Palma de Mallorca Die Kathedrale La Seu

Die Morgensonne durchdringt die große Rosette, spielt mit dem Licht und den Farben ihrer 1236 Glasstücke, projiziert sie als rote, grüne, blaue, orangefarbene Tupfer auf einige Pfeiler des Kirchenschiffs. Und setzt sie schließlich genau unter der Rosette der gegenüberliegenden Westfassade wieder zusammen. So gaukelt sie eine zweite Rosette auf der Innenwand vor: aus Glas die eine, ein ätherisches Gebilde die andere. Daniel Ruiz Aguilera von der Societat Balear de Matemàtiques erklärt den Zauber wissenschaftlich mit Azimut und Höhe des Gestirns: "Die Ausrichtung der Kathedrale liegt fast genau auf der Linie des Sonnenaufgangs zur Wintersonnenwende." Die perfekte Doppelrosette entsteht jeweils am 11. November und 2. Februar.

Sein Kollege Josep Lluís Pol i Llompart vergisst nicht hinzuzufügen: "Und an einem 2. Februar wurde Jaume el Conqueridor geboren." Selbst in den Köpfen nüchterner Mathematiker bleibt der Sieg Jakobs I. von Aragón über die Mauren nach ihrer 300-jährigen Herrschaft der Wendepunkt in der Geschichte ihrer Insel; der Einzug des Königs am 31. Dezember 1229 in Medina Mayurqa ("Mallorca-Stadt", wie Palma damals hieß) wird heute noch mit einem Défilee vom Rathaus zur Kathedrale und einem Dankgottesdienst gefeiert.

Jakob der Eroberer verlor keine Zeit. Es war ja üblich, heilige Stätten weiterhin sakral zu nutzen, also ließ er zunächst die Moschee kurzerhand in eine christliche Kirche umweihen. Der Glockenturm, der das Minarett ersetzte, ist im Gegensatz zur Kathedrale noch nach Mekka ausgerichtet. Vielleicht war die Moschee wiederum über einer frühchristlichen Kapelle errichtet worden? Eine Säule im Hochaltar stammt jedenfalls aus dem 6. Jahrhundert, und zu dieser Zeit stand die Insel unter byzantinischer Herrschaft.

Jakob II., Sohn des Eroberers und erster Herrscher eines unabhängigen Königreichs Mallorca, machte den Bau einer Kathedrale zur Chefsache. Mit der Trinitätskapelle, im ersten Bauabschnitt, sollte nach seinem 1306 verfassten Testament in loco decenti eine würdige Grabstätte für die mallorquinischen Könige entstehen. Doch Jakob II. starb 1311, die Trinitätskapelle war 1313 erst fertig, und noch im 19. Jahrhundert musste sich die gut erhaltene Mumie des Königs mit "weit geöffnetem Kiefer und großen Augenhöhlen" im Kirchenschiff gegen einen Obolus von Besuchern begaffen lassen. Die elegante gotische Trinitätskapelle war 600 Jahre lang eine Abstellkammer!

Die Finanzierung der Kathedrale war Sache aller Schichten

Im Jahre 1314 steckte man mit "drei Rollen Bindfaden" den Grundriss der Kathedrale auf dem Erdboden ab. Wurde das Bauwerk absichtlich so platziert, dass seine Längsachse am Tag der Wintersonnenwende zur aufgehenden Sonne weist? Dagegen spricht, dass es anfangs keinen Gesamtbauplan gab. Aber selbst die Mathematiker meinen, die Kathedrale habe eine "seltsame" Ausrichtung, und die stimme auch nicht mit dem davor liegenden Almudaina-Palast überein. Vielleicht gab es symbolische Gründe. Zum Bauanfang sind keine Aufzeichnungen vorhanden. Das änderte sich, als die Bauaufseher begannen, Bücher anzulegen, in denen sie Einnahmen wie Ausgaben vermerken.

Die Finanzierung der Kathedrale war Sache aller Schichten: Kaufleute, Adlige, Geistliche, Notare, Ärzte, Tagelöhner, Bauern, Leibeigene - Tataren, Bulgaren, Griechen, Sarden, alle wurden zur Kasse gebeten oder zahlten freiwillig fürs Seelenheil. Es zogen auch Spendensammler über Land oder über See, bis hin nach Ibiza und Menorca, von wo sie die Gaben der Bevölkerung - Weizen, Öl, Eier, Käse - mitbrachten, um sie auf Märkten zu verkaufen und den Erlös der Kathedrale zukommen zu lassen. Nur war der Käse nicht sonderlich beliebt, weil häufig "schlecht und bröckelig" und folglich "schwer zu verkaufen".

