Ammerland Deutschlands Baum- und Blumenschule

Bald wird es dunkel. Selbst an diesem warmen Sommerabend legt sich ein sanfter Dunst zwischen die Alleebäume, umfließt die Büsche, streichelt die Fesseln der Pferde und sagt Gute Nacht. Ein Sonnenuntergang im Ammerland.

Schön ist es hier, gewiss, aber was heißt das schon? Ein gewitzter Anthropologe hat einmal die landschaftlichen Vorlieben des Menschen erkundet, indem er weltweit die Preise für Baugrundstücke verglich. Er stellte fest, dass auf allen Erdteilen diejenigen Lagen am beliebtesten und daher am teuersten sind, von denen aus man eine weite Landschaft mit einzeln stehenden Baumgruppen überschaut. Wenn dann noch Wasser in der Nähe ist, wird unser Wunsch, uns niederzulassen, unkontrollierbar, und der Makler kann mit 30 in Rente gehen. Die Sache ist klar: Eine solche Landschaft verspricht Wasser zum Trinken, Tiere zum Jagen und Essen sowie Holz zum Feuermachen. Das Ammerland appelliert an unsere ältesten Instinkte.

 

Nur ist uns das selten bewusst, weil wir uns viel lieber von unerklärter Schönheit überwältigen lassen. Deshalb ist im Mai immer Stau auf der Alpenrosenstraße. Dann kommen die Busse und parken den nicht sehr gut befestigten Platz an der Landesstraße 820 zwischen Linswege und Petersfeld völlig zu.

Trauben meist älterer Herrschaften steigen aus und überqueren den Asphalt. Denn auf der anderen Seite, im Park der Familie Hobbie, blüht der Rhododendron. Auf 70 Hektar gedeihen Sorten aus den fernsten Ländern, einheimische Züchtungen und ehrwürdig gealterte Hybriden unter Kiefern und exotischen Nadelbäumen. Sie halten für wenige Wochen ihre erschütternd zarten Blüten in die Sonne, nehmen deren Leuchtkraft in sich auf und geben sie in einem wilden Farbenrausch von sich.

Die Menschen kommen, um zu sehen und um zu kaufen, denn ein Garten ohne Rhododendron ist eine Wüste, und das nicht nur im Ammerland . Der Gartenboom der letzten Jahre ist auch hier angekommen, aber er tobt in der ganzen Republik. Gartenzeitschriften erblühen zu Rekordauflagen, Gartencenter schießen ins Kraut, und in den Einkaufswagen selbst im Supermarkt sieht man neben der Pizza immer häufiger Tulpenzwiebeln oder Obstbaumzöglinge.

All das hat man zwischen Friesland und Vechta zwar mit Wohlwollen, aber doch eher am Rande bemerkt, im Ammerland erfreute der wachsende Absatz die Gärtner, aber ansonsten: Achselzucken. Denn dort gibt es in der Liebe zum Gärtnern keine Steigerung mehr, dort lebt man im Garten, in einer blühenden Landschaft. Die Grenze zwischen beidem ist ungenau. Wo endet die Landschaft, wo beginnt der Garten?

Es gibt Landschaftsgärten, die mehr Wildnis sind als Hege, und andere, in denen jedes Detail gestaltet ist. Und meist gibt es auch eine solche Grenze zwischen Gärten und Natur: den Zaun. Aber nicht immer. Im Ammerland, das sich den Namen "Parklandschaft" gegeben hat, sind solche Übergänge an jeder Stelle zu beobachten. Von der Natur mit einer ungewöhnlichen Bodenstruktur versehen, sieht sie auch ohne menschlichen Eingriff aus wie von Lenné gebaut. Der Geestrücken ist hier von einer eiszeitlichen Endmoräne überlagert, was in kurzem Abstand ganz unterschiedliche Böden entstehen ließ: hier trocken, dort nass, hier humos, dann wieder lehmig und mal alkalisch und dann wieder sauer.

