Steiermark Wellness im "Steirischen Thermenland"

Die Steiermark hat sich dem Magen und dem Leib verschrieben - man isst hier hervorragend und badet sich, seit Römerzeiten, gesund. Doch die antike Ledersandale wurde längst von Flipflops, Badelatschen und Frotteeschuhen verdrängt, das "Steirische Thermenland" ist zum Tummelplatz der Gesundbader geworden: Was den Gourmetköchen das Kürbiskernöl, sind ihnen die sprudelnden, heißen Quellen.

Das aus den Erdtiefen sprudelnde Wasser, oftmals ein Natrium-Hydrogenkarbonat-Gemisch, scheint die eierlegende Gesundheitswollmilchsau zu sein: Es entlastet beim Schwimmen die Muskulatur, schont die Gelenke, strafft Haut und Bindegewebe, fördert die Abwehrkräfte, entspannt und wirkt heilend und vorbeugend. Also auf in die Steiermark.

Acht Regionen rangeln hier um die Gunst von Erholungsbedürftigen, Rekonvaleszenten und Wasserratten. Dank der heißen Quellen haben es die einstmals recht armen Gemeinden zu einem gewissen Wohlstand gebracht. Hier wirbt man mit dem Slogan "Therme der Bewegung", da lockt das "Resort mit Fun-Faktor", und dort lädt die "Quelle der Ruhe" zum Verweilen ein - die Thermen visieren unterschiedliche Zielgruppen an. Zwar hat man sich unter dem Begriff "Steirisches Thermenland " zusammengeschlossen, doch eine gewisse Abgrenzung muss sein.

Die ausgefallenste Anlage ist die von Friedensreich Hundertwasser entworfene Therme des "Rogner Bad Blumau Hotel", die sich mit ihren Rundungen in die Landschaft zu schmiegen, ein Teil der Natur zu werden versucht. Die verspielten, Ecken abholden Beckenformen, die übers Gelände verstreuten Häuschen und Gebäude mit ihren bunten Fassaden, die aussehen, als hätte ein Riese sich beim Mosaiklegen versucht, üben vor allem auf Kinder und Jugendliche einen Reiz aus. Tatsächlich sind im Sommer hier viele junge Menschen anzutreffen, deren Eltern die Edeltherme als Trumpfkarte zum wahrscheinlich letzten gemeinsamen Urlaub dient. Zudem verfügt man hier über eine vulkanische Heilquelle, die ihren Ursprung in 2843 Meter Tiefe hat.

Bad Gleichenberg hingegen kann mit der längsten Tradition aufwarten, bereits seit 1834 ist man Kurort; anfänglich lag der Schwerpunkt aber doch mehr auf Trink- als auf Bäderkuren. Im Gegensatz zu früheren Zeiten, als ein paar Gläser Johannisbrunnen genügten, um dem Kurgast Gesundheit und Wohlbefinden zu bescheren, ist das Heilwasser in seiner traditionellen Schlichtheit heute nirgends mehr ausreichend. Es benötigt schöne Verpackungen und artgerechte Ergänzungen: Thermenlagune, Salzgrotte, Salinarium, Schaffelbad, Saunadorf, Feminarium, Naturbadeteich mit integriertem Thermalpool, Whirlliegen, Riesenrutsche, Wasserfall und Wildbach - die Quellen ufern in Badelandschaften aus, der Marketingkreativität sind keine Grenzen gesetzt.

Zwar zeigen die Prospekte der Thermenhotels schöne, schlanke junge Menschen, die vor dieser abwechslungsreichen Kulisse in eleganter Badekleidung entspannt im Wasser treiben, doch die Realität sieht wie immer anders aus: Mit ernster Miene und weihevoller Haltung geben sich die der Gesundheit entgegenbadenden Besucher der Kategorie silver ager ihren Riten hin, und der Spaßfaktor ist zumindest nicht sichtbar. Etwa beim Zirkeltraining im Außenbecken: zehn Stationen zur zielstrebigen Massage verschiedener Körperteile, von den Füßen über die Knie empor zum Schultergürtel, beim Gongschlag wird brav zur nächsten Düse gewechselt.

