Paris Alles über das Schloss Versailles

Der Tag des Sonnenkönigs beginnt morgens um 7.30 Uhr. "Sire, es ist Zeit", ruft ihm sein Erster Kammerdiener zu, bevor er die rot- und goldfarbenen Bettvorhänge beiseiteschiebt. Und während weitere Diener ihm das Gesicht mit Essigwasser waschen, lässt Ludwig XIV. seine engste Entourage vor dem Bett defilieren. Petit lever, kleines Aufstehen, heißt dieses Ritual, und wer ihm beiwohnen darf, steht in der Gunst von Ludwig XIV. ganz weit oben. Die Nähe zum König mag für die politische Karriere sehr wertvoll sein - angenehm ist sie nicht: Ludwig XIV. hatte entsetzlichen Mundgeruch.

Beim Ankleiden, grand lever genannt, sind dann bereits alle wichtigen Würdenträger des Königreichs anwesend. Hunderte Herzöge und Höflinge sehen dabei zu, wie sich der König Kniestrümpfe und -hose überstreift. Wie er sich in den justaucorps, die prächtige Jacke mit üppigen Stickereien, reinzwängt. Und wie er zuletzt in seine perlenbesetzten Schuhe schlüpft. Bevor der König endgültig das Schlafzimmer verlässt, schlürft er noch eine Tasse Bouillon. Dann schreitet er mitsamt dem Gefolge durch den Spiegelsaal zur Messe.

Der Spiegelsaal ist der ganze Stolz Ludwigs XIV. Die 73 Meter lange Galerie erstreckt sich entlang der Gartenseite des Schlosses. Es ist eine Preziose aus Glanz und Licht. Den Marmor für die kunstvollen Wandverzierungen ließ der Architekt Jules Hardouin-Mansart extra aus den Pyrenäen und Belgien heranschaffen. Der Maler Charles Le Brun, mit den Deckengemälden beauftragt, hat in dreißig Bildern das Leben des Sonnenkönigs ins rechte Licht gerückt. Und für die 357 Spiegel wurden eigens venezianische Handwerker beschäftigt. Sie sollten in Versailles die berühmten venezianischen Quecksilberspiegel produzieren. Der Raum spiegelt den ganzen Reichtum und Überfluss wider, in dem der Sonnenkönig während seiner Herrschaft gelebt hat.

Denn bevor der Architekt Louis Le Vau im Auftrag Ludwigs XIV. 1668 in Versailles mit den Bauarbeiten zum prachtvollsten Schloss Europas begann, stand dort auf dem Hügel nur das Jagdschlösschen von Ludwigs Vater. Der König selbst lebte im Louvre und im Palais Royal. Nach Versailles kam er nur gelegentlich - um Rehe zu jagen oder sich diskret mit einer Dame zu treffen.

Wasserspiele mit 2400 Effekten

Während der jahrelangen Arbeiten erhält das rote Jagdschloss einen Mantel aus hellem Stein. Außerdem werden die zwei prägnanten, mehr als 160 Meter langen Flügel angebaut. Am Ende ist das Schloss eine Ansammlung von Hunderten riesigen Gemächern, goldverzierten Sälen, silbernen Balustraden, Küchen und Vorratsräumen. Unter dem Schlosshof ist eine große Kaserne entstanden, denn mehrere tausend Soldaten sind in Versailles stationiert, um den König im Notfall zu schützen. Als Ludwig 1682 mit seinem Gefolge in Versailles einzieht, hat ihn der Bau geschätzte 80 bis 90 Millionen Livres gekostet.

Über Geld spricht der König für gewöhnlich nur dienstags und samstags, wenn er sich zwischen 11 und 13 Uhr mit seinem Finanzminister trifft. Sonntags und mittwochs gehört diese Zeit dem Regierungsrat. Dann geht es um neue Gesetze und Außenpolitik. Montags, donnerstags und freitags kommen die zuständigen Experten und Minister für innenpolitische und religiöse Fragen. Am Ende dieser Treffen entscheidet der König mit wenigen Worten über Krieg und Frieden, über Steuererhöhungen und über neue Bauten.

