Paris Notre Dame

Wladimir Majakowski, der russische Dichter der Revolution, ließ sich ganz touristisch führen, dachte natürlich an das "Werkvolk" beim Stürmen der Präfektur gegenüber - doch auch an "das eine": "Der weibliche Guide krauste des Mündchens Erotik / piepste: 'Wie finden Sie diese splendide Baukunst! / Ich mein - unsre Gotik!' " In allen Epochen hat die majestätische, geheimnisvolle Kathedrale in der Mitte von Paris die Dichter gereizt, auch wenn alles, was über Notre Dame geschrieben wurde, stets im Schatten von Victor Hugos romantisch-unheimeliger Liebesgeschichte vom hässlichguten Glöckner Quasimodo und der schönen Esmeralda steht.

Friedrich Hebbel empfand die Kirche - Baubeginn 1163, Fertigstellung Anfang des 14. Jahrhunderts - "mittelalterlich, schwarz, finster, schnörkelhaft", wie "eine verspätete Krähe im modernen Paris". Jules Laforgues, einst Vorleser der deutschen Kaiserin Augusta in Berlin, brach es beim Anblick der Rosette, dieser "Lawinen von bleichen Rosen", gleich das Herz, er wollte nurmehr "weinen, bluten, lächeln und dann vergehen vor Scham". Robert Gernhardt reimte eher flapsig: "Oja! Ich kenn die Tüllerien / Oja! Das Schöhdepohme / O ja! Ich ging von Notterdam / a pjeh zum Plahs Wangdohme."

Aber schließlich konnte es nicht gleich jedem Dichter in und mit Notre Dame so ergehen wie Paul Claudel, der am 25. Dezember 1886 rechts auf der Seite der Sakristei nahe dem zweiten Pfeiler am Choranfang, zunächst dem Hochamt beiwohnte, "ohne sonderlich Gefallen daran zu finden", dann aber plötzlich fassungslos die Bekehrung über sich einströmen fühlte: "Im Nu wurde mein Herz ergriffen, ich glaubte."

Ob so etwas heute noch passieren könnte? Auch zur Erleuchtung ist immerhin ein wenig Ruhe und Einkehr notwendig - Notre Dame bietet dies wohl nurmehr nachts, wenn die Türen versperrt sind und kein Funken Licht mehr durch die einzigartigen farbigen Rosen ins stets etwas dämmerschattige Innere dringt. Tagsüber schieben sich die Massen durch die fünf Schiffe, so dass es schwerfällt, zur Besinnung zu kommen. Vielleicht gerade noch in den kargen Kapellen, die wie verglaste Käfige aussehen, in denen Geistliche zu "Konfessionsdialogen" einladen: Da sitzt dann der Mühselige und Beladene, schalldicht abgeschirmt, und durch die Scheibe richten sich Handykameras auf ihn und den Pater.

Aber vielleicht muss man sich nur eingestehen, dass sich die Bilder eigentlich doch wieder gleichen: Schon auf alten Stichen und Gemälden aus vergangenen Jahrhunderten wimmelt es in dieser Kathedrale von Menschen, herrscht volkstümliches Treiben, Marktplatzstimmung allenthalben statt Andacht und Stille: Diskutierende stehen in Gruppen umher, Pärchen flanieren durch die weite Halle und grüßen, als wären sie auf dem Boulevard, an den Säulen hocken Bettler, eine Schöne hat keineswegs ein züchtiges Kommunionskleidchen am Leib.

Skelette statt Nymphen

Jemand hat einmal errechnet, dass bei Messen immerhin 10.000 Gläubige auf allen Ebenen Platz finden. Wie selbstverständlich war dieser öffentliche Raum bereits im 13. Jahrhundert Rahmen und Schauplatz von Belustigungen, hießen sie nun "Fest der Narren" oder "des Esels", die sich von der Île de la Cité in die Stadt jenseits der Seine-Arme ausbreiteten und zu eher unchristlichen Ausschweifungen anschwollen.

