Niedersachsen Studieren in Osnabrücks alten Gemäuern

Christoph Schröder hat Atomphysik und Tischtennis studiert. Eine ungewöhnliche Kombination, zugegeben. Aber in Osnabrück gibt's ja sogar Kosmetologie, wird sich die Mensa-Kassiererin gedacht haben, und schon war der Lachs in Blätterteig gebongt. Wahrscheinlich hat sie einfach nicht genau hingeschaut - denn Schröders Studentenausweis war gefälscht. Als Schüler des benachbarten Ratsgymnasiums machte man so etwas schon mal, um in der "Mensa cum laude" kostengünstig essen zu können. Mehrfach hatte die Uni-Kantine das "Goldene Tablett" der Zeitschrift "Unicum"errungen, seitdem wird das Adjektiv "preisgekrönt" stets mitserviert. Heute ist Christoph Schröder 26 und studiert Pflegewissenschaft im siebten Semester. Das Essen schmeckt ihm noch immer.

Die Fächer Atomphysik und Tischtennis hat es natürlich nie gegeben in Osnabrück, aber Schröders Streich war nicht ganz so weit hergeholt, denn die Universität setzt auf die Nische und auf clevere Fächerkombinationen. Da erringen die Informatiker die deutsche Meisterschaft im Roboterfußball, obwohl Informatik nur ein Nebenfach ist. Die Musiktechnologen um Bernd Enders beschäftigen sich mit der digitalen Beschreibung von Musik und dem Aufbau von e-Learning-Kursen - wenn sie nicht gerade die selbstspielende Kirchenorgel stimmen Und Psychologen erforschen mit Theologen den Zusammenhang zwischen Gott und Gehirn. Neurotheologie nennt sich das.

Die Uni Osnabrück kann interdisziplinär kreativ sein, weil sie so klein ist, dass jeder jeden kennt. Aber sie wird auch in die Marktlücke gedrängt, weil man mit einem Etat von 76,5 Millionen Euro (2004) knapsen muss, selbst wenn noch 19 Millionen Euro Drittmittel (2003) hinzukommen. Umso erstaunlicher, dass einige Institute weit über Weser und Ems hinausstrahlen. Für diese Region war die Uni 1974 als Fördermaßnahme geboren worden, gemeinsam mit Oldenburg nach schmerzenden Finanzkrämpfen, zwei schmächtige Zwillinge.

Kreative Zusammenarbeit der Fächer war daher von Beginn an nötig und erfolgreich. Etwa in der Umweltsystemforschung, die von ganz weit unten kommt. In Hausbrunnen der Umgebung untersuchten Biologen, Physiker und Chemiker Ende der Achtziger die Nitratwerte, also den Einfluss der Gülle aufs Grundwasser. Bei ihrer ergebnisreichen Zusammenarbeit kam ihnen die Idee, einen neuen Studiengang zu gründen. Neu und bis heute einzigartig in Deutschland: Angewandte Systemwissenschaft, konzipiert für fachübergreifende Fragestellungen.

Jens Newig zum Beispiel ist von Hause Geoökologe, hat aber auch in Jura promoviert und sitzt nun am Lehrstuhl für Stoffstrommanagement. Das ist eine der vielen Variationen des unerschöpflichen Themas Gülle im "Schweinegürtel". Der 34-jährige Newig koordiniert ein Forum, das Landwirtschaft und Kommunen an der Hase auf eine neue EU-Wasserrichtlinie vorbereitet. Wann bringt wer am besten die Gülle aus, welche Böden vertragen wie viel, und vor allem: Wie sollten sich die Betroffenen untereinander austauschen? Systemwissenschaftler sind Netzwerker - arbeitslose Absolventen: Fehlanzeige.

Wer im Kleinen kooperiert, kann auch im Großen den Überblick bewahren. Von der Hase zum Nil sind es nur wenige Skalenschritte für Newigs Chefin, Claudia Pahl-Wostl. Sie koordiniert den bisher größten Forschungsverbund, der von der Universität ausging. Beim "NeWater"-Projekt geht es um das Management von Wasserressourcen über Grenzen hinweg. Beteiligt sind etwa 40 wissenschaftliche Organisationen und Entscheider bis hin nach Afrika und Zentralasien. Die Einzelstudien widmen sich etwa den Bedürfnissen von Nutzpflanzen am Aralsee, dem Hochwasserschutz am Rhein und "ökonomischen Anreizstrukturen". Der Dialog über und die Verbreitung der Ergebnisse an die Entscheider sind dabei wesentliche Aufgaben des Projektes. Pahl-Wostl hat dafür zwölf Millionen Euro von der EU bekommen - was die Drittmittelquote der Uni für 2005 enorm steigern wird.

Und damit wird nicht eine originelle Idee unterstützt, sondern ein Forschungsprojekt, das jeden angeht. Trinkwasser wird einer der großen Konfliktstoffe des beginnenden Jahrhunderts sein. Das Grundnahrungsmittel Nummer eins ist schon heute Konfliktstoff, Wassermanagement ist Friedensarbeit und damit Teil des Osnabrücker Leitthemas.

Auch das IMIS, das Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien, arbeitet seit Anfang der Neunziger interdisziplinär für den Frieden, genauer: für eine bessere soziale Integration von Zuwanderern. Der Historiker und Institutsleiter Klaus J. Bade zählt zu den einflussreichsten Beratern und Kritikern der Bundesregierung in Migrations- und Integrationsfragen. Die wissenschaftliche und meinungsbildende Arbeit des IMIS war, sagt er,mit wegbereitend für das Zuwanderungsgesetz. In einigen Teilen entspricht das Gesetz dem, was Bade und seine Kollegen schon in den Achtzigern gefordert haben. Und wenn ab 2005 neuartige Sprachkurse für Migranten angeboten werden, dann lernen sie auch nach Qualitätsstandards, die der IMIS-Sprachwissenschaftler Utz Maas in einem Regierungsgutachten erarbeitet hat.

