Paris Luxuswohnung mit Stil

Wer meint, das alte Grand Hotel hätte im Vergleich zu all den neuen "Designhotels" (ein dehnbarer Begriff seit es All Seasons und Motel One gibt) mittlerweile ausgedient, sollte mal einen Blick auf die Show von Marc Jacobs für werfen. Im Pariser Carree du Louvre wurden die Gäste vergangenen Mittwoch von einer Armada durchgestylter Zofen mit Staubwedeln empfangen, drinnen warteten bereits die Liftboys an alten Gitteraufzügen, wo kurz danach die Models ausstiegen: ebenfalls im Dienstmädchen-Look, allerdings mit lackiertem statt gestärktem Bubikragen und towerhohen Lacklederstiefeln, angeführt von Kate Moss als Zofen-Mutti. Wer danach nicht sofort ins "Plaza Athénée" oder "Le Grand Hotel" einchecken will, muss wirklich ein ausgeprägtes Faible für modernes iPod-Interieur haben.

Ich jedenfalls würde sofort eine Suite im plüschig-eleganten Louis XIV-Stil beziehen, auch ohne die Athénée "Pillow Menu" mit "Weizen-, Anti-Stress-, beautifying-, Rosshaar-, Osteopathie oder Synthetik"-Kissen. Aber wenn mir die Redaktion ein Zimmer bucht, kommt dabei höchstens Philippe Starcks "Mama Shelter" heraus (sehr zu empfehlen, wenn man gern Metro fährt) oder dieses eine 3-Sterne-Hotel auf der Rue de Rivoli, wo selbst die Concierge, als wir fünf Minuten nach dem Einchecken entsetzt wieder auschecken wollten, zugab, hier selbst auch nicht übernachten zu wollen.

Deshalb sind meine beiden Kollegen und ich seit letztem Jahr dazu übergegangen, nur noch Wohnungen für die Modewoche in Paris zu mieten. Das ist für sieben bis acht Nächte zu dritt erstens billiger (in jeder Hinsicht, auch wenn der 5-Euro-Hotel-Café-Crème natürlich bestimmt besser schmeckt als der aus der häuslichen Kaffeepresse), zweitens einfacher zum Arbeiten (wer denkt, funktionierendes Wlan sei in Pariser Hotels eine Selbstverständlichkeit, der irrt sich gewaltig) und vor allem: so viel erlebnisreicher. Man lernt zwar keine hübschen Zofen kennen, dafür aber in kürzester Zeit die gesamte Nachbarschaft, die man wahlweise nach der Mülltonne, dem nächsten Taxistand oder einem günstigen Schlüsseldienst fragt. Nach einer Woche ist man quasi eingemeindet.

Ein Schuhkarton mit Schlafempore

Unsere erste Ferienwohnung war ein fantastisches Studio-Loft über zwei Etagen im 13. Arrondissement. Aber das zählt eigentlich nicht, weil es einem befreundeten Fotografen gehört, der damals außer Landes war, und unter normalen Umständen ungefähr dem Louis-XIV-Budget inklusive Kissen-Menü entspräche. Beim zweiten Mal versuchten wir es deshalb wieder mit einem Loft, einem "Mini-Loft", das wir über eine Internet-Seite namens gemietet hatten.

Auf den Fotos sah die Wohnung im 9. Bezirk in der Rue du Faubourg Poissonière ganz entzückend aus, vor allem der Innenhof mit verglaster Galerie, wo vor 200 Jahren wahrscheinlich der königliche Weizen gelagert wurde und heute irgendwelche Kreativagenturen sitzen (was sonst). Leider hatten wir nur auf die Fotos und weniger auf die Hard Facts in der Beschreibung geachtet: Irgendwo muss da von "18 Quadratmeter" die Rede gewesen sein, was im Endeffekt wahrscheinlich noch großzügig bemessen war. Die Wohnung war ein Schuhkarton mit Schlafempore, eine Art ausgebautes Doppelbett für vier Personen. Wer mal eine Location für eine "Teambuilding-Maßnahme" sucht - ein Wochenende im Mini-Loft schweißt buchstäblich zusammen.

Dafür haben wir beim dritten Mal mit " " alles richtig gemacht: Zwei Zimmer, 45qm, extrem geschmackvoll eingerichtet und im Hausflur duftet es nach ausgesprochen gutem Putzmittel. Die Wohnung liegt im zweiten Arrondissement nahe der Rue Montorgueil (mit den besten "Poulet rôti" der Stadt) ohne Innenhof, dafür inmitten einer uralten Passage voller Antiquitätenhändler, draußen flankiert von zwei Sex-Shops. Kommentar der amerikanischen Korrespondentin: "Oh my God, this is so french!"

Einziger Nachteil an der ganzen Sache: Man trifft nicht nur keine Dienstmädchen, sie räumen einem auch nicht das Zimmer auf. Hausbesuche empfangen wir also vorerst nicht mehr.

Autor:
Silke Wichert