Szeneviertel Grünerløkka Der Prenzlberg von Oslo

Alfred sitzt im Nighthawk Diner, links vorn am Fenster, Blick auf die Straße. Im Hintergrund läuft Ben E. Kings "Stand by me". Mit am Tisch Jan, Frontmann einer lokalen Country-Band und Besitzer des Nighthawk, Simone, Sängerin, und eine Dame gesetzten Alters, die seit geraumer Zeit etwas betrübt zu Alfred hinüberschaut. Der ist in seiner eigenen Welt. Die Rechte umklammert eine Flasche, die er regelmäßig mit ruckartiger Bewegung zum Mund führt. Es spritzt dabei auf den Tisch und auf die anderen Gäste. Auch auf die gut gepflegte Rock'n'Roll-Tolle von Jan. Der rollt mit den Augen, greift in die Tasche und zückt ein fleckiges Tuch. Er wischt sich übers Haar, nimmt Alfred die Flasche aus der Hand, hebt ihn hoch. Dann seufzt er und küsst Alfred auf die Fontanelle.

So ist das in Grünerløkka, dem aufstrebenden Künstlerviertel nordöstlich von Oslos Innenstadt. Man trifft Jan Vardøen, einen interessanten Vertreter der überschaubaren norwegischen VIP-Szene. Vardøen ist nicht nur Musiker, sondern auch Koch, Fernseh-Star und Restaurantbetreiber. Und Jungvater in Elternzeit, auf dem Schoß Sohn Alfred, acht Monate. Eigentlich möchte man mehr erfahren, zum Beispiel über die Herstellung seiner in Norwegen hoch geschätzten Salbei-Chili-Würstchen, deren Rezept er gerade in einem Buch mit dem schönen Titel "Tøff Mat. Pølser og Øl" (auf Deutsch etwa: "Essen geradeaus. Alles über Würste und Bier") preisgegeben hat. Doch schon nach kürzester Zeit dreht sich das Gespräch um Großmütter (die betrübte Dame am Tisch hatte den schreienden Alfred nach nur einer Runde um den Block entnervt wieder beim Vater abgeliefert). Und man spricht über Norwegens familienfreundliches Sozialsystem, auch deshalb lebt Vardøen in Oslo und nicht an seinem Geburtsort, dem Londoner Stadtteil Brixton.

Wie ist man überhaupt zur Mittagszeit vor diesem Teller Würstchen mit Sauerkraut gelandet? Am Tisch des Country-Sängers Jan Vardøen?

Der Tag fing drei Stunden früher und etwa 300 Meter Luftlinie weiter nördlich an, im Cafe La famiglia. Dort trafen wir Simone Larsen, Sängerin der Soulformation D'Sound, eine der bekanntesten Bands Norwegens. Bis vor kurzem lebte sie in Grünerløkka, "auf Løkka", wie sie sagt. Larsen hat miterlebt, wie sich der Stadtteil innerhalb von zehn Jahren von einem grauen Quartier mit leerstehenden Häusern und Junkies zu Norwegens angesagtem Stadtviertel aufgeschwungen hat. Heute leben in Grünerløkka vor allem junge Familien, was nicht zuletzt an der hohen Kinderwagen-Dichte abzulesen ist. In Zweierreihen parken die Eltern ihre Karren vor den zahlreichen Cafés, Restaurants und Klamottenläden.

"Grünerløkka ist so etwas wie die urbane Identität Norwegens", sagt Simone Larsen bei einem Milchkaffee mit Blick auf den kleinen Park Birkelunden, an dem alle paar Minuten eine blaue Straßenbahn vorbeirattert. Larsen stammt aus dem Kaiserstuhl, ihre charmant wattierte Mundart verrät das. Bereits im Alter von sieben Jahren kam sie mit ihrer Mutter nach Norwegen, zunächst in eine Kleinstadt an der Küste. Seit rund 20 Jahren lebt sie nun in Oslo, ist verheiratet mit einem bekannten norwegischen Plattenproduzenten und sie ist Mutter einer dreijährigen Tochter. Wir zahlen den Kaffee und brechen auf.