Arbeit im Netzwerk

Bedeutsam für alle muslimischen Schüler, 750.000 sind es bundesweit, könnte einmal das IMIS-Projekt des interkulturellen Pädagogen Peter Graf werden, der Richtlinien für den islamischen Religionsunterricht entwickelt. In deutscher Sprache soll der stattfinden, unter staatlicher Aufsicht, genauso wie der Religionsunterricht für christliche Kinder. Normal eben. Der Islamlehrer soll auch andere Fächer unterrichten, Deutsch, Biologie, Sport, soll ein integrierter Kollege sein. Schon jetzt lernen einige niedersächsische Lehrer über ein Internetseminar nach diesem Modell.

Selbstverständlich ist das alles nicht, nicht einmal in Osnabrück, wo schon an den Ortseingangsschildern auf die Friedensstadt hingewiesen wird. Ohne die Uni wäre das wohl nur ein geschichtsbezogener Marketing-Gag. Das Erich-Maria-Remarque-Friedenszentrum ist ein Projekt der Literaturwissenschaft gewesen. Und die Deutsche Stiftung Friedensforschung säße vermutlich nicht seit 2000 in Osnabrück, gäbe es nicht die Friedensgespräche, die von der Uni geprägt wurden. Zurzeit ist es Aufgabe von Reinhold Mokrosch und Henning Buck, die interessanten Gäste und die großen Namen zu gewinnen. Manchmal ist das ganz einfach: Rita Süssmuth sagt's Helmut Schmidt - und der ruft gleich den Kissinger an.

Wenn Mokrosch aus dem Fenster seines Büros blickt - ach was, Büro! Er sitzt doch in einem Schloss aus dem 17. Jahrhundert - dann blickt er auf einen französisch anmutenden Garten. Im Sommer sitzen hier die Studenten, spielen Fußball oder Gitarre, grillen und trinken gemeinsam - praktizieren Frieden, auch wenn es ihnen nicht immer bewusst ist. Das war mal anders, meint Mokrosch, früher war Osnabrück eine eher linke Reformuni. Gut, beim Irak-Krieg gab es die Menschenkette nach Münster, da waren viele Studenten beteiligt, aber die meisten haben sich doch ins Private zurückgezogen. Immerhin, sagt Mokrosch, bei Streitereien höre man nun immer öfter: "Aber wir sind doch die Friedensstadt."

Und wenn das Kulturamt sie als noch so kitschig abtut: Gleich um die Ecke im Schlossgarten steht Claire Ochsners Solara-Skulptur als schönes Sinnbild für die Uni Osnabrück. Sommers umgeben von Mangold, Roter Bete und grünkohlähnlichem Gewächs, durchquirlt das bunte Dings die Wolken: eigenwillig, angetrieben von Solarenergie, als hätte Pippi Langstrumpf ein Seminar für kreatives Gestalten gegeben. Freiraum für Ideen - das ist es, was Präsident Claus Rainer Rollinger seinen Kollegen bieten will. Mit Geld und Stellen kann er jedenfalls nicht locken. Die Haushaltsbeschneidung um 675.000 Euro 2004 war nur der vorläufige Höhepunkt in einer Reihe von Kürzungen, die sich nun so akkumuliert haben, dass sie den einen oder anderen Fachbereich hinwegraffen werden. Teile des Sports sind schon untergegangen. Dazu ist jede freiwerdende Hochschullehrerstelle für ein Jahr gesperrt. "Das ist heftig in solch einer Umbruchzeit", sagt Rollinger. Denn es steht ein Generationenwechsel bei den 160 Professoren bevor, und zugleich soll die Umstellung auf die Studienabschlüsse Bachelor und Master bis 2008 abgeschlossen sein.

Doch es gibt auch Ermutigendes zu erzählen, etwa über Christian von Bar. Aus dem mit 28 Jahren jüngsten Juraprofessor von einst ist ein renommierter Wissenschaftler geworden. "Mit 300 Büchern habe ich angefangen", sagt er, "ein Witz." 20 Jahre später fasst seine Bibliothek mehr als 70.000 Bände, finanziert vor allem aus Drittmitteln. Der deutsche Pionier der Europäischen Rechtsvergleichung hat 2003 das Institut für europäische Rechtswissenschaft gegründet. Hier wird in enger Abstimmung mit der Europäischen Kommission der Grundstein für ein gemeinsames europäisches Vermögensrecht gelegt. Keine ausformulierten Gesetze, aber ein Referenzrahmen, der 2008 in die "political black box" soll, wie von Bar erklärt. Er ist zuversichtlich: "Die Politik greift zum ersten Mal auf, was in der akademischen Welt vorbereitet wurde."

Was einen wie ihn in Osnabrück hält, in einem "Dorf, das niemand kennt" - Rufe aus München und Heidelberg verhallten -, das ist nur damit zu erklären, dass er hier etwas ganz Eigenes aufgebaut hat und weiter aufbauen will. "Sensationell" sei diese Chance, und schließlich sagt Christian von Bar, worauf er setzt, was sich bewährt hat und was man genausogut ins denkmalgeschützte Schlosstor der jungen Alma Mater meißeln könnte: "Antizyklisch muss man denken."

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Autor:
Thomas Mader