Mit Stil Kamikazeritt mit Clint Eastwood

Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, endlich einmal eine ausführliche Hasstirade auf die Pariser Taxifahrer zu schreiben. Das Verhältnis von Angebot und Nachfrage ist hier noch klassisch sozialistisch geprägt: zu wenige, zu unfreundliche Anbieter treffen auf viel zu viele, desperate Kunden, die sich alles gefallen lassen müssen, nur um in einem schäbigen Peugeot durch die Gegend gefahren zu werden.

Während der Fashion Week Anfang Oktober wurde uns entweder vorgehalten, dass der gewünschte Fahrtweg zu kurz sei (weshalb von diesem Herren spontan ein Mindestpreis von 7 Euro eingeführt wurde), oder die Beförderung wurde wegen "trop de trafic" einfach abgelehnt, man solle lieber einen anderen Kollegen fragen. Aber genau die gibt es ja nie! Ich wette, die meisten Fahrer fahren einfach so aus purer Ennui den ganzen Tag mit gelbem Besetzt-Zeichen durch die Gegend und ignorieren stumpf alle winkenden Passanten. Und das Schlimmste ist: Ich kann mich nicht mal mit angemessenen Boshaftigkeiten wehren, weil mein Französisch gerade mal für ein albernes "C'est ridicule!", reicht.

Aber dann fuhr ich mit Frederic und nun gibt es zumindest einen Taxifahrer, oder eine "Kaste" von Taxifahrern in Paris, die die Gesamtwertung hebt: die , auch Jetmotos genannt; was es, wie sich später zeigen sollte, besser trifft.

Ich musste vergangenen Dienstag für ein Interview nach Paris, also pünktlich zum Generalstreik gegen die Rentenreform, und streiken - so viel weiß ich - können die Franzosen: Mein Flug würde Verspätung haben, die RER ausfallen, die Autobahn komplett dicht sein. Also buchte ich im Internet für 76 Euro ein Motorradtaxi, die sicherste Alternative in Paris, was Pünktlichkeit angeht, ansonsten "ein unverantwortlicher Kamikazeritt", wie mein Vater konstatierte. Aber was eine Freundin, die zwei Kinder hat, kann, werde ich wohl auch irgendwie schaffen.

Eigentlich ein Seniorensport

Gedanklich hatte ich mich auf einen waghalsigen jungen Typen eingestellt, irgendwas zwischen Luke Perry und Sebastian Vettel, aber am Gate wartete Frederic, Anfang 50, graues Haar, 35 Jahre (sic!) Berufserfahrung, der Clint Eastwood unter den Moto-Fahrern. Erstaunlich vertrauenswürdig. Und überraschenderweise auch: überaus freundlich! Frederic reichte mir ein Haarnetz mit Ohrenschützern, Motorradjacke und Handschuhe zum Überziehen, prüfte den Sitz des Helmes und lobte mein leichtes Handgepäck. Umso schneller könnten wir fahren, denn mit einem Koffer schaffe er nur 180 (ha ha, irre witzig). Der Verkehr sei allerdings katastrophal, unter 35 Minuten von Charles des Gaulle bis Palais Royal würden wir es wohl nicht schaffen.

Fünf Minuten später fuhren wir mit 148 Km/h über die Autobahn, vorbei an mahnenden "Rappel!"-Schildern. Als Beifahrer, der erhöht hinter dem Fahrer kauert, hat man ja freie Sicht auf den Tacho, wobei ich mir nicht sicher bin, ob das psychologisch gut oder eher schlecht ist. Dafür sind die großen Transport-Maschinen so bequem wie ein Sessel, inklusive Sitzheizung.

Eigentlich ist Mototaxi-Fahren also ein Seniorensport - bis der Verkehr ins Stocken gerät, und der eigentliche Spaß losgeht. Stromlinienförmig durch Autoschlangen fahren, bis irgendwo ein Holztransporter die Gasse dicht macht, dann wechselt man schnell in die andere Gasse. Bei zähfließendem Verkehr wird Slalom gefahren, im Nachhinein meine Lieblingsdisziplin, zumindest wenn man blind darauf vertraut, dass französische Autofahrer an wahnsinnige Motorrad-Typen gewöhnt sind und nicht unüberlegt die Spur wechseln. Vorsichtshalber hupen kann natürlich nie schaden.

Nach gefühlten 20 Minuten hatten wir bereits den Père Lachaise erreicht. Der Rest würde ein Kinderspiel: Busspur fahren, an den Ampeln ganz vorn einfädeln, mal auf der Gegenspur überholen, einmal Bürgersteig fahren, was in Paris halt selbst Omas auf Mofas machen. Kurz vor dem Palais Royal rief Frederic nach hinten "Are you okay?", was ich mit heftigem Nicken und einem Grinsen durchs Visier in seinen Rückspiegel versuchte zu bejahen - um den Daumen zu heben, hätte ich ja meine Hand vom Griff nehmen müssen, und so wahnsinnig bin ich wohl erst beim nächsten Mal.

Autor:
Silke Wichert