Paris Bobos in Belleville

"Wo steckt verdammt nochmal die Piaf", fragt ein Tourist aus Chicago, er atmet hektisch. Der Plan, den er in Händen hält, ist schon ganz zerfleddert. John hat es eilig, schließlich ist der singende Spatz aus Belleville beileibe nicht die einzige Prominenz, die im Friedhof Père Lachaise im Pariser Osten begraben ist. Der irische Autor Oscar Wilde, der Dichter Honoré de Balzac und der Pianist Frédéric Chopin stehen noch auf seiner To-See-Liste und sind gar nicht so einfach zu finden in diesem Labyrinth aus über 70.000 Grabsteinen, das sich auf einer Fläche von über 43 Hektar erstreckt und damit immerhin annähernd ein Viertel so groß ist wie der Tiergarten in Berlin.

Im 17. Jahrhundert war die weitläufige Totenstadt auch ein Park und gehörte den Jesuiten. "Mont Louis" taufte Pater François de la Chaise, der Berater und Beichtvater des Sonnenkönigs Ludwig XIV. das alte Gut mit den benachbarten Liegenschaften. 1804 machte Napoleon daraus den Ostfriedhof, der mittlerweile nach dem Eiffelturm und dem Louvre zu den touristischen Hauptattraktionen von Paris zählt.

1971 wurde der wohl populärste Tote hier beerdigt, aber die ewige Ruhe kehrte bei Rockstar Jim Morrison auch nach seinem Tod im Stadtteil Marais nicht ein. Die Party ging unverdrossen weiter, jetzt eben am Grab: Fans rauchten Haschisch-Tütchen, veranstalteten Sexorgien und schmückten die graue Steinplatte in besoffener Andacht mit Bierflaschen und Kippen.

Zu gerne hätte die Friedhofsverwaltung seinen Leichnam an die USA abgeschoben, doch die Amerikaner winkten ab. Mittlerweile wird die Totenstätte des Rockstars streng bewacht und ist abgesperrt. Am Gitter schieben sich Touristen mit sekündlich klickenden Digitalkameras um das Grab herum, unter ihnen auch mit einigen spontan-sopran-hellen "Great" und "Cool" die drei 24-Jährigen Amerikanerinnen Denise, Jamie und Lauren. Begleitet werden sie von der Französin Emerance De Loisne - einer eher unorthodoxen Fremdenführerin.

Raues Pflaster mit Streichholzfabriken

Die 32-Jährige arbeitet für die Non-Profit-Organisation "Parisien d'un Jour" und spaziert mit Touristen nach Feierabend durch die Straßen von Paris und zeigt ihnen ihre Lieblingsplätze. Was dabei genau auf dem Plan steht, bestimmt alleine sie, immerhin ist die Führung kostenlos. Den Friedhofspark mit seinen vermoosten Gruften bis zu den palastartigen Mausoleen, mit seinen Hügeln, schmalen Gassen und breiten Alleen, seiner Ruhe und seiner vermeintlichen Abgeschiedenheit zeigt sie nicht, weil er obligatorisch in jedem Reiseführer steht, sondern einfach, weil sie dort gerne spazieren geht. "Ich liebe Reisen", sagt sie, wenn man sie etwas misstrauisch nach der Motivation für ihren ehrenamtlichen Enthusiasmus fragt. "Und ich bin immer froh, wenn ich selbst auf Einheimische treffe, die mir die Stadt zeigen."

Läuft man mit De Loisne durch die teilweise steil ansteigenden Gassen Bellevilles, in die Rue de Cascades oder die Rue Transvaal vorbei an den mit Kletterpflanzen bewachsenen Häuserwänden, den hübschen Hinterhöfen und den kleinen Läden, wähnt man sich nicht in der Weltstadt Paris mit seinen monumentalen Prachtgebäuden, sondern fast in einem winzigen Dorf irgendwo in der Provence.

Und ganz falsch liegt man damit nicht, denn bis zu seiner Eingemeindung im Jahre 1860 gehörte Belleville noch gar nicht zu Paris, sondern war zusammen mit seinem Nachbarn Ménilmontant ein rustikales Weinanbaugebiet auf den Hügeln vor Paris und mit seinen Tanzlokalen und sogenannten "Gartenwirtschaften" ein beliebtes Ausflugsziel für erholungshungrige Städter. An diese Zeit erinnern noch mehrere Straßennamen wie die Rue des Vignobles ("Straße der Weinberge") oder die Rue de Retrait ( abgeleitet von de ratrait, einem Wein aus lokalem Anbau).

