Osnabrück Das legendäre Felix-Nussbaum-Haus

Als ich endlich vor seinem berühmtesten Bild stehe, fühle ich mich in die Enge getrieben wie der Mann auf der Leinwand. Er duckt sich. Er steht in einer Mauerecke, einer Sackgasse, aus der keine Flucht mehr möglich ist. Und während ich mich in meiner Besuchergruppe in den Winkel voranbewege, in dem das Bild hängt, erkenne ich: Voller Sackgassen ist auch dieses Haus - dead ends, wie sie viel plastischer auf Englisch heißen, in der Sprache des Mannes, der es baute. Viel freier, hoher, mit Herbstlicht gefüllter Raum ragt zwar hinter mir auf.

Doch der Architekt will, dass ich mich in diesen toten Winkel begebe, um zu verstehen, wie der Mann sich fühlte, der dieses Bild malte. Fast kess sitzt der Hut auf seinem Kopf, als Symbol des Letzten und Einzigen, was er nicht verlor: seine Würde. Doch sein Gegenüber schaut er mit vor Angst und Erschöpfung entzündeten Augen an, während er die Dokumente seiner bevorstehenden Ermordung präsentiert: den gelben, unter den Mantelkragen genähten Davidstern und den Pass, in dem der Geburtsort - Osnabrück - gelöscht wurde. In dem als Nationalität 'sans' vermerkt ist: ohne. Der dafür aber um so größer die Lettern JUIF - JOOD, also Jude, zeigt. In Rot, dem einzigen Rot dieses erschütternden Bildes. "Selbstbildnis mit Judenpass".

Felix Nussbaum malte dieses Bild im Herbst 1943 in Brüssel, im Alter von 38 Jahren. Ein knappes Jahr später war er tot, ermordet in der Gaskammer von Auschwitz. Es ist dieses Wissen, das Beklemmung auslöst bei jedem, der das Bild betrachtet. Doch da, wo es heute hängt, und vor allem so, wie es dort heute hängt, bewirkt es noch etwas Entscheidendes anderes: Die Beklemmung wird gesteigert, ja, inszeniert durch die umgebende Architektur. Deren Schöpfer, der Amerikaner Daniel Libeskind, hat den rund 160 erhaltenen Bildern des Osnabrücker Malers weit mehr als nur einen Aufbewahrungsort gebaut. Er hat eine Erinnerungsstätte geschaffen, die in Sichtbeton, Zinkblech und Eichenholz den Albtraum der Shoa, die Katastrophe des Holocaust, nacherzählt, wie sie sich im Leben und in den Bildern des Felix Nussbaum spiegelt. Ein Leben auf der Flucht, ohne Heimat, ohne Ziel und ohne Orientierung. Dieses Gebäude, das Osnabrück längst zu einer kleinen Pilgerstätte für Architekturliebhaber gemacht hat.

Das 1998 eröffnete Nussbaum-Haus war das erste, noch vor dem Jüdischen Museum Berlin fertiggestellte Werk des damals eher als Theoretiker bekannten Daniel Libeskind. Heute haben seine Werke den 1946 im polnischen Lodz geborenen jüdischen Architekten zum Weltstar gemacht.

"Museum ohne Ausgang". Schon als Libeskind 1995 seinem Projekt diesen Arbeitstitel gab, war klar, dass er alles andere bauen würde als einen akademischen Tempel für einen vergessenen Sohn der Stadt. Die Osnabrücker Öffentlichkeit war entsprechend erschreckt: Die Skizzen ließen ahnen, dass er dem bestehenden Kulturgeschichtlichen Museum, dem der Neubau angegliedert werden sollte, keine gefällige Ergänzung bauen würde, sondern das Gegenteil. Aus der Luft gleicht das Ensemble entgleisten, ineinander verkeilten Eisenbahnwaggons. Wie ein Pfeil scheint sich eines der drei Gebäude in die am Rand stehende Fabrikantenvilla Schlikker bohren zu wollen, die ebenfalls zum Kulturgeschichtlichen Museum gehört. Die Botschaft ist klar: In dieser Villa residierte bis 1945 Osnabrücks NSDAP; "Braunes Haus" hieß sie deshalb im Volksmund. Doch die Stimmen derer, die sich über die Missachtung von Bebauungsabständen oder Denkmalschutzauflagen empörten, sind heute verstummt.

