Voralberg Zwischen Deutschland und Österreich

In Baad scheint das Ende der Welt erreicht. Die schmale Straße, die sich auf den letzten 15 Kilometern durchs Tal schlängelte, hört hier einfach auf.Vorne, rechts und links liegen Blumenwiesen wie gesprenkelte, grüne Teppiche auf den Berghängen. Still ist es hier. Kein Straßenlärm. Bloß zirpende Grillen. Weit oben kreischt ein Greifvogel. Eine Fliege surrt direkt am Ohr vorbei. Nur ein schmaler Schotterweg führt über die Wiesen immer weiter nach oben. Wanderer mit Rucksäcken stiefeln den Hang hinauf. In ein paar Stunden werden sie auf der Rückseite des Berges in einem kleinen Vorarlberger Dorf ankommen. Weniger Sportliche nehmen das Ende der Straße als Zeichen und bleiben einfach da, wo sie sind. Hier unten. Im Tal.

Wobei das Wort "Tal" in diesem Fall ein wenig in die Irre führt. Immerhin liegt das Kleinwalsertal auf gut tausend Metern Höhe. Von drei Seiten umfassen fast 30 Bergspitzen die vier kleinen Ortschaften der Region: Baad, Mittelberg, Hirschegg und Riezlern. Hätte man an der Straße, an der Walserschanz, kurz hinter Oberstdorf, nicht auf die Grenzschilder geachtet, man würde meinen, das Tal gehöre zu Deutschland. Denn zwischen dem letzten Ort der Enklave und dem restlichen Vorarlberg gibt es weder Straßen noch Bahngleise, nur noch grüne Wiesen, Flysch genannt.

Die einzige Straße, die ins Tal hinein- und auch wieder herausführt, geht nach Nordosten, raus aus Österreich. Wenn ein Kleinwalsertaler einen Termin beim Finanzamt in Bregenz hat, sein Auto ordnungsgemäß anmelden will oder ein österreichisches Gymnasium besuchen möchte, muss er durch Deutschland fahren, um die Berge herum. Vorbei an der wildromantischen Breitachklamm und an der Walserschanz, runter nach Oberstdorf, Fischen, hinauf zum Riedbergpass und über Balderschwang, bis er nach einer knappen Stunde, etwa 45 Kilometern, endlich wieder in Österreich ist.

Bis Bregenz dauert es dann noch mal eine halbe Stunde. Ungewöhnlich? Das schon. Betrachtet man jedoch die Historie des "Kleinen Walsertals", beginnt man zu verstehen. Nicht nur die Zugehörigkeit zu Österreich, auch die Präsenz der vielen Banken und des Casinos, den Ruf als Geldwäscheparadies und den ungewöhnlichen Dialekt. Das Kleinwalsertal - das ist die Heimat der Kauzigkeiten. Ende des 12. Jahrhunderts waren die ersten Bauernfamilien aus dem Oberen Wallis auf der Suche nach neuen Weidegebieten aufgebrochen. Von 1250 bis 1300 erreichten einige von ihnen das Gebiet des heutigen Kleinwalsertals. Mit dabei waren höchstwahrscheinlich auch die Urahnen des 35-jährigen Stefan Heim, der halbtags als offizieller Chronist des Tales beschäftigt ist und die restlichen Hälfte seines Tages in der Gemeindekasse arbeitet. Bis 1516 kann der Walser seinen Stammbaum urkundlich zurückverfolgen. Dabei sieht er gar nicht aus wie ein kerniger Bergbauernsohn. Groß und schmal ist er, dunkelblonde Locken kringeln sich dünn auf seinem Kopf, auf der Nase hockt eine Brille.

Chronist, Bücherwurm, ein Beruf, der Heim auf den Leib geschnitten ist.Man sieht es ihm nicht an, dass er in jeder freien Minute auf einen Berg rennt - ein alpiner Dauerläufer, der mit ebenso viel Ausdauer von den alten Walsern erzählen kann: "Der Freiherr von Rettenberg, dem das Tal gehörte, erlaubte unseren Vorfahren, sich hier anzusiedeln und ließ ihnen ihre Rechte und Freiheiten. Die Walser wurden keine Leibeigenen. Das machte sie zu etwas Besonderem. Lediglich einen Laib Käse pro Jahr und Familie mussten sie an den Freiherren abgeben", erzählt Heim, der in einem der typischen alten Walserhäuser wohnt, die schon immer auf die gleiche Weise gebaut wurden: aus dunklem Holz mit dicken Steinen auf dem Dach, die die Schindeln festdrücken. Die Häuser sind geblieben, aber Bauern wie ihre Vorfahren, sind heute nur noch wenige der Bewohner.

