Oldenburg Stadtforschung einer kleinen Großstadt

Er erforscht Städte, seit mehr als 30 Jahren schon. Orte mit Brüchen, Verwerfungen, Krisen. Davon gibt es viele. Aber die Stadt, die ihm am nächsten liegt, ist nie Gegenstand seiner Arbeit gewesen: Oldenburg. Walter Siebel ist an der dortigen Carl-von-Ossietzky-Universität Professor für Soziologie, die Stadtforschung sein Spezialgebiet, er eine Kapazität seines Fachs - aber in Oldenburg fand er nichts, was sich zu erforschen gelohnt hätte. "Was einen Stadtforscher interessiert, kommt hier nur in homöopathischen Dosen vor", sagt Siebel. In Ruhe konnte sich die Stadt entwickeln, blieb von den großen Katastrophen der Zeitläufte verschont. Der Brand von 1676 zerstörte fast die gesamte Stadt, die Bomber des Zweiten Weltkrieges ließen sie nahezu unzerstört. Erst danach grassierte Modernisierungswut. "Aber Oldenburg ist noch eine komplette Stadtgestalt", sagt Siebel, "die Geschichte ist präsent ohne das Leid dieser Geschichte."

Es hat nie bedeutende Industrieansiedlungen gegeben, nie musste sich Oldenburg nach brutalem Niedergang wieder hocharbeiten; als 40.000 Flüchtlinge und Vertriebene ab 1945 aus dem Osten kamen, stellte das die Stadt vor allem vor das Problem, in kurzer Zeit ausreichend Wohnraum zu schaffen, aber das wurde erstaunlich schnell bewältigt, und Oldenburg wurde plötzlich zur Großstadt mit 120.000 Einwohnern. "Es fehlen die Schattenseiten der Urbanität", sagt Siebel, "unübersichtliche Gassen, düstere Viertel; das, vor dem sich der gute Bürger fürchtet" - und er amüsiert sich über das fast niedliche Rotlichtviertel am Bahnhof, "diese eine Straße, durch die man völlig unbehelligt gehen kann".

 

Oldenburg ist schön, brav und ordentlich, so hört man es aus Siebels Worten heraus. Uninteressant für einen Stadtforscher, aber genau deshalb wahrscheinlich so lebenswert für seine inzwischen 160.000 Einwohner. Die empfinden das genau so; legendär ist eine Umfrage der Illustrierten Bunte aus dem Jahre 1979, die noch heute in ihrer Grundaussage gern zitiert wird: Die Zeitschrift fragte die Einwohner aller 67 deutschen Großstädte, wie zufrieden sie mit ihrer Stadt seien. Oldenburg gewann, und seitdem fühlen sich die Oldenburger mit dem Zeugnis wohl, in Deutschlands beliebtester Stadt zu wohnen.

Lange bevor Oldenburg wurde, was es heute ist, ganz am Anfang seiner Existenz, war es nur ein armseliges Fleckchen inmitten unwirtlicher,mooriger Landschaft. Aldenburg hieß es, so steht es in der Urkunde von 1108, die erstmals diesen Namen nennt. Damals war dieser Ort Treffpunkt zur Übergabe von 90 Bündeln Aalen, die Egilmar I. jährlich an ein Kloster zu liefern hatte, damit dort für ihn und seine Familie um göttlichen Beistand gebetet werde. Das soll 2008 gefeiert werden.

Die Stadt ist seitdem quasi im Schlenderschritt durch die Zeit gegangen. Sie konnte Ruhe bewahren, weil sie nie im Übermaß mit Wirren zu tun hatte, unter denen sie hätte leiden können oder auf die sie schnell hätte reagieren müssen. Sie lag auch immer etwas abseits. Wer nicht auf die Ostfriesischen Inseln will oder nach Bad Zwischenahn zur Kur, kommt hier gar nicht vorbei. Läge Oldenburg nicht auf sieben Metern über dem Meeresspiegel in der flachen Tiefebene, man könnte meinen, die Stadt läge in einem abgeschiedenen Tal.

