Paris Kreuzberg an der Seine

Wenn Julia Giese über den größten Haken an ihrer neuen Existenz spricht, ist ihre Stimme immer noch ruhig und leise, wie eben alles an ihr ruhig und angenehm beruhigend ist. So wie eine Tasse Kamillentee oder der Anblick eines grünen Bergsees. "Gefühlte 80 Prozent meiner Arbeitszeit verbringe ich damit, die Raucher vor der Tür wie kleine Schafe zusammenzupferchen", sagt die 28-Jährige. "Damit es wenigstens ordentlich aussieht, wenn die Polizei vorbei kommt. Sonst müssen wir irgendwann dicht machen."

Als Schafhirtin kann man sich die zarte Frau mit ihrem blonden Kurzhaar-Bob und den veilchenblauen Augen irgendwie auch gut vorstellen, selbst die tätowierten Efeuschlingen, die sich an ihrem linken Oberarm empor ranken, passen dazu. Und in gewisser Weise hat sie ja auch eine Herde - die Nachtschwärmer in ihrem "Udo". Einer Bar mit gewöhnlichen Problemen wie Rauchertrauben vor der Tür, aber keinem gewöhnlichem Angebot. Zumindest nicht für Paris.

Denn in dem Lokal an der Rue Neuve Popincourt steht kein dunkler Rotwein, sondern frisch gezapftes Paulaner-Hefe, Jever, Tannenzäpfle oder Kölsch auf dem Tresen. Eine verknitterte Tapete vom bayerischen Schloss Neuschwanstein - "veredelt" mit einem Hawaii-Sonnenuntergang - hängt über dem DJ-Mischpult und es riecht nach Bratwurst. Eine typisch deutsche Schraddelbar - abgehalftert, aber cool - wie man sie auch in Berlin-Kreuzberg oder in der Hamburger Schanze finden könnte.

Mit ihrem "Udo" wollte Giese eine Tresenheimat für Exildeutsche im szenigen Oberkampf-Viertel schaffen. Schließlich hausen laut ihren Recherchen an die 70.000 potenzielle Weißbierfans in der französischen Hauptstadt. Doch irgendwie lief dann plötzlich alles anders als erwartet.

Das Bier aus München, die Wurst aus Eberholzen

Anstelle der deutschen Exilanten besetzten hippe, kreative Pariser die Tresenplätze im "Udo", um eine unangepasste Brise aus Berlin zu spüren. Dabei ist es ihnen scheinbar egal, dass diese eigentlich aus Niedersachsen herüber weht. "Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich aus Hannover komme, aber mir soll das recht sein", sagt Giese. "Mittlerweile spielen wir natürlich mit diesem Berlin-Image." Die deutsche Hauptstadt ist derzeit heftig en vogue bei den Franzosen, aber mit der genauen Verortung der Berliner Produkte gehen sie eher leger um. So stören sie sich herzlich wenig daran, dass das helle Bier aus München und die deftige Wurst von der Landfleischerei Bartels in Eberholzen ist.

"Ich würde gerne mal ein Jahr in Berlin leben", sagt einer der Gäste im "Udo". Der Grafiker und Graffiti-Künstler Jean-Paul, der auch "JP" genannt wird, nimmt noch einen Schluck Helles. Experimentell, wild und gleichzeitig billig sei es da, in Berlin. Eine Stadt im Aufbruch, wie viele Pariser schwärmen. Ihre Hauptstadt hingegen sei schon viel zu etabliert, behäbig und vor allem - zu teuer. "Klar, da ist es billiger und man muss sich nicht mit so vielen administrativen Hürden herumschlagen wie hier", sagt auch Giese und meint damit die strengen Lautstärke-Reglements, die hohen Auflagen der Behörden und natürlich auch die Lebenskosten in der französischen Hauptstadt. "Wer sich in Paris etwas aufbauen will, muss kämpfen." Aber genau das reizt Giese auch an ihrem Job.

Knapp 700 Euro zahlt die "Udo"-Wirtin für ihre 24 Quadratmeter kleine Wohnung im 11. Bezirk, gleich neben der Bar, die sie sich mit ihrem Verlobten und Geschäftspartner Etienne teilt. In das Zweizimmer-Appartement im ersten Stock fällt tagsüber kaum Licht. Die Wohnung liegt direkt an einer kopfsteinbepflasterten engen Gasse, in der abends Nachtschwärmer mal kurz zum Pinkeln verschwinden und tagsüber die Hunde kläffen. "Wir leben schon sehr bohème", sagt sie mit einem koketten Lächeln.