Im Zuge der Industrialisierung wandelte sich Belleville zum Arbeiterviertel, einem rauen Pflaster mit Streichholzfabriken und Gerbereien, schmutzigen Straßen, rachitischen Kindern und wenig zu essen. Die ehemaligen Arbeiterquartiere kann man heute noch sehen, doch vielerorts wurden sie saniert oder gleich abgerissen, zum Beispiel für den Bau des Parks in Belleville. "Das ist Dantes Hölle," sangen damals die Bänkelsänger des Quartiers. In diese Hölle wurde auch 1915 Edith Giovanna Gassion hinein geboren. Die kleine Frau mit der großen Stimme sang schon im Alter von 15 Jahren auf den Straßen von Belleville und brachte es später unter dem Künstlernamen Edith Piaf zu Weltruhm.

Babelville: Über 80 Nationen

Der ehemalige Kiez der Piaf, das sich nicht nur über den 20., sondern auch über den 10. und 19. Bezirk von Paris erstreckt, hat neben seinem rauhen, provinziellen und anarchischen Charakter auch noch ganz andere Facetten, wie das Bunte und Vielfältige. "Babelville" wird es auch genannt, sinnbildlich für die Diversität an Einwanderern, die aus der ganzen Welt in den Nordosten von Paris strömten. Nach dem ersten Weltkrieg kamen 1918 die Armenier, dann die Griechen und ab dem Zweiten Weltkrieg Juden aus Osteuropa und Flüchtlinge aus Nordafrika wie Berber und Tunesier. In den 1980er Jahren zog es Menschen aus Südostasien und China hierher. Die jüngste Einwanderergeneration ist aus dem Maghreb und dem Fernen Osten. Von über 80 Nationen ist mittlerweile die Rede.

Kaum verlässt man den Metro-Schacht Belleville ist man mitten drin im kulturellen Schmelztiegel. Wie das Geräusch eines surrenden Bienenschwarms fliegen die Laute "Maische, maische, maische" durch die Luft. Dahinter verbirgt sich nichts anderes als das französische Wort für Maiskolben, die von Afrikanern aus bunten Hackenporsches feilgeboten werden. Auf dem Schwarzmarkt gleich nebenan in der Rue de Faubourg de Temple verkaufen Händler aus aller Welt Flohmarkt-Artikel wie Pelzmäntel, gebrauchte Akku-Aufladegeräte für Handys oder Fußbandagen. Und auf dem berühmten Markt von Belleville auf dem gleichnamigen Boulevard findet man Dienstag und Freitags auch die kulinarische Vielfalt des Viertels, von tunesischem Couscous bis zum arabischem Süßgebäck.

"Belleville faszinierte mich auf Anhieb," sagt Patrik Joly. " Alle Kulturen leben hier meist völlig friedlich Seite an Seite. Juden mit Moslems, Schwarzafrikaner mit Chinesen. Es erinnert auf eine bestimmte Art und Weise an Marseille, aber es ist noch viel kosmopolitischer." Der 49-Jährige ist in der Kunstszene kein Unbekannter. Er ist Leiter einer unabhängigen Galerie in Nantes und seit diesem Jahr auch Kurator und Gründer der so genannten "Biennale Belleville".

"Eigentlich war das am Anfang nur ein Witz, zwischen mir, einem befreundeten Galeriebesitzer und einem Le-Monde-Journalisten", sagt Joly. Natürlich ist er sich durchaus darüber im Klaren, dass der Begriff Biennale meist nur in Zusammenhang mit weltbekannten Kunststätten wie Venedig oder Istanbul gebraucht wird. Doch aus dem Witz wurde im September diesen Jahres doch Ernst. Die sieben Galerien im Viertel taten sich zusammen und präsentierten, ganz Babelville, Installationen, Filme und Werke junger internationaler Künstler, wie dem Kubaner Alexandre Arrecha oder der Deutschen Isa Melsheimer.

Teure Heimat der Bobos

Die Berliner Künstlerin wird von Jocelyn Wolff vertreten, der hier als einer der ersten vor sieben Jahren seine Galerie eröffnete. Nach einem Umzug vor drei Jahren ist er heute in der Rue Julien-Lacroix anzutreffen. "Ich wollte in ein Viertel, das nicht so aussieht wie alle anderen. Und in eines, das im Vergleich zu anderen Stadtteilen günstiger ist," sagt der 38-Jährige. Er steht gerade unter einer ausgestopften Meise von Künstlerin Isa Melsheimer, die ganz verloren auf einem Haken an der weißen Wand sitzt, und lässt sich fotografieren.