So entstehen natürliche Wiesen neben kleinen Kiefernwäldern, die an Weidenhaine grenzen, die in lichte Buchenwälder übergehen: eine Landschaft aus Landschaften, abwechslungs- und artenreich. Bis zum Horizont. Urtümlich, alt und schön.

Mann im Moos: Auf der Erika liegt man gut im Wildeshausener "Park der Gärten" Hahn auf dem Kies. Im Bauerngarten ist die alte Frage noch gültig: Schönheit oder Nutzen Wer aber in der Stadt leben muss, und sei sie noch so lebenswert, hat als Horizont den Nachbarn und muss seinen Garten deshalb so gestalten, dass seine alten Instinkte ihr Recht bekommen. Denn das Bedürfnis nach Natur ist ganz konkret: Es richtet sich auf ihre sinnlichen Qualitäten.

Laute (Vögel, Wind) braucht der Mensch ebenso wie Anblicke (grüne Blätter, Sonnenuntergänge) und taktile Erfahrungen (baden, Hunde streicheln). Die Erfüllung dieser Bedürfnisse findet ihre Wege aus dem Urwald in die Wohnstube und durchläuft dabei die Zwischenstationen des Landschaftsgartens, des Bauerngartens, des Vorgartens und des Balkons bis hin zum Blumentopf.

Jede dieser Stufen ist zwischen Deich und Dümmer zu besichtigen. Die Urwälder entlang der Hunte, die Schlossgärten von Jever und Oldenburg, die Bauerngärten nicht nur im Cloppenburger Freilichtmuseum, sondern auch ganz ohne Eintritt in manchen alten Dörfern der Wesermarsch, und dann die Hausbesitzergärten, die oft genug dem 3-R-Schema genügen (Rasen, Rosen und natürlich Rhododendron), die aber ebenso oft liebe- und kunstvoll gestaltet sind; die Menge der Privatgärten, die sich gegen Anmeldung besuchen lassen, ist so hoch, dass ein Sommerurlaub für ihren Besuch nicht reicht. Nur Balkone und Blumentöpfe muss der Pflanzenfreund von ferne anschauen.

Gärtnern ist eine Frage der Praxis

Der Garten, und sei er noch so klein, ist mehr als ein Refugium gezähmter Pflanzen. Er ist das Reich, das der Mensch der wilden Natur abgerungen und eingezäunt hat; das umfriedete Stück Land, das nicht nur die Pflanzen schützt, sondern auch unsere Tiere und vor allem den Menschen selbst. Hortus und Garten sind uralte Worte, die in vielen Sprachen wiederkehren, stets mit der Bedeutung gesicherten, geschützten Areals. Der Wart, der auf etwas Acht gibt, gehört dazu wie die Garde, die den König schützt, oder wie Scotland Yard. So lebte einst der Mensch in einem Meer voll wilder Pflanzen auf Inseln, die er selbst geschaffen hatte, um die Wildnis auszusperren, und daher ist der Zaun die conditio sine qua non des Gartens. Dass moderne Gärten auf diese Sicherung verzichten, widerspricht dem nicht, es zeigt vielmehr, dass hinter dem Garten nur ein weiterer beginnt, dass unsere Welt, zumindest von der Nordsee bis zur Weser, ein einziger Garten ist.

Und so kann alles, was Garten und Gärtnern heißt, seinen Weg weitergehen über den Balkon hinaus in die zu gestaltenden Areale der Bankgebäude und der ursprünglich ganz pflanzenlosen Innenstädte. Oldenburg ist in seiner mittelalterlichen Struktur noch schön erhalten, und da sieht man: Für Gärten war hier früher nie Platz. Aber der Begriff hat sich längst von seiner Anhaftung ans Haus gelöst und die Frage, wie Nutzen und Zierde zu vereinen seien, stellt sich nicht mehr, seit es Lebensmittelfrischeregale gibt.

