Osnabrück Deutschlands jüngster Balletdirektor

In einer Stadt wie Osnabrück würde man nicht unbedingt einen modernen Choreografen vermuten, einen, der statt gediegener Ballettkunst experimentellen und ganz und gar zeitgenössischen Tanz präsentiert. 1997, als der Choreograf Gregor Zöllig an die Städtischen Bühnen Osnabrück gerufen und somit jüngster Ballettdirektor Deutschlands wurde, ging es den Osnabrückern genauso. Sie wussten nicht, warum sich dieser Schweizer ausgerechnet in ihr Städtchen verirrt hatte und ihnen statt des vertrauten klassischen Balletts auf einmal modernes Tanztheater servierte.

Viel Aufregung gab es,mit lautem Türenknallen verließ das erboste Publikum den Saal und überhaupt kamen drei lange Jahre viel zu wenig Zuschauer. Dann hatte Zöllig diesen, wie er sagt, sehr sturen Menschenschlag für sich gewonnen, der schwer zu überzeugen, aber dann sehr treu sei. Seitdem sind die Vorstellungen des Osnabrücker Tanztheaters regelmäßig ausverkauft und im kleinen Emma- Theater ist die von Zöllig gerühmte Osnabrücker Treue regelrecht zu spüren. Die Zuschauer kennen "ihre" Tänzer. Man sieht es an der Art, wie sie sich bei Auftritten derjenigen, die sie besonders mögen, vorlehnen. Wie sie gespannt darauf warten, mit welchen neuen Seiten die Tänzer sie diesmal überraschen, wie sie sich mit kollektivem Seufzen zurücklehnen und am Ende mit rhythmischem Händeklatschen und Fußgetrappel ihre Compagnie feiern. Denn sie werden überrascht. Nicht anders ergeht es dem angereisten Zuschauer, der seine Vorurteile erst bemerkt, als er sie so lebendig und umwerfend energiegeladen widerlegt sieht.

Wer die Zustände an den kleinen Bühnen Deutschlands nicht kennt, stellt sie sich meist trostlos und grau vor. Unendlich verstaubt, mit halbbegabten Künstlern, die den Sprung nach oben nicht schafften und nun, apathisch geworden von ihren kleinen Gagen, noch einmal das Theater von vorvorgestern geben. Tatsächlich aber ist häufig das Gegenteil wahr. An den großen Bühnen dämpft der Zwang, riesengroße Theatersäle füllen zu müssen, den Mut zum Risiko; in der Provinz dagegen bewahren sich die Menschen all die Eigenschaften, die vom Kulturbetrieb manchmal schnell verschlissen werden: die Neugier und die Lust am Experiment zum Beispiel.

Gregor Zöllig hat sich diese Lust bewahrt. Mit seinem langen, dünnen, zum Zopf gebundenen Haar,mit dem leicht fisseligen Bart und den freundlichen braunen Augen wirkt er geruhsam und sehr geduldig. Wie einer, der es eher gemütlich mag, der immer noch die Schallplatten seiner Jugend hört und der Einfachheit halber die gleiche Jeans gleich dreimal im Kleiderschrank lagert. Geduldig ist Gregor Zöllig ohne Zweifel. Ohne je bei seinem Gesprächspartner etwas vorauszusetzen - schon gar nicht ein Wissen über seine eigene Person - erklärt er klar, freundlich und präzise. Geruhsam ist er aber sicher nicht. Unaufhörlich sagt Gregor Zöllig Sätze wie: Man muss sich reiben. Den Sprung ins Leere wagen. Dinge tun, deren Resultat man vorher nicht absehen kann. Denn dann würden die span- nenden Prozesse doch überhaupt erst beginnen. Egal, ob man nun über seine Osnabrücker Jahre spricht, über seine elf Tänzer oder die Themen seiner Stücke, immer geht es um die Beweglichkeit, darum, dass man sich nicht ausruhen, nicht zu fest binden darf. Auch nicht an Osnabrück.

Für Gregor Zöllig begannen die spannenden Prozesse spätestens mit seiner Ausbildung zum Tänzer an der Essener Folkwangschule und der Stuttgarter Ballettakademie. Wirklich ernst aber wurde es erst mit der Berufung nach Osnabrück. Eine eigene Compagnie zu leiten war die Erfüllung eines Traums. Aber sehr schnell schon musste Zöllig merken, dass Ballettdirektor zu sein sehr viel mehr heißt als mit den Tänzern zu experimentieren und zwei bis drei neue Stücke im Jahr zu entwickeln. Es heißt auch,Kulturpolitik für eine Stadt zu machen und den Tanz in die Stadt hineinzutragen. Es bedeutet, ein Profil für die Compagnie zu entwickeln, die Tänzer zu fördern und die Crew zusammenzuhalten. Er hat das alles gelernt, nach und nach. Denn auch das ist fast nur noch in kleinen Städten möglich: Fehler zu machen und daran zu wachsen.

