Panama Francis Drakes letzte Ruhestätte in Portobelo

Kleine Kinder laufen durch die alten Gemäuer der Festungsruine San Jeronimo und spielen Verstecken. Als sie uns sehen, rufen sie wild durcheinander: "Foto, Foto". Beim Zücken der Kameras bringen sie sich johlend in Pose und quieken schließlich vor Freude, als wir den Auslöser drücken. "Die Kameras könnt ihr gleich draußen lassen", ruft die bunt gekleidete Gemeindesprecherin Ari, die uns an diesem Tag durch ihr Dorf führt. "Hier gibt es noch viel mehr zu sehen."

Blaues Karibikwasser schwappt ans Ufer. Wilde Dschungelhänge ragen hinter der Küstenzeile gen Himmel. Kleine Wasseradern führen am Ende der Bucht in uriges Mangrovengewässer mit Krokodilen. Beim Blick über die graubraunen Reste des Forts wird schnell klar, warum sich die berühmten Seefahrer der Geschichte von dieser traumhaften Bucht bei Portobelo an der Nordküste Panamas angezogen fühlten. Christoph Kolumbus besuchte den Ort als einer der ersten Fremden und taufte ihn Puerto Bello ("schöner Hafen").

Pirat Sir Francis Drake sang hier sein letztes Liedchen

Geschichte jedoch schrieb hier ein anderer: Der legendäre Pirat Sir Francis Drake sang in Portobelo sein letztes Liedchen. 1595 hatte er sich ein weiteres Mal aufgemacht, um in der Karibik zu plündern. Während er vor Portobelo vor Anker lag, plante er die Einnahme von Panama-Stadt. Doch die Gegenwehr der spanischen Siedler war so groß, dass die entsandten Mannen unverrichteter Dinge zurückkehren mussten. Ihr Captain war inzwischen an dem Darminfekt Dysenterie erkrankt und starb am 28. Januar 1596 erfolglos und schwach auf seinem Schiff. Standesgemäß erwies man Drake per Seebestattung vor diesem Ufer die letzte Ehre.

Andere Orte wären durch solche historischen Eckpfeiler längst berühmt geworden. Portobelo hingegen ist nach seiner einstigen Hochzeit als wichtiger, spanischer Hafen in der Neuen Welt, den jedes Warenschiff aus Südamerika passieren musste, wieder in Vergessenheit geraten. Besonders der Bau des Panamakanals machte die Wirtschaftskraft des Hafens zunichte und sorgte dafür, dass Portobelo ein verschlafenes Nest blieb.

Die Dorfkinder scharen sich um Ari, die in ein traditionelles, karibisches Kleid gehüllt ist. "Wir heißen Touristen stets herzlich willkommen", sagt die 40jährige Sprecherin der kleinen Gemeinde. "Aber wie ihr an den Kindern seht, ist der Besuch von außerhalb noch immer etwas Besonderes." Und das, obwohl die UNESCO die Festungsanlagen und auch den Cristo Negro, den zweifellos größten Schatz des Dorfes, längst zum Weltkulturerbe erklärt hat.

Die Kirche in Portobelo wird gehütet wie ein Schatz

Ari führt uns durch verfallene Häuser und Wellblechhütten. Von den Terrassen und Fensterbänken winken uns Menschen zu. Plötzlich stehen wir am Ende einer Gasse vor der vergleichsweise herausgeputzten Kirche Iglesia del Cristo Negro, die so gar nicht in das historisch-verfallene Bild des Ortes passen will. "Diese Kirche hüten wir wie unsere Kinder", sagt Ari. In einer Glasvitrine steht der Schwarze Christus, vor ihm knien Bewohner und beten.

Die große Bedeutung der Statue geht auf eine Legende zurück. Zur Zeit einer schweren Cholera-Epidemie tauchte in der Bucht eine Holzkiste auf, in der sich die pechschwarze Jesusfigur befand. Fischer zogen sie an Land, und die Epidemie verschwand angeblich noch am selben Tag.

Jedes Jahr am 21. Oktober findet der Statue zu Ehren eine der bedeutendsten Prozessionen Panamas statt. Aus dem ganzen Land kommen Gläubige nach Portobelo, um sich durch schmerzhafte Bußehandlungen von ihren Sünden zu befreien. Cristo Negro wird dabei traditionell mit Gaben überhäuft.

Zu anderen Jahreszeiten sind es größtenteils Tagesbesucher, die aus der etwa 100 Kilometer entfernten Hauptstadt Panamas hierher kommen. Nur wenige bleiben über Nacht. Einige Amerikaner liegen mit ihren Jachten vor Anker, um in Portobelo zu überwintern. Ein paar einfache Unterkünfte halten Betten für Backpacker bereit, und am Nordufer der Bucht stehen die kleinen Designhäuser des Luxusresorts "El Otro Lado".

Mal quietschbunt, mal künstlerisch verspielt hat jedes der Häuser seinen eigenen Stil. Abends trifft man sich auf einen Drink am Infinity Pool oder probiert die Fusion Cuisine im wohnzimmerähnlichen Bar-Restaurant "Gazebo". Hoteldirektor Jim Peebles sieht in diesem Mix den besonderen Vorteil des Hauses: "Als kleines Resort mit nur fünf Zimmern können wir zu jeder Zeit für die nötige Privatsphäre unserer Gäste sorgen." Daher fürchte er sich nicht vor der Zukunft – und spielt damit auf das geplante Hotelgroßprojekt an.

Panama wird für Touristiker immer spannender

Kempinski Hotels hat angekündigt, wieder stärker in den lateinamerikanischen Markt vordringen zu wollen. Neben Anlagen auf Kuba, in der Dominikanischen Republik und in Rio de Janeiro soll auch in einem grünen Naturreservat nahe Portobelo ein großes Resortdorf mit rund 200 Zimmern und Residenzen entstehen. Der Managementvertrag ist unterzeichnet, die Eröffnung für Ende 2015 geplant. "Die Region zieht zunehmend Touristen an", sagt Kempsinki-Präsident Reto Wittwer. Ziel sei es, mit dem Resort, dessen Herzstück eine Plaza mit Restaurants, Boutiquen und Spa-Angeboten werden soll, insbesondere Reisende aus Europa und Amerika nach Panama zu holen.

Wie so oft gilt auch hier: Finanziell wird es dem Dorf sicherlich gut tun, nur fürchten sich einige auch vor dem möglichen Ausverkauf von Panamas ruhiger Perle. Pamela, die ihre selbstgefertigten Waren am Uferweg zum Verkauf anbietet, sieht es praktisch: "Wenn ich im Moment einen guten Tag habe, verkaufe ich vielleicht zwei Halsketten. Ich hätte also nichts gegen ein bisschen mehr Leben in Portobelo."

Der Hafen, fügt sie hinzu, bliebe ja trotzdem so schön "wie er immer war". So schön, dass er schon damals die großen Seefahrer anzog. Und einer von ihnen ist sogar für immer geblieben. Das kleine Eiland an der Buchtmündung heißt noch heute Drake’s Island.

Autor:
Christoph Pfaff