Norwegen Torgrim Eggen führt durch Oslo

Es ist 7.45 Uhr: Sie werden von der Sonne geweckt. Ein Sommertag in Oslo beginnt, und Sie wollen nichts verpassen. Sie pfeifen unter der Dusche "Anitras Tanz" von Edvard Grieg. Sie sehen eine halbe Stunde CNN und stellen fest, dass Norwegen heute in den Nachrichten fehlt. Wie an allen anderen Tagen im Jahr auch. Keine Nachrichten sind gute Nachrichten.

09.12 Uhr: Das Frühstück ist im Hotelpreis inbegriffen, aber man macht sich unbeliebt, wenn man es nach 10 Uhr serviert haben möchte. Man macht sich überhaupt unbeliebt, wenn man in Oslo Service verlangt. Sind Sie zu spät dran, gehen Sie in eine der Filialen von Kaffebrenneriet, Norwegens Starbucks, wo der Kaffee besser ist. Wenige wissen, dass man in Oslo leichter guten Kaffee auftreiben kann als in Rom.

10.00 Uhr: Die Reisebusse verursachen einen Verkehrsstau am Haupteingang zum Vigelandpark, der größten Touristenattraktion Norwegens. Japaner und Chinesen drängen sich um ihre Reiseführer. Was sie sehen werden, ist fast ein skandinavisches Gegenstück zu Angkor Wat. Ein 850 Meter langer Skulpturenpark mit 212 Skulpturen aus Bronze, Granit und Schmiedeeisen. Es ist das Lebenswerk von Gustav Vigeland (1869-1943), und es soll das Leben an sich symbolisieren. Vigelands gigantomane Huldigung an den Lebenszyklus, an den menschlichen Körper, hat offensichtliche Gemeinsamkeiten mit nazistischer und stalinistischer Monumentalkunst. Hier herrscht das nordische Körperideal, die breiten Schultern und die soliden Hüften. Vigeland war ein erotischer Wirbelwind. Viele der milchstrotzenden Sennerinnen im Park waren mit ihm intim bekannt.

10.25 Uhr: Boot Nr. 92 verlässt Vippetangen gleich vor der Festung Akershus und braucht fünf Minuten zur Insel Hovedøya. Es kostet dasselbe wie eine normale U-Bahnfahrt - das ist das billigste und zugleich eines der größten Vergnügen in dieser Stadt. Auf Hovedøya lag ein Zisterzienserkloster aus dem 12. Jahrhundert, die Ruinen sind noch da. Die Mönche kamen aus England und betrieben in Norwegen experimentelle Landwirtschaft, viele Obstbaumsorten wurden erstmals hier angepflanzt. Noch heute zeigt die Vegetation auf Hovedøya für Norwegen einzigartige Einschläge. Sie ist üppig, grün und schön. Man darf hier nur wenig: zelten z.B. nicht. Auch die Einmalgrills, die überall auflodern (im Sommer ernähren sich die Norweger von eingeäscherten Würstchen) sind eigentlich verboten. Die letzte Fähre in die Stadt geht um 23.15 Uhr, und dann hat die Insel leer zu sein. Natürlich gilt es als Sport, im Sommer trotzdem hier zu übernachten.

11.00 Uhr: Wenn Sie in Museumsstimmung sind, sollten Sie jetzt den Bus Nr. 30 von der Stadtmitte nach Bygdøy nehmen. Dort kann man den ganzen Tag verbringen und skandalös teuer und schlecht in zahlreichen Cafés speisen. Suchen Sie sich auf Bygdøy lieber ein festes Ziel und treten Sie später rasch den Rückzug an. Das Norwegische Volksmuseum ist das größte hier und eine Art Disneyland für Nationalisten. Alte Bauten und Höfe aus ganz Norwegen sind versammelt, als Ausgleich dafür, dass große Teile des ländlichen Norwegens heute eher einer Kleinstadt im Mittleren Westen der USA ähneln. In der Saison werden hier für die Touristen Volkstänze und ritualisierte Schlägereien (Turnierspiele) aufgeführt. Das Kon-Tiki-Museum zeigt zwei Boote, die Thor Heyerdahl auf seinen Reisen benutzt hat, um unorthodoxe archäologische Theorien zu beweisen: das Balsafloß Kon-Tiki und das Schilfboot Ra II. Im Fram-Museum liegt das Polarschiff Fram (1892), das u. a. bei Fridtjof Nansens Reise über das Nördliche Eismeer und Roald Amundsens Südpolexpedition zum Einsatz kam. Man kann an Bord gehen und sehen, wie die Polarhelden gelebt haben. Und der Sieger? Zweifellos das Museum der Wikingerschiffe. Zwei fast vollständig erhaltene Schiffe aus dem 9. Jahrhundert waren Wikingergräber. Die Häuptlinge wurden mit allem beigesetzt, was sie in der nächsten Welt wohl benötigen würden, Pferde, Hausrat und überhaupt. Das Osebergschiff war übrigens das Grabschiff für zwei mächtige Frauen, was uns sagt, dass das heidnische Norwegen noch nicht so patriarchalisch war, wie es dann später wurde. Mit diesen Booten fuhren wir Norweger bis nach Amerika, ins arabische Sizilien, ins grüne Irland.Wir haben uns auf diesen Reisen nicht immer gut benommen. In einer Kneipe in Belfast wurde ich angepöbelt, weil die Wikinger 1000 Jahre zuvor alle schönen Frauen entführt hätten. Im heutigen Oslo kann man, in einem politisch wenig korrekten Augenblick, dem Mann nur Recht geben.

