Wildeshauser Geest Steinzeitgräber

Wer in der Wildeshauser Geest wandert, geht nicht unbedingt über Leichen, aber meist über Gräber. Diese liebliche Gegend ist ein riesiger Friedhof aus uralter Zeit, man kann den Totenstätten kaum ausweichen, in derartiger Zahl stehen sie in Wald und Heide. Einige von ihnen sind die ältesten Steinmonumente Deutschlands, viel älter als das britische Stonehenge, älter noch als die Pyramiden Ägyptens. Und wie auch bei diesen haben ausgerechnet die Denkmäler der Vergänglichkeit am längsten überdauert. Was wir von der frühen Vergangenheit wissen, erzählten uns selten Hütten oder Paläste, sondern meist Gräber.

Die Anlagen erscheinen als winzige Hügel oder als mächtige Steinanlagen, als Felder für Tausende oder als letzte Stätte Einzelner. Die frühesten stammen aus der Zeit um 3500 v. Chr., als die ersten sesshaften Bauern in Norddeutschland lebten, die jüngsten aus den Jahren der so genannten Eisenzeit, als sich vor der Küste auch schon mal ein römisches Expeditionsschiff blicken ließ. Eine Fülle von Monumenten, jedes einzelne war zu seiner Zeit errichtet, um Abschied zu nehmen und sich zu erinnern, als Dokument der Zuneigung und sicher auch als Demonstration der Macht.

 

In Europa gibt es kaum einen zweiten Platz aus jener Zeit, der eine solche Dichte von Megalithbauten aufweist wie die Wildeshauser Geest. Die Landschaft zwischen Ahlhorn und Kleinenkneten ist eben nicht nur schön, sonder auch steinalt.

Die Wanderer von heute zeigen angesichts der Totenstätten wenig Pietät. Die ausgeschilderten Wander- und Radrouten führen sie zu den geheimnisvollen Plätzen, an denen man dann prima Picknick machen kann. Die Kinder toben auf den Findlingen, an der Grabkammer lehnt das Fahrrad, die Thermosflasche steht oben auf dem Deckstein. Das ist in Ordnung, denn man kann hier niemandes Totenruhe mehr stören, die Gebeine sind längst vergangen, die einst überwachsenen Anlagen freigeräumt, viele der Steine wegtransportiert und als Fundamente von Bauernhäusern verbaut.

Dass überhaupt noch Großsteingräber erhalten sind, verdanken wir der Tatsache, dass die Geest als unfruchtbare Gegend immer relativ dünn besiedelt war. Viele Gräber liegen auch in unwegsamem Gelände, und es gab genügend andere Findlinge als Baumaterial. Außerdem schützte sie wahrscheinlich der Aberglaube und nicht zuletzt die Herzogliche Kammer zu Oldenburg. Schon 1819 erließ sie die erste Verordnung, nach der Großsteingräber und Grabhügel vor Zerstörungen bewahrt werden sollten. Denn schon damals nahm ihre Zahl rapide ab. Nach 1820 wurde angeordnet, dass die Grabanlagen mit einem Erdwall einzufrieden seien und die nächste Umgebung zu bepflanzen sei. Es folgten 1911 ein oldenburgisches und erst 1979 das niedersächsische Denkmalschutzgesetz.

1895 hatte man im Großherzogtum Oldenburg noch 150 Steindenkmäler registriert, 1975 waren es nur noch 56; die Mehrzahl war trotz Denkmalschutz in 80 Jahren zerstört worden. Die Reckumer Steine etwa sind die letzten beiden erhaltenen Megalithgräber einer ehemals größeren Gruppe. Und auch der Wohnplatz Hölingen besaß früher mehrere Großsteingräber. Womöglich fielen sie der Errichtung der Harpstedter Friedhofsmauer zum Opfer, wie der Freizeitarchäologe Bernd Rothmann auf seiner sehr zuverlässigen vermutet.

Trotz alledem ist noch genug erhalten, um die Fülle der verschiedenen Formen zu erkennen. Etwa bei Visbek: Dort wird der Wanderer feststellen, dass der "Visbeker Bräutigam" größer ist als die "Visbeker Braut", dafür lädt die Braut hintenrum mächtig aus. Die beiden liegen im Wald, wenn auch vier Kilometer voneinander entfernt. "Braut" und "Bräutigam" nannte man die Monumente, spann eine Legende um die "Hünengräber", die von einem unglücklichen Paar erzählt und einem zu Stein erstarrten Hochzeitszug. Solche Märchen sind bestenfalls einige Jahrhunderte alt, und sie tragen zum Verständnis der alten Steine nichts bei.

Nicht für jedermann

Die beiden Grabanlagen sind die größten ihrer Art, 80 Meter lang die Braut, der Bräutigam bringt es gar auf 104 Meter, 170 Steine wurden einst verarbeitet, von denen 126 noch vorhanden sind. Die Findlinge lagen noch aus der Eiszeit herum, Gletschermassen hatten sie aus dem Norden herangeschoben und auf der Unterseite glatt geschliffen. So eigneten sie sich gut zum Aufbau einer Kammer mit graden Wänden, wie man sie etwa in Kleinenkneten noch heute betrachten kann. Die rauen Wände bekam sowieso niemand zu sehen, denn die Langgräber wurden mit Erde zugedeckt und verschwanden unter einem Hügel.