Deshalb kann der Garten jetzt als gewissermaßen autarke Einheit auch dort Einzug halten, wo er früher nie vorkam. Im Sommer 2007 waren es die "Traumgärten", die in Oldenburg an überraschenden Plätzen den Übergang der Pflanze zum Kunstwerk demonstrierten. Arrangements, die zum Teil an floristische Schaufenster-Bemühungen erinnerten, zum Teil aber auch feine Aktions- der Objektkunst waren.

Diese Traumgärten fanden nicht ganz den Anklang, den sie verdienten: Das Publikum, geprägt durch Landesgartenschauen, erwartete Blütenpracht und bekam ein Experiment. Interessant an dieser Open-Air-Ausstellung war vor allem der Versuch, die Grenze zwischen Handwerk und Kunst auf einem Feld abzustecken, das solchen Überlegungen bisher kaum zugänglich war.

Denn Gartenkunst, das sagt sich leicht daher. Obwohl Gartengestalter seit Jahrhunderten auf dem schmalen Grat zwischen Sinneslust und Ernteertrag wandern, hat es die Hortologie nie in den Kanon der Künste gebracht. Anders als die Architektur, die seit dem deutschen Idealismus mit Musik, Malerei und Dichtung eingereiht war in die Tätigkeiten, die "das Schöne" hervorbringen, haftet dem Gartenbau bis heute etwas Gummistiefeliges bis Tantenhaftes an.

Diese Vernachlässigung des Gartens in verstaubten Philosophenstuben hat Vor- und Nachteile: Als Gegenstand tiefer Gedanken ist der Garten gewissermaßen Brachland, weshalb kaum einer, der ihn bedenkt, zu erwähnen vergisst, dass er ein Spiegelbild des Lebens im allgemeinen oder gar der Seele sei, mindestens der Seele des Gärtners.

Der Gärtner weiß womöglich wenig über die Schönheit der Seele, aber viel über die des Gartens, die schon nach wenigen Wochen krautigem Wildwuchs und ekligem Schneckenfraß weicht. Und das ist der Vorteil: Gärtnern ist eine Sache der Praxis, und niemand lässt sich wegen Bedeutungsschwere davon abhalten wie etwa vom Malen oder Dichten.

Wie stark der Wille zur Kunst ist, ist auf der Straße von Oldenburg nach Bad Zwischenahn deutlich zu sehen: Dort reiht sich Baumschule an Baumschule, und das ist durchaus kein öder Anblick, weil die skurrilsten Pflanzen den Weg säumen. Nadelgehölze meist, die ihre zu Armen verdrehten Äste in die Luft recken wie zu einer Art botanischem Ausdruckstanz. "Big bonsais" nennen sich diese Geschöpfe, denen es gelingt, den Weg von der Kunst zum Kitsch im Stehen zurückzulegen.

 

Das sticht ins Auge und verbirgt, dass mitten in dieser Landschaft die wohl größte Baumschule Europas, wenn nicht der Welt liegt.Wie ein Park gestaltet ist die Firma Bruns und einem Sanatorium ähnlicher als einer Gärtnerei: ein Gebäude aus edlen Materialien, aus dem die Welt ihre Bäume erhält. Vor dem Reichstag stehen Bäume aus Bad Zwischenahn, vor der Kremlmauer und auf den Champs Élysées. Kanzler, Minister und Präsidenten waren schon hier und vergaben Namen wie "Berliner Liebe" für neue Rhododendronsorten, die man im Park Gristede bewundern kann. Aber auch Bruns zieht Big Bonsais.

Eine Gärtnerei hat vor Jahren damit angefangen, und da wollten sich die anderen nicht lumpen lassen. Das hat nichts mit der englischen Spezialität zu tun, Hecken und Solitäre zu lebensnahen Formen zurechtzuschneiden, eine Marotte, die zu mögen man wohl Brite sein muss.