12.00 Uhr:Wo kann man in Oslo ein gutes Mittagessen zu sich nehmen, ohne sich zu ruinieren? Mein Tipp ist das Saigon Lille Café in der Møllergata 32 c. Es ist ein vietnamesischer Familienbetrieb mit Resopaltischen und einer Speisekarte mit 80 Gerichten. Die Gemeinsamkeit Norwegens und Vietnams ist eine lange Küstenlinie und damit das Interesse an Essen aus dem Meer. Das beweist sich im Saigon Lille Café. Sie sollten die kalten Frühlingsrollen mit Krabben probieren, die nur halb so viel kosten wie die kulinarischen Zumutungen, die Ihnen überall angeboten werden.

13.15 Uhr: Zeit für ein Glas. Zeit, sich nach Grünerløkka zu begeben, das lange Oslos trendigster Stadtteil war. Manche haben es als Oslos Greenwich Village bezeichnet, aber die waren garantiert seit 20 Jahren nicht mehr im echten Village. Andere nennen es Oslos Kreuzberg, was schon eher zutrifft - abgesehen davon, dass die Zuwanderer jetzt wieder abwandern. Das heutige Grünerløkka wurde nach 1880 als Wohngebiet für Industriearbeiter angelegt, und die wohnten damals sehr eng. Diese Art zu wohnen passt heute eher für zwei gutbetuchte jüngere Menschen, und so ist Grünerløkka zu einem Ghetto für Webdesigner, Schauspieler und wohlhabende Studierende geworden. Die zahlreichen Bars und Cafés, oft Concept-Lokale, sind vom frühen Nachmittag bis weit nach Mitternacht voll. Wir entscheiden uns für das Aku-Aku in der Thorvald Meyers gate 32, eine Bar im Tiki-Stil. Es serviert Rumdrinks mit viel Kokosnuss und Obst. Die Illustratorin Hilde Marstrander hat die Bar mit Oben-ohne-Hula-Damen dekoriert, was vor zehn Jahren unvorstellbar gewesen war, als Oslo noch unter dem Joch des postfeministischen Puritanismus schmachtete. Unter der Decke hängt ein aus dem Kon-Tiki- Museum ausgeliehenes zehn Meter langes polynesisches Kanu.

14.15 Uhr: Das neueste Museum der Stadt wird Anfang 2008 eröffnet. Das Nationalmuseum für Architektur in einem Bankgebäude aus dem Jahre 1830, totalrenoviert nach Plänen von Sverre Fehn, der als bedeutendster lebender Architekt Norwegens gilt. Fehn hat einen neuen Pavillon entworfen, eine genial schlichte Konstruktion mit hohen Glaswänden, die aussieht wie eine Kreuzung zwischen Mies van der Rohe und japanischer Tempelbaukunst. Gleich gegenüber, in einem anderen früheren Bankgebäude, befindet sich das Museum für zeitgenössische Kunst. Die moderne norwegische Kunstszene liefert viele interessante Namen in einem Gewimmel aus Disziplinen. Eine repräsentative Auswahl ist hier zu sehen.

15.10 Uhr: Besuchen Sie Oslos besten und bezauberndsten Buchladen, Tronsmo in der Kr. Augusts gate 19, gleich hinter der Nationalgalerie. Hier gibt es die beste Auswahl an Comics im ganzen Land (im Keller), und hier arbeiten Fachleute für neuere Literatur aus den USA. Wenn Sie Charles Bukowski schätzen, dann kann Tronsmo dreimal so viele Titel anbieten, wie der Kultautor jemals geschrieben hat. Allen Ginsberg hat in den 90-er Jahren hier Gedichte vorgetragen und Tronsmo "the best bookstore in the world" genannt. Der derzeit international bekannteste norwegische Autor, Per Petterson ("Pferde stehlen"), hat lange hier gearbeitet.