Zu jedem Geschäft, jeder Hausnummer entlang der beiden Hauptstraßen Thorvald Meyers gate und Markveien hat Simone (Nachnamen sind in Norwegen von nachrangiger Bedeutung) eine Geschichte oder einen Tipp parat. Bei Den Lille Kokosbollefabrikken werden ein paar handgefertigte Schokoküsse mit Koskosraspeln zum Mitnehmen bestellt, bei Mucho Mas gibt es das beste Tex-Mex-Essen Skandinaviens, im Heilsarmee-Laden Fretex ausgefallene Secondhand-Klamotten. Und der Blumenladen Blomsterhandler Andersen in der Thorvald Meyers gate wird von zwei Rock-a-Billy-Brüdern betrieben, von denen einer gerade lässig auf dem Heck seines mintgrünen Ford-Pick-ups sitzt, eine Zigarette im Mundwinkel, und auf der Ladefläche Dutzende Kästen mit Stiefmütterchen.

Bei diesem Anblick kommt Simone die Idee: "Ihr müsst Jan kennenlernen!" Ein kurzes Mobiltelefonat später sitzen wir also im Nighthawk, einem erst vor zwei Monaten eröffneten Burger- und Steakrestaurant, in dem weder Cappuccino noch Latte macchiato serviert wird, sondern nur Filterkaffee - ein "Statement" sei das, sagt Inhaber Jan. Er ist nicht nur Musiker, sonder auch Koch und Juror der in Norwegen beliebten TV-Sendung "Masterchef". Außerdem gehört ihm halb Grünerløkka. Neben dem Nighthawk betreibt Vardøen noch ein knappes Dutzend weiterer Bars, Restaurants und Delikatessenläden, ein Bekleidungsgeschäft für Rock-a-Billy-Klamotten, einen Importhandel für italienische Spezialitäten und eine Wurstmanufaktur. "Ich hatte nie einen Plan", sagt Jan, während Alfred mit der Milch herumspritzt. "Man wiederholt einfach das, womit man beim letzten Mal erfolgreich war."

Und so ist aus dem gelernten Holzbootbauer, der vor rund zehn Jahren zunächst nur den Innenausbau einer Bar verantwortete, eine Art sympathischer Donald Trump von Grünerløkka geworden. Das Viertel sei für "Leute, die was bewegen wollen, der beste und entspannteste Ort, den man sich denken kann", sagt Jan Vardøen. Und genügend Publikum für all die Bars und Restaurants ist vorhanden, auch wenn es die Touristen meist eher in Richtung Wikinger-Schiffe auf der Insel Bygdøy und gen Amüsierviertel am Hafen zieht. Die Norweger aber gehen gerne aus, und in Grünerløkka eröffnet alle paar Wochen eine neue interessante Adresse - und meist hat dabei Jan Vardøen seine Finger im Spiel. Er selbst allerdings lebt nicht mehr "auf Løkka", sehr zum Unbill seiner Mutter, die ihren Enkel offenbar gerne öfter sehen würde. Vardøen aber ist vor einiger Zeit, als sein Sohn geboren wurde, raus aus der Stadt gezogen, in ein Häuschen am Fjord. "Stadtleben ist ja schön und gut", sagt der Geschäftsmann und Country-Musiker und zuckt dabei fast entschuldigend mit den Schultern. "Am Ende aber zieht es einen in Norwegen doch immer wieder raus aufs Land."

Tipps für Grünerløkka

(Torvbakkgt. 12/Ecke Markveien): Restaurant mit feiner, norwegischer Landhausküche und einer guten Wein- und Bierkarte, am Südende von Grünerløkka gelegen.

(Thorvald Meyers gate 30): Bar im Stil der fünfziger Jahre eingerichtet, die Innenausstattung wurde von Jan Vardøen selber gezimmert. Klein, charmant, gute Mojitos.

The Nighthawk Diner (Seilduksgata 15b/Ecke Thorvald Meyers gate): Neu eröffnetes amerikanisches Burger- und Frühstücksrestaurant mit auffallend vielen Entenarschfrisuren im Publikum (Seilduksgata 15B, Eingang über Thorvald Meyers gate). Man sollte vor allem die hausgemachten Würstchen probieren.

(Thorvald Meyers gate 18): So schön können handgemachte Schokoküsse schmecken …

Fretex Unika (Markveien 51): Shop der norwegischen Heilsarmee mit sehr ausgefallenen Secondhand-Klamotten und dazu unter eigener Marke fabrizierten Handtaschen, die aus alten Lederjacken hergestellt werden.

: Osloer Band von Sängerin Simone Larsen, ehemals mit Acid-Jazz-Fokus, heute mit Schwerpunkt auf Soulpop. Das aktuelle Album "Starts and Ends" wurde vor kurzem veröffentlicht.

Autor:
Philip Wesselhöft