Mit Stil Billigbutter gegen Touristen

Das Flore, wie es alle nennen, ist eine Institution - seit über 125 Jahren. Hier wurde der Surrealismus geboren, Sartre und Beauvoir benutzten es als ständiges Arbeitszimmer, für die Designerin Sonia Rykiel ist unter der Woche jeden Mittag ein Tisch reserviert. Auf der Karte findet sich deshalb auch der Punkt "Club de Rykiel", unter anderem mit dem Club-Sandwich ohne alles für 19 Euro: ohne Brot, ohne Mayonnaise dafür mit Ketchup und Senf. Robert De Niro hingegen bevorzugt das klassisch voll belegte Club-Sandwich (ebenfalls für schlanke 19 Euro) und lässt es angeblich von seinem Chauffeur als Take-away abholen.

Warum das Café ein solcher Magnet ist? Auf den ersten Blick ist das Etablissment an einer Ecke des Boulevard Saint-Germain nur gut gelegen. (Obwohl das um die Ecke gelegene Les Deux Magots die direktere Aussicht auf die Kirche hat.) Die Einrichtung ist überwiegend beige, die Bänke mit gewöhnlichem roten Kunstleder gepolstert. Dass die Jugendstil-Leuchten exakte Repliken der Lalique-Originale sind, fällt nur den Eingeweihten auf. Es läuft keine Musik, das Essen ist durchschnittlich, die Kellner sind, na ja, wie sie in Paris eben sind. Aber all das zusammen macht gerade den legendären Charme des Flore aus. Es ist ein Klassiker, der sich allem widersetzt: der Zeit, jeglichen Moden, der allgegenwärtigen Geschwätzigkeit. Hier wird geredet bis tief in die Nacht, aber alles bleibt diskret hinter den kleinen Gardinen verborgen.

Ein Besuch im Flore ist während eines Aufenthaltes in Paris also gesetzt. Am Sonntagabend vor zwei Wochen trafen wir uns dort mit einigen Freundinnen zum Essen. Wie immer während der Fashion Week waren etliche Modeleute im Café und wie immer bestellten wir Haricots verts frais en salade - grüne Bohnen, die mit Baguette und Butter serviert werden. Doch statt einem kleinen runden Stück Echiré-Butter, die in allen guten Häusern in Frankreich gereicht wird (in der aktuellen Monocle ist ein Bericht über die außergewöhnliche Manufaktur), lag ein gewöhnlicher kleiner Riegel Président auf dem Unterteller. Das mag einem vielleicht lächerlich unwichtig vorkommen, aber es ist in etwa so, als würde Hermès von gestrichenen orangefarbenen Tüten auf den Hochglanz-Douglas-Karton umsteigen.

Nicht der einzige Fauxpas, denn das Verhältnis von Bohnen zu Salat war unausgewogen. Unter dem üppigen Bouquet verbirgt sich sonst nur ein einsames grünes Salatblatt als Puffer. Dieses Mal fand sich dort ein halber Kopf. Der Haricots verts frais en salade war von innen fast so üppig ausgestopft wie ein Käseigel.

Man beschwert sich im Flore über alles Mögliche. Über andere Gäste, über seinen Tisch in der ersten Etage (früher tatsächlich eine Strafe, heute ein gefragter Rückzugsort), über die unzulänglichen Heizstrahler im Wintergarten - aber solch essentielle Dinge machen uns sprachlos.

Die einzige Hoffnung, die ich habe, ist, dass diese Nachlässigkeit nur zur Abschreckung von Touristen gehört. Als das Flore immer mehr zum Treffpunkt der missliebigen schwulen Szene wurde, berechnete ihnen der ehemalige Besitzer Paul Boubal damals die dreifachen Getränkepreise (erfolglos), ein Stammgast soll rohe Eier zum Bewerfen bestellt haben (Ausgang ungeklärt). Vielleicht sind beim heutigen Besitzer Miroslav Siljegovic nun die Touristen dran. Damit die vielen Stammgäste endlich wieder ihre Ruhe haben. Und die gute Butter.

Autor:
Silke Wichert