Man benötigte viel Geld. Nicht immer solch große Summen wie für die außerordentlich kunstvollen, mannshohen Silberkandelaber, die Geistliche Anfang des 18. Jahrhunderts beim Silberschmied Joan Matons aus Barcelona in Auftrag gaben und mit dem sie jahrelang herumstritten, weil er auf Nachzahlung bestand. Heute prangen die Leuchter im Museum der Kathedrale wie auch die beiden Rimmonim aus dem 14. Jahrhundert, die einst ein mallorquinischer Händler aus Sizilien mitgebracht hatte. Diese Thorarollenaufsätze, heute die ältesten der Welt, hätte die Regierung Adenauer gern als Geschenk für das israelische Volk erworben. Dafür wollte man in Palma ein Krankenhaus erbauen und erst danach über den Preis reden. Doch die Rimmonim waren nicht verkäuflich.

Aber auch Kleinigkeiten mussten bezahlt sein, so steht es in den Büchern: falsche Bärte und zwei vergoldete Hörner für die Aufführung der Prozession der Propheten. Von den Spesen für Reisen bis nach Carcassonne oder Neapel, wo ein Tischler Holz für das Chorgestühl einkaufen sollte, ganz zu schweigen. Nicht nur das Material für den Bau, sondern auch die Arbeiter kamen von weither. Auf der Baustelle - die Kathedrale stand vor den Landaufschüttungen Mitte des 20. Jahrhunderts fast am Meer -, wo die Lastkähne den besten Sandstein aus Santanyí abluden, tummelten sich "26 Sklaven, 8 Neophyten, 5 Weiße, 2 Mulatten und ein Neger, 3 'Sarazenen' und 15 Griechen". Und ein multikulturelles Völkchen fand sich auch am Südportal zusammen - Künstler aus Mallorca, Burgund, Flandern, Deutschland (Rich Alamant, "Erich der Deutsche"), die an zarten Engelsflügeln, filigranen Pflanzen, am ungetreuen Judas oder dem treuen Hund des Abendmahls meißelten. Währenddessen schuf der damals schon europaweit berühmte Guillem Sagrera aus Felanitx, der von etwa 1420 bis 1447 die Arbeiten an der Kathedrale leitete, die Statuen der Apostel Petrus und Paulus und der liebreizenden Madonna mit Kind.

Das stolze Wahrzeichen der Stadt

Zwischen die fertiggestellten Portale der Nord- und Südseite spannte man zum Schutz vor starker Witterung quer einen Vorhang; die schlichte Hauptfassade im Westen mit ihrem Renaissanceportal musste sogar noch mehr als 150 Jahre (bis 1601) auf Vollendung warten. 250 Jahre später wiederum wurde das Portal ummantelt von einer pompös neogotischen Fassade. Ursache dafür war das stärkste je auf Mallorca verzeichnete Erdbeben: Am 15. Mai 1851 um 1.47 Uhr nachts schreckte die Bevölkerung auf. Die Menschen, so meldeten die Zeitungen, übernachteten lieber in Zelten auf der Rambla vor Angst, bei Nachbeben in ihren Häusern erschlagen zu werden. Die Fassade der Kathedrale war einsturzgefährdet, und nach endlosem Behördengeplänkel wurde schließlich der Architekt Juan Bautista Peyronnet mit der Neugestaltung beauftragt. "Wenn die Gotik in Spanien keinen Besseren als den Señor Peyronnet hat, diese zu interpretieren, dann: arme spanische Gotik", maulte 1867 ein örtlicher Baumeister über das Resultat. Vielleicht, weil Peyronnet aus dem ungeliebten Madrid kam?

Die Rosetten der alten Fassade hat Peyronnet unwiderruflich überbaut. Dabei ähnelte das Gotteshaus innen inzwischen ohnehin einem finsteren Verlies. Und mitten im Kirchenschiff trutzte ein Gebäude im Gebäude, der Chor, in dem sich die Geistlichen von den Gläubigen abschotteten.