Die Uniform des weißen Bademantels

Der Bandscheibengeschädigte fragt sich leise, ob bei seiner fahrlässig anleitungslos absolvierten Anwendung die Düsen nicht mehr Unheil als Nutzen bewirken, und meint bereits, ein leichtes Ziehen im gefährdeten unteren Lendenwirbelbereich zu spüren. In der Heiltherme in Bad Waltersdorf sind 20 Minuten die empfohlene Verweildauer im bis zu 36 Grad warmen Wasser, das aus Bohrungen in 1200 Meter Tiefe emporquillt. Bei Überschreitung droht der Kreislauf in die Knie zu gehen.

Der gehorsame Badegast lässt sich also nach einer guten Viertelstunde auf einem der zahlreichen, ordentlich in Reihen aufgestellten Liegestühle nieder, im Sommer in der domestizierten Natur mit Blick auf den nahegelegenen Golfplatz, bei kühleren Temperaturen im Innenbereich. Unter holzgetäfelten Decken tragen drei Meter hohe geschickt platzierte Fici benjamini in der feuchtigkeitssatten Luft zur Gewächshausatmosphäre bei. In keinem botanischen Garten geht es gemütlicher zu.

Eine angenehme Abwechslung zur Behäbigkeit in und um die sprudelnden Therapiebecken bietet der Naturbadeteich, in den ein Thermalpool integriert ist. Hier entledigt sich die Therme ihrer Kuratmosphäre und dem Überangebot und lässt - Rückkehr zum Ursprung - das reine Wasser seine Wirkung tun.

In allen Thermen anzutreffen ist die Uniform des weißen Bademantels, der nicht nur alle gleich macht, sondern die übergewichtige Individualität überdeckt; nur hin und wieder durchbricht ein blau gestreifter Nonkonformist das Frotteereglement, ein Wellness-Beflissener, der lieber der eigenen Kleiderkammer vertraut oder schlichtweg Verwechslungen ausschließen möchte. Nicht jeder Gast hat sich den Button mit der Zimmernummer ans flauschige Revers gesteckt.

Unwillkürlich vergleicht man sich, ob liegend, stehend oder schwimmend, mit den Thermengenossen. Natürlich nur mit jenen, die noch mehr überzählige Pfunde am Leibe tragen, noch mehr in die Jahre gekommen, noch weniger fit sind. Und da dieser Vergleich positiv ausfällt, entsteigt man gestärkt den Wasserbecken - die psychischen Energien sind ebenso wichtig wie die thermischen.

Weil dies beizeiten erkannt wurde, muss jede fernöstlich-mystische Lehre ihr Scherflein beitragen: Das Watsu-Becken lädt zum Relaxen, der Yin-und-Yang-Energiepfad zum Krafttanken ein, tibetische Klangschalen untermalen den Entspannungsprozess, und wo heutzutage Wellness draufsteht, ist selbstverständlich Ayurveda drin. Doch der östliche Heilsbauchladen allein scheint nicht mehr auszureichen, Lomi Lomi Nui wird aus Hawaii herbeigerufen, ein paar Steine rasch zum indianischen Medizinrad angeordnet, und das europäische vierblättrige Kleeblatt gesellt sich auch dazu - Mystiken aller Kontinente, vereinigt euch. Und da der Trend zur Regionalität geht, werden in Bad Waltersdorf auch steirische Spezialitäten auf den gesundheits- und entspannungssuchenden Körpern appliziert - Äpfel, Heublumen, Hochmoorerde und natürlich das Kernöl.

Wer sich nach diesen Anwendungen gestärkt fühlt, kann auch seiner Seele Kuchen backen und sich inmitten der positiven Schwingungen trauen lassen, jedenfalls vedisch - Meister Anand macht's möglich. Ein großer Widerspruch nagt an diesen Thermen, die den Spagat zwischen Spa und Kur, zwischen Apotheke und Parfümerie, zwischen medizinischer Therapie und Schönheitsbehandlung vollbringen müssen. Es ist und bleibt eine schwierige, fast unlösbare Aufgabe, so als wollte eine Kfz-Werkstatt für alte Karosserien gleichzeitig Showroom für rasante Modelle sein.

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Autor:
Ilija Trojanow