Auf der Jagd nach einem Souvernir

16.30 Uhr: Auf der Jagd nach einem Souvenir? Es wimmelt nur so von Läden, die handgeschnitzte Holztrolle, Wikingerschiffe aus Zinn und anderen Kitsch feilbieten. Ich habe einen besseren Vorschlag. Fenaknoken ist ein Laden in der Tordenskioldsgate 12, der sich auf handwerksmäßige norwegische Qualitätskost spezialisiert hat. Fenaknoken wurde von Le Monde als eine von Oslos bedeutendsten Sehenswürdigkeiten bezeichnet. Hier hängen altersbraune Schinken und fenalår (trockengesalzene Hammelkeulen) an der Wand, und der Tresen biegt sich unter formschönen Käsen, geschmackvollen Würsten und Butter aus Kviteseid (die beste der Welt).Wenn Sie zu Hause mit etwas richtig Exotischem beeindrucken wollen, sollten Sie saunageräuchertes Rentierherz kaufen. Es schmeckt wirklich sehr gut. Aus allen Ecken des Landes tauchen immer neue Nischenprodukte auf. Mein eigener Ahnenhof in Vingelen in Nord Østerdalen stellt einen ökologischen Blauschimmelkäse her, Eggen Spesial. Nicht einmal in der Schweiz ist es üblich, als Patenonkel für einen Käse zu fungieren. Ich glaube, auch Eggen Spesial gibt es bei Fenaknoken.

17.00 Uhr: Noch ein wenig Shopping. Immer wenn ich einem Deutschen von 30 bis 60 Jahren begegne, fragt er, ob ich den Jazzsaxofonisten Jan Garbarek kenne. Nein, ich werde seine Adresse nicht verraten. Aber Sie können Ihre Jazz-CDs dort kaufen, wo auch Jan kauft. In einem bezaubernden Hinterhof mit Cafébetrieb, wo die Stühle nach Ella Fitzgerald und Count Basie heißen, liegt das Bare Jazz (Grensen 8), ein eleganter Musikladen, in dem nur Jazz verkauft wird. Musikerporträts an den kahlen roten Steinmauern und Skandinaviens beste Auswahl an Jazzplatten, 8000 Titel. Vom ersten Stock her duftet es nach Kaffee, dort liegt ein kleines Café, wo es ab und zu intime Konzerte gibt. Normalerweise finden Sie die Inhaberin Bodil Niska hinter dem Tresen, und sie ist charmant und kenntnisreich. Aber vielleicht ist die bekannte Tenorsaxofonistin gerade zu einem Auftritt unterwegs.

18.01 Uhr: Es tut mir leid. Der staatliche Alkoholladen hat soeben geschlossen, und Sie haben die letzte Chance verpasst, sich eine Flasche Wein zu kaufen. Friedrich Engels erzählt 1890 in einem Reisebrief aus Norwegen, die norwegische Alkoholpolitik sei überaus restriktiv. Sich unterwegs einen ordentlichen Schnaps zu beschaffen, sei fast unmöglich. Wenig hat sich geändert, der Umsatz von Alkohol wird durch hohe Besteuerung behindert. Alkoholiker, die zudem rauchen, haben einen Riesenanteil am Steueraufkommen des Landes. Der Alkoholverbrauch steigt, und er steigt gewaltig, vor allem bei Frauen. Die Folgen sind in Oslo überaus gut zu sehen, freitags- und samstagsabends.

19.00 Uhr: Nach gründlicher Vorarbeit haben Sie jetzt einen Tisch im Restaurant Oscarsgate, Pilestredet 63. Das ist ein kleines Lokal mit acht Tischen, und die Küche ist ebenso ehrgeizig, wie der Speisesaal schlicht und unschuldig wirkt. Das Tagesmenü mit acht Gängen kostet etwa 120 Euro, ohne Wein. Das ist teuer. Aber alles in Oslo ist teuer, und anders als in den herzlosen Touristenfallen auf Karl Johan und Aker Brygge geht Ihr Geld nicht an eine gierige Gruppe von Investoren, sondern landet wieder auf Ihrem Teller. Die acht Gänge, groß und klein, sind in Wirklichkeit zwischen 15 und 20. Sie bestehen aus den frischesten Rohwaren, die zu bekommen sind, und sie werden mit klarer, mutiger Avantgardehaltung von Björn Svensson und seinem siebenköpfigen Team zubereitet (www.restaurantoscarsgate.no, Tel. 22465906).

