam sein jüngstes Parfüm auf den Markt. Es heißt "Arsène Lupin" wie der französische Meisterdieb und existiert in zwei Varianten: "Dandy" und "Voyou" stehen für Lebemann und Gauner, die zwei Seiten der berühmten Romanfigur. "Mein Enkel hat mich auf die Idee gebracht", sagt Guerlain. Sein Sohn wollte lieber Rechtsanwalt werden als Parfümeur. Deshalb entscheiden inzwischen andere Nasen als die der Familie Guerlain über die Geschicke des Hauses. "Thierry hat einen Stil, der mir sehr gut gefällt", sagt Guerlain. Wasser kommt ins Zimmer und drängt zum Aufbruch. Die beiden Parfümeure wollen zusammen essen gehen. "Wir müssen über Düfte plaudern", sagt Wasser.

Jean-Paul Guerlain hat einmal gesagt: "Das Parfüm ist die stärkste Form der Erinnerung". Der Spruch steht auch im Geschäft auf den Champs-Élysées. Wenn man sich dort einen Moment hinsetzt, dem Kommen und Gehen zusieht, dem Schnuppern und Sprühen, dem Kichern und Küssen, dem ganzen wortlosen und doch unendlich bedeutungsschweren Dialog zwischen Frauen und Männern, dann begreift man, was er gemeint hat: Dass Frauen Männer verführen wollen. Und umgekehrt. Und dass das Parfüm dabei nur das Mittel zum Zweck ist. Aber vielleicht ist das Werk, das die Familie Guerlain in den vergangenen 183 Jahren geschaffen hat, ja viel größer. Denn jedes Mal, wenn eine Kundin mit einem goldenen Täschchen die Maison Guerlain auf den Champs-Élysées verlässt, trägt sie auch ein Stück Duft mit hinaus auf die Straße. Und sorgt dafür, dass die Welt ein bisschen besser riecht.

 

Interview mit Jean-Paul Guerlain: "New York riecht fürchterlich"

MERIAN: Monsieur Guerlain, wie funktioniert Parfüm?

Jean-Paul Guerlain: Das spielt sich vor allem auf der emotionalen Ebene ab: Ein Mann nimmt eine Frau über ihren Duft wahr. Er verknüpft beides in seinen Erinnerungen miteinander. Immer, wenn er das Parfüm wieder riecht, denkt er an diese Frau - und an die schönen Stunden, die er mit ihr hatte.

MERIAN: Frauen tragen also Parfüm…

Guerlain: …um gut zu riechen. Und um verführerisch zu sein für die Männer.

MERIAN: Und die Männer?

Guerlain:
Für die gilt das Gleiche!

MERIAN: Wird man eigentlich als Parfümeur geboren, oder ist das eine Kunst, die man erlernt?

Guerlain: Mein Großvater hat mir sehr früh beigebracht, wie man sich Gerüche merkt. Das ist sehr hilfreich. Das Wichtigste aber ist, Frauen sehr gut zu kennen - und sie zu schätzen. Fast immer habe ich meine Parfüms für eine bestimmte Frau entworfen.

MERIAN: Tatsächlich? Sie haben während Ihrer Karriere als Parfümeur von Guerlain immerhin mehr als 100 Parfüms kreiert ...

Guerlain: Ich sagte ja: fast immer. Als ich 17 Jahre alt war, sagte mein Großvater zu mir: "Wir machen Parfüms für die Frauen, die wir lieben oder bewundern. " Daran habe ich mich mein Leben lang gehalten: "Parure" war für meine Mutter, "Chant d'Arômes" für die Mutter meines Sohnes. "Nahéma" für Catherine Deneuve, die ich sehr bewunderte. Und natürlich "Samsara" für Decia, die Liebe meines Lebens. Sie ist bis heute meine Muse geblieben, auch wenn wir nicht mehr zusammen sind.

MERIAN: Ihr Großvater Jacques Guerlain hat Sie offenbar stark geprägt.

Guerlain: Ich war als Kind fast jeden Tag bei ihm. Fast alles, was ich weiß, habe ich von ihm gelernt. Für mich gab es nichts Schöneres, als mit meinem Großvater zusammen die Papierstreifen in die Essenzen zu tunken und daran zu schnuppern. Er ließ mich gerne gewähren. Mit 16 Jahren habe ich dann mein erstes Parfüm entworfen. "Vétiver". Ich liebe diesen Duft bis heute.

MERIAN: Was sind Ihre Lieblingsgerüche?

Guerlain:
Oh, lassen Sie mich nachdenken… Sandelholz, Jasmin, Rosen, das mag ich sehr. Und natürlich der Geruch der Frau, die ich liebe.

MERIAN: Gibt es für Sie auch schlechte Gerüche?

Guerlain: Ja, ich finde zum Beispiel New York riecht fürchterlich. Und in Paris die Seine, puuh, das stinkt vielleicht. Aber fahren Sie mal während der Orangenblüte nach Sevilla! Das ist ein wunderbarer Duft, davon kann ich nicht genug kriegen.

MERIAN: Sie haben mit 73 Jahren noch mal eine neue Parfümlinie herausgebracht: "Arsène Lupin".

Guerlain:
Ich finde, sie ist mir gut gelungen. Ich schwöre Ihnen: Alle Frauen werfen sich den Männern, die diese Düfte tragen, an den Hals. Und zwar egal welchen Alters!

Quelle:
Autor:
Stéphanie Souron