Osnabrück Wirtschaften in Niedersachen

Georgsmarinenhütte: Edler Stahl rettet die Stadt

Pleite: 1992 war alles aus. Teurer Stahl aus Deutschland? Kein Mensch brauchte so etwas, wenn es massenweise Billigstahl aus Ostasien gab. Es kaufte ja auch niemand mehr Fassgurken, keiner züchtete Brauereipferde oder produzierte Schallplatten. Die gehörte damals dem Klöckner-Konzern, und dem ging es schlecht, im Werk wucherte das Unkraut, die Farbe blätterte ab. Und dennoch: Fassgurken gibt es im Spezialitätengeschäft, Brauereipferde werden für Prunkwagen gebraucht und ohne Schallplatten kann der DJ nicht scratchen.

So etwas Ähnliches muss sich der Sanierer Jürgen Großmann gedacht haben, als er die irrsinnige Idee hatte, die mit 60 Millionen Mark verschuldete Hütte zu kaufen, für zwei Mark aus der Privatschatulle. Dann trieb er in Windeseile Geld auf für den neuen Ofen, und jetzt produzieren sie hier Spezialstahl für Flanschlager, Nockenwellen und Radlager, auch ausscheidungshärtende ferritisch-perlitische Stähle, Stähle für Flamm-, Induktions- und Tauchhärtung, gar nicht zu reden von Kaltstauch- und Kaltfließpressstählen und derlei mehr. Zwar wissen nur Fachleute, was das ist, aber wenn man hört, dass sich Stahl aus dem Osnabrücker Land in den stabilsten Autos und sogar in Raumstationen befindet, dann wird klar, dass dies eine andere Umlaufbahn ist als die der indonesischen Konkurrenz, deren Produkte eher etwas für stahltechnische Grobiane sind. Dass außerdem der Stahlpreis auf dem Weltmarkt in den vergangenen Jahren in schwindelnde Höhen treiben würde, dass konnte Großmann nicht geahnt haben. Oder etwa doch?

  • Die beschäftigte im Jahr 2003 1200 Menschen, die einen Umsatz von 304 Millionen Euro erwirtschafteten.

Firma Lux-Modellbau: Gelber Wargen putzt das Gleis

In Hamburg läuft die größte Modelleisenbahn der Welt auf derzeit mehr als 7000 Metern Gleis. Schon anderthalb Millionen Besucher haben gesehen, wie bis zu 14 Meter lange Züge durch Deutschland oder Amerika fahren, demnächst ist auch Skandinavien vertreten. Die große Attraktion in der Speicherstadt hat ein Problem, das auch lebensgroße Bahnhöfe kennen: Schmutz. Öl und Staub verbünden sich zu schmierigem Schleim, der die Kontakte schwächt oder gar zu bösen Entgleisungen führt. Und da Besen und Eimer im Maßstab der Anlage nur Millimeter messen - vom Reinigungspersonal ganz zu schweigen -, ist dringend Hilfe nötig.

Die kommt von Eckhard Lux. Der ist seit seiner Kindheit von Modellbahnen begeistert, bastelt und tüftelt daran, und da wird man schon mal schnell zum Erfinder des ersten fahrbaren Schienenstaubsaugers für Modellbahnen. Das gelbe Gerät putzt und saugt alles weg, was lose ist - ein Segen für die feinen Bauteile der Loks und Waggons. Und das besonders an jenen unzugänglichen Stellen wie Tunnelstrecken an denen auch die zartesten Gliedmaßen versagen. Die Betreiber der Modellbahn in Hamburg sind begeistert und mit ihnen Tausende anderer. Das Flaggschiff der putzt im Deutschen Museum in München, im DB-Museum Nürnberg, im Verkehrsmuseum Karlsruhe, und sogar die weltweit Führenden in Sachen Sauberkeit schwören auf das kleine gelbe Wunder aus Osnabrück: Es ist auch auf der Schulungsanlage der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) im Einsatz.

  • Die ist ein Familienbetrieb in Melle im Osnabrücker Land.

Karmann: Fachfrau für Farbe

Jeder kennt : die mit dem Karmann Ghia. Oder seltener: die mit den Wohnmobilen. Niemand kennt Karmann: Die Ära des legendären VW-Flitzers ist lange vorbei, die der Wohnmobile seit kurzem. Karmann, und das ist nun wirklich kaum bekannt, das sind die legendären Autos: Golf Cabrio? Kommt nicht aus Wolfsburg, sondern aus Osnabrück. Ein Coupé von BMW? War niemals in München. Oder das neue Chrysler Crossfire Coupé? Kommt von der Hase. Überhaupt Cabrios: ob Renault Mégane oder Mercedes SLK, ob New Beetle oder Jaguar - meist waren fachkundige Hände aus Osnabrück mt im Spiel. Kein Missverständnis: Karmann ist kein Zulieferer, sondern ein echter Hersteller kompletter Autos - 3,2 Millionen sind seit 1949 schon vom Band gelaufen, und die Osnabrücker denken nicht daran aufzuhören. Denken sie auch daran, nach mehr als hundert Jahren Firmengeschichte mit einem eigenen Auto auf den Markt zu kommen? Sicher nicht, wer auf einem extrem engen Weltmarkt eine so edle Nische gefunden hat, sollte sich um deren Ausgestaltung kümmern und sie nicht gefährden.

