Steiermark Winterurlaub in Schladming

Es sind nur 20 Schritte bis zum Abgrund. Dünne Schneeflocken fliegen, ein frischer Wind faucht durch die Bergwelt. Auf einem Schild steht: Klettern verboten! Zwei, drei Meter noch, die der zu Höhenangst neigende Mensch mit Entschlossenheit hinter sich bringen sollte. Denn dann steht er auf einer Glasfläche, exponiert, fast schwebend, 2700 Meter hoch - mitten in der Luft über den Felsen des Hunerkogels. Unter seinen Füßen bricht eine 250 Meter tiefe Steilwand ab: Lotrecht kippt der Blick in die Tiefe.

Magenkribbeln. Vertigo als Urlaubsvergnügen. Der "Sky Walk" oben an der Südwand des Dachsteingletschers ist ein Balkon, der in die Leere hinausführt. Von hier oben öffnet sich ein gewaltiger Ausblick: bis nach Slowenien im Süden und bei guten Sichtverhältnissen bis nach Böhmen im Norden. Am Horizont thronen die Venedigergruppe, die Kreuzeckgruppe, der Großglockner. Mächtige weiße Gipfel. Davor, hübsch an die Berge geschmiegt, liegen Dörfer, Kirchen und Seilbahnen. Die Region Schladming-Dachstein tut sich auf, eines der größten Skizentren Österreichs. Das weiße Herz der Steiermark.

Der Nervenkitzel am Sky-Walk ist bei weitem nicht die einzige Attraktion, mit der die Region sich brüsten kann. Schladming-Dachstein offeriert Chatrooms auf 1900 Meter und beste Küche auf 2700 Meter Höhe, Joseph Haydn in Eis und von Mozart beschallte Klangpisten. Außerdem Ballons, die durch die eisigen Alpennächte schweben, Badeparadiese, Nebelgrotten und Kräuterbäder. Und natürlich die richtige Stimmung.

Wackelnde Schneeschaufeln und Scheinwerfer wie Laserschwerter

Die bekommt man nicht ohne Musik, und für die ist heuer David Guetta zuständig. Es ist Anfang Dezember, es schneit. Guetta trifft planmäßig ein und stellt sich vor einem DJ-Pult aus Eis auf. Er ist einer der bekanntesten DJs der Welt, man hat ihn eigens aus L.A. eingeflogen, wo er gerade für fünf Grammys nominiert wurde. Und nun ist er hier, in Schladming, oben auf der Planai, 1894 Meter über Normal Null. Hinter dem blonden Franzosen tanzen drei Pistenbullys ihr Ballett, während der Abend anbricht, wackelnde Schneeschaufeln, Scheinwerfer wie Laserschwerter.

Während der Pressekonferenz am Berg wird Guetta gefragt, was er lieber mag, Sex on the Beach oder Sex in the Snow, woraufhin Guetta antwortet: "Sex everywhere!" Es sind die rechten Worte, Leitsentenz für die große Party heute Abend. Der Bürgermeister steht an Guettas Seite, er sagt, "frech, jung, dynamisch, das wollen wir sein", dann verlässt Guetta die Stätte, es sind noch sechs Stunden bis zum Konzert. Jedes Jahr inszeniert Schladming einen solchen internationalen Top-Act, die letzten Male waren es Pink und Kid Rock, die Gäste mögen das, dem Ort verleiht es Glanz und Glamour.

Stunden später strömen 15 000 Menschen unten ins Stadion, wo sonst Weltcup- Profis weiße Bremsfontänen aus dem Schnee katapultieren. Nun stehen hier Würstlbuden, Bierstände und riesige Bildschirme. Um halb zehn betritt Guetta die Bühne, hebt die Arme gen Berge und legt los. 15 000 junge Menschen schreien, jubeln, tanzen und machen die Nacht zum Tag, oben schneit es, alles stimmt. Schladming feiert an diesem langen Wochenende sein Ski-Opening, den offiziellen Beginn der Wintersaison. Ein wichtiges Ereignis, jetzt wird es ernst. Der Winter muss die Einnahmen bringen. Es sind nur vier Monate, in denen bis zur Schmerzgrenze gearbeitet wird.

Ab sofort ist Höchstsaison in den Alpen, und die Region Schladming-Dachstein ist bestens darauf vorbereitet. Nichts bleibt hier ungetan, um den Kunden glücklich zu machen. Die Voraussetzungen könnten nicht besser sein: Die Berge sind hier so beschaffen, dass neun Skiwelten in einem Gebiet zu erreichen sind, von der Planai über Hochwurzen bis hin zum Stoderzinken. 223 Kilometer Pisten durchkämmen die Berge, schwarze, blaue, rote Abfahrten, die sich zwischen Wäldern und Wipfeln talwärts winden. Und über allem thront der Dachsteingletscher, eine Laune der Erdwerdung, die für ganzjähriges Skifahren sorgt und es erlaubt, den Gletscher auf einer 25 Kilometer langen Route zu überqueren. Eiszeit bis nach Obertraun.