Das darauffolgende Mittagessen ist ein tägliches Gelage, das Ludwig XIV. zusammen mit auserwählten Prinzen und Herzögen einnimmt. Danach verzieht er sich mit seiner zweiten Ehefrau (die erste war bereits 1683 gestorben) Madame de Maintenon für ein paar Stunden in seine Gemächer. Wenn es das Wetter zulässt, spaziert der Sonnenkönig später am Nachmittag ein wenig durch den Garten.

Den fast 100 Hektar großen Schlosspark hat der Gartenbauarchitekt André Le Nôtre zu einem grandiosen Landschaftskunstwerk arrangiert. Aus den Büschen hat er Skulpturen geformt, aus den Hecken Labyrinthe gestutzt. Überall stehen Marmorskulpturen, Pavillons und vergoldete Fabelwesen. Ein Heer von Gärtnern kümmert sich um die Beete. Die Wasserspiele mit ihren 2400 Effekten dirigieren Brunnenmeister. Die Fontänen verbrauchen unfassbare Mengen Wasser. Allein das Bassin de Neptune, das größte aller Brunnenbecken, spuckt 567 Liter pro Sekunde. Während der König von einem Schauplatz zum nächsten schreitet, drehen die Brunnenmeister deshalb hinter ihm die bereits besichtigten Wasserspiele ab und die neuen auf.

Nach der Rückkehr Ludwigs XIV. ins Schloss beginnt die soirée d'appartement. Das Hausfest findet an drei Tagen der Woche im Spiegelsaal und in weiteren Räumen statt. Die Herrschaften flanieren dabei durch das Schloss, verzehren kandierte Früchte und trinken Weine und Liköre. Die Männer spielen Karten und Billard. Später trifft man sich im Salon de Mars. Dort musiziert das königliche Orchester, und Ludwig XIV. fordert zum Tanz.

Vorbild für Europas Adel

Das Vergnügen endet pünktlich um 22 Uhr mit dem souper au grand couvert, dem Abendessen des Königs. Ludwig XIV. nimmt es für gewöhnlich in den Gemächern der verstorbenen Königin ein. Erneut versammelt sich die Entourage um ihn, wieder wird opulent aufgetragen. Gegen 23.30 Uhr zieht sich Ludwig XIV. in sein Schlafzimmer zurück und lässt sich von seiner Dienerschaft bettfertig machen.

Überboten werden diese Sausen freilich noch von den unzähligen Maskenbällen, Hochzeiten, Banketten und mehrtägigen Festen, die regelmäßig auf dem Schloss stattfinden. Zum Ende des 17. Jahrhunderts schaut der gesamte europäische Hochadel bewundernd nach Versailles. Mit seiner verschwenderischen Lebensweise setzt Ludwig XIV. dort Maßstäbe, nach denen sich halb Europa richtet. Von Sachsen bis nach Russland imitiert der Adel an den Höfen die französische Bau- und Lebensart. Selbst die französische Sprache hält in vielen europäischen Schlössern Einzug.

Mit dem Tod Ludwigs XIV. im Jahr 1715 verblasst die Strahlkraft von Versailles. Sein Nachfolger Ludwig XV. ist politisch weniger erfolgreich als der Sonnenkönig. Und Ludwig XVI., der zusammen mit seiner Frau Marie Antoinette alles daran setzt, das ausschweifende Leben bei Hofe wiederzubeleben, wird 1789 aus dem Schloss gejagt. Mit der Revolution lehnt sich das französische Volk endgültig gegen die Verschwendungssucht von Versailles auf. Die Zeit der Aristokratie ist vorbei.

Der protzige Lebensstil Ludwigs XIV. wirkt allerdings noch bis heute nach: Als man 2003 begann, den 73 Meter langen Spiegelsaal mit seinen tausend Quadratmetern Deckenmalerei, den elfhundert Quadratmetern Marmorverzierungen, den zwanzig versilberten Bronzelüstern, 17 Fenstertüren und 357 Spiegeln zu restaurieren, musste dafür ein ganzes Bataillon von Experten engagiert werden. Zwanzig Firmen, siebzig Restauratoren und dreißig Techniker waren von 2003 bis 2007 mit dem Prunkstück beschäftigt. Gekostet hat die Restaurierung am Ende rund zwölf Millionen Euro.

Autor:
Stéphanie Souron