Seit viereinhalb Jahren wohnt Giese jetzt in Paris. Die umtriebige Deutsche testete ihr geliebtes "Savoir Vivre" auf dem rechten als auch auf dem linken Seine-Ufer. Mal wohnte sie im neunten Bezirk mit seinen vielen Geschäfts- und Bürogebäuden, dann im 18. mit dem schicken Stadtteil Marais. Auch von ihrer ehemaligen Heimat im 13. Bezirk am linken Seine-Ufer ist sie immer noch sehr angetan. Dem "Butte aux Cailles", einem früheren Arbeiterviertel, das mit seinen kleinen Häuschen fast wie ein kleines Dorf wirkt. Aber auch ihr jetziger Wohnort, das Oberkampf im 11. Bezirk, benannt nach dem deutschen Baumwoll-Pionier Christophe-Philippe Oberkampf, das eigentlich kein richtiges Viertel ist, sondern nur aus einer Straße und einer Metro-Station besteht, reizt sie aufgrund des familiären Charakters. Jeder kennt jeden, jeder weiß alles. "Um die Ecke wohnt die Tochter von Mitterand in einem ausgebauten Loft, der Architekt Jean Nouvel isst oft im Nobel-Restaurant Le Villaret", sagt Giese.

Vorurteile können auch etwas Gutes haben

Genauso häufig wie ihre Wohnorte wechselte die gelernte Foto-Laborantin auch ihre Jobs. "Ich hab als Babysitterin gearbeitet, als Kellnerin in einem italienischem Restaurant, Umfragen für Disneyland gemacht und am Schluss als Designerin für eine große Jeansmarke angeheuert", sagt sie. "Französisch hab ich mir quasi nebenbei auf der Straße selbst beigebracht". Irgendwann kam ihr dann die Idee zum "Udo".

"Früher war das hier eine Cocktailbar namens 'Rousso'", sagt Giese und deutet auf die mittlerweile schwarzen Wände. "Der Laden war ziemlich rot und ziemlich hässlich. Wir mussten viel Zeit reinstecken, alles abreißen und renovieren, bis wir die Bar letztes Jahr eröffnen konnten." Ein bourgeoises Leben kann sich Giese vom Umsatz des "Udos" immer noch nicht leisten, aber für eine Wohnung ohne den Luxus einer Waschmaschine reicht es.

Ab und an reist Giese inzwischen nach Berlin. Keine schlechte Taktik, schließlich ist sie ja mittlerweile ein Aushängeschild der bundesdeutschen Hauptstadt in Paris. Seit diesem Jahr hat Giese sogar eine Zweitwohnung am Prenzlauer Berg. Die dortigen Bartrends importiert sie dann schnellstens in ihre französische Heimat. So fanden auch Getränke wie "Club Mate" oder Cocktails wie "Moscow Mule" ins Angebot des "Udo".

Ins Sortiment neu aufgenommen hat sie jetzt auch die Produkte des Deutschen Kai Lorch, der genau wie sie in Paris gestrandet ist. Der 34-Jährige brachte vor ein paar Monaten zwei Biere auf den französischen Markt: das Pils "Astro Blonde" und das Hefe-Weizen " Roquette Blanche". Letzteres heißt übersetzt Raketen-Blindgänger. Einen Blindgänger will Lorch allerdings nicht landen, sondern eher einen Volltreffer. "Bayerisches Weißbier wird die Welt erobern", meint der Deutsche, der als einer der wenigen Nicht-Franzosen öfter im Udo aufschlägt. Noch lässt der Starnberger sein Bier in Eschwege in Hessen brauen und nach Paris importieren. Innerhalb der nächsten zwei Jahre will er allerdings im Stadtkern eine eigene Brauerei aufmachen. "Die einzige in Paris", wie Lorch felsenfest überzeugt ist. "Ich mache eigentlich ein Pariser Bier, aber wenn die Leute hören, dass ich aus München bin, sagen sie: Ach, dann muss das Bier ja gut sein!" Vorurteile können auch etwas Gutes haben. Egal ob es sich um Berlin oder Bayern dreht.

Autor:
Bettina Hensel