Oldenburg konnte dort Stadt in der Provinz bleiben, und das hat Vorteile, die ihre Bewohner genießen, und Nachteile, die die meisten von ihnen nicht zu stören scheinen. Der Mangel an Siebels "Schattenseiten der Urbanität", die eine Stadt aufregend machen - langweilig muss da trotzdem niemandem sein. Dafür gibt es an Kultur fast alles, was eine Großstadt bieten muss; ein Staatstheater und eine freie Theaterszene und andauernd Lesungen. Seit 1973 sorgt die Universität am Rande der Stadt für stetige intellektuelle Durchlüftung, sie bringt Geist und immer wieder neue Menschen in die Stadt und bewahrt sie vor allzu großer Selbstbezogenheit.

Zu alledem, ganz wichtig, gibt es Überschaubarkeit, und zwar reichlich. Nie zu weite Wege, die am liebsten mit dem Rad zurückgelegt werden, Bekannte, denen man wie zufällig begegnet. Der Espressostand auf dem Pferdemarkt - dem bunten Obst-, Gemüse- und Blumenmarkt, bestückt von Bauern der Umgebung -, das Café im Nikolaigang, das fast schon museale Schreibwarengeschäft Onken in der Langen Straße oder samstags die Erbsensuppe aus dem großen Topf beim Metzger Monse, das sind so Orte, an denen trifft man sich in Oldenburg. Die Stadt ist kleine Großstadt oder große Kleinstadt, dazwischen pendelt sie und fühlt sich wohl.

Man spürt die Bereitschaft zu Neuem

"Oldenburg - schön grün und ganz schön groß" war der Slogan, mit denen die Stadt in den achtziger Jahren für sich warb. Heute klingt das schon fast rührend, aber etwas Wahres trägt dieser Spruch doch noch. Oldenburg ist größer, als es die meisten Nicht-Oldenburger vermuten würden, die Stadt wächst sogar beständig. Und sie ist sehr grün, von Parks und Gärten durchzogen. Das Eversten Holz etwa, ein Waldstück am Rande der Innenstadt, das dank der Geldknappheit des Landes Niedersachsen, in dessen Eigentum es sich befindet, nicht überpflegt erscheint, sondern eine Art Urwald ist, ein Paradies für Spaziergänger, Kinder und Jogger. Nicht weit davon der Schlossgarten, ein Ort allerfeinster Gartenkunst, vor 200 Jahren angelegt. Ein Platz zum Sonnenbaden, für Lesungen im Rosengarten, für romantische körperliche Ertüchtigung beim Tretbootfahren oder - von der jungen Leiterin des Schlossgartens erdacht - für Obstbaumschnittkurse und zum Studium alter Apfelsorten.

Wirklich ganz schön groß, um den Slogan aufzunehmen, ist die Fußgängerzone, die älteste in Deutschland. Kiel erhob kürzlich Anspruch darauf, aber, erwiderten die Oldenburger, da war es nur eine etwas größere Straße. Bei ihnen dagegen wurde die weitläufige Innenstadt 1967 autofrei und auf dem Grundriss der mittelalterlichen Stadt als "Basarstadt" eingerichtet, so nannte man es damals.

Sicher ist, dass die Stadt für viele Besucher aus Bremen und vor allem aus Holland das Ziel ihrer Einkaufsträume ist. In den letzten Jahren wurden nach und nach die etwas vernachlässigten Gassen wiederentdeckt und - dank einer Bürgerinitiative, die gegen ein Parkhaus und für kleinteiliges Bauen stritt - herausgeputzt. Altstadt ist da im besten Sinne neu entstanden. In den bunten Häuschen zwischen Bergstraße, Burgstraße und Kleiner Kirchenstraße haben sich Handwerker und kleine, besondere Geschäfte angesiedelt, Holzladen, Töpferei und Buchbinder, Goldschmied und Uhrmacher. Oldenburg ist in diesen verwinkelten Sträßchen sehr idyllisch und weit entfernt von der Filialistenmonotonie anderer Fußgängerzonen.Es wird spannend sein zu sehen, wie sich an deren Rand eine riesige Shopping Mall eingliedern wird. Die Oldenburger wollten sie nicht, wählten deshalb sogar ihren Oberbürgermeister ab und werden sie trotzdem bekommen.