Und was mögen die Ammerländer? Nicht die Big Bonsais, kaum einer kauft so etwas, auch wenn manche von ihnen wahrhafte Skulpturen sind. Zwischen Zwischenahn und Westerstede bevorzugt man eine andere Spezialität, und die kommt auch aus England, wenn auch nicht usprünglich: eben den Rhododendron.

Herzog Peter Friedrich Ludwig von Oldenburg hatte schon als junger Prinz England bereist und war von den Landschaftsgärten der Insel so begeistert, dass er einen Landsitz in Rastede erwarb, den Gärtnermeister Carl Ferdinand Bosse engagierte und ab 1780 einen Garten anlegte, der heute noch so englisch aussieht wie damals. Des Herzogs Mitbringsel: Rhododendren. Die Büsche aus der Familie der Heidekrautgewächse waren schon länger in Europa bekannt, der Naturforscher und Systematiker Carl von Linné hatte erst kurz zuvor den Namen Rhododendron für ihren hiesigen Verwandten, die Alpenrose, ausgewählt.

Dabei ist das Gehölz, das heute Mindestausstattung jedes Vorgartens ist, ein echter Exot, seine Heimat ist Nordamerika und vor allem der Himalaja, wo er in Höhen über 2000 Metern am besten gedeiht. Allein mehr als 500 Arten überziehen jedes Jahr das östliche, chinesische Hochgebirge mit ihrer Blütenpracht. Pflanzensammler wie Joseph Dalton Hooker brachten ihn um 1850 nach Europa, wo er begeistert Aufnahme fand. Ganz besonders wohl fühlt er sich bis heute auf den Britischen Inseln. Im gleichmäßigen Klima des Golfstroms gedeiht er wie Unkraut, in Irland bildet er dichte Wälder.

Der Boom der englischen Gärten fand in Deutschland nicht immer Gegenliebe, und seine Umsetzung in Deutschland gelang nicht auf Anhieb. "Muss nicht ein wahres Schamgefühl in uns aufsteigen", schrieb 1834 Fürst Pückler-Muskau in seinen "Andeutungen über Landschaftsgärtnerei", "wenn wir ? Edelhöfe finden, deren Hauptaussicht auf den Düngerhof geht, an deren Pforte sich den größten Teil des Tages über Schweine und Gänse belustigen." Und dann hebt der Fürst zu einer Suada wider die kümmerlichen Versuche deutscher Adliger an, Landschaft und Garten irgendwie zu modernisieren. Er kannte Rastede nicht. Und nicht den Rhododendron.

Keiner kennt den so gut wie Friedrich Wilhelm Dürre. Heute sieht man ihn auf dem Fahrrad durch den Rhododendronwald Hobbie fahren, in der Hosentasche den Samen eines großblättrigen Löwenzahns, der heute noch in die Erde soll. Für den ältesten und größten Rhododendronpark Deutschlands hat Dietrich G. Hobbie ganz gegen den Willen seiner Eltern 1928 den Grundstein gelegt. Der eigenwillige Herr Hobbie gab in den Fünfzigern seine Tochter dem ebenso eigenwilligen Herrn Dürre zur Frau. Seitdem kümmert er sich um den Rhododendron.

Herr Dürre kommt gerade aus dem östlichen Himalaja. Zum vierten Mal war der 77-Jährige dort, um in der Wildnis Rhododendronsamen zu suchen, unbekannte Varietäten, die er in seine Zucht einkreuzen kann. Seit Jahrzehnten ist er so unterwegs und beweist, dass Ammerländer Gärtnerei alles andere als provinziell ist. Metasequoia aus China, japanische Sicheltannen und einige Koniferen, die sonst nur in einem fernen Tal in Ostasien vorkommen, beschatten die Rhododendren und geben dem Boden die Säure, die jener braucht.

Und gern zitiert Herr Dürre, der Asienkenner, Laotse mit den leicht abgewandelten Worten: "Wer glücklich sein will, muss Gärtner werden." Dann fährt er weiter auf seinem Fahrrad und behält Recht.

Autor:
Roland Benn