2013 - die Besten der Besten werden vor Ort sein

Unten in der Planai-Talstation sind die Büros seit sieben Uhr morgens besetzt. Hier arbeitet Johann Stiegler, der Betriebsleiter der Seilbahnanlagen. In seinem Büro hängen Satellitenkarten, Bauzeichnungen, es liegen dort auch Helme, Funkgeräte und Bergausrüstung. "Wintersport ist heute ein komplexes Ereignis. Der technische Aufwand ist enorm", sagt Johann Stiegler. Die Wintersportler können 109 Liftanlagen nutzen, darunter neun Seilbahnen, für den Nachtskilauf werden drei Kilometer Piste mit Flutlicht beleuchtet, und 18 Skischulen bieten alle erdenklichen Kurse.

291 Kilometer weit können Skilangläufer über die Loipen gleiten, Funparks wie die Atomic Superparks werden jährlich verbessert. Doch das alles ist nicht genug. Skitouren, Eisschießen, Paragliding, Snowrafting und Snowtubing, Nachtrodeln, Winterwalking, Schlittenfahren: In all diesen Disziplinen kann sich der Gast üben, und wer wünscht, kann obendrein Kurse im Iglubauen buchen, Wild füttern oder nachts mit Fackeln durch die Bergwelt wandern. Und da war doch noch etwas, fast hätte man es vergessen, natürlich, Ruhe, Weite und Natur bietet Schladming ebenfalls, falls jemandem danach sein sollte.

Stolz ist man auf die besonderen Spektakel, Weltcuprennen und Nachtslaloms. Schladming hat sich die Alpinen Skiweltmeisterschaften im Jahr 2013 gesichert. Die Besten der Besten werden vor Ort sein. Das Planai-Stadion soll bis dahin umgebaut sein, zu einer Station, die wie ein Raketenbahnhof im Tal steht. Einen Strand im Schnee gibt es schon. "Planai Beach" offeriert Strandkörbe, Chill-out-Areas und exotische Cocktails, hoch oben am Berg. Nur einen Ort weiter, in Ramsau, warten 60 Pferdeschlittengespanne darauf, die Wintersportgäste durch das weiße Idyll zu ziehen. Alles ist gleichzeitig möglich in dieser weißen Wunderwelt, so dass man fast vergessen könnte, worauf es wirklich ankommt.

Bernhard Schupfer weiß es. Blond und rank kommt er die Berge hinuntergeflogen, ohne Skistöcke, leicht, mühelos, rasend schnell. Der Mann ist in den Bergen groß geworden, sich ohne Ski fortzubewegen muss für ihn eine Strafe sein. Täglich fährt er mehrmals die Pisten ab, kontrolliert Schneekonsistenz, Körnigkeit, prüft Glätte, Temperatur und Zustand der Hänge. Schupfer ist Pistenchef an der Planai. Er muss dafür sorgen, dass alle Hänge immer und überall so beschaffen sind, dass die Skigemeinde freudvoll auf ihnen hinabgleiten kann. "Die Pisten müssen stimmen ", sagt er. "Sicher, breit, glatt und zu jeder Zeit bestens präpariert sollen sie sein, für unsere Gäste ist das der wichtigste Aspekt."

Im Winter arbeiten er und sein Team bis zu 18 Stunden am Tag. Sie sind die Alchemisten des Schnees, die Wintermacher oben an der Front. Auch Wolfgang Perhab gehört dazu, tagein, nachtaus scheucht er sein Pistengerät vom Typ Prinoth "Leitwolf" die Berge rauf und runter. Die Schneekatzen haben 430 PS, wiegen zehn Tonnen und klettern selbst die steilste Schwarze Piste spielerisch hinauf. "Fahren kann sie zwar jedes Kind", sagt Perhab. "Schwierig aber ist es, die Schaufeln und Fräsen so zu führen, dass die Pisten perfekt und wirklich eben werden."

"Schifoan is geil, zam, zam, zam, aufi und let's party!"

Perhab sitzt in dem Pistenbully wie in einem Raumschiffcockpit. Vor ihm Kameras, Displays, Funk. Sein zentrales Arbeitsgerät aber ist ein kleiner Joystick. Mit diesem lässt er die Schilder und Schaufeln am Pistenbully so tanzen, dass die tagsüber entstandenen Buckel auf den Pisten wieder zu einer platten perfekten Fläche werden. Man muss für diesen Job das richtige Händchen haben, Perhab grinst etwas schräg: "Entweder man kann es, oder man lernt's nie." Dann kriecht sein Bully weiter die Berge hoch, ein grelles Ufo in der eisigen Nacht. Bei Neuschnee bis um fünf in der Früh zu arbeiten ist für Perhab der Normalfall. Um acht Uhr, täglich, kommen die ersten Skifahrer.