"Wenn ich untergehe, lasst meine Bilder nicht sterben"

Mittlerweile kommen rund 80.000 Besucher pro Jahr, viele von weit her. Und immer wieder Gruppen, die als persönliche Gäste des Oberbürgermeisters Hans-Jürgen Fip angemeldet werden, ohne dessen Einsatz das Projekt wohl nie umgesetzt worden wäre. "Man kann dieses Museum nicht beurteilen, ohne es erlebt zu haben", sagt Inge Jaehner, die Direktorin. "Dreiviertel der Osnabrücker sehen uns inzwischen positiv. Am Anfang war es wohl eher nur eine Handvoll."

Keine schlechte Bilanz - denn ein Ort für die Sonntagsmatinee mit dem Sektglas in der Hand ist dieses Museum auf keinen Fall. Es lädt noch nicht einmal zum Eintreten ein. Im klassizistischen Akzisehaus gegenüber dem Heger Tor kauft man sein Billet - doch dann, wohin? Der Herr an der Kasse hilft: Der Haupteingang ist eine tonnenschwere, grau gestrichene Stahltür am Ende einer von Geländern wie Eisenbahnschienen gerahmten Rampe. Schon hier drängen sich die Assoziationen auf: die Rampen in den Konzentrationslagern; Stahltore verschließen Gefängnisse; Bahnschienen führten nach Auschwitz in den Tod.

Und grau und leer ist die "Leinwand", auf die man blickt: eine lang gestreckte, hoch aufragende Außenwand aus nacktem Sichtbeton, durchschnitten von jener Rampe, die zum Eingang führt und rechts nur das meist funktionslose "vertikale Museum" stehen lässt. Dies ist der "Nussbaum- Gang", jener Pfeil, der auf die Villa Schlikker zielt und die Libeskind als Metapher für die leer bleibende Staffelei des ermordeten Malers verstanden wissen wollte. Um so erstaunlicher, dass die Videokünstlerin Marie-Jo Lafontaine im Herbst 2004 den Vorschlag durchsetzen konnte, für ein Jahr ein Band aus Neonbuchstaben in Hellblau, Türkis und Pink um diesen Gebäudeteil zu legen. "Ich bin ein Weltbürger, überall zu Hause und fremd überall" steht jetzt da, nach einem Ausspruch des Erasmus von Rotterdam, zusätzlich ins Spanische und Englische übersetzt. Libeskind soll die Aktion begrüßt haben - man darf darüber streiten, ob sie wirklich gelungen ist. Der Eintritt in das Haus: Man muss kräftig drücken, bis der elektrische Summer anspringt, der beim Öffnen hilft und den Zugang in das Foyer freigibt - das keines ist.

Abschüssig ist der Estrich: Dieses Haus ist aus dem Lot. Eng und dunkel ist der Raum: Man möchte eher umkehren als weitergehen. Doch eine freundliche Dame steht bereit, es zu erklären. Sie weiß, dass die Irritation der Besucher beginnt, bevor sie ihre Mäntel abgegeben, nein, eingeschlossen haben in Schließfächern wie in einer Betriebskantine. Die nächste Stahltür, auch sie schwer zu öffnen, führt in den Hauptraum des Untergeschosses: ein ungleichmäßiges, von schräg in den Wänden stehenden, schlitzartigen Fenstern nur matt beleuchtetes Vieleck, an dessen Wänden die Bilder verteilt sind.

Wer sich führen lässt, dem erschließt sich eine Chronologie. Sie zumindest bildet, auch in ihrer unausweichlichen Bewegung auf die Vernichtung hin, den einzigen roten Faden in diesem Museum: Nussbaums Frühwerk zeigt Fingerübungen des talentierten Sprosses einer kunstsinnigen Familie assimilierter Juden im Osnabrück der Zwanziger. Der Vater war Eisenwarenhändler, angesehen in der Gesellschaft - und ein Verehrer van Goghs, den der Sohn auch in späteren Jahren noch imitiert. Doch schon bald tat der Sohn in Berlin, wo er ab 1923 studierte und 1924 seine spätere Frau Felka Platek kennen lernte, eigene Schritte. "Erinnerung an Norderney" heißt ein Bild von 1929, das nun Giorgio de Chirico und Henri Rousseau zu Vorbildern hat, aber dennoch einen ganz eigenen, bereits von Melancholie geprägten Ton verrät. Das Hotel Villa Nordsee steht am Abgrund, ein "Rad der Zeit" rollt vorbei, ein Tierschädel verheißt Unheil.