20.00 Uhr:Aus dem Restaurantbesuch ist nichts geworden? Zur Strafe gibt es einen Ausflug nach Aker Brygge. Westlich des Rathauses liegt einer von Oslos neuesten Stadtteilen, das Dorado von Finanzkapital und Touristen. Es gibt durchaus gute moderne Architektur zu sehen, und in den obersten Etagen liegen Oslos teuerste Wohnungen. Unten dagegen lauern die Touristenfallen. Wenn Sie sich hier schon irgendwo hinsetzen müssen, dann gehen Sie wenigstens in den Key Westinspirierten Beach Club Diner auf Bryggetorget. Die Terrasse dient als wichtigste Galerie für die Sonnenbrillenmode des Jahres. Auf Aker Brygge können wir den gewaltigen privaten Reichtum des heutigen Oslo in freier Entfaltung beobachten. Sehen Sie sich die am Kai verankerten Boote an. Sie kosten vier bis fünf Millionen Euro, und sie hier am Kai liegen zu haben, verschlingt leicht pro Saison ein halbes Lehrergehalt. Oft liegen sie nur da, weil der Besitzer zu sehr mit Geldverdienen beschäftigt ist, um sich einen Tag auf dem Fjord zu gönnen.

22.15 Uhr: Sehen Sie sich jetzt, Mitte Juli, den Sonnenuntergang über Oslo vom Stratos aus an, dem Restaurant mit Disco oben im Folketeater-Gebäude von 1935. Das hier ist Oslos Rockefeller Center - in der Hinsicht, dass es hoch und monumental ist, errichtet trotz der Depression der 30-er Jahre, und weil es Unterhaltung für das Volk mit dem Bedarf an Büroplätzen kombinieren sollte. Das Haus ist gekrönt von einem Juwel, einem Bauhaus/ Art-Déco-Prachtstück mit einer 260 Quadratmeter-Terrasse. Einen besseren Ort, um die helle Sommernacht erbleichen zu sehen, gibt es nicht. Von hier oben wird allerdings deutlich, dass Oslo ein städteplanerisches Katastrophengebiet ist. Der Bebauungsplan von 1624 sah eine durchorganisierte kleine Stadt von etwa 30 Blocks im klassischen Carré vor. Seither ist offenbar kein zusammenhängender Gedanke mehr gedacht worden. Die Stadtteile reden nicht miteinander. Aus der Vogelschau sieht die Stadt einfach grauenhaft aus. Innerhalb von hundert Jahren ist Oslo von Europas ärmster Hauptstadt zu einer der teuersten Städte der Welt geworden, aber das ist nicht zu erkennen.

24.00 Uhr: Ein Bier um Mitternacht? In Oslo fehlt es durchaus nicht an Biertränken. Es ist das teuerste Bier Europas, aber es ist trotzdem seltsam populär. Eine beliebte Bierbar ist Teddy's Soft Bar (Brugata 3 A).Wenn Sie eintreten, befinden Sie sich im Jahre 1958, ungefähr wie in einem Film von David Lynch. Nur wenig ist verändert worden, seit das Teddy's Oslos erster Rockergeneration als Stammkneipe diente. Das Wort "soft" verrät, dass damals kein Alkohol serviert wurde. Rockrebellen waren schlimm genug, aber sie sollten nicht auch noch beschwipst sein. Bei unserem letzten Besuch hatte sich ein großes Kontingent von Oslos Teddyboys in der Bar niedergelassen, wo eine klassische Musikbox aus den USA auserlesene prä 1968er Musik auf knisterndem Vinyl bietet. Hier trifft man auch moderne Rockmusiker, Intellektuelle und professionelle Querulanten.

01.30 Uhr: Party time! Die Osloer Nacht nähert sich ihrem Höhepunkt. Um 3 Uhr schließen die meisten Lokale.Wo Sie nun die Sau rauslassen, hängt davon ab, welchem Stamm Sie angehören möchten. Die Reichen und Erfolgreichen waren bis vor kurzem im Cosmo zu treffen, dort gab es Gesichtskontrolle in der Tür, Champagner zum doppelten Preis, und es wimmelte nur so von blonden Goldgräberbabes und Männern mit Porscheschlüsseln und dem Schlips in der Tasche. Jetzt hat das Lokal den Besitzer gewechselt, und ich weiß einfach nicht, wo die Reichen jetzt tanzen gehen. Fragen Sie im Hotel, wenn Sie a) sehr reich sind, b) sehr bekannt oder c) sehr blond.

