Norwegen Oslo - die grünste Hauptstadt der Welt

Oslos Rathaus ist nicht gerade eine Schönheit. Der wuchtige Rotklinkerwürfel steht am Fjordufer, berühmt ist er nur, weil hier alljährlich der Friedensnobelpreis vergeben wird. Doch in jüngster Zeit entschädigt Oslo seine Bewohner mit atemraubender Architektur: Erst wurde 2008, ebenfalls am Fjordufer, ein spektakuläres neues Opernhaus eingeweiht. Und nun wird zur nordischen Ski-Weltmeisterschaft im Frühjahr 2011 das eigentliche Wahrzeichen der Stadt komplett neu aufgebaut: der Holmenkollen.

Das Besondere daran: Die Skisprungschanze ist auch im Sommer ein beliebtes Ausflugsziel für Einwohner wie Touristen. Ab Sommer 2010 werden Besucher in einem gläsernen Fahrstuhl auf den neuen Sprungturm transportiert. Von hier hat man dann den schönsten Blick über die wohl grünste Metropole der Welt: mitten in der Natur, dem Himmel ganz nah.

Der Holmenkollen ist so etwas wie die Schnittstelle zwischen dem urbanen und dem urigen Norwegen. Hier beginnt die Nordmarka, eine wilde Landschaft mit tiefstem Wald, unzähligen Badeseen, Wanderwegen, auf denen man kaum jemandem begegnet, und im Winter kommen mehr als 2600 Kilometer Loipen sowie mehrere Alpinabfahrten dazu. Am Holmenkollen empfiehlt sich das Ausleihen eines Fahrrads, mit dem man zur anderthalb Stunden entfernten Kikutstua-Hütte am Bjørnsjøen-See radelt.

Was kaum zu glauben ist: Das alles gehört noch zum 454 Quadratkilometer großen Stadtgebiet Oslos, dessen geografisches Zentrum mitten in einem Wald liegt.

Wer mit Wandern wenig anfangen kann, ist in Oslo trotzdem richtig. Zum Stadtgebiet gehören rund 40 Inseln und noch ein paar Halbinseln obendrein, die meisten bieten öffentlich zugängliche Badestellen. Der belebteste und beliebteste Strand der Metropole am Fjord findet sich auf der Halbinsel Bygdøy, die mit Fähre (15-Minuten-Fahrt vom Hafenzentrum) oder Bus zu erreichen ist. Ruhiger und wesentlich untouristischer ist es aber zum Beispiel auf Langøya, wo man auch gut wild campen kann (Fähre ab Vippetangen bei der Festung).

Die vielleicht kleinste Insel ist nur ein Felsbrocken im Fjord, Heimat von "Oslofjordens hyggeligste fyr", dem "behaglichsten Feuer der Stadt". , so der offizielle Name, ist eine ehemalige Leuchtfeuer-Insel, auf der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fast vier Jahrzehnte lang eine Leuchtturmwärterfamilie lebte. Heute betreibt ein Gastrom das sehr gemütliche weiße Holzhäuschen, zumeist allerdings für größere Gesellschaften - wer hier heiraten will, muss sich auf eine lange Warteliste setzen lassen. Doch alle paar Wochen kann man sich - rechtzeitige Buchung vorausgesetzt - als Normalsterblicher mit der Fähre zu einem Abendessen mit spektakulärer Aussicht übersetzen lassen.

Norwegens Hauptstadt liegt am Kopfende des Oslofjords - aber auch an den Ufern eines eher bescheiden durchs Stadtgebiet plätschernden Bächleins. Die Akerselva teilt Oslo vom Stausee im Norden kommend in den West- und Ostteil der Stadt, wobei man im Osten, den früheren Arbeitervierteln, noch heute - mit einem Augenzwinkern allerdings - über den dezent versnobten Westen die Nase rümpft. Der Fluss wurde in den vergangenen Jahren gezielt gesäubert, nachdem anliegende Industriebetriebe umgesiedelt worden oder pleite gegangen waren. Heute sind die Uferbereiche Naturschutzgebiet. Ein Spaziergang dauert rund zwei Stunden und ist eine entspannte Variante, um ein Gespür für Oslo zu bekommen. Auf Höhe des früheren Arbeiterstadtteils Grünerlokka sollte man abbiegen und eines der unzähligen Cafés des lebendigen Viertels besuchen.

Oder man setzt sich in die Tram 11, fährt bis Torshov und von dort mit dem Bus 56B nach . Auf diesem Hügel am Stadtrand liegt das bei Osloern vielleicht beliebteste (und bei Touristen noch recht unbekannte) Ausflugslokal. Hier gibt es hervorragende Waffeln, heiße Schokolade und in der nahen Umgegend jede Menge Wanderwege, auf denen man für eine halbe Stunde oder gleich drei Tage im Wald verschwinden kann. Im Sommer wird außerdem eine Bühne errichtet, auf der bekannte norwegische Künstler in den Sonnenuntergang hineinspielen. Am 5. Juni zum Beispiel treten der bekannte Jazztrompeter Nils Petter Molvaer und die nicht weniger populäre Sängerin Silje Nergaard auf.

Autor:
Philip Wesselhöft