Paris Mitterrands protziges Erbe

Kurz vor neun Uhr geht das Gedränge unter den Kunstliebhabern im Louvrehof los. Gleich öffnet das Museum seine Pforten, also noch schnell ein Foto vom Wahrzeichen draußen vor der Tür machen: der gläsernen Pyramide. Die transparente Rauten-Konstruktion des US-Chinesen Ieoh Ming Pei mag in mehrfacher Hinsicht ein sehr besonderes Stück Architektur sein, vor allem aber ist sie eines jener Symbole, mit denen sich der Anfang 1996 verstorbene französische Staatspräsident François Mitterrand ein Denkmal setzte.

Architektur als Herrschaftssymbol ist in der Historie Frankreichs und seiner Hauptstadt fest verankert. Im Mittelalter bauten Könige Paläste, formten Plätze, legten Gärten an, im 19. Jahrhundert wurde unter Napoleon III. und Präfekt Georges-Eugène Haussmann die Infrastruktur neu geordnet: Straßen, Bahnhöfe, Theater und Parks entstanden. Im ausgehenden 20. Jahrhundert verpasste Mitterrand Paris mit seinen Grands Projets ein modernes Antlitz und hinterließ damit so viele wegweisende Neubauten wie kein zweiter in der jüngeren Vergangenheit der fünften Republik.

Beispiel Louvre. Mit der neuen Architektur erhielt das Museum auch ein neues Konzept. Per Rolltreppe geht es durch die Pyramide hinab, unterirdisch verteilen sich die Besucherströme, geschäftiges Wuseln im dezent sandfarbenen Raum. Eine beeindruckende Kombination von Form und Funktion ist die Wendeltreppe, in deren Inneren sich der Aufzug für Rollstuhlfahrer und Kinderwagen befindet. Auch die Ausstellungsflächen sind vielfältiger. So werden im mit Glas überdachten Innenhof des Westflügels heute Statuen gezeigt, einst saßen hier die Mitarbeiter des Finanzministeriums.

Charakteristisch für Mitterrands stadtplanerische Großprojekte ist der Verweis auf historische Formen oder die Geschichte des Ortes. Bei der neuen Oper am Place de la Bastille, dort, wo am 14. Juli 1789 das Volk das Staatsgefängnis stürmte, wird heute Wagner für die breite Masse aufgeführt. Ein Gegenkonzept zur üppig verzierten Nationaloper, dem neobarocken Palais Garnier mit seinen unzähligen goldenen Lüstern sollte das neue Haus sein, dabei doppelt so groß, die Tickets billiger.

"Ich baue mit Ambition für Frankreich"

Bei der Einweihung am 13. Juli 1989 hatte das gemeine Volk allerdings draußen zu bleiben. Drinnen sahen Gäste des G7-Gipfels das Stück "La nuit avant le jour". Höhepunkt des Abends: das Absingen der Marseillaise. Und mittendrin, auf einem der weißen Balkone, Mitterrand. Stolz, streng, die Haare wie immer akkurat nach hinten gekämmt. Er klatschte bedächtig, so als zögere er, sich selbst zu applaudieren. Denn - wie er immer wieder beteuerte - baue er "nicht aus persönlichem Ehrgeiz", sondern mit "Ambition für Frankreich".

Und so reiht sich auch die Grand Arche im Banken- und Büroviertel La Défense trotz ihres futuristischen Designs in die Mitterrandsche Philosophie ein. Das überdimensionale weiße Tor ganz im Westen der Stadt, das bei näherem Betrachten ein durchbrochener Kubus ist, liegt auf der historischen Achse von Paris, ist Weiterentwicklung und Höhepunkt des Triumphbogenmotivs. Misst der wuchtig wirkende Arc de Triomphe aus der Zeit Napoleons um die 50 Meter, hat Kirchenbauer Johan Otto von Spreckelsen beim Neubau die Höhe keck mehr als verdoppelt.

Wer sich dem modernen Triumphbogen nähert, sollte dies von Osten her durch die Hochhausflucht tun. Höher und höher wandert der Blick, auch wenn sich die strahlend weiße Oberfläche bei näherer Betrachtung als arg verwittert erweist. Stufen führen zu dem Gebäude hinauf, bevor es im Aufzug, der einer gläsernen Raumkapsel gleicht, nach oben geht zur Aussichtsplattform. Der Blick schweift über das Wolkenkratzermeer und über die historische Achse entlang bis zum Louvre. Eine weithin sichtbare Verbindung. Alle drei Großprojekte wurden 1989 zur 200-Jahr-Feier der Revolution eingeweiht, auch wenn sich die endgültige Fertigstellung zum Teil noch hinzog; die Oper nahm erst ein Jahr nach der pompösen Eröffnung ihren regulären Betrieb auf und die Louvre-Umgestaltung dauerte bis weit in die 1990er Jahre hinein.

Mitterrands Bauwut blieb gleichwohl ungebrochen - obwohl er sich viel Häme für "seine" Architektur gefallen lassen musste. Als "Mitterramses" hatte man ihn wegen der Louvre-Pyramide verspottet. Die Akustik der Oper sei mies, schließlich unterstellten Konservative dem Sozialisten gar einen Sonnenkönigkomplex. Die nachhaltigste Kritik aber handelte sich der Staatspräsident posthum ein. Mit seinem letzten großen Projekt, dessen Einweihung er im Dezember 1996, ein knappes Jahr nach seinem Tod, nicht mehr erlebte: die neue Bibliothèque nationale de France.

Im damals heruntergekommenen Osten von Paris hatte Mitterrand die neue Nationalbibliothek errichten lassen. Ein zeitgemäßes Haus für die alte, ehrwürdige Buchsammlung, entworfen vom gerade mal 36 Jahre alten französischen Architekten Dominique Perrault. Vier gläserne, L-förmige Gebäude, die an aufgeschlagene Bücher erinnern, umrahmen den rechteckigen Grundriss. Holzplatten, die sich im Inneren vor die Fensterfront schieben lassen, bringen eine natürliche Komponente in die Architektur. Im Innern, unterhalb des Bodenniveaus, wachsen Bäume, ein Großstadtdschungel.

Schon vor der Eröffnung hagelte es Vorwürfe. Die kostbaren Bücher, der nationale Schatz, würde in den Glastürmen der Bibliothèque vergilben. Die Büros in den Untergeschossen böten zwar Blick auf einen Wald, Tageslicht aber gönnten sie ihren Insassen nicht. Knapp 15 Jahre danach hat sich die öffentliche Aufregung gelegt.

Wenn man heute an einem schönen Sommertag über die geschwungene Fußgängerbrücke vom Parc de Bercy auf das Ensemble zuschlendert, sich dann auf den warmen Holzstufen zwischen Wald und Gebäuden niederlässt, kann man durch das Grün hindurch den Bibliotheksnutzern bei der Denkarbeit zusehen. Und das war es, was Mitterrand bei allem baulichen Größenwahn mit seiner Architektur auch schaffen wollte: Transparenz.

Autor:
Kathrin Fromm