Denn Karmann ist bei Frischluftfahrern schon so etwas wie eine Cohiba für den Zigarrenraucher, allerdings wird die öfter imitiert. Davor gibt es keinen Schutz: Wer im Internet-Gebrauchtwagenhandel den Suchbegriff Karmann eingibt, findet eine Mixtur diverser Fabrikate, von denen etliche bei Karmann gänzlich unbekannt sein dürften. Mag sein, dass der eine oder andere da einen guten Namen benutzt hat, um sein Allerweltscabrio aufzuwerten. Es sei ihm gegönnt.

  • beschäftigt in Rheine und Osnabrück rund 8500 Menschen, die einen Umsatz von zwei Milliarden Euro erwirtschaften.

Von Glanzrollen bis Glückskugeln

KM Europa Metal: Feines Blech geht um die Welt

Überall ist Kupfer, im Handy und im barocken Messingknopf, im Anlasser und in der römischen Bronzestatue. Das erste Metall, das Menschen für sich nutzbar machten - weit vor Gold oder gar Eisen -, begleitet ihn seit 9000 Jahren durch seine Kultur- und Technikgeschichte. Dieses weiche und leicht formbare Metall ist wie ein Zaubertrank, der alle Eigenschaften annehmen kann: An der Luft oxidiert er zu einem leuchtend grünen Dachbelag, der Jahrhunderte hält, mit Zink legiert wird er zu glänzendem Messing, mit Zinn zur Bronze, die einem ganzen Geschichtsabschnitt den Namen gab. Man kann sich eine hoch technisierte Gesellschaft vorstellen ohne Öl, ohne Atomstrom, ohne Kohle oder ohne Autos. Aber ohne Kupfer: Das geht nicht. Daher sollte, wer Kupfer liefert, so gut angesehen sein wie der, der Kleidung herstellt oder Brot. Dass die KME bei den meisten Menschen dennoch nicht so bekannt ist wie der Bäcker nebenan, liegt auch daran, dass sie international agiert: Sie holt ihren Rohstoff aus USA, Kanada, Kasachstan, Russland, Sambia und aus Chile, dem Hauptförderland von Kupfererz.

Und sie macht daraus Kupfer und Legierungen, die der Durchschnittsbürger gar nicht zu Gesicht bekommt. Rollen, Rohre und Drähte gehen an Betriebe, die daraus erst herstellen, was wir im Alltag kennen: Dachrinnen und Motorwicklungen, Wasserleitungen und Elektrokabel, Schmuck und Haushaltsgeräte, Uhren und Musikinstrumente, Erntemaschinen und Entsalzungsanlagen. Und vieles mehr: eine Basis aller Technik, von Ötzi, der mit seiner Kupferaxt die Alpen bestieg, bis zum Kernfusionsforscher, der in Kupferspulen die Sonne nachbaut.

  • setzte 2003 rund 800 Millionen Euro um und beschäftigt 2200 Menschen in Osnabrück und 7700 weltweit.

Amazonen-Werke: Die Kriegerin setzt das Korn

Von wegen im Märzen der Bauer mit Pferd und Säschüssel - Landwirtschaft ist schon lange eine Tätigkeit mit hochspeziellen Maschinen. Und Landmaschinenbau eine Sache von hochspezialisierten Ingenieuren. Aber im Gegensatz zum sonstigen Maschinenbau haben sich im Agrarbereich nicht englische Bezeichnungen oder abstrakte Zahlen durchgesetzt, sondern sind so erdverbundene Namen erhalten geblieben wie Kreiselgrubber, Rüttelegge oder Zahnpackerwalze. Damit sind wir im Reich der kriegerischen Amazonen, nach denen Heinrich Dreyer Ende des 19. Jahrhunderts seine Landmaschinen benannte, weil ihm sein Lehrer, Herr Klingemann, aufgebunden hatte, das hieße Heldin.Trotz dieses Irrtums folgte der Namensgebung eine schier unglaubliche Fülle von Erfindungen, die Dreyer und seine Söhne, Enkel und Urenkel der Welt schenkten: Der erste Kartoffelsortierer, der auf Federn stand, der erste Anbau-Zentrifugalstreuer mit zwei Streuscheiben, die erste Sämaschine mit Fahrgassenschaltung, die erste Säkombination aus Rüttelegge mit Walze und Sämaschine,die erste Zahnpackerwalze und die erste Reifenpacker- Sämaschine - lauter Neuerungen, die kaum einer kennt, der nicht vom Lande ist. Und die Menschen, die die Geschichten aufschreiben, sind nun mal zumeist Städter, die sich keine Gedanken machen, welchen Weg ihr Brot und ihre Pommes frites hinter sich haben. Die aber sind auf diesem Weg sehr wahrscheinlich der einen oder anderen Amazone begegnet.