Doch auch die Pisten sind nichts wert, fehlt ihnen das kapriziöse Gut, ohne das der gesamte Skizirkus nicht funktionieren würde. Schon lange hilft der Mensch dem Schnee auf die Sprünge, die entsprechenden Techniken hat er längst perfektioniert. In der Schladming-Dachstein- Region sind 99 Prozent der Pisten beschneibar, eine Fläche von 400 Fußballplätzen. In der Saison 2008/09 wurden 1,7 Millionen Kubikmeter Schnee durch Menschenhand erzeugt. Dieser "Kompaktschnee" entsteht, indem aus riesigen Reservoirs Wasser unter Hochdruck zu den Schneekanonen gepumpt, dort mithilfe von Düsen und Nukleatoren in die Luft gejagt und mit Druckluft zu Schnee wird.

Längst ist der Kompaktschnee bei den meisten äußerst beliebt. Ohne ihn würde der Skizirkus nicht laufen, denn selbst die schneereichsten Winter könnten heute nicht genug Naturschnee liefern, um den Betrieb auf den Pisten aufrecht zu erhalten. Zu viele Fahrer sind es, die den Schnee abtragen und mit den scharfen Kanten der Ski davonschaben. Zudem ist der technische Schnee berechenbarer, kontrollierbarer. Rennläufer fahren heute nur noch auf ihm.

Am Dachstein erheben sich die Felswände wie zerklüftete Kathedralen

Der nächste Tag. Am Morgen hingen die Wolken noch in grauen Schwaden im Tal, mittags aber öffnet sich jäh der Himmel, blau, stählern, die Gipfel erstrahlen im weißen Winterkleid. Friedlich liegen die Dörfer in der Sonne, Pichl, Haus im Ennstal, Rohrmoos. Am Dachstein erheben sich die Felswände wie zerklüftete Kathedralen. "Freiheit bis 3000 Meter" steht auf der Seilbahntalstation, von wo die Gäste bis nach ganz oben gleiten können.

Dort hat Gundi Pachernegg um halb acht den Dienst begonnen. Sie führt das Gletscherrestaurant, das höchstgelegene der Gegend. Hier oben wird fast das ganze Jahr über Ski gelaufen. Es gibt ein Sonnenaufgangsfrühstück und abends, während die Alpen rot zu glühen beginnen, ein Sonnenuntergangsdinner. Oft kämen Gäste aus fernen Ländern, erzählt Frau Pachernegg, aus Dubai, Jemen, Indien. "Die stehen dann ganz lange in ihren Gewändern draußen vor der Tür und staunen still in die verschneiten Weiten, Schnee, den kennen die ja nicht."

Um die Ecke liegt der Eispalast. Durch spiegelglatte Eistunnel spaziert man hier mitten ins Innere des Gletschers. Steckt seinen Kopf durch ein Loch, blickt bei sphärischer Musik direkt in eine 17 Meter tiefe Gletscherspalte, gespickt mit Eiskristallen. Skulpturen aus Eis stehen in den Nischen, Joseph Haydn am Flügel sitzend, durchsichtig und in Originalgröße ins erstarrte Nass gemeißelt. Es wird kälter. Minus acht Grad sollen es werden in den nächsten Tagen, die Schneefallgrenze weiter sinkend. Perfekte Bedingungen.

Unten in der "Hohenhaus Tenne" wird an diesem Abend der Bär los sein. Dies ist der größte Après-Ski-Tempel Europas, 1500 Gäste auf fünf Etagen, 18 Kilometer Getränkeleitungen speisen acht Bars. Schnäpse, Bier und Jagatee per Knopfdruck, Spritzpistole im Sekundentakt. Es ist der Winterurlaub der Superlative. Der Kunde mag es so, moderne Zeiten in Schladming, einem alten gewachsenen Dorf. Seit fünf Uhr am Nachmittag steht ein DJ an seinem Pult in der Tenne, um sechs ruft er ins Mikrofon: "Schifoan is geil, zam, zam, zam, aufi und let's party!" Musik spielt, die Gäste tanzen. Derweil der Schnee draußen leise rieselt, das weiße Gold aus Himmel und Kanonen.

Sie sind auf den Schnee-Geschmack gekommen? Wie wäre es mit einer Wanderung mit Skistöcken im Schweizer Zermatt? Oder einer Runde um den Sellastoc, der wohl berühmtesten Ski-Rundstrecke der Welt? 

Autor

Marc Bielefeld