Norderney, damals als "Judeninsel" bekannt (im Gegensatz zum schon vor dem Ersten Weltkrieg sich offiziell als "judenfrei" brüstenden Borkum), war für Nussbaum Heimat und Bedrohung zugleich: Hier verbrachte die Familie ihre Sommerferien - hier spürte sie, dass der Horizont finsterer wurde. Und als tatsächlich der Überfall auf Nussbaums Welt durch das "Dritte Reich" erfolgte, hielt er sich in Rom auf, als Stipendiat der Villa Massimo - und kehrte nie wieder nach Deutschland zurück. Über Rapallo und Ostende kam er nach Brüssel,wurde vorübergehend interniert im Pyrenäenlager St-Cyprien, versteckte sich, floh, kam bei Freunden unter, nahm Gelegenheitsaufträge als Porzellanmaler an, lebte in Kellern und auf Dachböden, die ganze Zeit mit Felka Platek, seiner polnisch-jüdischen Atelier-, Leidens- und seit 1937 Ehepartnerin.

All diese Ruhelosigkeit in gebaute Form umzusetzen, war Libeskinds Programm. "Die jüdische Erfahrung der Ortlosigkeit ist eine fundamentale Erfahrung, die in meine Architektur eingegangen ist", hat er selbst dazu gesagt - und spielte damit auch auf Ahasver an, den wandernden "ewigen Juden", oder auf Kain, zu dem Gott sagte: "Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden." Libeskinds Formel dafür an diesem Ort lautet: Alles, was Nussbaum ab 1933, dem Jahr von Hitlers Machtergreifung, malte, hängt in einer Architektur, der jede Geometrie, jedes Gleichmaß, jede Mitte entglitten ist. Die Böden sind schief, die Fenster stürzen in die Wände, Mauervorsprünge wie Keile drängen in die Räume.

Und auf dem langen, schachtartigen Gang, der zu Nussbaums letzten Bildern führt, fühlt man sich wahrhaftig auf der Rampe, an deren Ende die Auslöschung stand. Das "Selbstbildnis mit Judenpass", das eingangs geschildert wurde, ist hier zu sehen. Aber auch das zutiefst anrührende Gemälde "Die Perlen", ein in Braun und Grün, den Nussbaumschen Farben des Leidens und des Todes, gehaltene Reaktion auf den Spanischen Bürgerkrieg. Oder ein Bild von 1940, in dessen Mitte ein grünes Buch liegt mit der Aufschrift "La Nature Morte de Felix Nussbaum" - wörtlich als "tote Natur", übertragen als "Stillleben" zu verstehen. Oder der zutiefst bewegende "Sturm" von 1941, der ein Kind mit deutlich vergreisten Zügen bei dem vergeblichen Versuch zeigt, einer Pusteblume alle Sporen und damit die Hoffnung auf Leben zu entlocken.

Und in diese immer monochromer werdenden Panoramen der Ausweglosigkeit versunken, werde ich ganz am Ende des Besuchs vom "Triumph des Todes" angezogen, ja förmlich herbeigesogen. Es hängt, allein, an der Stirnwand des letzten Raumes. Noch deutlicher als zuvor neigt sich der Boden. Und unter mir: kein Estrich mehr, sondern Gitterroste, durch die ich hinabblicke in das Untergeschoss.

Wer nicht schwindelfrei ist, schafft es deshalb gar nicht bis in Sichtweite dieses letzten großen Bildes. Wer aber den Mut hat, begleitet Nussbaum in den Untergang: Das auf den 18. April 1944 datierte Gemälde zeigt lärmend über den Trümmern der Zivilisation tanzende Skelette, in einer Wüste des Krieges marodierend, aus der jede Farbe gewichen ist.

Ein jüdischer Besucher aus den USA, erzählt Inge Jaehner, habe über dieses Bild schallend gelacht. Die Skelette, habe er gerufen, trügen Pantoffeln - ob denn niemand merke, wie Nussbaum sich lustig mache über den Tod! Eine Hoffnung, dass letztendlich die Kunst es sei, die über den Tod triumphiert? Dies zumindest darf man sagen: Zwar wurden Nussbaum und Felka Platek am 20. Juni 1944 in Brüssel verhaftet und mit dem letzten von insgesamt 26 Transporten nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Doch das Museum in Osnabrück tut dem Ausspruch des Malers Genüge: "Wenn ich untergehe, lasst meine Bilder nicht sterben." Dass es ein halbes Jahrhundert für die Einlösung dieses Appells brauchte,mag beschämen. Dank Libeskinds phantastisch kongenialer Architektur aber erhält Nussbaum einen Platz in unserem Gedächtnis, den zu füllen allein schon die Reise nach Osnabrück wert ist.

Schlagworte:
Autor:
Johannes Bohmann