Für die "Pompes Funèbres", die Beisetzungsfeierlichkeiten, boten damals die größten Architekten und Künstler ihre ganze Erfindungskraft auf. Schiff und Chor wurden vollständig dekoriert. Künstliche Aufbauten stiegen bis zur Höhe der Emporen, diese wiederum waren gleich Theaterlogen drapiert, schreibt der Kunsthistoriker Bernard Champigneulle. Der barocke Geist nahm freien Lauf, auf Wandteppichen, in denen Schwarz dominierte, wurden Nymphen durch Skelette ersetzt und Putten durch Fledermäuse.

So gesehen, ist heute fast so etwas wie Ruhe und Ordnung in die ehrwürdige Notre-Dame eingekehrt. Sie hat es nach all den Jahren auch nötig, und die doch relativ gesittet auf dem Steinboden und im Treppenhaus der Türme herumwuselnden Touristen können ihr kaum mehr solche Wunden schlagen, wie es zuvor die Zeit und deren Komplizen (Menschen, Verfall, Ignoranz) getan haben. Wurde schon die Entstehung der Kirche verglichen mit "einem Roman des Bauens mit spannungsgeladenem Fortgang der Handlung", so sollte das Monument, das heute so klar, einheitlich und vollkommen wirkt, unzählige, radikale und den Stil verändernde Korrekturen und Torturen über sich ergehen lassen. Steine können nicht bluten, aber die Geschichte der Mutter aller Pariser Kirchen und "der Pfarrei der Geschichte Frankreichs" ist eine Aneinanderreihung von Geschmacksverirrungen und brutalen Verletzungen.

Bauherren und Architekten, geistliche und politische Würdenträger, Künstler, nicht zuletzt das Volk selber haben immer wieder Hand an "das Wunderwerk" gelegt - mit bisweilen verheerenden Folgen. Die "gottlosen" Bürger von Revolution und Kommune plünderten wahllos die Schätze, schmolzen sie ein, richteten sich den Innenraum für ihre Feste und Versammlungen her ("Tempel der Vernunft"), boten die Kathedrale gar (vergeblich) zum Verkauf an, missbrauchten sie als Lagerhalle für Lebensmittel und Wein. Die Galerie der Könige von Juda unter der Rose an der Westfassade war ihnen besonders suspekt: Die Revolutionäre gingen irrtümlich davon aus, dass es sich um französische Herrscher handelte, legten ihnen Stricke um den Nacken, rissen sie herab und ließen sie auf dem Vorplatz zerschellen.

Eine Armee von Räubern

Zwar gilt Notre-Dame seit knapp 800 Jahren als "fertiggestellt", dennoch kam es immer wieder zu Umund Anbauten, die sich oft als respektlose Verschandelungen herausstellten. Im Kreuzfeuer der Kunstkritiker steht bis heute der Architekt Eugène Viollet-le-Duc, der Mitte des 19. Jahrhunderts dem vom Ruin bedrohten Monument eine Art Generalsanierung verpasste, wobei er das über die Jahrhunderte gewachsene Erscheinungsbild rabiat seiner Vorstellung des mittelalterlichen Urzustands opferte.

Ein zeitgenössischer Archäologe fasste den Schaden, der dabei angerichtet wurde, so zusammen: "Viollet-le-Duc hat in gewisser Art die Entleerung der Kirchen erfunden ... Eine Armee von Räubern scheint durch Notre-Dame gezogen zu sein. Kein Hauptwerk der Malerei oder Skulptur der letzten zwei Jahrhunderte mehr. Nirgendwo ein meisterliches Bild, nirgends ein Exvoto ... Die Kapellen mit ihren armseligen Altären sind kahl."

Auch dem Äußeren der Kathedrale rückte Viollet-le-Duc in seiner Naivität mittelalterlicher zu Leibe, als es das Mittelalter je war. Seine fratzigen Wasserspeier hoch oben an der Fassade und den Türmen sind zum Markenzeichen der Kirche geworden, düstergruselige Postkartenmotive, wahlweise auch als kleine Reproduktionen für den Kamin daheim zu haben. Freilich sind sie alle nur der Ausbund einer sehr modernen Phantasie, eine grimassierende Menagerie, "die aus einer romantisch gestimmten Einbildungskraft hervorging", wettert Champigneulle gegen den "Fälscher" Viollet-le-Duc. Der Kunsttheoretiker Fritz Stahl hielt dagegen: "Diese Teufel und Ungeheuer sind tatsächlich nachgeborene Geschwister der Fratzen, die im Mittelalter die besessene, überall Dämonen sehende, wirklich sehende Phantasie geschaffen hat ... Es ist ein unheimliches Leben in diesen monströsen Gebilden aus Mensch und allen Bestien."