Dubiose Geschichten, Spleens und schräge Typen

Einst zogen die Walser im Frühsommer mit ihrem gesamten Vieh, der Familie und dem Hausstand aufs sogenannte Maisäß, wo das Gras besonders frisch war.Im Laufe des Sommers wanderte die Familie immer höher, auf die Alpen, und im Herbst auf einem anderen Weg wieder herunter, immer auf der Suche nach frischen, guten Weiden für das Vieh, dem saftigen Gras und den duftenden Blumen, die der Milch zu jeder Jahreszeit einen anderen Geschmack geben. Heute rentiert sich das beschwerliche Nomadenleben kaum noch. Auch früher hatten es die Menschen im Tal lange schwer: Mit der Gründung des Deutschen Zollvereins 1834 sollten die Kleinwalsertaler am Ausgang ihres Tales auf alle Waren, die sie nach Deutschland ein- oder ausführten, Abgaben zahlen. Eine finanzielle Katastrophe für die Einheimischen, die auf den Handel angewiesen waren. 1891 nach langen, zähen Verhandlungen, als schon viele Walser weggezogen waren, wurde endlich der rettende Zollanschlussvertrag unterzeichnet. Die Zollgrenze wurde hinter das Tal, in die Berge verlegt, an der Walserschanze musste nun kein Händler mehr seinen Obolus entrichten.

Der Vertrag ist noch immer gültig. Doch mit dem EU-Beitritt Österreichs und der Einführung des Euro sind seine Auswirkungen lange nicht mehr so präsent wie zu Schilling-Zeiten. Im Kleinwalsertal bezahlte man damals seine Einkäufe mit D-Mark, die Gemeinde hatte zwei Postleitzahlen, eine österreichische und eine deutsche, und die Einwohner sowohl deutsche als auch österreichische Telefonnummern. Die doppelte Postleitzahl gibt es immer noch, die deutschen Telefonnummern allerdings wurden abgeschafft - sehr zum Ärger der Bevölkerung, die nach wie vor die meisten Geschäfte mit deutschen Firmen machen.

Steffi Schuster, Bronzemedaillengewinnerin bei der WM-Abfahrt 1999 in Vail, kann sich gut an die Vor-EU-Zeiten erinnern. "Auf unserem Postamt kostete die 7-Schilling-Briefmarke eine Mark. Und da wir Zollanschlussgebiet sind, müssen wir auch heute noch die Einkommensteuer nach Österreich, die Mehrwertsteuer aber nach Deutschland zahlen", sagt die schmale, rotblonde Ex-Rennläuferin, die in den Wintermonaten das Restaurant Taverne in Riezlern, dem größten Ort im Tal, betreibt.

Dubiose Geschichten aus Zeiten vor dem EU-Beitritt kann Roland Jauch, Prokurist bei der Raiffeisenbank Kleinwalsertal AG, erzählen. Schließlich galt das Kleinwalsertal aufgrund seiner besonderen Stellung durch den Zollanschluss bei Insidern lange als idealer Ort für private Geldanlage - man könnte auch sagen für Steuerflucht und Geldwäsche. "Vor 1995 kam es schon mal vor, dass Leute im Winter in Oberstorf die Fellhornbahn bestiegen und mit den Skiern ins Kleinwalsertal abfuhren. In Skianzügen und Skistiefeln tauchten sie dann bei uns in der Bank auf, im Rucksack jede Menge Bargeld, und wollten ein Konto eröffnen."

Der smarte Banker mit den zurückgekämmten Haaren und den perfekt gefeilten Fingernägeln passt so gar nicht in die heile Bergwelt des Kleinwalsertals. Man würde ihn eher in einem Frankfurter Bankenturm vermuten. Doch da will Jauch nicht hin. Ohne die Berge und die gute Luft kann nämlich auch er nicht, obwohl er, der gebürtige Schwarzwälder, hier nur eingeheiratet hat.

Seit Mitte der neunziger Jahre, seit man auch in Österreich keine völlig anonymen Konten mehr eröffnen kann, ist die Praxis, das Geld über die Grüne Grenze zu tragen, zurückgegangen. "Wir haben heute mehr als 90 Prozent unbare Transaktionen", sagt Jauch. Wer ein Konto in Österreich eröffnen möchte, muss sich legitimieren und die Herkunft der Gelder erklären. Geldwäsche sei somit ausgeschlossen. Die Kunden lockt heute allein das besonders gute österreichische Bankgeheimnis. "Viele Deutsche haben keine Lust, ein gläserner Bankkunde zu sein, und sie wollen nicht auch noch auf ihre Zinsen hohe Steuern zahlen." Statt also die Daten ihrer Kunden an die deutsche Finanzbehörde zu melden, führen die österreichischen Banken anonym eine Quellensteuer von 15 Prozent an den Wohnsitz des Anlegers ab. Ändern wird sich an dieser Praxis auf lange Sicht nichts, denn das Bankgeheimnis ist in der österreichischen Verfassung festgeschrieben.