"Auf diese Weise schaffe ich mir mehr künstlerischen Freiraum für Experimente. Schließlich sehe ich mich nicht als Dealer, sondern als kulturellen Vermittler." Mit den billigen Mieten ist es jedoch mittlerweile vorbei, die so genannte Gentrifizierung hat auch hier im äußersten Ring von Paris Einzug gehalten, sehr zum Ärger der Alteingesessenen. "Für die lokalen Leute hier, denen, die zu den linken Gewerkschaften gehören, waren wir verantwortlich für den Einzug der Besserverdienenden und damit auch für die höheren Mieten", sagt Wolf und verteidigt sich. "Aber das ist doch ein globales Phänomen. Für mich ist es auch kein Vorteil, wenn die Mieten teurer werden."

Zwischen 5000 und 7000 Euro kostet der Quadratmeter mittlerweile, so Jean-Claude Hennel. Er ist einer der Geschäftsführer des Immobilienbüros "les paves du 20e" in der Nähe der Métro Gambetta. "Die Bobos sind schon längst da," sagt der 39-Jährige und lächelt. Bobos ist die Abkürzung für Bourgeois-Bohèmes und steht für jüngere linksliberale Besserverdienende. Künstler und Studenten ohne reiches Elternhaus können sich die Mieten hier zum Teil schon nicht mehr leisten, sie wandern direkt in die Vororte ab, wie zum Beispiel nach Auberville im Norden von Paris.

Fremdenführerin De Loisne, die gerade plant, ihre eigene Marketingagentur zu eröffnen, steht mittlerweile mit ihren Schützlingen an der Aussichtsplattform des Parks von Belleville, der sich terrassenförmig über einen Steilhang erstreckt. Im Vergleich zum etwas höher gelegenen Montmartre drängeln sich hier kaum Touristen um die beste Sicht. "Für mich ist das der schönste Blick auf Paris," sagt sie und diesmal schweigen auch ihre drei Schützlinge, die Amerikanerinnen Denise, Jamie und Lauren für einen kurzen Moment. Denn sie hat Recht: Auf 200 Metern über dem Meeresspiegel liegt einem plötzlich die ganze Stadt zu Füßen und der Eiffelturm ragt in der Ferne am Horizont auf wie eine Spielzeugfigur. Das Viertel macht an diesem Punkt seinem Namen alle Ehre, "belle vue", die schöne Aussicht.


Adressen und Kontakte


Stadtrundgänge:
"Parisien d'un jour, Parisien toujours"

Die Spaziergänge mit Einheimischen sollten schon drei Wochen vor dem Urlaub in Paris angefragt werden, am besten über das Online-Formular, das auf der zu finden ist.

Bars und Restaurants:
La Bellevilloise 19, rue Boyer Tel: +33 (1) 53 27 35 77 Email: infos@labellevilloise.com,
Öffnungszeiten: Mittwoch - Donnerstag 19-23 Uhr, Freitag 18-2 Uhr, Samstag 11-2 Uhr, Sonntag 11-1 Uhr, Metro: Gambetta

La Mer à Boire 1, rue des Envierges Tel: +33 (1) 43 58 29 43 Email: contact@meraboire.com,
Öffnungszeiten: Dienstag - Samstag von 12 -01 Uhr, Sonntag von 12-18 Uhr, Metro: Pyrénées

Le Vieux Belleville: Altmodische Chanson-Bar in der 12, rue des Envierges, Tel: +33 (0)1 44 62 92 66,
Öffnungszeiten für Konzerte: Dienstag, Donnerstag und Freitag ab 20.30 Uhr, Metro: Pyrénées

La Fontaine d'Henri IV 42, rue des Cascades, Tel: +33 (0) 146360652, Metro: Pyrénées

Ausstellungen und Sehenswürdigkeiten:
Friedhof Père Lachaise 16, rue du Repos, Tel: +33(0)140 717 560, , Öffnungszeiten: Montag - Freitag von 8 - 18 Uhr
Sa 8:30 - 18:00 Uhr, So 9:00 - 18:00 Uhr, Metro: Père Lachaise

Markt von Belleville Boulevard de Belleville, Öffnungszeiten: Dienstag und Freitag bis ca. 13 Uhr, Metro: Belleville oder Ménilmontant

Pavillon Carré de Baudoin Noch bis zum 23. Oktober 2010 ist der Pavillon in der 119-121, rue de Ménilmontant das Zentrum der "Biennale Belleville", Tel: +33 (1) 58 535 540, Informationen über die Ausstellungen und die beteiligten Galerien findet man unter: , Öffnungszeiten des Pavillons Carré de Baudoin: Dienstag - Samstag von 11 -18 Uhr, Metro: Gambetta oder Ménilmontant

Galerie Jocelyn Wolff 78, rue Julien-Lacroix, Tel: +33 (1) 42 03 05 65 Email: jocelyn.wolff@galeriewolff.com, , Homepage, Öffnungszeiten: Mittwoch - Samstag von 14 - 19 Uhr, Metro: Pyrénées oder Couronnes

Autor:
Bettina Hensel