Derartige Expertenstreitereien interessieren die jährlich etwa zwölf Millionen Besucher kaum mehr. Auch findet nur ein verschwindend kleiner Bruchteil von ihnen den Weg in ein chaotisches Kleinod, das etwas versteckt neben der Kirche in der Rue du Cloître-Notre-Dame liegt: das Museum Notre Dame de Paris. Wer sich von einem der beiden freundlichen alten Männer, die hier schon seit Menschengedenken gemütlich zu sitzen scheinen, eine nur mit einem blassen Stempel versehene (billige) Eintrittskarte hat aushändigen lassen, taucht ein in ein wundersames und liebevolles illustriertes Durcheinander aus Bildern, Schriften, Stichen, Devotionalien. Den Archivaren kommt es kaum auf eine lückenlose Dokumentation der Geschichte des "Heiligtums" an, Originale sind rar. Dafür gibt es in uralten Vitrinen und an wackligen Stellwänden zum Teil kuriose Entdeckungen zu machen, sind die vollgestopften Räume voller Geheimnis und heiterer Ehrfurcht.

Mit Schweiß und Feuereifer

Hier ist etwas davon zu spüren, wie sehr Notre-Dame schon immer eine Kathedrale des Volkes war; dass sie immer ein wenig mehr den stolzen einfachen Leuten gehört hat als dem Klerus oder gar den Politikern, die sich wie Napoleon oder de Gaulle ab und an prunkvoll in sie hineinschmuggelten. Mit Schweiß und Feuereifer haben die kleinen Leute von Paris ihre Kathedrale gebaut und sie auch mitfinanziert.

Sie stand einst schließlich inmitten eines einfachen, armen Viertels auf der Insel, von dem Eugène Sue schrieb: "Das bleiche Licht der Laternen spiegelte sich im schwärzlichen Wasser des Rinnsteins, der in der Mitte des kotigen Pflasters hinlief. In den schmutzigen Häusern führten dunkle, übelriechende Gänge zu finsteren Treppen ... Im Erdgeschoss der Häuser befanden sich Läden, deren armselige Auslagen mit Eisen vergittert waren; so sehr fürchteten die Verkäufer die kühnen Diebe des Stadtteils ..."

In den frühen Morgenstunden ist der Vorplatz, auf dem sich auch die symbolische Mitte Frankreichs befindet, noch frei von Staunenden und Gleichgültigen. Dann kann man anhand der Pflasterung die alten Gassen von einst abschreiten und etwas von der Enge und der Macht, der Pracht und dem Elend, dem Geheimnis und der Verzückung ahnen - von dem Leben, das sich früher in und um Notre-Dame abgespielt haben muss.

An einem Winterabend des Jahres 1932 lockte es den Fotografen Brassaï zum Mittelpunkt der einzigartigen Stadt. Er kämpfte sich durch die Touristenmassen zur Concierge der Kathedrale. Die alte, dicke Dame arbeitete und wohnte "im ersten Stock", zweihundert Stufen über dem Erdboden. Brassaï überredete sie (mit Geld), dass sie ihm in der Nacht den Aufstieg zu einem der beiden Türme ermöglichte; er, der Paris längst aus allen Blickwinkeln heraus kannte, wollte sich endlich einen Traum erfüllen: "Mit ihrem großen Schlüsselbund öffnete sie die schwere Türe", schreibt er in seinen Erinnerungen.

"In totaler Finsternis kletterten wir die Wendeltreppe hoch. Endlich erreichten wir die Plattform. Begeistert und voller Erwartung lief ich die Balustraden entlang. Es war noch schöner, als ich es mir vorgestellt hatte: schwarze Chimären vor dem milchigen Himmel über Paris. Nur undeutlich erkannte ich einige markante Punkte ... Paris hatte kein Gesicht und kein Alter mehr. Gegenwart und Vergangenheit, Geschichte und Legende verwoben sich. Hinter jeder Biegung glaubte ich Quasimodo, den Glöckner von Notre-Dame, zu treffen."

Autor:
Bernd Noack