Eine Tatsache, die nicht nur der Raiffeisenbank zugute kommt. Eine Bank neben der anderen - sechs sind es, plus die Post - hat ihre Filiale an der Walserstraße, der Hauptverkehrsstraße in Riezlern. Manch Walser hält das für eine Verschandelung, andere sehen die Vorteile. Schließlich engagieren die Banken sich sozial im Tal, spendieren auch schon mal eine Schneekanone. Drei Milliarden Euro von etwa 9000 Kunden verwaltet allein die Raiffeisenbank AG in Rietzlern, dabei wohnen nur knapp 5000 Menschen in den vier Dörfern.

Der Schiißglai und die Dupf - Mundart, nicht nur im Theater

Geld ins Tal bringt auch die Spielbank, die vor 34 Jahren auf Betreiben des damaligen Bürgermeisters ihre Pforten öffnete. Die Gäste kommen zum größten Teil aus Deutschland, aus dem Allgäu. Doch die wenigsten Besucher am Roulettetisch bleiben länger als einen Abend. Ganz anders als die Touristen, von denen viele hier schon seit den fünfziger Jahren ihren Urlaub verbringen und immer wiederkommen.

Etwa 270.000 Gäste zählt man im Kleinwalsertal jährlich. Fast jeder der Einheimischen lebt mehr oder weniger vom Tourismus. Der Kontakt mit den Fremden ist ein Grund, dass sich die typische Walsersprache mehr und mehr verliert - der alemannische Dialekt stammt aus den Schweizer Bergen und unterscheidet sich eindeutig von den Mundarten der angrenzenden Gebiete. So sagt der Walser etwa "Booch" statt "Bank", "böösch" statt "böse" oder "Iisch" statt "Eis". Damit die Sprache nicht ganz untergeht, haben drei Einheimische eine Art Walser-Duden verfasst. "Trotzdem geraten viele Ausdrücke in Vergessenheit, da sie stark mit dem bäuerlichen Leben zusammen hängen. Und das ist ja fast verschwunden", sagt Karl Keßler, Hauptschullehrer, einer der Wörterbuch-Autoren und selbst Mitglied einer uralten Walser-Familie. "Der Übrigens" heißt er im Tal auch, weil er früher in jeden seiner Sätze mindestens ein "übrigens" einbaute. Andere nennen ihn den "Holzförsters Maxa Karle", weil sein Vater Max heißt und sein Großvater Holzfäller war. Notwendige Namensgebungen, wenn viele Menschen denselben Namen tragen und man wissen will, von wem genau die Rede ist. Manchmal hat die spezielle Namensvergabe auch lustige Auswüchse, wie etwa beim "Schiißaglii", dem es offensichtlich - pardon - scheißegal war, wie man ihn nannte.Oder bei der "Dupf" (Fleck), einer Walserin, die ein Muttermal im Gesicht trug. Der Spitzname machte ihr so zu schaffen, dass sie das Mal operativ entfernen ließ. Mit dem Erfolg, dass sie dann "Nümmr-Dupf" hieß.

Auch wenn die Sprache sich verändert, der Dialekt ist nach wie vor präsent. Steffi Schuster etwa, die Walser Skilegende, redet mit ihrem kleinen Sohn kein Hochdeutsch. Auch in der Grundschule sollen die Kinder Walserisch sprechen. Ein tälerübergreifendes Projekt kümmert sich wissenschaftlich um die Erhaltung der Mundart. Ganz verschwinden wird das Kleinwalserische also nicht. Roland Jauch, der smarte Banker, spricht zwar nicht den Dialekt der Walser, liebt aber ihre Berge.Er schnürt gern die Bergstiefel und geht - immer öfter auch mit seinen Kunden - auf Tour. In Baad, wo die Straße aufhört, wandert er durch die Wiesen, hört den Grillen zu, zeigt seinen Kunden die Gipfel, deren Namen klingen wie aus Heimatfilmen: Widderstein, Bärenkopf, Gottesacker, Walmendinger Horn, Hoher Ifen. Er hängt an diesem Tal, das keine verschattete Flucht ist, sondern eine breite und sonnige Ebene.Und ist froh, dass er hier lebt, wo die Straße am Berg einfach aufhört.

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Autor:
Susanne Strätz