Die Kunst,Kultur- und Medienschickeria versammelt sich am Freitagabend im Arcimboldo im Kunstnernes Hus, einem Bauhausprachtstück von 1930. Es läuft keine Musik, damit die selbstbezogenen Menschen sich reden hören können. Oslo verdient die Bezeichnung "gay friendly". Es gibt eine Reihe Möglichkeiten, von der ältesten Schwulenkneipe der Stadt, dem leicht heruntergekommenen London Pub mit Clublokalen im ersten Stock (C. J. Hambros plass 5), bis zum Fire Club, einem wandernden Clubkonzept, das u. a. im Stratos Abende arrangiert. Der passende Ort für ein mehr alternatives Gelage ist der Musikclub Blå (Blau) im Brenneriveien, schön gelegen am Akerselva gegenüber von Grünerløkka. Gute Rockmusik gibt es häufig im Mono (Pløens gate 4 beim Youngstorget), fast jeden Abend bis 3 Uhr live. Wenn Sie weder reich noch intellektuell, homosexuell, alternativ oder angerockt sind, weiß ich nicht so recht, was wir für Sie tun können. Oslo ist eine Trendstadt. Das, was die Leute "die Leute" nennen, hat seine Treffpunkte unten auf Karl Johan und in den Nebenstraßen - in der Rosenkrantz' gate z.B. wimmelt es von Kneipen und Aufreißlokalen. Aber seien Sie vorsichtig. Nach 3 Uhr gibt es oft Ärger in diesen Straßen.

02.40 Uhr: Nichts für alle, vielleicht. Aber auf dem Festungshof bei der mittelalterlichen Burg Akershus wurde am 24. Oktober 1945 um diese Zeit der norwegische Naziführer und Kollaborateur Vidkun Quisling erschossen. Quislings riesige Führerwohnung auf Bygdøy wurde "Gimle" genannt, nach dem Ort, wo nach der nordischen Mythologie die Überlebenden der Götterdämmerung in Sälen mit Dächern aus Gold überlebten. Das Haus ist heute, in poetischer Gerechtigkeit, ein Holocaust-Zentrum. (Villa Grande, Huk aveny 56).

04.00 Uhr: Wenn Sie der Barszene lebend entkommen sind und noch immer nicht schlafen können, ist jetzt die Zeit für eine Wanderung durch Oslo gekommen. Im Sommer geht die Sonne früh auf, und die Stadt zeigt sich von ihrer stillsten und schönsten Seite. Der vielleicht beste Ort für einen Spaziergang ist der Friedhof Vår Frelsers Gravlund, ein prachtvoller grüner Gottesacker mit interessanten Grabmälern, ein echtes "who's who" der toten Norweger. Hier ist Henrik Ibsen begraben. Sein hoher Grabstein wird von einem Hammer gekrönt, Ibsen wurde "Bergmann" genannt. Frauen sollten diesen Spaziergang nach Mitternacht nicht allein unternehmen. Wenn man dem Friedhof nach Nordosten folgt, erreicht man einen von Oslos größten Schätzen: die Gamle Aker Kirche aus dem 12. Jahrhundert. Eigentlich müsste man sich die Kirche auch von innen ansehen. Sie ist mystisch und geheimnisvoll, ein romantischer Ort.Wenn man an einem Samstag gegen 14 Uhr hier vorbeikommt, sieht man in der Regel eine Hochzeit. Es ist nicht ganz unvorstellbar, dass man zum Fest eingeladen wird. Norweger sind bekanntlich außen kühl, innerlich aber warm.

05.30 Uhr: Ein Morgenvogel mit Appetit muss einfach die Fischhalle am Rand von Vippetangen besuchen. Hier treffen Fische und Schalentiere von den Fischerbooten in der Nordsee und dem Nördlichen Eismeer ein, das meiste kommt per Trawler, wird von Großhändlern verpackt und an Läden und Restaurants weiter expediert. Privatleute dürfen hier eigentlich nicht einkaufen, aber es gibt Ausnahmen. Der Duft der phantastischen Ernte aus dem Meer wird Sie betören und überzeugen, heute Abend ein Fischrestaurant aufzusuchen (das Mares im Frognerveien ist vielleicht das beste). Und das muss jetzt reichen. Zwei Stunden Schlaf sollten schließlich sein.

Autor:
Torgrim Eggen und Jörg Modrow