Australien Wüstentour durch die Kimberleys

Wild und spektakulär sind die Kimberleys im Westen von Australien. Vor allem vor den Salzwasserkrokodilen sollte man sich in Acht nehmen.

Wir schwitzen. Jeder Schluck Wasser scheint direkt wieder aus unserer Haut zu treten und in der sengenden Hitze Westaustraliens zu verdunsten. "Wer innerhalb der nächsten Stunden nicht auf die Toilette muss, der trinkt zu wenig!" sagt Sam, unser Guide, der uns immer wieder an unseren Wasserhaushalt erinnert. Sam ist ein australischer Busch-Guide, wie er im Buche steht: breitkrempiger, speckiger Lederhut, ein abgetragenes Ensemble aus khakifarbenem Hemd und Shorts, die klobigen Wanderschuhe sind verkrustet mit roter Erde - und er beherrscht den "Fliegengruß" perfekt. Mit einer winkenden Handbewegung verscheucht er die hartnäckigen Viecher von seinem Gesicht, die seinen Schweiß zum Überleben brauchen.

Sam führt uns durch eine unwirkliche Gegend - selbst für australische Verhältnisse: durch die Kimberley-Region am nördlichen Zipfel Westaustraliens. Die Kimberleys sind der Hotspot des Roten Kontinents. Hier ist es eigentlich immer heiß. Besonders im australischen Winter zwischen April und Oktober klettern die Temperaturen regelmäßig auf 38 Grad Celsius. Dennoch ist diese Jahreszeit die beste, um das karge Fleckchen Erde zu bereisen. Denn im Sommer fällt Regen, viel Regen. Er stürzt in tosenden Wasserfällen die tiefen Schluchten hinunter und verwandelt die ausgetrockneten Flussbette innerhalb weniger Tage in reißende Ströme, die viele Straßen unpassierbar machen. Erschwerend kommt die hohe Luftfeuchtigkeit hinzu, die alles in eine Dampfsauna verwandelt.

Und trotzdem, diese Region fasziniert: es herrscht absolute Stille, die gelegentlich nur durch laut krächzende schwarze Kakadus unterbrochen wird. Die raue Hügellandschaft besteht aus rot-gelbem Vulkan- und Sedimentgestein, das durch die Witterung im Laufe der Jahrhunderte zu kugeligen Steinbrocken geformt wurde. Eine Fahrt in die Kimberleys mutet fast wie ein Abstecher in eine irdische Marslandschaft an. Da kann man schon mal schnell die Orientierung verlieren. Gut, dass Sam bei uns ist.

Aborigines leben nach den ungeschriebenen Gesetzen der Traumzeit

"Ein kleines Stück von dieser winzigen Beere kann euch töten", erklärt er uns und hält eine knallrote Beere in seiner Hand: die Paternostererbse. Die australischen Ureinwohner, die Aborigines, nähmen sie dennoch unter bestimmten Umständen ein - zumindest die Frauen. "Die Aborigines leben nach den ungeschriebenen Gesetzen der Traumzeit. Ist eine Frau schwanger und es gibt keinen Traum zum Kind in ihrem Leib, durfte das Kind nicht geboren werden", sagt Sam. Da aber niemand weiß, wie viel man von den roten Beeren zu sich nehmen müsse, erfolge die Abtreibung auf eigene Gefahr. "Entweder das ungeborene Kind starb oder die Mutter - oder beide."

Wasserstelle in den Kimberelys.
Marike Stucke
Nur vereinzelt finden sich noch Wasserstellen - im Winter, denn in den Sommermonaten sieht es durch den Regen ganz anders aus.
Während der vielen - und durchaus notwendigen - Pausen auf unserer Wanderung lassen sich die Zeichnungen der Aborigines an den Gesteinswänden betrachten. Bis zu 30.000 Jahre alt sind die frühen Kunstwerke der Ureinwohner. Bestehen konnten sie trotz der starken Regenfälle, weil sie oft durch Felsvorsprünge von oben geschützt werden. Eine Gefahr der anderen Art bedroht jedoch die mit Gesteinspasten gemalten Kunstwerke. Wildschweine und andere Tiere reiben sich gern an den schroffen Felswänden die Parasiten von der Haut - die empfindlichen Malereien fielen diesem Genuss schon mancherorts zum Opfer.

Die Kimberley-Region gehört zu den bevölkerungsärmsten Gegenden der Welt

Noch heute stellen die Ureinwohner einen Großteil der hiesigen Bevölkerung. Mit nur 40.000 Einwohnern auf einer Fläche so groß wie Deutschland und Österreich zusammen gehört die Kimberley-Region ansonsten aber zu den bevölkerungsärmsten Gegenden der Welt. Die Küstenstadt Broome und  Kununurra weisen jedoch die normale Infrastruktur auf, von hier aus beginnen die meisten ihre Tour in die Kimberleys. Je nach Fitness und Geldbeutel kann dies mit einem Jeep, zu Fuß oder auch mit dem Hubschrauber erfolgen. Letzterer zeigt einem als einzige der Fortbewegungsmöglichkeiten authentisch die Weite und Einsamkeit der Kimberleys.

Waserloch in den Kimberleys in Western Australia.
Marike Stucke
Dann wird alles grün und die Wasserläufe verwandeln sich in reißende Ströme.
Nach einem langen Tag in der Hitze ist die kalte Dusche am Abend in unserem Camp die größte Belohnung. Der erholsame Schlaf wird in der Nacht, wenn überhaupt, nur von unbekannten Frosch- und Vogellauten unterbrochen. Viele Camps in dieser unwirtlichen Gegend bieten ihren Gästen Schlafzelte an. Wobei das Wort Zelt untertriebene Vorstellungen weckt. Neben gewöhnlichen Campingplätzen gibt es auch Camps mit festen Zelten, die auf einem Holzsockel stehen, mit richtigen Betten ausgestattet sind und, meist hinter einer Holztür verborgen, ein Bad beherbergen. Man muss nicht vollständig zum Crocodile Dundee werden, um die Wildnis der Kimberleys zu erleben.

Krokodile sind in Westaustralien ein ernstzunehmendes Problem. Zumindest, wenn man sich nicht an die Warnungen hält und Flussmündungen oder gar den Strand am Indischen Ozean zum Baden nutzt. So einladend das türkisfarbene Wasser und der weiße Sandstrand auch sein mögen – die großen "Salties", die Salzwasserkrokodile, sowie giftige Quallen könnten den Badespaß jäh beenden. Die Enttäuschung angesichts des erfrischenden Wassers könnte kaum größer sein. Baden kann man in den Kimberleys trotzdem. Dafür lässt man sich per Boot am besten wieder ein Stückchen den Flusslauf hinauf kutschieren und von ortskundigen Führern einen der Frischwasser-Tümpel zeigen, die der Trockenheit trotzen und durch ihre höhere Lage für Krokodile unerreichbar sind. Nach diesem Ausflug in die Wildnis der Kimberleys wird es für uns nun Zeit, wieder in die Zivilisation zurückzukehren.

Autor

Marike Stucke