Warum diese Größe, wozu diese Anstrengung? Wir wissen es nicht. Die meisten dieser Langbetten enthalten nur eine kleine Grabkammer, ausnahmsweise auch mal drei, aber der Rest der Anlage ist offenbar auf Wirkung angelegt. Die Steinzeitbauern füllten die Anlage mit Erdreich, die Findlinge hielten die Füllung fest, ihre Zwischenräume wurden mit kleineren Steinen bepackt. So entstand ein Hügel, von einer steinernen Kette wie mit einer Mauer umschlossen. An der Schmalseite zeigten die Erbauer dann ihre ganze Kraft: Bei der Visbeker Braut bilden vier über 2,50 Meter hohe Steine den Abschluss, sie stehen nicht in genauer Reihe, sondern bilden ein Kreissegment, das an eine Apsis erinnert.

 

Der Bau eines solchen Grabmals hat die Menschen und ihre Gerätschaften über Wochen und Monate gebunden, in einer Zeit, in der die Landwirtschaft gerade erst erfunden und Überleben nicht selbstverständlich war und in der jede Hand gebraucht wurde. Eine Motivation für eine solche entbehrungsreiche Tat kommt wohl am ehesten aus der Kraft des Religiösen. Man kann ins Sinnieren kommen: ein langer Bau, mit einem Grab als Zentrum und einer Apsis, fast erscheint das wie die Urform eines Sakralbaus. Schließlich wurden auch viele christliche Kirchen, wie St. Peter in Rom, über einem Grab errichtet.

Völlig abwegig ist dieser Gedanke nicht, Baustile können sich über lange Zeit erhalten: Aus der späten Bronzezeit um 900 v. Chr. sind uns zum Beispiel Bauernhäuser bekannt, bei Rodenkirchen in der Wesermarsch kann man die Rekonstruktion eines solchen Hofes sehen.Wer vorher etwa im Cloppenburger Museumsdorf war, wird staunend erkennen, dass die Grundstruktur einer solchen Anlage sich bis ins 19. Jahrhundert kaum verändert hat.

Über das Leben der Menschen zur Zeit der Großsteingräber wissen wir allerdings sehr wenig. Für den Archäologen Jörg Eckert, der sein Leben lang in der Wildeshauser Geest geforscht hat, ist dies die größte der offenen Fragen.Wie lebten die Menschen vor 5500 Jahren? Wir kennen ihre Keramik, sogenannte Trichterbecher, die in weiten Teilen Nordeuropas verbreitet war, und wir haben ein paar Grabbeigaben. Aber ihr Totenkult ist unbekannt, ihre Siedlungen sind vergangen, ihre Verkehrswege: im Dunkel. Wir wissen nicht einmal genug über die Menschen selbst, die hier ihre letzte Ruhe fanden - anders als in kalkhaltigen Böden ist hier alles Knochenmaterial Opfer der Zeit geworden.

Nur ein paar Dinge können wir erschließen: Gewiss waren diese Monumente nichts für Steinzeitmenschen wie du und ich; sie waren Heimstatt einer Minderheit und sind heute Zeugen dafür, dass es vor 3000 Jahren auch schon eine Teilung der Gesellschaft in Reich und Arm gab. Die Langgräber erzählen aber noch mehr: Sie waren oft mit Heidesoden gefüllt. Heide aber ist keine natürliche Landschaft; sie ist vielmehr Ergebnis ökologischen Raubbaus und entsteht durch massive Abholzung und anschließende Überweidung. Schafherden knabbern nachwachsende Bäume ab und sorgen - ebenfalls durch "Verbiss" - für die Regeneration des Heidekrauts. So stirbt der Wald ab, der Boden wird verdichtet. Die Gräber berichten so nicht nur vom Tode, sondern auch ein wenig vom Leben einer seit langem ansässigen Bevölkerung von Weidebauern, von denen einige gleicher waren als die anderen.

Und so blieb es. Eindrucksvoll kann man das südlich von Wildeshausen erkennen, wo auf dem Pestruper Gräberfeld über 500 Grabhügel zu sehen sind, einst müssen es weit mehr gewesen sein. Dieser Friedhof stammt aus der Bronzezeit, ist also fast 2000 Jahre jünger als die Großsteingräber des Neolithikums. Schon auf den ersten Blick sieht man den Unterschied zwischen einem kleinen Hügel von zwei Meter Durchmesser und einem Langhügel, der gut 15 Meter misst, dazwischen alle möglichen Dimensionen.

Wer aber glaubt, die kleinen Anlagen seien jedermanns Grablege und die großen die der Reichen, der irrt. Hier liegen die oberen Zehntausend. Die Ruhestätten der kleinen Leute sind restlos vergangen, sie wurden der Erde gegeben, ohne Stein, ohne Hügel, wahrscheinlich auch ohne Sarg. Ihre Geschichte wird unerzählt bleiben, die ihrer Hütten, ihres Alltags, ihres Lebens.

Aber wer durch die Wildeshauser Geest wandert, sollte es bedenken: Sie lebten hier, sie starben hier.

Schlagworte:
Autor:
Roland Benn