Zaubermeister Antoni Gaudí sollte das, gerufen vom erst 40-jährigen Bischof Campins, alles ändern. So machte sich der Magier daran, der Kathedrale ihr Licht wiederzugeben. Und ihre Weite. Und ihre Erhabenheit. Er räumte gründlich auf. Er versetzte den Chor aus dem Mittelschiff in das Presbyterium, ließ Fenster freilegen, nahm einen Altaraufsatz fort, platzierte einen anderen an eine neue Stelle, so dass der Blick wieder ungehindert vom Hauptportal bis zur Trinitätskapelle schweifen konnte. Er stellte die himmelwärts strebende Leichtigkeit wieder her, die in der Geschichte des Dombaus ihresgleichen sucht. Die hatten die Baumeister durch besonders schlanke wie hohe Pfeiler, durch das Lichtspiel der Rosetten, durch die Buntglasfenster erreicht. Das Kirchenschiff von Palma, von einer "etwas kühlen mathematischen Strenge", sei ein Sieg des Geistes über die Materie: In kaum einem Bauwerk sei mit so wenig Stein so hoch und weiträumig gebaut worden, meint der Historiker Marcel Durliat.

Die Kleriker beobachteten alles mit Argusaugen. Gaudís Arbeiten gefielen längst nicht allen, und die seiner Mitarbeiter Joan Rubió i Bellver und Josep Maria Jujol noch weniger. Als ein Modell von Gaudís Baldachin aufgehängt werden sollte, riss dreimal das Seil, beim vierten Versuch ging Rubió i Bellver spazieren, um eine mögliche Katastrophe nicht mit ansehen zu müssen. Ein Wortwechsel mit einem Domherrn mag am Ende dazu geführt haben, dass Gaudí nach Barcelona fuhr und "nie mehr nach Mallorca zurückkehrte", wie der Priester Emili Sagristà frohlockte.

Die Hochzeit zu Kana darstellen

Einen transzendenten Schimmer verliehen die Keramikverzierungen von Gaudís Mitarbeiter Jujol der Wand der Königskapelle. Doch als Jujol auch das Nussbaumholz des Renaissance-Chorgestühls zu bemalen begann, war die Reizschwelle erneut überschritten. Vielleicht hing die Einstellung der Arbeiten gegen 1914 wirklich damit zusammen. Emili Sagristà dankte Gott, dass nicht noch mehr "Holz beschmiert" wurde, und lästerte: "Wenn Jujol in Barcelona eine Wohnung dekorierte, soll er den Farbtopf genommen und seinen Inhalt an die Wand geschleudert haben."

Kunststar Miquel Barceló wuchtete 2003 viele 60 Kilogramm schwere Pizzen aus Lehm und warf sie gegen die Wand seiner Werkstatt - das Äußerste an Gewicht, was er werfen könne, sagt er. Barceló meint, er sei sich dessen bewusst, dass seine Arbeit mit dem Werk von Gaudí und Jujol koexistieren müsse. Der hochdotierte mallorquinische Künstler, der auch die Kuppel im Genfer Palais des Nations in eine Deckenlandschaft verwandelt hat, kleidete die Petruskapelle mit einer polychromierten Keramikhaut von 300 Quadratmetern aus. Er hatte den Auftrag, die wundersame Vermehrung von Fisch und Brot bei der Speisung der Fünftausend sowie die Wandlung von Wasser in Wein auf der Hochzeit zu Kana darzustellen.

Über die Wände der Petruskapelle huschen Fischschwärme, tänzeln Kraken, winden sich Seeschlangen, öffnen sich Melonen, wölben sich krustige Brotlaibe. Barcelós Fenster aber sind dunkel und gräulich; sie reproduzieren, sagt er, das Licht des Meeresgrundes. Und so kann die Sonne ihr Spiel hier nicht treiben.

Die Societat Balear de Matemàtiques aber hat eine Stelle gefunden, wo die Sonne das Spektakel der illusorischen Rosette am 2. Februar und 11. November noch überbietet: Die ist außerhalb der Kathedrale, das Schauspiel ereignet sich am 21. oder 22. Dezember, dem Tag der Wintersonnenwende. Dann geht die Sonne langsam auf, taucht das Bauwerk in einen goldenen Heiligenschein, ergießt ihre Strahlen durch die Fensterrose im Osten und projiziert diese so formvollendet hinein in die Rosette der Hauptfassade im Westen - dass sie einander durchdringen, ihre Farben sich auflösen, um zu neuen Kombinationen zu finden, orange aufglühen, rot lodern. Nun wird es Sommer werden.

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Autor:
Brunhild Seeler-Herzog