Allzuviel Unruhe wird es deswegen nicht geben, dazu ist Oldenburg zu gelassen und manchmal auch zu zufrieden und pflegt dabei seinen Kleinstaatenpatriotismus mit leichtem, aber netten Rückwärtsdrall. Oldenburg ist Residenzstadt, war bis 1918 Hauptstadt eines kleinen Ländchens, angeführt von einem Großherzog, der in seinem zweiten Leben in Wurst- und Fleischwaren machte. Danach wurde sie Sitz eines Freistaates und wurde an dessen Ende wohl zum ersten Mal in ihrer Geschichte auffällig - und dann auch noch unrühmlich -, als die Oldenburger 1932 die erste nationalsozialistische Landesregierung Deutschlands wählten. Immerhin: Die Stadt bekennt sich zu ihrem dunkelsten Kapitel, das einen Tiefpunkt erreichte, als am 10. November 1938 alle männlichen jüdischen Einwohner von der Polizeikaserne zum Gefängnis getrieben wurden. Seit einigen Jahren erinnern mehrere hundert Oldenburger an diesen entwürdigenden Marsch, indem sie ihn still nachvollziehen.

 

Ihren Residenzstadtcharakter hat die Stadt über diese Zeit bis heute bewahrt. Das liegt vor allem an dem feinsinnigen Stadtumbau zu Zeiten Herzog Peter Friedrich Ludwigs (1785- 1829).Was seine Planer erdachten, erzeugt noch heute ein Gefühl von anmutiger Würde. Oldenburg in Oldenburg, so heißt die Stadt offiziell, eben weil sie Hauptstadt des gleichnamigen Landes war, bis dieses 1946 in Niedersachsen verschwand. Die Erinnerung daran muss bewahrt werden und treibt mitunter skurrile Blüten - oder besser: schiefe Klänge. Noch 1995 schraubte sich die Stadt mit den Erlösen einer Bürgerlotterie ein Glockenspiel ans Rathaus, das mehrmals am Tag die von Großherzogin Cäcilie im 19. Jahrhundert komponierte Landeshymne "Heil Dir, o Oldenburg" unsauber bimmelt. Es ist viel gelacht worden über den Text, der zuerst Gottes Schutz für "Dein edles Ross" erbittet und erst später "Deinem Fürsten Heil" wünscht. Erst das Pferd, dann der Herr, dass darüber die sonst so royalistischen Oldenburger schmunzeln können, macht sie direkt liebenswert.

Das klingt zwar, als seien sie mit der Fähigkeit bedacht, über sich selbst lachen zu können, aber der Stolz aufs längst vergangene Land macht doch skeptisch. Sind die Oldenburger etwa borniert, schotten sie sich nach außen ab? Um das zu klären, fragt man sie am besten, die Zugezogenen.

Einer, der noch nicht so lange da ist, ist Markus Müller. Er muss mit den Oldenburgern arbeiten, sie begeistern, sie herausfordern, aber nicht abschrecken, spüren, wie sie ticken: Müller ist Intendant des Oldenburgischen Staatstheaters. 2006 kam er als jüngster Theaterleiter Deutschlands in die Stadt - und fühlte sich gleich heimisch. "Die sind gar nicht so spröde, wie ich es unterstellt hätte", sagt er. Er hat das Gefühl, dass die Oldenburger ihr Theater und die Stadt wie ein Kind betrachten, das sie gut umsorgt wissen wollen. Er bemüht sich, will sie aber auch dazu bringen, mehr Offenheit für unbekannte Werke und gewagte Inszenierungen zu zeigen. Da seien die Oldenburger noch etwas abwartend, doch spürt er die Bereitschaft, sich darauf einzulassen. "Das finde ich gut", sagt er. Ein langer, dünner Mann mit großen Augen und Drei-Tage-Bart, der stolz ist auf sein Theater, weil es in seiner ersten Saison gleich in der renommierten Zeitschrift "Theater heute" bedacht und in großen Feuilletons gelobt wurde.

Was ihn gewundert hat: Wenn er das Oldenburgern erzählt hat, "dann interessierte die das gar nicht. Das ist ihnen eher suspekt, als ob jemand, der von außerhalb kommt, ihr Theater gar nicht beurteilen kann." Da sind sie dann wieder sehr bei sich, dann ruhen sie in sich in diesem nervösen Zeitalter, die Oldenburger aus Oldenburg in Oldenburg.

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Autor:
Felix Zimmermann