Oldenburg Klassizismus der Stadt

Von 1785 bis 1860 wurde Oldenburg großflächig erweitert und umgestaltet. Von einem Bauboom in dem Städtchen zu sprechen, ist nicht übertrieben.Was entstand, gab ihm ein völlig anderes Gepräge als zuvor. Oldenburg hatte das dringend nötig. Die Stadt war mickrig, kaum über ihren mittelalterlichen Wallring hinausgewachsen und hatte sich bis dahin nicht von dem Stadtbrand erholt, der 1676 einen Großteil der Häuser zerstört hatte.

Oldenburg war seit 1773 nach gut hundert Jahren Zugehörigkeit zum dänischen Königshaus wieder ein selbstständiger Kleinstaat, angeführt vom Hause Holstein-Gottorp. Als Peter Friedrich Ludwig 1785 Landesherr wurde, war die Umgestaltung der Stadt zu einer repräsentativen Residenz geboten, eine nennenswerte Bautätigkeit hatte es in der Dänenzeit nicht gegeben. Dem Regenten kam zugute, dass die Stadtbefestigung zur Verteidigung nicht länger notwendig war und geschleift werden konnte. Es entstanden baumbestandene Promenaden; wo die Stadttore den Eintritt ins Zentrum kontrollierten, wurden großzügige Plätze angelegt. Die Straßen, die nun auf die Stadt zuführten, waren raffiniert erdachte Achsen, die kurz vor Erreichen der Stadttore plötzlich ihre Richtung änderten und den Herankommenden überraschende Blicke auf die Residenz boten.

 

Melancholisch mag die Tatsache stimmen, dass als Gründungsbau des oldenburgischen Klassizismus ausgerechnet das 1785 nach dem frühen Tod von Herzogin Friederike (der Gemahlin Peter Friedrich Ludwigs) errichtete Mausoleum gilt. Noch heute steht es - durch Wind und Wetter von einigen Malaisen heimgesucht - in gradliniger Schönheit auf dem Gertrudenkirchhof.

In den Folgejahren wurde die gesamte Stadt mit Regierungsgebäuden, Kasernen, Straßen und Plätzen zum Ort herzoglicher Repräsentationslust, Hofbeamte wurden mit feinen Wohnhäusern auf der Rückseite des Schlosses bedacht, wohlhabende Bürger bauten ihre Villen ebenfalls im Stil der Zeit. Die besonders ausgeprägte Schlichtheit des Klassizismus brachte es mit sich, dass nirgendwo in Oldenburg übermäßig geprotzt, sondern mit vornehmer Zurückhaltung eine Stadt erdacht wurde.

Dass das Oldenburg von heute an den Autobahnen mit Hinweistafeln auf den "Klassizismus in Oldenburg" lockt, ist Landesherren wie Peter Friedrich Ludwig (reg. 1785-1811, 1813-29) und seinem Sohn Paul Friedrich August (reg. 1829-53) und ihren Baumeistern zu verdanken. In Oldenburg planten der von Skandinaviens bedeutendem Klassizisten Christian Frederik Hansen geprägte Heinrich Strack d. Ä. und der Schinkel-Schüler Heinrich Carl Slevogt. Bis zu jener Zeit war das Residenzschloss immer eine Wasserburg, auch diese Abwehrmaßnahme war nun obsolet geworden. Christian Ludwig Bosse und dessen Neffe Julius Friedrich Wilhelm fügten dem Schloss einen Park an, der unter den Gärten der Stadt noch immer der mit Abstand vornehmste ist.

Wie stark die von Slevogt, Strack und anderen hinterlassenen Architekturen sind, beweist die Tatsache, dass sie bis heute - wenigstens in Teilen - das Bild der Stadt bestimmen, obwohl die Stadt mitunter recht liederlich mit ihrem Erbe umging. Denn nicht der Zweite Weltkrieg, der Oldenburg nahezu unzerstört ließ, war es, der das bis in die fünfziger Jahre beinahe intakte Gesamtkunstwerk zerstörte, sondern die ganz vom Glauben an Zweckmäßigkeit geprägte Stadtbaupolitik bis in die siebziger Jahre.

Die vor allem von Strack geschaffene Schlossfreiheit mit Kavaliershaus und Marstall war in ihrer Harmonie erhalten, ehe sie abgerissen und durch ein unproportioniertes Gemenge aus gesichtslosen Bankgebäuden und einem kastigen Hallenbad ersetzt wurde. Allein die Schlosswache erinnert an dieses einzigartige klassizistische Ensemble. Besser wird es in Zukunft an dieser sensiblen Stelle nicht werden, denn schon bald soll dort ein Einkaufszentrum emporwachsen. Investorenarchitektur wird beherrschen, was einst ein fein erdachter Gegenpol zum Schloss war.

Es bleiben Bürgerhäuser, Stracks Peter-Friedrich-Ludwigs-Hospital - heute das städtische Kulturzentrum PFL -, die Schlosswache, Slevogts Bibliotheksflügel des Schlosses sowie Militär- und Verwaltungsgebäude, die zum Teil wiederhergestellten Promenaden auf dem früheren Wallring, der Schlossgarten und das Innere der Ende des 19. Jahrhunderts neugotisch ummantelten Lambertikirche. Sie alle lassen Oldenburgs klassizistische Vergangenheit immer noch wirken.

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Autor:
Felix Zimmermann