Zöllig hat sich sehr schnell entwickelt. Nachdem er in drei Jahren zähen Kampfes die Herzen der Osnabrücker erobert hatte - vermutlich weil der gebürtige St. Gallener ähnlich stur ist - war es höchste Zeit, etwas Neues zu tun. Zöllig ging nicht fort, er holte stattdessen lieber die Welt nach Osnabrück. Er gründete ein Tanzfestival, bei dem so hochkarätige Compagnien wie das Nederlands Dans Theater gastierten, er lädt regelmäßig Choreografen aus Israel, Schweden und den Niederlanden ein, und vor allem gründete er gemeinsam mit Mario Schröder und Jochen Heckmann ein eigenes Tanznetzwerk. Denn das ist noch so eine Merkwürdigkeit im bundesrepublikanischen Theaterbetrieb: Auf den unzähligen Festivals in den großen und mittelgroßen Städten gastieren fast nur freie Tanzcompagnien. Diese Gruppen verfügen über das entsprechende moderne Tourmanagement und oft werden ihre Arbeiten von den Festivals vorfinanziert. Die Choreografen an den städtischen Bühnen hingegen, an den kleineren vor allem, haben mit dieser "freien" Tanzwelt nichts zu tun. Sie haben ihre feste Bühne und ihr festes Einkommen, aber dafür dürfen sie auch hübsch zu Hause bleiben und versauern.

Im Jahr 2000 beschlossen Gregor Zöllig und seine Kollegen aus Augsburg und Kiel, aus dem Mustopf herauszukommen und selbst initiativ zu werden. Um auf sich aufmerksam zu machen, um ein Statement gegen das allgemeine Theatersterben zu setzen, um sich auszutauschen. Gemeinsam gründeten sie den "Tanzboden", dem mittlerweile sieben Bühnen angehören: Osnabrück natürlich, Kiel und Augsburg, Braunschweig, Hildesheim und Schwerin sowie das Ballett Vorpommern. Das gemeinsam erstellte Galaprogramm, an dem sich neben den Partnerbühnen auch Gäste beteiligen können, hat sich als alljährlicher Publikumsrenner erwiesen. Längst wird es auch auf anderen Bühnen gezeigt und an die Tore der Festivals klopft man ebenfalls, wenn auch noch etwas vorsichtig. "Ich glaube", sagt Zöllig, "man kann heute nur noch vor Ort, im unmittelbaren Kontakt mit den Menschen, den Diskurs über Kultur anregen." Für Zöllig ist die direkte Begegnung der Anfang aller Kultur. "Egal, ob man sich mit anderen zum Picknick verabredet oder ins Theater geht, sich zueinander ins Verhältnis setzen können, das ist Kultur. Dass unser soziales Leben immer mehr entschwindet, das ist unser größtes Problem." Dieser breite Kulturbegriff spiegelt sich auf der Bühne: Gregor Zölligs Stücke sind völlig unterschiedlich, mal sehr theatralisch, dann wieder rein abstrakter Tanz. Mal sind sie eher melancholisch,manchmal witzig,manchmal poetisch, selten böse. Aber immer sind sie von einer ganz direkten, kraftvollen und sehr erfrischenden Kontaktfähigkeit mit dem Publikum geprägt.

Der Grund für diese umwerfende Energie, dafür, dass die Menschen auf der Bühne, die tatsächlich ständig in Bewegung und auf der Suche und darin ganz bei sich zu sein scheinen, ist das, was Gregor Zöllig seinen größten Erfolg nennt: Er hat ein Team aufbauen und es fest an sich binden können. Acht Jahre, sagt Zöllig, sind dafür gar nichts. Mit seiner Trainingsleiterin und Co-Direktorin Christine Biedermann arbeitet er seit 14 Jahren zusammen. Während der Tanzausbildung entstanden gemeinsam erste Stücke. Zöllig choreografierte, Biedermann tanzte und bekam lukrative Angebote von außerhalb. "Sie ist bei mir geblieben", sagt Gregor Zöllig, "darauf bin ich unglaublich stolz." Der Tänzer Angelo Larosa ist seit acht, andere Tänzer sind seit fünf Jahren dabei. Etliche von ihnen werden den Schweizer begleiten, wenn er zum Ende der Spielzeit nach Bielefeld wechselt. In Osnabrück wird dann ein anderer experimentieren und die Arbeit der vergangenen Jahre weiterführen. Zöllig selbst hat bei der Suche nach seinem Nachfolger mitgewirkt und wird dem Haus sicher verbunden bleiben - und noch radikaler, noch ehrlicher suchen.

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Autor:
Michaela Schlagenwerth