  • Die beschäftigen in ihren Produktionsstätten in Deutschland und Frankreich rund 1300 Menschen.

Leysieffer: Feine Kugel salbt die Seele

Zum Beispiel Sylt. Wo die Reichen und die Einflussreichen am Wochenende einfliegen, da versucht die Hauptstadt Westerland sich mondän zu geben.Was ihr nicht immer gelingt. Wenn man die Fußgängerzone Richtung Strand geht, kann einen manchmal eine tief fröstelnde Einsamkeit anfallen. Bis dann linkerhand ein Geschäft auftaucht und rechterhand ein Café, die derartige Leiden zu beheben versprechen - und dies Versprechen auch halten. Leysieffer steht dort in feinen Lettern geschrieben und das bedeutet: Liebesersatz in Schokoladenform vom Feinsten und dazu vielleicht noch ein stärkender Tee. Oder ein Ingwerstäbchen.Wer so in den Arm genommen wurde, kann sich den Sylter Unbarmherzigkeiten wacker stellen.

Und wem verdanken wir diesen Segen? Ulrich Leysieffer, seiner Frau Emilie, seinem Sohn Karl, Enkel Axel und Urenkel Jan. Seit 1909 backen sie in der Osnabrücker Altstadt feines Naschwerk. Ob Torten, Trüffeln und Pralinen garniert oder Marzipan- und Schokoladenfiguren modelliert werden, überall sind geschickte Hände im Einsatz, die Leckereien gehen täglich frisch vom Blech und werden oft erst nach Auftragseingang hergestellt, um dann so schnell wie möglich in die Backentasche zu kommen. Seit 40 Jahren kann der Rest der Republik per Versandhandel Leysieffers edles Hüftgold bestellen. 24 Confiserien, sechs Bistros und Cafés retten landesweit vor Trübsinn und schenken beileibe nicht nur dem Zahnarzt Freude. Mit den "Himmlischen" Pralinen, mit Pfefferschokolade und edlen Tropfen zeigen die Osnabrücker täglich, dass Liebe durch den Magen geht, selbst wenn man als Single durch die kalten Straßen streicht.

  • beschäftigt bundesweit rund 450 Menschen und ist trotzdem ein traditioneller Familienbetrieb geblieben.

Ed. Korfhage & Söhne: Goldene Ziffer zeigt die Stunde

Es ist durchaus nicht jedem klar, dass Turmuhren hergestellt werden. Sie zeigen hoch über den Köpfen der Bürger die aktuell vergehenden Stunden und gelten doch als Repräsentanten einer vergangenen Zeit, als man auf den Kirchturm schaute, um zu wissen, was die Stunde geschlagen hat, und nicht aufs Handy: Turmuhren waren schon immer da. Das stimmt, aber Korfhage war ja auch schon immer da. Seit fast 200 Jahren gehen sie in Melle der Kunst nach, Zeit und Vergänglichkeit in schöner Form zu begleiten. Und das nicht nur mit Ziffer und Blatt, sondern auch mit Glockenspielen und Figurenumläufen, wie der Fachmann die tanzenden Puppen nennt, die zur Mittagszeit vor die Uhr treten und nach kurzer Performance wieder verschwinden.

Auch solche Shows vergangener Zeiten sind heute noch aktuell: Korfhage hat bisher gut 650 Glockenspiele und 50 Figurentheater gebaut, und das nicht nur in mittelalterlichen deutschen Städten. Nein, auch in Japan und im Irak, in Brasilien und Kanada und in etwa 30 weiteren Ländern dieser Welt bimmelt und tanzt es mit Glocken und Figuren aus Osnabrück. Korfhage kann sein Werk also ruhig an die große Glocke hängen, denn hinter seiner Tätigkeit steckt mehr als Nostalgie. Moderne Technik steuert die Bewegungen der Glocken, Zeiger und Tänzer, manche schöne alte Anlage wird bereits mit modernsten Funkuhren gesteuert, manche mechanische Anlage ist nachträglich elektrifiziert. Nur sieht man das von unten nicht, denn von dort scheinen die Turmuhren und Glockenspiele noch immer wie aus einer anderen Zeit.

  • beschäftigt in Melle im Osnabrücker Land 15 Mitarbeiter.
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